Schneespuren 2.5

Teil 2: Die kaputte Menschmaschine

5. Die finsterste Stunde der Nacht

 

Angespannt lauschte ich in die Stille hinein, bis schließlich der Freiton erklang: Ich wurde verbunden. Yukis Handy war zumindest nicht ausgeschaltet. Ich ließ lange klingeln ohne, dass sich etwas tat. Er schlief wohl tief und fest und hatte seinen Klingelton vermutlich auf lautlos umgestellt. Gerade, als ich aufgeben wollte, nahm er ab.

„Hallo?“, seufzte er verschlafen.

„Kesshou, es tut mir leid, so spät noch zu stören, aber–“

Er unterbrach mich, als er scheinbar erst nun realisierte, wer ihn angerufen hatte.

„Herr Hosokawa, sind Sie das? Wie spät ist es? Ist etwas passiert?“

Ich sagte ihm, dass ich angegriffen und dabei verletzt worden war. Er hörte zu, sagte dann, dass ich mich beruhigen sollte; es gelang mir wohl nicht, zu verbergen, dass ich aufgelöst war. Er fragte, ob ich einen Krankenwagen oder die Polizei gerufen hätte. Ich verneinte. So schlimm war es schließlich nicht. Plötzlich fühlte ich mich wieder, als wäre mein Handeln der Situation gegenüber unangemessen. Übertrieb ich? War das, was passiert ist, so dramatisch? Warum zur Hölle hatte ich Yuki wachgeklingelt, anstatt einfach ein Taxi zu rufen?

Ich sollte zusehen, das Gespräch so schnell wie möglich wieder zu beenden und ihn weiterschlafen lassen.

„Ich werde ein Taxi rufen und morgen mal nach meinem Bein sehen lassen“, sagte ich. „Sofern der Wagen nicht abgeschleppt wird, könntest du ihn morgen abholen?“

Er schwieg einen Moment und als er weitersprach, klang er plötzlich ungewohnt entschlossen.

„Herr Hosokawa, wenn Sie mir sagen, wie ich am schnellsten zu Ihnen fahre, komme ich vorbei. Ich bringe Sie ins Krankenhaus und anschließend nach Hause, in Ordnung?“

Ich beteuerte, okay zu sein und dass ich ein Taxi nehmen würde, doch ich spürte, wie bescheuert ich klingen musste: Ich hatte ihn ja nicht mitten in der Nacht angerufen, nur um ihm zu erzählen, dass ich mir ein Taxi nehmen wollte und dass er morgen meinen Wagen holen sollte. Das war auch Yuki klar. Ich hatte ihn angerufen, weil ich hoffte, dass er kam. Das einzige, was ich tun musste, war es zuzugeben. Also atmete ich tief durch, sammelte mich und sagte: „Eigentlich wäre es mir lieber, wenn du mich abholst. Es tut mir leid, dir so spät noch deine Zeit zu rauben, ich zahle das doppelte und dreifache deines Gehalts.“

„Machen Sie sich keine Gedanken. Ich komme vorbei“, erwiderte er zu meiner Erleichterung und klang plötzlich überraschend lebhaft. „Wenn Sie es schaffen, sich zu Ihrem Wagen zu bewegen, tun Sie das bitte. Im Wagen sind Sie sicherer als draußen, außerdem ist es kalt. Ich beeile mich, bis gleich.“

 

Mit neuer Kraft robbte ich mich zu meinem Wagen. Ich hatte noch immer Schmerzen, doch nun hielt ich sie aus, als wären sie nicht da, denn ich wollte auf keinen Fall erbärmlich auf dem Asphalt liegen, wenn Yuki kam. Ich erinnerte mich noch immer mit Widerwillen daran, wie er mich nach meiner Untersuchung neulich gestützt hatte. Ich konnte sehr gut darauf verzichten, mich je noch einmal so gebrechlich zu fühlen. Es nicht aus eigenen Stücken zu meinem Wagen zu schaffen, war also keine Option. Erst zu spät realisierte ich, dass ich auf die Fahrerseite gekrochen war, obwohl ich gar nicht fahren würde. Also schloss ich das Auto auf. Kletterte ins Wageninnere. Schloss die Tür, verriegelte sie. Unter Schmerzen versuchte ich, auf den Beifahrersitz zu klettern und das schnellstmöglich, bevor Yuki kam und mich so sah. Als es mir gelungen war, atmete ich tief durch, und schloss entkräftet die Augen. Ich musste kurz eingenickt sein, denn als ich plötzlich ein dumpfes Klopfen vernahm, fuhr ich zusammen und riss die Augen auf. Eine dunkle Gestalt mit durch einen Mundschutz vermummtem Gesicht klopfte gegen das Beifahrerfenster. Yuki! Ich versuchte, die Tür zu öffnen und vergaß einen Moment, dass ich sie verschlossen hatte. Also entriegelte ich sie, öffnete sie schließlich.

