Schneespuren Part 2.3

Teil 2: Die kaputte Menschmaschine

3. Alles und Nichts

Als ich erwachte, wandte ich den Kopf von einer Seite zur anderen. Es war angenehm warm und ruhig. Nur ein hypnotisches, brummendes Geräusch erklang in meinen Ohren. Ich blinzelte und sah an die Decke. Lag ich im Aufwachraum? Wie spät war es? Ich versuchte, meine Gedanken zu ordnen, da sah ich Yukis Kopf über mir erscheinen, sein schwarz-weißes Haar fiel ihm ins Gesicht, sodass ich kaum seine Augen sehen konnte.

Ist die Untersuchung vorbei?“, fragte ich und wollte mich aufrichten, doch Yukis Hände drückten mich sogleich wieder behutsam zurück in die Horizontale.

Bleiben Sie liegen, ganz ruhig“, sagte er. In seiner Stimme schwang Aufregung mit.

Bei seinen Worten realisierte ich, dass wir uns in meinem Wagen befanden. Ich sah mich genauer um und verstand, dass ich einen Moment lang weg gewesen sein musste. Mein Sitz war nach hinten geklappt und meine Füße auf dem Armaturenbrett aufgestützt. Yuki hatte sich abgeschnallt, auch sein Sitz war nach hinten geklappt. Er war über mich gebeugt und sah mich mit besorgten Augen an. Nun hörte ich auch neben dem noch laufenden Motor das Geräusch der Warnblinkanlage und das Vorbeirauschen des Verkehrs.

Wie lange war ich bewusstlos?“, fragte ich. Yuki nahm wieder eine aufrechte Sitzhaltung ein, stellte die Rückenlehne des Fahrersitz hoch.

Drei oder vier Minuten.“ Er rollte die Schultern nach vorn und legte die Hände auf die Oberschenkel, starrte geradeaus durch die Windschutzscheibe. „Ich habe versucht einen Krankenwagen zu rufen, aber habe mich zweimal verwählt, also habe ich Ihre Beine hochgelegt und Sie geohrfeigt, um Sie aufzuwecken. Etwas besseres ist mir nicht eingefallen.“

Auch ich klappte meinen Sitz wieder nach vorn und nahm die Beine von der Ablage. Meine Wangen fühlten sich warm an, offenbar von seinen Versuchen, mich aufzuwecken.

Das ist bestimmt nur passiert, weil ich noch nichts gegessen und getrunken habe wegen der Untersuchung“, sagte ich, „Aber das ist jetzt auch egal, ich bin ja wieder wach. Sobald wir in der Agentur sind, musst du mich mit einem Kaffee und einem Keks versorgen.“

Yuki sah mich mit geweiteten Augen an, dann verbarg er sie hinter vorgehaltener Hand und seine Schultern bebten.

So kann ich Sie doch nicht in die Agentur fahren!“, schluchzte er und brach in Tränen aus. Es war ein komisches Gefühl, dass jemand meinetwegen weinte. Was wohl in den letzten Minuten in ihm vorgegangen war? Ich wollte ihm die Hand auf die Schulter legen, doch ließ es bleiben.

Mir geht es jetzt wieder gut. Ich habe nur eine ganze Weile nichts gegessen und getrunken, das ist alles. Kein Grund, zu heulen“, sagte ich und versuchte, meiner Stimme einen kräftigen Klang zu verleihen.

Es tut mir leid“, sagte Yuki.

Nicht doch.“

Er fragte, ob ich nicht meine Frau oder einen Freund anrufen könnte, um mich nach Hause bringen zu lassen. „Ich nehme dann von hier aus ein Taxi zur Agentur oder gehe zu Fuß“, sagte er.

