Beauty.Money.Seoul 1

1. Löwe im Käfig

Immer diese Kopfschmerzen. Spätestens am frühen Mittag traten sie ein. Wie ein dumpfes Pochen gegen die Stirn. Die Augen schienen nach vorn zu drücken und im Kopf entstand eine dumpfe Leere, die sich beinahe anfühlte, als befinde man sich in einem Traum und die Geräusche des Alltags treten lediglich gedämpft an einen heran.

Sie wusste, was diese ständigen Kopfschmerzen auslöste. Es war ihre Brille. Diese dicke, schwere Brille.

 

Die nun herrschende Stille entsprang jedoch nicht jener vernebelten Dumpfheit, die mit den Kopfschmerzen einherging. Diese Stille fand in der Anspannung, die in der Luft lag, ihren Ursprung. Nicht einmal das Ticken einer Uhr war zu vernehmen. In diesem hellen Zimmer mit den pfirsischfarbenen Wänden und den weißen Möbeln schien einen Augenblick lang die Zeit still zu stehen. Sie hörte in der Stille ihren Atem, hörte ihren Herzschlag, glaubte beinahe, auch den Atem ihres Gegenübers zu vernehmen. Dann war der Moment vorbei. Der Arzt, der die Untersuchung vorgenommen hatte und ihr nun gegenübersaß, sah von den auf dem Tisch ausgebreiteten Unterlagen auf und lächelte. Er lächelte! Hoffentlich ein gutes Zeichen.

„Keine Sorge“, sagte er zu ihrer Erleichterung. „Da können wir etwas machen. Die Verkrümmung ist ein Problem, aber grundsätzlich kann man Ihre Sehstärke verbessern und sie von diesem Ungetüm befreien“, sagte er und wies mit dem Kinn auf zu ihrer Brille.

Sie konnte ihr Glück noch gar nicht fassen.

„Wirklich? Das ist wundervoll.“ Endlich, dachte sie, würde sie die lang ersehnte Augenbehandlung vornehmen lassen. Immerhin hatte sie einzig dafür so hart gespart – und jetzt würde sich ihr Traum endlich erfüllen.

„Mit welchen Kosten kann ich für den Eingriff rechnen?“, fragte sie, woraufhin der Arzt kurz die Unterlagen auf dem Tisch durchsah, schließlich ein Blatt Papier daraus hervorzog und ihr entgegenhielt.

„Dies hier wäre der Kostenvoranschlag für Sie.“

Sie sah auf das Dokument. Ein wenig Text. Eine Tabelle mit Zahlen. Viele Zahlen. Sie suchte mit dem Blick die größte von Ihnen, suchte die Gesamtkosten. Da.

Oh!

Das war viel mehr, als sie nach eingehender Google-Recherche vermutet hätte. Sie müsste noch viel mehr Geld ansparen, bevor sie die Kosten für die OP aufbringen könnte.

 

Hier Adlerauge, bitte kommen. Traum vorerst geplatzt. Wiederhole: Traum geplatzt. Brauche Zweitjob. Over.

 

Der Arzt schien nicht bemerkt zu haben, dass ihre Freude durch den hohen Preis der Behandlung vorerst gedämpft worden war. Er sah sie mit seinen wachen, neugierigen Augen an und legte den Kopf schief, schenkte ihr ein weißes, gerades Lächeln.

„Wenn sie an der Rezeption einen Termin machen, lassen Sie sich bei Interesse auch die Karte eines Kollegen geben, der ganz hervorragende plastische Eingriffe wie Nasenverschmälerung, Kiefer-Shaping und ein Augenbrauenlifting vornehmen kann“, sagte er. Fast kam es ihr vor, als hätte er dabei ermutigend gezwinkert.

 

Was?

 

Sie gab sich Mühe, ihre Fassung zu wahren und erwiderte sein Lächeln. „Ja, mal sehen. Vielen Dank für den Hinweis.“

 

Als wüsste ich nicht selbst, dass ich keinerlei Ähnlichkeit mit Suki Lee aus ‘Liebe kennt keine Grenzen’ habe. Aber ich bin ein bescheidendes Mädchen. Und bettelarm obendrein. Ein schöneres Gesicht als dieses kann ich mir nicht leisten. Aber ich will es auch gar nicht. Ohne dieses Ungetüm werde ich viel besser aussehen, das ist mir genug. Und das Wichtigste ist sowieso, dass ich dann keine Kopfschmerzen mehr haben werde.