„Kesshou!“, sagte ich noch, bevor meine Stimme wegbrach und ich plötzlich von meiner Erleichterung überwältigt wurde. Ich war machtlos dagegen, plötzlich in Tränen auszubrechen wie ein kleines Kind. Er hockte sich nieder und legte die Hand auf meine Schulter.

„Ist schon gut, es ist vorbei.“ Seine Stimme klang sanft. Ich spürte die Wärme, die von seiner Hand auf meiner Schulter ausging. Meine Schmerzen waren in diesem Augenblick wie weggeblasen.

Wann hatte man mich überhaupt das letzte Mal getröstet? Es war damals Hide, mein bester Freund, der mich tröstete, als meine Mutter gestorben war. Seither hatte ich alles darangesetzt, Trost gar nicht erst nötig zu haben. Niemand sollte sehen, wenn ich in Not war, niemand durfte mir zu nah kommen. Bloß so konnte ich diese zwischenmenschlichen Beziehungen meiden, von denen ich einst so abhängig war, dass ich in eine schwarze, kalte Finsternis gestürzt bin, nachdem sie als Kernstücke meines mentalen Wohlbefindens plötzlich weggebrochen sind. Doch nun war ich krank und verletzt und verzweifelt und der Junge, den ich für die Arbeit verbiegen wollte, schien der einzige zu sein, dem ich als das bedürftige Häufchen Elend, das ich war, gegenübertreten konnte, ohne größeren Schaden anzurichten. War ich deswegen sicher, dass er unschädlich war, weil ich zu wissen glaubte, dass er niemandem Genaueres über dieses Zusammentreffen sagen würde? Doch wie konnte ich da überhaupt so sicher sein?

Als ich mich nach einer Weile wieder beruhigt hatte, richtete er sich auf.

„Ich bin so schnell wie möglich hergekommen, der Taxifahrer war ganz schön genervt von meinem ständigen Gedrängel.“

„Um den Mundschutz anzuziehen hattest du aber noch Zeit“, sagte ich. Er zupfte daran und seine Augen formten sich zu Halbmonden – ein brauner und ein roter, als lächle er.

„Der war noch in der Manteltasche.“ Dann wurde er wieder ernst und fragte, wo ich Schmerzen hatte. Ich sagte ihm, dass mein Bein in Mitleidenschaft gezogen worden war.

„Okay, verlieren wir besser keine Zeit, ich fahre Sie direkt zum Krankenhaus – sofern Sie mich dorthin lotsen.“

„Nur, wenn du auch brav tust was ich sage, regelmäßig schaltest und nicht wie beim letzten Mal wieder einfach sinnlos vor dich hin bremst.“

Die ungleichen Halbmonde verrieten, dass er wieder lächelte, dann stand er auf und ging um den Wagen herum, stieg ein und richtete Sitz und Spiegel auf sich aus.

 

Yuki fuhr dieses Mal viel sicherer und routinierter als beim ersten Mal und wir erreichten das Krankenhaus ohne Zwischenfälle. Da ich nicht auftreten konnte, ging Yuki, als wir in der Tiefgarage des Krankenhauses ankamen, voran und arrangierte einen Rollstuhl. Ich schaffte es soweit ohne Hilfe von dem Beifahrersitz in den Rollstuhl, zum Glück hatte ja nur eines meiner Beine größeren Schaden genommen. Von der Anmeldung wurde ich direkt in die Ambulanz geschickt. Dort befand sich ein großer Wartebereich, der wie ausgestorben war. Im Vergleich mit dem Flur und anderen Arealen des Krankenhauses wirkte dieser Bereich weniger hell. Vielleicht verwendete man dort andere Glühbirnen oder es lag lediglich daran, dass es keine Fenster gab, sodass der Raum selbst in der Nacht eine beklemmende Trostlosigkeit ausstrahlte. Die Tatsache, dass die Wände einen neuen Anstrich nötig gehabt hätten und dass einige Stühle verrückt worden waren, trug sein Übriges zu der seltsamen, verlassenen Atmosphäre bei. Yuki nahm auf einem der Stühle Platz, ich positionierte mich mit dem Rollstuhl vor dem Stuhl daneben.