Ich kennen niemanden, der für so einen Job geeignet wäre“, sagte ich. „Außerdem dachte ich, dass ich dir den Auftrag gegeben hätte, mich zur Agentur zu bringen.“

Yuki sah mich mit großen Augen an, zog dann die ungleichen Brauen zusammen. „Also erstens will ich diesen Auftrag nicht für Sie ausführen und zweitens“, er hob seine Hände, die wie verrückt zitterten, hielt sie mir unter die Augen „kann ich in meiner Verfassung diesen Auftrag nicht ausführen.“

Meine Güte. Dann warten wir einfach einen Moment, bis du dich beruhigt hast. Danach kannst du weiter fahren“, sagte ich resignierend. Yuki hatte die Hände mittlerweile fest in einander verknotet, um ihr Zittern zu unterdrücken. Seine Augen huschten hin und her, dann sah er mich an, plötzlich ganz entschlossen.

Aber ich fahre Sie nicht in die Agentur“, sagte er, „Sie sollten sich ausruhen und etwas zu sich nehmen. Können Sie niemanden zuhause anrufen, der Sie abholt?“

Warum fragte er ständig nach jemandem, der mich abholen kommen sollte? Was hatte er nicht daran verstanden, dass er mich verdammt noch mal fahren sollte? „Ich wohne allein“, antwortete ich genervt.

Und was ist mit einem Freund? Man hat doch irgendjemanden, den man anrufen kann, wenn etwas passiert.“

Wenn ich in eine Situation komme, in der ich irgendetwas brauche, gibt es immer jemanden, der für diesen Job qualifiziert ist und wenn nicht, stelle ich jemanden ein und mache ihn zu so jemanden, so wie dich. Wenn du dich also dem Auftrag, mich zu MAJ zu bringen, verweigerst – bitte. Dann fahr mich nach Hause, aber fahr verdammt noch mal; du wirst schließlich von mir bezahlt, oder?“

Er sah mich mit einem Blick an, den ich nicht deuten konnte. Dann schnallte er sich an und schaltete die Warnblinkanlage aus, setzte den Blinker, um sich wieder in den laufenden Verkehr einzufädeln.

Sie müssen mich lotsen“, sagte er, „Ich habe keine Ahnung, wo Sie wohnen und wie ich dort hinkomme. Werden Sie also bitte nicht noch einmal ohnmächtig. Wenn ich erneut links ranfahren muss, schaffe ich es vielleicht nicht mehr rechtzeitig, bis zum Feierabend den Auftrag zu erledigen und sie müssten mir Überstunden bezahlen.“

Geld ist nur Papier mit Ziffern drauf.“

Und jemand, der für einen arbeitet, ersetzt jemanden, auf den man sich im Notfall verlassen kann“, bemerkte er mit befremdlich-unterkühltem Unterton. Das Monster, das in der Tiefe schlummerte, wurde scheinbar langsam wach.

Auf wen könnte ich mich mehr verlassen als auf jemanden, den ich für das, was er tut, bezahle? Die Nächste rechts.“

Er ordnete sich auf der Abbiegespur ein.

Sobald es jemanden gibt, der mehr zahlt als Sie, fällt Ihnen so jemand doch in den Rücken. Davon abgesehen können Sie mir nicht weiß machen, dass Sie keine Bezugsperson haben, auf die Sie sich verlassen können.“

Warum nicht?“, fragte ich gereizt, „Ich arbeite doch eh den ganzen Tag, also brauche ich außer den Angestellten niemanden. Und selbst wenn ich nachts nichts zum Bumsen finde, kann ich mir dazu jemanden kaufen. Ich habe alles was ich brauche. Wechsel besser die Spur, dahinten musst du wieder abbiegen.“

Er wechselte die Spur. „Also ist alles haben das gleiche wie nichts haben“, sagte er.