 

Seit sie klein war trug sie eine Brille.

Brillenschlange!

Vierauge!

Unzählige Spitznamen hatte sie ihr beschert. Und mit den Jahren und schwindender Sehstärke wurde dieses Ungetüm auf ihrer Nase immer dicker und schwerer, bis sie regelmäßig ein kleines Vermögen ausgeben musste, um dünnere Gläser zu erwerben. Nur so konnte sie die Einschränkung mindern und ein einigermaßen normales Leben führen. Seit einiger Zeit lernte sie Chinesisch, weil sie gehört hatte, dass man in China Brillen zu Spottpreisen erwerben konnte – vorausgesetzt, man war wortgewandt genug, die richtigen Rabatte auszuhandeln. Doch der Sprachkurs verursachte bloß weitere Kosten, sodass sie irgendwann einsah, dass dies auch keine Lösung sein konnte. Sie wollte frei sein, endgültig. Frei von den ständigen Kosten, von dieser Bürde auf ihrer Nase, von den Kopfschmerzen. Und nun, wo ihr Traum einen Moment lang zum Greifen nah schien, war er nun wieder in weite Ferne gerückt.

 

Ermattet von dem Besuch in der Augenklinik trottete sie durch die schwüle Nachmittagshitze Richtung U-Bahnstation, um nach Hause zu fahren. Während des Monsuns waren ihre Kopfschmerzen schlimmer, weil die Schwüle den dumpfen Druck in ihrem Schädel verstärkte. An freien Tagen lag sie meist in ihrem abgedunkelten Apartment unter der Klimaanlage und wartete bloß darauf, dass der Schmerz irgendwann nachließ. Und auch heute war ihr danach, sich hinzulegen und mit der kühlen Luft der Klimaanlage die Beschwerden zu lindern, allerdings hatte sie am Abend noch einen Termin. Es war eine Art Date, aber keinesfalls ein Date. Der Mann, mit dem sie verabredet war, war ihr bester Freund. Er hatte mal wieder irgendeinen Geistesblitz gehabt und sie hatte sich breitschlagen lassen, sich als eine Art Sparring-Partner seiner dummen Einfälle einspannen zu lassen.

 

Am Abend führte sie ihr Weg also zu einer Sporthalle auf dem Universitätsgelände unweit ihres Apartments. Auf dem Weg dorthin passierte sie den Campus mit seinen vielen Außensportanlagen, wo ein heiteres Treiben herrschte. Die akustische Begleitung eines Basketballspiels begleitete sie auf ihrem Weg, etwas weiter entfernt spielten einige Studenten Volleyball. Mittlerweile war es dunkel, doch noch immer hing die schwüle, warme Luft zwischen den Häusern der Stadt. Kein Windzug ging, sodass man schneller in Schweiß ausbrach, als einem lieb war. Sie hatte ihre braunen, langen Haare zu einem Dutt zusammengedreht und war in einen leichten, knielangen Rock und eine luftige Leinenbluse gekleidet. Dazu trug sie bequeme Sportschuhe, denn gleich würden ihre armen Füße schwer beansprucht werden.

 

Warum muss Pharold immer so seltsame Einfälle haben?

 

Pharold, ihr bester Freund, war ein heiterer, energiegeladener Zeitgenosse. Mit seinen wachen, großen Augen und seinem spitzbübischen Gesicht war es seinen Mitmenschen nur selten möglich, ihm etwas abzuschlagen. Alles, was aus seinem Mund kam, klang irgendwie nach Spaß und so ließ sie sich ständig von ihm für Dinge begeistern, für die sie sich eigentlich gar nicht interessierte, geschweige denn, dass sie ihr je Spaß bereiten könnten.

Tanzen zum Beispiel.