„Es scheint, als seien Sie der nächste“, bemerkte er im Anbetracht der Tatsache, dass wir allein warteten und schien ein Gähnen zu unterdrücken. Ich brummte zur Bejahung seiner Vermutung lediglich. Wir wurden scheinbar beide von einer plötzlichen Müdigkeit gepackt, die sich womöglich in diesem Raum wie von selbst einstellte. Wir saßen eine Weile schweigend da. Hin und wieder passierten Ärzte oder Pfleger den Flur vor dem Wartebereich, um die Ambulanz zu betreten oder zu verlassen. Sonst blieb es still. Yuki veränderte seine Sitzposition, als richtete er sich auf einen längeren Aufenthalt ein. Er verschränkte die Arme und streckte die Beine aus, schlug sie übereinander. Ich beobachtete ihn und mir fiel auf, dass ich ihn zum ersten Mal seit unserer ersten Begegnung in etwas Anderem außer Businesskleidung sah. Die Anzüge, die er bei der Arbeit trug, waren zwar offenbar alle neu, aber vom Schnitt her altmodisch und weiter ausgestellt, sodass sie fast aus Kayamas Kleiderschrank hätten stammen können. Seinen Beinen verlieh die Jeans, die er nun trug, mehr Kontur als die Anzughosen, in denen ich ihn sonst sah. Ich bemerkte zum ersten Mal seit unserer ersten Begegnung, wie lang sie waren.

„Wie groß bist du eigentlich?“, fragte ich.

„Ich weiß es nicht genau, knapp über eins achtzig, glaube ich“, antwortete er.

„Ist dir klar, dass ich nach unserer ersten Begegnung einen Moment lang überlegt habe, ob du zum Modeln taugst?“

Er sah mich einen kurzen Augenblick an, wandte dann jedoch wieder den Blick ab und ließ die Augen hin und her huschen.

„Warum?“, fragte er.

Warum?“, äffte ich ihn nach, „Na, weil du interessant aussiehst und nicht das erste Model in deiner Familie wärest. Da liegt die Überlegung doch nahe, dass auch du dazu geeignet sein könntest.“

„Ich dachte, man müsse besonders gut aussehen, um zu modeln. Mir war nicht bewusst, dass es reicht, bloß seltsam auszusehen.“

„Tut es auch nicht“, sagte ich und erinnerte mich daran, dass ich nach unserer ersten Begegnung in Ainis Büro darüber nachdachte, ob Yuki Kesshou schön war oder nicht. Ich hatte noch immer keine Antwort auf diese Frage. Ich behielt den Gedanken für mich. „Du hast keine Ahnung von der Branche“, sagte ich stattdessen.

Er sah auf seine Fußspitzen. „Das stimmt“, sagte er und beließ es dabei. Je länger wir schweigend dasaßen, desto weiter schienen seine und meine Gedanken abzudriften. Mir kam wieder in den Sinn, dass er vor seiner Schwester neulich die Befürchtung geäußert hatte, ich könnte ihn bald entlassen. Seine Sorge hatte ich zum Anlass genommen, ihm durch eine künstlich geschaffene Distanz zwischen uns das Gefühl zu geben, er könnte damit richtigliegen, um ihn, von dem Gedanken hoffentlich bald zermürbt, am Ende zu meinen Zwecken verbiegen zu können. Ob er oft darüber nachdachte? Ob er Selbstzweifel deswegen hegte? Ich wusste es nicht. Doch eines wusste ich: Obwohl ich diese Gefühle in ihm provoziert hatte, war er nun hier. Scheinbar ohne zu zögern war er mitten in der Nacht gekommen, als ich in Not war. Er war der einzige Mensch, den ich hätte rufen können, denn er war der Einzige, der wusste, dass ich niemanden sonst hatte. Er hatte mir Trost gespendet, während das Einzige, was ich ihm in letzter Zeit beschert hatte, das Gefühl von Ungewissheit und Sorge war. In dem merkwürdigen, trostlosen Wartebereich der Ambulanz fühlte ich mich plötzlich, als wären er und ich die einzigen Menschen auf dieser Station, in diesem Krankenhaus, dieser Stadt, auf dieser Welt. Vielleicht waren wir auch gar nicht auf der Erde, sondern irgendwo zwischen Raum und Zeit gefangen. Vielleicht waren wir beide zwei Wanderer auf dem Mond, die einander in dieser finstersten Stunde der Nacht auf der dunklen Seite des Mondes begegnet sind.

In diesem Moment, in dem es nur ihn und mich zu geben schien, entschied ich, dass ich keine Spielchen mehr mit ihm spielen wollte.

„Kesshou, mach dir keine Gedanken. Du wirst die Modebranche noch früh genug kennenlernen, wenn du ein bisschen länger mit dabei bist. Ich werde dir jede Menge erklären und dir viele bedeutende Persönlichkeiten vorstellen“, sagte ich.