Ich bin eben auf niemanden angewiesen und falls doch, bezahle ich jemanden und lasse ihn den Job für mich machen, was verstehst du daran nicht? Wie wäre es mal mit schalten? Ich bin im Gegensatz zu dir aus dem Alter raus, wo ich für jeden Furz zu Mami und Papi renne, Jungchen. Hallo, kannst du mal endlich schalten?“

Er wechselte den Gang, als wollte er die Gangschaltung herausreißen. Ich brüllte ihn an, dass er besser mit meinem Wagen umgehen sollte.

Es ist doch nur Blech“, sagte Yuki.

Ich geb‘ dir gleich Blech!“, brüllte ich.

Er bremste, unsere Oberkörper wurden einen Moment nach vorn gezogen und hinter uns ertönte verärgertes Hupen.

Wenn wir angekommen sind, werde ich dich feuern, wenn du dich nicht beruhigst!“, zeterte ich und schnaubte vor Wut.

Sie können mich auch jetzt feuern, dann steige ich auf der Stelle aus und setze mich in den nächsten Zug zu Mami und Papi“, sagte er und startete ein weiteres provozierendes Bremsmanöver, dieses Mal ertönte ein ganzer Hupenchor.

Verdammt, Kesshou! Beruhig dich endlich!“, sagte ich und schaltete die Warnblinkanlage ein, sodass die Fahrer hinter uns gewarnt waren. Yuki jedoch schaltete sie wieder aus.

Ich bin der Fahrer, also nehmen Sie bitte die Finger weg. Links oder Rechts?“

Ich starrte aus dem Beifahrerfenster und versuchte mich zu sammeln. „Rechts.“ Was war das für eine Situation, in die wir da hineingeraten waren? Was hatte das ganze ausgelöst? Was hatte ihn so verärgert?

Es tut mir leid, dass ich dich wie einen Muttersohn dargestellt habe“, sagte ich schließlich.

Schon gut, irgendwie bin ich ja einer.“

Wieder Rechts.“

Er setzte den Blinker und bog ab.

Was denkst du gerade, Kesshou?“, versuchte ich es weiter.

Nichts interessantes“ Er hielt an einer roten Ampel, schaltete in den ersten Gang zurück und sah mich an. „Haben Sie keine Familie, Herr Hosokawa?“, fragte er.

Nein. Meinen Vater kannte ich nie und meine Mutter ist gestorben, als ich so alt war wie du.“

Geschwister? Frau? Kinder?“

Keine.“

Die Ampel schaltete auf Grün. Er setzte den Wagen wieder in Bewegung.

Das mit der Frau kannst du dir bei mir übrigens abgewöhnen, ich bin schwul.“ Ich linste zu ihm herüber, wie er darauf reagieren würde, doch seine Augen sahen unbeirrt weiter auf die Straße, als hätte ich gar nichts gesagt.

Links, dann wieder Links.“

Wir kamen langsam in die bessere Wohngegend der Stadt. Es war nicht mehr weit. Ich lotste ihn durch das Viertel, ohne, dass er noch einmal etwas sagte und schließlich wies ich mit der Hand auf die Einfahrt meines Hauses.

Wir sind da.“

Er parkte den Wagen auf dem Hof und stieg aus, überreichte mir meinen Schlüsselbund.

Und was machst du jetzt?“, fragte ich ihn.

Ich suche die nächste Bushaltestelle und nehme den Bus zurück zur Agentur“, sagte er, woraufhin ich belustigt schnaubte.

Sei nicht albern, sieht diese Gegend aus, als würde hier irgendjemand mit dem Bus fahren? Außerdem ist deine Arbeit für heute an dieser Stelle beendet. Wenn du willst, komm mit rein. Du kannst ein Taxi rufen und drinnen darauf warten.“

Er sah wohl ein, dass alles andere kindisch war, also folgte er mir ins Haus.

Scheinbar gab er sich Mühe, sich nicht umzusehen. Im Wohnzimmer bot ich ihm einen Platz auf der Couch an. Er setzte sich, holte sein Handy hervor und fragte mich, ob es mich störte, wenn er kurz das Taxi rief.