Sie war zu unkoordiniert, um Gefallen am Tanzen zu finden. Ihr Mangel an Rhythmus- und Körpergefühl schlossen eigentlich aus, dass sie überhaupt in Anwesenheit anderer tanzte und wenn, dann waren ihre Bewegungen nicht mehr als eine bemüht-rhythmische Verlagerung ihres Gewichtes von einem Bein aufs andere und zurück. „Wie ein Löwe im Käfig“, hatte ihr Jumi, eine Kollegin aus der Fakultät, in der sie arbeitete, einmal während einer After Work Party auf der Tanzfläche zugeraunt. Seither dachte sie immer an diesen Kommentar, wenn sie tanzte. Sobald ihr die Worte wieder durch den Kopf gingen, fühlte sie sich, als würde sie sich selbst von außen beobachten und einsehen, dass ihre Bewegungen dumm aussahen. Ausgeschlossen, somit auch nur ein klein bisschen Spaß am Tanzen zu empfinden.

 

Und trotzdem betrat sie nun eine Sporthalle, in der in wenigen Minuten ein Standardtanzkurs beginnen würde, einfach deshalb, weil Pharold sie in der ihm typischen Art, bei der sie nicht ablehnen konnte, gebeten hatte, ihn dorthin zu begleiten.

Sie sah auf ihre Armbanduhr. Noch zwei Minuten bis zum Beginn des Kurses. Wo blieb er nur? Nervös sah sie sich in der Halle um. Sie war umgeben von Tantchen und Onkelchen jenseits der Fünfzig. Zu was für einem Kurs hatte Pharold sie da bloß angemeldet? Hatte er übersehen, dass es sich um einen Tanzkurs für Rentner handelte? Oder entsprachen sie beide einfach nicht der Zielgruppe für so einen Kurs? Leute in ihrem Alter tanzten K-Pop-Choreografien nach und interessierten sich nicht für Standardtänze. Was hatte Pharold bloß geritten, hierher kommen zu wollen?

Sie verspürte einen Moment lang den Impuls, einfach wieder zu gehen. Bisher hatte noch niemand wirklich Notiz von ihr genommen, es wäre also gar kein Problem, sich davon zu stehlen. Andererseits hatte sie den Kurs bereits bezahlt und es wäre Verschwendung, das Kursangebot nicht zu nutzen. Und Pharold würde hoffentlich doch noch jeden Moment kommen.

Der Kursleiter, ein untersetzter Mann mit Dauerwelle und Oberlippenbart, gekleidet in einer dunklen Stoffhose und einem schwarzen Hemd, das großzügig aufgeknöpft war, betrat die Halle mit energischen, großen Schritten und begrüßte die Kursteilnehmer herzlich. Die Chance, abzuhauen, war somit passé. Und weit und breit kein Pharold. Ihre Hoffnung darauf, dass er jeden Moment auftauchen könnte, schwand schlagartig, als ihr plötzlich wieder einfiel, was man bei Pharolds enthusiastischen, positiven Art leider zu leicht vergaß: Ihr bester Freund war extrem unzuverlässig. Selbst wenn sie ihn im Laufe des Tages noch einmal an den Termin erinnert hätte, wäre es nicht unwahrscheinlich gewesen, wenn ihm spontan etwas dazwischengekommen wäre und sie sich in der gleichen Situation, in der sie sich nun befand, wiedergefunden hätte.

 

Pharold, warum bist du nur so?

 

Der Kursleiter stellte sich als Herr Lee vor und hatte mittlerweile eine Liste gezückt, um die Anwesenheit der Teilnehmer zu überprüfen. Sie bereitete sich darauf vor, ihn bei dem ersten Namen, über den er stolpern würde, zu informieren, dass die Person eventuell (aber vermutlich eher nicht) später nachkommen würde und bei dem zweiten Namen, über den er stolpern würde, mitzuteilen, dass sie anwesend war. Er rief die Namen einiger Tantchen und Onkelchen auf und zeichnete sie auf seiner Liste ab. Dann kam Stolperstein Nummer eins.

„Frau… Herr… Pa… pae…Paeroldeu Kim?“

„Entschuldigung, er ist noch nicht da, vielleicht kommt er etwas später nach“, sagte sie mit bemüht-lauter Stimme. Der Kursleiter sah sie an, blinzelte und nickte kurz.

Hinter Pharolds Namen steckte eine Geschichte. Eigentlich hieß er Patrick Harold Kim. Sein Rufname war im Laufe seiner Kindheit und Jugend mal Patrick, mal Harold gewesen, aber letzterer setzte sich irgendwann durch. Mit den Jahren und vielen Spitznamen von Pat über P.H. zu Haro von unzähligen Freunden und Bekannten hatte sich für seinen Namen die Schreibweise P. Harold durchgesetzt, mit der er auch Dokumente unterzeichnete. Als er dann aus den USA nach Korea kam, unterlief bei der Bearbeitung der erforderlichen Papiere ein Fehler, sodass seine Papiere auf den Namen Kim Pharold ausgestellt wurden. Anstatt deswegen beunruhigt oder verärgert zu sein und den Fehler aufzuklären, fand er Gefallen daran und ließ alles so, wie es war. Seither scherzte er darüber, sich mit seiner Migration nach Korea eine neue Identität zugelegt zu haben. Dass mit dem merkwürdigen Namen allerlei Verwirrung auftrat hinsichtlich der Aussprache, Transkription in Hangeul, dem koreanischen Alphabet, oder gar der Gewissheit darüber, ob es sich bei dem Träger des Namens um Mann oder Frau handelte, schien für ihn bloß noch zusätzlich zu dem ganzen Spaß beizutragen.

Nach einigen weiteren Namen von Tantchen und Onkelchen gelangte Herr Lee zu Stolperstein Nummer zwei.

„Frau Moon Gu… Guwaendollin?“

„Hier“, sagte Gwendolyn.

Im Gegensatz zu ihrem besten Freund machte ihr die seltsame Transkription ihres Namens etwas aus. Sie war wie ein großer Leuchtpfeil, der über ihrem Kopf hing und allen mitteilte: „Seht her, ich bin anders.“ Ihre Mutter war Deutsche, ihr Vater Koreaner. Sie war erst nach dem Studium aus Deutschland nach Korea gekommen und manchmal haderte sie noch heute mit ihrer Entscheidung, denn es war schwierig, hier anders zu sein – schwieriger noch als es in Deutschland war. Ihre Herkunft half ihr bei der Integration in die koreanische Gesellschaft genauso wenig wie ihre dicke Brille oder ihr Gesicht, das nach Meinung des Arztes, den sie am Nachmittag konsultiert hatte, ein Kiefer-Shaping bitter nötig hätte.

 

Der Kursleiter beendete die Überprüfung der Anwesenheit und stellte den Kursinhalt vor. Vier Standardtänze würde er an diesem und den nächsten drei Samstagen vorstellen und üben, den Anfang machte der langsame Walzer. Eine Frau mit muskulösen Beinen und einem professionellen Lächeln betrat die Halle. Der Kursleiter stellte sie als Frau Oh vor, seine Tanzpartnerin. Die Tanzstunde konnte somit also beginnen. Als sich Herr Lee und Frau Oh in Position brachten, um die korrekte Haltung der Arme und Hände zu demonstrieren, realisierte Gwen, dass Pharold definitiv nicht mehr kommen würde und sie diese Stunde nun allein über sich ergehen lassen müsste. Herr Lee und Frau Oh demonstrierten den langsamen Walzer und erklärten, was zu beachten war. Anschließend wurden die demonstrierten Tanzschritte zu Gwens Erleichterung zunächst einzeln und ohne Musik, sondern einzig mit der Taktangabe durch Frau Oh eingeübt, um eine gewisse Routine zu erlangen. Bereits diese simple Bewegungsfolge, denn die Bewegungen des langsamen Walzers waren, das war auch Gwen klar, objektiv betrachtet sehr simpel, waren zu komplex für ihre ungeschickten Füße. Herr Lee sprang herbei und verbesserte sie. Als er ihr so nah kam, konnte sie eine Alkoholfahne riechen, die von ihm ausgehend in ihre Nase aufstieg. Frau Oh gab den Takt an, klatschte zu ihrem eins, zwei, drei regelmäßig in die Hände. Herr Lee kam erneut zu Gwen und verbesserte sie. Vor Scham und der Konzentration, die sie für die Schrittfolge aufbrachte, geriet sie zunehmend ins Schwitzen. Das konnte ja heiter werden. Als dann nach kurzer Zeit die Einzelübungen abgeschlossen waren, ging die Übung paarweise weiter. Gwen stand inmitten der Halle und links und rechts von ihr setzten sich die Kursteilnehmer in Bewegung, um zu ihrem jeweiligen Tanzpartner zu gehen. Alles bewegte sich, bloß sie blieb stehen, sah sich unsicher um. Als sich alle Paare gebildet hatten, bemerkte Herr Lee, dass sie allein war und kam auf sie zu.