Lass gut sein, ich rufe dir eins“, sagte ich, „du weißt eh nicht wie die Straße heißt, in die du es bestellen musst. Mach es dir bequem und überleg dir, was du trinken willst.“

Ich ging also zum Telefon, das auf einem Sideboard stand, und rief ein Taxi. Anschließend sah ich ihn fragend an, woraufhin er entgegnete, dass er nichts trinken wolle.

Dann stört es dich hoffentlich nicht, wenn ich mir was zu trinken hole. Ich bin halb vertrocknet“, sagte ich und ging in die Küche und nahm eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank. Nachdem ich einen tiefen Schluck daraus getrunken hatte, nahm ich die Flasche mit und ging zurück ins Wohnzimmer. Yuki saß noch immer auf der Couch. Als ich das Zimmer betrat, sah er auf und beobachtete, wie ich mich der Sitzgruppe näherte und die Flasche Wasser auf dem Couchtisch abstellte.

Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen“, sagte er schließlich. „Dafür, dass ich Sie für jemand anderes gehalten habe“, ergänzte er.

Für wen hast du mich denn gehalten?“, fragte ich verwundert. Was sollte das plötzlich? Was wollte er sagen?

Ich kann es nicht genau erklären, jedenfalls tut es mir leid.“ Ich wurde neugierig, was er wohl meinte, und zugleich war ich davon, wie er um den heißen Brei herumredete, genervt. Er sah einen Moment durch die großen Fenster, die zur Terrasse und in den Garten wiesen. Meine Augen folgten seinem Blick. Die Nachmittagssonne tanzte auf den großen Steinplatten, mit denen die Terrasse ausgelegt war. Noch war es draußen zu kühl, doch bald schon würde ich tagsüber die Jalousien der großen Fensterfront herunterlassen, sodass nur vereinzelte Sonnenflecken die Dunkelheit des Wohnzimmers durchbrachen und das Zimmer davor geschützt war, dass es sich unnötig aufwärmen würde. Gemeinsam sahen wir schweigend durch die Fenster in den Garten, den ich nie benutzte, da ich, wenn ich nicht gerade in der Agentur war, auf Geschäftsreise oder auf Galas, Events oder sonstigen Partys war. Der Garten war nicht zur Benutzung bestimmt, sondern war der Ausblick in diesen viel mehr wie ein Bild, das ich mir ins Wohnzimmer gehängt hatte. Hin und wieder betrachtete ich ihn, aber die meiste Zeit nahm ich seine Existenz als selbstverständlich hin und somit kaum bewusst wahr. Die Gärtnerin, die ich beschäftigte, um die Grünflächen des Anwesens zu pflegen, hätte ich mir auch sparen können, ich legte nur Wert auf den Zustand des Gartens, weil er zwischen all den anderen, penibel angelegten Gärten der Straße nicht als verwahrlostes Fleckchen Land auffallen sollte. Alles sollte perfekt sein, blitzend und blinkend und schön, sodass niemand zu der Annahme kommen könnte, dass auch irgendetwas an mir nicht makellos sein könnte.

Sie manipulieren Menschen“, sagte Yuki in die Stille hinein.

Ich wandte meinen Blick von dem Garten ab und sah ihn an.

Wie kommst du darauf?“, fragte ich.