„Es scheint, als käme ihr Partner nicht“, sagte er und griff nach ihren Händen, „dann werden wir gemeinsam üben.“ Gwen dachte daran, wie verschwitzt sie war, während sie seine Alkoholfahne roch. Er platzierte ihre eine Hand in der seinen, die andere auf seinem Oberarm, während er Erklärungen zu der korrekten Armpositionierung mit lauter Stimme in die Halle rief, sodass die anderen Kursteilnehmer ihm folgen konnten. Sie kam sich derweil vor wie ein Dummy, der zu Demonstrationszwecken hinzugezogen wurde, ob er wollte, oder nicht. Die Erklärungsphase wurde beendet, die Übungsphase setzte ein. Mit bestimmten Bewegungen zog und schob Herr Lee sie über das Parkett, sie stolperte seinen gekonnten Tanzfolgen hinterher. Frau Ohs Stimme hallte in ihren Ohren, ihr fortwährendes eins, zwei, drei, begleitet von ihrem regelmäßigen Klatschen. Die Hitze und die windstille Luft in der Halle, die den Schweiß in Gwens Gesicht und ihren Rücken hinabtrieb, als wäre dieser Moment nicht ohnehin schon unerträglich. Dazu der Geruch von Alkohol, der sich durch jede Pore Herrn Lees Körper zu ihrer Nase empor zu drücken schien.

 

Ich will hier weg. Ich will hier einfach nur weg.

 

Als sie glaubte, ihr kämen jeden Augenblick sogar die Tränen, wurde sie plötzlich von einem erlösenden Windzug gestreift. Die Brise verschaffte ihr etwas Erleichterung und sie atmete dankbar auf. So schnell, wie die Brise gekommen war, war sie auch wieder fort und die Hallenluft verwandelte sich zurück in eine schwüle, stickige Wolke. Frau Oh stellte das Klatschen und laute Zählen ein und es musste gleichzeitig gewesen sein, als Herr Lee und Gwen die Köpfe in ihre Richtung drehten. Bei Frau Oh stand ein großer, junger Mann. An Körperbau und Gesichtszügen konnte man auf den ersten Blick erkennen, dass er Ausländer war. Er war elegant, wenn auch etwas zu warm angezogen, doch er bewegte sich in seiner Kleidung sehr natürlich und entspannt, als wäre er das Tragen ähnlicher Garderobe an heißen, schwülen Tagen in Seoul gewohnt, an denen man im Kontrast zu der Hitze draußen in Gebäuden häufig mit bemerkenswert kalter, trockener Luft aus großen, dauerbetriebenen Klimaanlagen konfrontiert wurde. Sein helles Hemd und die dunkle Stoffhose erweckten den Eindruck, als wäre er aus einem Büro direkt in die Halle gekommen und hätte lediglich die Krawatte abgenommen. Der elegant gekleidete Mann und Frau Oh sprachen unaufgeregt miteinander.

„Ihr Tanzpartner?“, fragte Herr Lee fast beiläufig, ohne den Blick von den beiden Sprechenden abzuwenden. Gwen verneinte und realisierte bei seiner Frage, dass es sich bei dem Neuankömmling vermutlich nicht um einen Mitarbeiter des Kursveranstalters oder des Facility Managements der Sportanlagen handelte. Auf ihre Antwort hin machte Herr Lee, wie um ihre Vermutung zu bestätigen, ein erstauntes Gesicht, beendete die Tanzübung mit ihr abrupt und ging zu Frau Oh und dem Fremden herüber. Gwen blieb mitten in der Halle stehen, umgeben von den anderen, sich fortwährend rhythmisch drehenden Tänzern, und ihr Herz schlug ein bisschen schneller als zuvor.

 

Herr Lee schaltete sich in das Gespräch zwischen Frau Oh und dem Fremden ein. Er zückte ein Dokument – die Teilnehmerliste, wie Gwen vermutete – und betrachtete es prüfend. Sie selbst stand noch immer inmitten der Halle und beobachtete die Szene. Dann wies Herr Lee plötzlich auf sie und die Augen des unbekannten Mannes folgten seiner Geste. Ihre Augen trafen sich. Gwen spürte, wie die Röte in ihr Gesicht stieg.

 

Wie hell seine Augen sind!

 

Herr Lee setzte sich in Bewegung, der Unbekannte folgte ihm.

 

Kommen sie auf mich zu?

 

Tatsächlich. Herr Lee lächelte, als er vor Gwen haltmachte und mit der Hand auf den Unbekannten wies.

„Sie haben Glück, es ist noch ein Nachrücker gekommen, der ebenfalls keinen Tanzpartner hat. Vielleicht möchten Sie heute gemeinsam üben?“ Gwen sah den Unbekannten an, sah in seine hellen, blassblauen Augen, sah sein Lächeln.

„Hallo“, sein Lächeln wurde breiter, „ich bin Isaac Williams, sehr erfreut“, sagte er mit etwas unbeholfener Aussprache und englischem Akzent auf Koreanisch.

„Mich freut es auch“, sagte sie auf Englisch und deutete eine Verbeugung an, „ich bin Gwendolyn Moon, aber Freunde nennen mich Gwen.“

Nachdem Herr Lee Isaac die versäumten Tanzschritte vermittelt hatte, konnten er und Gwen mit der Übung beginnen. Gwens Hände waren feucht und heiß und als sie ihre Hand in die seine legte, war sie überrascht, dass diese angenehm warm und trocken war.

„Tut mir leid, meine Hände schwitzen“, sagte Gwen.

„Schon in Ordnung, es ist ziemlich warm heute“, entgegnete Isaac mit ruhiger, unbekümmerter Stimme und führte sie mit zunächst noch etwas unkoordinierten, bald jedoch immer sichereren Schritten über das Parkett.

„Wo kommen Sie ursprünglich her, Herr Williams?“, fragte Gwen.

„Ich heiße Isaac, kein Grund, so höflich zu sein, Gwendolyn.“

„Oh, na gut. Isaac, wo kommst du her?“

Gwen erfuhr, dass er aus London kam und seit einigen Monaten beruflich in Seoul war. Sein Vater war Partner einer internationalen Anwaltskanzlei, in dessen Seouler Niederlassung Isaac arbeitete. Sie erzählte, dass sie an der Universität arbeitete und schwenkte, nachdem sie verlegen Isaacs Annahme korrigieren musste, dass sie Dozentin sei (sie arbeitete als Sachbearbeiterin der Fremdsprachenfakultät), schnell auf den interessanteren Teil ihrer Biografie um, indem sie von Ihrer Herkunft und der Zeit in Deutschland sprach. Isaac hörte ihr höflich zu, mittlerweile tanzten sie beide immer routinierter. Sie spürte, dass sein Hemd dort, wo sie ihre Hand abgelegt hatte, die Feuchtigkeit ihrer Hände aufsog, doch ihren Tanzpartner schien das nicht zu stören oder er war zu höflich, es sich anmerken zu lassen.

„Wie kommt es eigentlich, dass du ohne Tanzpartnerin an einem Kurs für Paartanz teilnimmst? Wurdest du wie ich etwa versetzt?“, fragte Gwen und bereute ihre Mutmaßung gleich im nächsten Moment wieder, da sie fürchtete, wie eine sitzengelassene Exfreundin zu klingen. Darüber hinaus hatte sie ihre Worte an jemanden gerichtet, der aussah, als wäre das Letzte, was ihm passieren konnte, dass man ihn versetzte.

„Ich bin zu einer Hochzeit eingeladen“, erwiderte Isaac, „also dachte ich, lerne ich vorab besser ein paar Tanzschritte. Mit meiner Anmeldung war ich wohl etwas spät dran, denn ich habe nur noch einen freien Platz in diesem Kurs ergattert. Ich bin froh, dass noch jemand ohne Tanzpartner hier ist, sonst hätte ich vielleicht allein üben müssen.“

„Oh, das wäre bestimmt nicht passiert, der Tanzlehrer hätte sicher gern ein paar Runden mit dir gedreht“, sagte Gwen. Gerade kam ihr der Gedanke, dass wohl eher Frau Oh mit ihm geübt hätte und ihre Aussage somit vielleicht unverschämt rüberkommen könnte, doch da begann Isaac zu schmunzeln, als fände er das, was sie gesagt hatte, amüsant. Sie lächelte beruhigt.