Das haben Sie vorhin selbst gesagt“, sagte er, „Wenn Sie niemanden haben, der einen Job für Sie macht, stellen Sie einen Neuen ein und formen ihn so lange, bis er geeignet ist“, sagte Yuki und sah weiterhin auf die Terrasse heraus. „Deswegen haben Sie mich eingestellt. Weil ich jung bin und nichts wirklich kann und Sie glauben, mich nach Belieben verformen zu können. Weil ich irgendein entstellter Junge aus der Provinz bin, der keine Freunde hat und den Sie mit ein paar Ermutigungen und Psychotricks hörig machen wollen. Das Mundschutztragen, um meine Schüchternheit zu überwinden, diese perverse Mischung zwischen Lob und Tadel, zwischen dürfen und nicht dürfen oder wieder dürfen oder doch nicht dürfen während der Arbeit. Mir ein Handy geben – einfach so – und das komplett ausgestattete Büro. Dieser Pseudo-Vertrauensbeweis, mich mit Ihrem Wagen fahren zu lassen. Und ständig so komische Fragen zu meiner Persönlichkeit oder Herkunft, die Sie stellen, um mich besser manipulieren zu können, ohne dass es Sie wirklich interessiert, wie die Antworten lauten.“

Ich schwieg, wusste nichts zu erwidern.

Sie denken ich arbeite engagiert oder eifrig? Sie denken ich bin einer ihrer aufmerksamen Freaks? Ich gebe mir doch nur Mühe, alles richtig zu machen, weil ich Angst habe, in eine Falle zu tappen, wenn mir ein Fehler unterläuft. Vorhin in dem Auto, als Sie plötzlich bewusstlos wurden, da ist es dann passiert. Ich bin Ihnen voll auf den Leim gegangen.“

Denkst du ich hätte das vorgetäuscht? Mach dich nicht lächerlich“, sagte ich.

Natürlich war es nicht vorgetäuscht, davon rede ich doch gar nicht.“

Ich machte einen Schritt auf ihn zu und verschränkte die Arme. „Wovon redest du dann?“

Er schwieg einen Moment, dann wandte er sich um und sah mich an. „Ich hatte solche Angst um Sie“, sagte er, „ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte, wusste nicht, wie ich Ihnen helfen konnte. Und dann, als Sie wieder zu sich kamen, da war es Ihnen egal.“

Es war mir nicht egal, es hat mich sogar sehr mitgenommen, dass du so aufgebracht warst deswegen.“

Davon rede ich doch gar nicht!“, rief er, plötzlich wieder aufgebrachter. „Ihnen war es egal, dass Sie das Bewusstsein verloren haben. Ihre Krankheit ist Ihnen egal. Für Sie gibt es nur die Arbeit und alles andere interessiert sie gar nicht. Menschen sind Ihnen egal. Sie selbst sind sich egal. Sie haben keine Freunde und Familie, wichtig ist nur, dass alles und jeder für Sie arbeitet. Das ist der Grund, warum Sie sich zu den Untersuchungen schleppen. Sie versuchen sich zu reparieren, um die Kontrolle in der Agentur nicht an jemanden zu verlieren, der besser funktioniert. Aber eigentlich macht es für Sie keinen Unterschied, ob Sie krank sind oder nicht, solange Sie die Kontrolle über Ihre Arbeit nicht verlieren. Sie stellen die Existenz Ihrer Agentur über Ihre eigene.“ Er atmete tief ein und aus und sein Atem zitterte dabei. Er lehnte sich zurück, verschränkte nun ebenfalls die Arme vor der Brust. „Ihr Auto und Ihr Geld haben so lange keine Rolle gespielt, wie ich das getan habe, was sie sagten. Als ich ihre Anweisungen missachtet habe, bekam plötzlich alles eine Bedeutung, aber vorher war es ihnen gleichgültig.“ Er sah mich an und sein Blick hatte sich verändert. Oder kam es mir nur so vor? Mir war, als sei für sein Auge, das keine Farbe hatte und durch das man sein Blut pulsieren sah, meine äußere Hülle ebenfalls transparent und er sah tief in mein Inneres, tiefer selbst als mein eigener Blick reichte. Schweigend sahen wir einander an, ich konnte nicht sagen, wie lange, bis die Türklingel uns aus der Bewegungslosigkeit riss und mich von seinem seltsamen, allwissend zu scheinenden Blick erlöste. Er schien wie ausgewechselt, als er aufstand und die Vermutung äußerte, dass wohl das Taxi für ihn da sei.

Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen für das, was ich gesagt habe“, sagte er. „Es steht mir nicht zu, mir ein Urteil über Sie zu bilden. Ich habe mich nur so erschreckt, dass Sie das Bewusstsein verloren haben und war irritiert, dass Sie sich nicht auch erschreckt haben. Dabei liegt es wohl nur an mir, dass ich das ganze überbewerte, weil ich selbst nur ein einziges Mal ohnmächtig geworden bin und dass ich mich in meinem ganzen Leben noch nie schwächer und elender gefühlt habe, als an jenem Tag. Ich habe von mir auf Sie geschlossen und das tut mir leid. Vielleicht ist eine Ohnmacht wirklich keine große Sache. Dennoch hoffe ich, dass Sie schnellstmöglich etwas essen und zu Kräften kommen.“ Dann formten sich seine Augen zu zwei freundlichen Halbmonden und er verbeugte sich leicht. „Bis morgen, Chef.“

Ich stand noch immer da und war wie betäubt, sodass ich ihn nur kurz verabschiedete und mich für den Fahrdienst bedankte, während ich mich nicht vom Fleck rührte und ihm nachsah, als er das Zimmer verließ und ich schließlich die Haustür ins Schloss fallen hörte.

Ich aß einen Apfel, dann noch einen. Dann kochte ich sogar etwas, obwohl ich nie kochte. War es, weil Yuki von mir erwartete, dass ich etwas aß? Oder war es, weil mein Körper tatsächlich nach all den Dingen verlangte, weil er krank und schwach war und weil meine Lebensführung ihm nicht gerade bei dem Umgang mit der Krankheit half? Warum hatte ich so ein dumpfes Gefühl in der Magengegend? War es Hunger? Oder war es die leise Erkenntnis, dass jemand wie Yuki verstand, wie ich tickte?

Es war wahr und es war kein Geheimnis und dennoch war es befremdlich, dass Yuki es verstanden und so direkt ausgesprochen hatte: Ich lebte für meine Agentur. Und ich machte mir nur Gedanken darum, was aus MAJ werden würde, wenn ich nicht mehr wäre.

Wer um mich trauerte, wen ich zurückließ, darüber dachte ich nicht nach.

Genau genommen gab es niemanden, der mich als Mensch vermissen würde, sollte ich sterben. Ich war für alle, die von Belang waren, immer nur der MAJ-Chef. Doch für wen war ich Yuichi, der Mensch? Ich war es im Grunde ja nicht einmal für mich selbst.

Das Ganze beschäftigte mich mehr, als mir lieb war. Ich rief in der Firma an und erkundigte mich bei Kayama, wie der Tag ohne mich gelaufen war.

Alles in Ordnung.

Scheinbar ging es auch ohne mich.