 

Dieser Mann hat eine Art an sich, die mich glauben lässt, alles, was ich tue, sei irgendwie in Ordnung.

 

Sie erkundigte sich nach der Hochzeit und erfuhr, dass ein Kollege aus der Anwaltskanzlei unter die Haube kam. Isaac war etwas überrascht, dass er überhaupt eingeladen wurde, da es sich um einen indirekten Vorgesetzten handelte und sich im Berufsalltag kaum Schnittstellen zwischen ihnen ergaben. Er vermutete daher, dass der hohe Status seines Vaters ihm als relativ neuen Untergebenen die Einladung beschert hatte. „Deswegen bin ich heute hier, denn ich sollte unter diesen Umständen wohl einen guten Eindruck machen und darauf vorbereitet sein, beim Tanzen keine Schande über meine Familie zu bringen“, erklärte Isaac mit ruhigem Ton, in dem eine leichte Ironie mitschwang. Gwen lachte daraufhin und beteuerte, dass jemand wie er doch unmöglich Schande über irgendjemanden bringen könnte, wurde dann jedoch unterbrochen, als Herr Lee die Kursteilnehmer zusammenrief, um einen weiteren Tanz vorzustellen. Während er und Frau Oh die Schrittfolge des Cha-Chas demonstrierten, wuchs in Gwen die Vorfreude darauf, die Schritte in wenigen Minuten mit Isaac einzuüben.

 

Eigentlich sollte ich Pharold danken, dass er mich hier hingeschleppt und dann sitzengelassen hat. Wann hätte ich sonst je in meinem Leben die Chance gehabt, mal mit einem attraktiven, sympathischen Mann wie Isaac Williams zu tanzen?

 

Zunächst begannen sie wieder mit den Einzelübungen. Gwens Vorfreude auf die Paarübung wurde mit zunehmender Routine bei der Schrittfolge stärker. Als es dann soweit war und sie und Isaac wieder als Paar zusammenkamen, lächelte ihr Gegenüber, als freue auch er sich darauf, nun mit ihr weiter zu üben. Sie positionierten ihre Hände. Ihre Augen trafen sich. Isaacs Lächeln. Die vielen, kleinen Schmetterlinge, die durch Gwens Bauch flatterten. Die Schrittfolge war als Paar weitaus schwieriger, als Gwen befürchtete und so geschah es, dass sie ihrem attraktiven Tanzpartner gleich zu Beginn einige Male auf die Füße trat.

„Entschuldige“, sagte sie.

„Macht nichts. Dafür üben wir ja“, sagte Isaac.

Gwen errötete dankbar und genoss den Moment, mit diesem Mann zu tanzen.

Gerade, als sie sich entspannte und begann, sich wohl zu fühlen, geschah es dann: Herr Lee kam zu ihnen herüber, um die Tanzschritte zu korrigieren.

„Sehr schön, Herr Williams“, kommentierte er Isaacs Schrittfolge. Und dann sagte er: „Das geht aber eleganter, Frau Moon, Sie müssen die Füße schon anheben!“

Da war es plötzlich wieder.

 

Wie ein Löwe im Käfig.

 

Die Entspannung wich aus Gwens Gliedern und aus ihrem Gemüt und diese ihr nur zu gut bekannte, verspannte Bewusstheit gegenüber ihrer eigenen Unzulänglichkeiten schwappte über sie wie eine dunkle, schwere Welle. Die zarte Röte ihrer Wangen wurde zu einem dunklen, violett-stichigen Rotton, sodass es für jeden, der nun zu ihr sah, klar ersichtlich wurde: Sie schämte sich.

Sie geriet aus dem Takt und blieb schließlich stehen. Auch Isaac hielt inne. Er öffnete den Mund, als hatte er etwas sagen wollen und sah Herrn Lee hinterher, der mittlerweile zu einem anderen Paar weitergezogen war. Dann sah er zurück zu Gwen und lächelte auf eine Art, die sowohl Mitleid als auch Reue in sich trug.

 

Sicher bereut er jetzt doch, dass ausgerechnet ich ihm als Tanzpartnerin zugewiesen wurde.

 

„Es tut mir leid, sein Kommentar war unelegant und ich habe nichts gesagt“, sprach Isaac, „meine Koreanischkenntnisse reichen nicht aus, um bei so etwas auf die Schnelle schlagfertig zu kontern.“

Die Schmetterlinge in Gwens Bauch, die sich soeben erst rasch verzogen hatten, schwirrten nun wieder durch sie hindurch, bis sich ihre Mitte ganz leicht und nahezu transparent anfühlte.

„Ich hätte auch etwas sagen können und habe es nicht getan“, sagte sie, „vermutlich war es humorvoll gemeint“, setzte sie noch hinterher, da sie nicht wollte, dass Isaac sich schlecht fühlte und dass er außerdem nicht dachte, sie sei eine Duckmäuserin, die blöde Sprüche einfach so über sich ergehen ließ, obwohl sie ebendies soeben getan hatte.

„Sollen wir noch mal anfangen?“, fragte Isaac, woraufhin Gwen, erneut unendlich dankbar über seine ruhige, unaufgeregte Art, bejahte.

 

Nach der Paarübung des Cha-Chas beendeten Herr Lee und Frau Oh die erste Tanzstunde und nachdem sie ein paar organisatorische Dinge für die nächste Stunde besprochen hatten, entließen sie ihre Tanzschüler zurück in die schwüle Seouler Abendluft. Gwen wollte sich gerade von Isaac verabschieden und ihm eine schöne Zeit auf der Hochzeit seines Kollegen wünschen, für die er zu der Tanzstunde gekommen war, da kam er ihr zuvor und sprach zuerst: „Danke, dass du heute mit mir getanzt hast, Gwendolyn.“

„Oh, sehr gerne. Mich hat es gefreut“, erwiderte sie perplex.

„Ich nehme an, nächste Woche ist dein eigentlicher Tanzpartner wieder mit dabei?“

„Eher nicht. Er ist ein unzuverlässiger Idiot“, sagte Gwen betont leichtfertig. Wenn Isaac nach der Hochzeit keinen Bedarf mehr für den Kurs hatte, würde er wohl nicht mehr kommen. Der Gedanke daran, wie sie an seiner Statt mit Herrn Lee die kommenden Tanzschritte einstudieren würde, weckten in ihr kaum das Bedürfnis, wiederzukommen. Und sie wollte nicht, dass Isaac glaubte, dass sie so armselig war, also setzte sie hinterher: „Ich werde vermutlich auch nicht mehr kommen. Auf einen Paartanzkurs ohne Tanzpartner kann ich eigentlich ganz gut verzichten.“

Isaac wirkte auf ihre Worte hin einen Augenblick aus dem Konzept gebracht und machte große Augen.

„Ach ja? Das ist aber schade“, sagte er perplex, „Vielleicht habe ich Glück und es findet sich noch ein Nachrücker, mit dem ich bei den folgenden Terminen tanzen kann.“

 

Hier Adlerauge – Ziel verfehlt! Abbruch der Mission! Abbruch!

 

„Oh“, rief Gwen überrascht, „ich dachte, du kommst nicht mehr wegen der Hochzeit?“

„Doch. Sie ist erst nächsten Monat. Bis dahin kann ich den Tanzkurs abschließen“, sagte Isaac. Und dann lächelte er und sein Gesicht hatte dabei wieder diesen leicht ironischen Ausdruck. „Wird sicher super, mit Frau Oh zu tanzen – oder mit Herrn Lee, wenn ich Glück habe.“

„Vielleicht wäre es doch ganz gut für mich, den Kurs abzuschließen“, wägte Gwen daraufhin laut ab, um den Hals wieder aus der Schlinge zu ziehen, „immerhin habe ich ja schon dafür bezahlt.“

„Ja, wäre schade um das schöne Geld.“

„Ja, das wäre dann weg. Sehr schade, der Kurs war relativ teuer.“

„Also dann bis nächste Woche?“, fragte Isaac und sah sie mit seinen hellblauen Augen an, dass ihr die Knie weich wurden.

„Klar, bis nächste Woche, Isaac.“

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