Nach dem Telefonat wusste ich nicht, was ich als nächstes hätte tun können. Der Abend war bereits angebrochen und die letzten Sonnenstrahlen schienen durch die Fensterfront ins Wohnzimmer. Mir kam ein Gedanke und so ging ich ins Obergeschoss, durchquerte mein Schlafzimmer und suchte nach einer Kiste, die ganz hinten in einer Ecke meines begehbaren Schranks verstaubte. Darin waren jede Menge Fotos von früher. Ich nahm die Kiste mit ins Wohnzimmer und sah mir die Bilder an. Es waren überwiegend Bilder von mir selbst, mal als Kind, mal als Jugendlicher, mal als Erwachsener. Die Bilder zeigten mich allein oder mit unterschiedlichen Weggefährten, die mich während des ein oder anderen Lebensabschnitts begleitet hatten. Auf vielen Kinderbildern war ich mit meiner Mutter, aber auch mit meinen Großeltern zu sehen – sie alle waren längst tot. Mein Großvater war seit ich denken konnte bis zu seinem Tod senil gewesen. Er war wie ein Baby mit Falten und grauen Haaren. Als ich klein war, verstand ich mich gut mit ihm und er spielte oft mit mir, aber als männliche Identifikationsfigur habe ich ihn nie gesehen. Im Kindergarten und in der Schule wurde ich oft gefragt, warum ich keinen Vater hatte. Manche Kinder zogen mich auch damit auf. Als Kind weinte ich deswegen oft. Als Jugendlicher haute ich jedem, der mich deswegen aufzog oder schlecht über meine Mutter sprach, aufs Maul. Überhaupt war meine Mutter der wichtigste Mensch in meinem Leben gewesen. Ich betrachtete einige Bilder, die mich mit ihr zeigten, ganz vertraut Arm in Arm oder formell bei Einschulungen und anderen Feierlichkeiten, aber zwischendurch immer wieder auch beim herumalbern und Grimassen schneiden. In der Kiste gab es auch viele Bilder, die mich mit Hideyoshi, meinem ehemaligen besten Freund zeigten während der vielen Partys, die wir gefeiert hatten. Ich war so unsterblich in ihn verliebt gewesen. Im Nachhinein konnte ich nichts Liebenswürdiges mehr in ihm sehen und fragte mich, wie ich an jemanden wie Hide je mein Herz hatte verlieren können.

Gedankenversunken betrachtete ich weitere Bilder, als das Piepsen meines Handys mich aufschrecken ließ. Das Piepsen verriet, dass ich eine SMS erhalten hatte. Wer mir wohl die Nachricht geschickt hatte? War es vielleicht Yuki, der sich vergewissern wollte, dass ich auch ja etwas gegessen hatte? Ich stand auf und ging erwartungsvoll zum Sideboard herüber, wo ich neben dem Festnetztelefon auch mein Handy abgelegt hatte und sah gleich nach.

Es war eine Reklame von meinem Netzbetreiber, der mit einem neuen Tarif warb.

Niemand schrieb mir eine SMS, um sich zu vergewissern, dass es mir gut ging.

One Comment

  1. mjeera

    Dieses Kapitel ist eng mit dem vorherigen verbunden (was daran liegt, dass ich den Plot des 2. Teils erst nachträglich in Kapitel eingeteilt habe). Ich hoffe, auch wenn das letzte Kapitel schon etwas zurückliegt, kommt man noch gut mit.

    Lol, ja Yuki war offenbar so durch den Wind, dass er nicht mal den Notruf wählen konnte. Und dann wird er auch noch frech. Und dann wird er auch noch anmaßend. Tja. Mal sehen, ob er sich mit seinem Verhalten nicht auf lange Sicht ins eigene Fleisch geschnitten hat…
    Auf jeden Fall hat es Spaß gemacht, Yuki etwas aus sich heraus kommen zu lassen. In diesem Kapitel hat er schon etwas mehr Ähnlichkeit mit dem Yuki, wie man ihn im Doujinshi kennt.

    Jetzt lernt man auch langsam Yuichi etwas besser kennen und nach anfänglichen Schwierigkeiten, seine Gedanken auszudrücken, habe ich mich langsam daran gewöhnt und Spaß daran gefunden, aus seinem POV zu schreiben. Und das Kapitelende bringt jedes Mal, wenn ich es noch mal lese, mein Herz ein bisschen zum brechen ;_;

    Btw, der alte Macho denkt pro Kapitel mindestens ein Mal über Sex nach oder redet darüber (das unterzubringen hat langsam was von Bingo…). Ich bin zwar eine erwachsene, verheiratete Frau, aber wann auch immer ich Yuichi sein Lieblingsthema (neben der psychischen Verbiegung seltsamer Menschen) unterbringen lasse, erröte ich innerlich ein bisschen.

    Anfang nächsten Monats gibt es das nächste Kapitel – hoffentlich bis dahin!

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