„Ist das so?“, fragte er etwas zögerlich und hielt den Blick stoisch auf seine Füße gerichtet. „Ich fürchte, mir ist nicht klar, wozu Sie sich diese Mühe machen sollten. Ich hatte den Eindruck, dass mein Aufgabenfeld sehr begrenzt ist und Sie eher pro forma jemanden eingestellt haben. Ich weiß nicht, wozu ich beim Kaffeemachen und Postsortieren bedeutende Persönlichkeiten der Modebranche kennen sollte.“

„Deine Aufgaben waren bisher sehr beschränkt, das stimmt“, sagte ich, „aber das lag daran, dass ich nicht verstanden habe, was es bedeutet, einen Assistenten zu haben. Oder vielmehr habe ich vorher nicht eingesehen, dass ich jemanden brauchen könnte, der mir hilft.“

„Und das hat sich jetzt plötzlich geändert?“, fragte er erneut zögerlich.

Ich bejahte und lächelte. „Ich werde deine Aufgaben noch einmal überdenken – was nicht bedeuten soll, dass du mich von nun an häufiger mitten in der Nacht herumchauffieren musst. Danke noch mal, dass du mir heute Nacht hilfst. Ich war einen Moment lang nicht in der Lage, mir selbst zu helfen.“

„Ich freue mich, wenn ich irgendwie nützlich sein konnte“, sagte er und Erleichterung schwang in seiner Stimme mit – oder es kam mir nur so vor.

Im nächsten Moment wandten wir beide den Blick zum Flur, wo ein Pfleger erschienen war, der mir mitteilte, dass ich nun dran sei.

„Ich hoffe, das dauert nicht lange“, sagte ich und setzte mich mit dem Rollstuhl in Bewegung.

„Bis später, Chef. Ich rühre mich nicht von der Stelle.“

 

Es stellte sich heraus, dass meine Einschätzung der Situation nicht ganz korrekt war: Die meisten Wunden und Verletzungen waren zwar lediglich oberflächlicher Natur, doch hatte mein Kopf wohl auch etwas abbekommen. Ich wurde ins CT geschoben (Hurra, endlich wieder ein Hirn-CT, hatte seit letztem Monat keins mehr), um schwerere Verletzungen auszuschließen. Es blieb aber zum Glück bei der Diagnose Gehirnerschütterung. Zu meiner Verwunderung gab es keine Hinweise darauf, dass die Verletzung meines Beines schwerwiegend war, auf den Röntgenbildern ließ sich nichts Auffälliges erkennen. Ich würde eine Woche auf Krücken gehen, um das Bein nicht zu belasten und anschließend noch einmal zur Kontrolle kommen müssen. Wegen der Gehirnerschütterung wollte man mich über Nacht im Krankenhaus behalten, um möglicherweise doch noch auftretende Probleme (Stichwort Krebs und völlige Ahnungslosigkeit über den Primärtumor auf Seiten der Ärzte) sogleich angehen zu können. Ich fragte die Ärzte, welche Nacht sie bloß meinten, da es nach all den Untersuchungen mittlerweile auf die frühen Morgenstunden zuging. Ich unterschrieb meine Entlassungspapiere und machte mich auf Krücken auf den Weg zurück in den Wartebereich.

Dort saß Yuki in sich zusammengesunken auf dem Stuhl, auf dem er zuvor bereits gesessen hatte, und schlief. Ich klopfte ihm mit einer der Krücken gegen eines seiner langen Beine, um ihn zu wecken. Er richtete sich auf, sah mich an, dann bemerkte er die Krücken.

„Oh, das sieht nicht gut aus“, sagte er.

„Heul nicht gleich, ich habe nichts Dramatisches. Komm, es ist schon spät, es wird Zeit, dass du wieder ins Bett kommst.“

 

Um kurz vor vier erreichten wir mein Haus. Wir waren beide sehr müde. Wie neulich, als er mich nach der Untersuchung nach Hause gebracht hatte, nahm er auch nun sein Handy hervor und fragte, ob es mir etwas ausmachte, wenn er ein Taxi rief.

„Lass gut sein, ich rufe dir eins. Du weißt vermutlich immer noch nicht, wie die Straße heißt, in die du es bestellen musst“, sagte ich und schleppte mich zum Sideboard herüber, hielt dann jedoch inne und drehte mich um, als mir plötzlich eine andere Idee kam.

„Du kannst aber auch das Gästezimmer nehmen. Auf das Taxi warten und dann erst noch zurückfahren nimmt viel Zeit in Anspruch. Dabei solltest du so schnell wie möglich wieder schlafen.“

„Ich würde das gern bestreiten, aber wenn ich morgen früh rechtzeitig zur Arbeit erscheinen soll, gebe ich Ihnen recht.“

„Als ob du morgen arbeiten musst“, zischte ich. „Mir ist es wichtig, dass du dir den Schlaf nimmst, den ich dir geraubt habe.“ Ich dachte erneut daran, dass ich mir außerdem eine angemessene Entschädigung für seinen Aufwand einfallen lassen musste.

„Chef, ich kann morgen doch nicht einfach-“

„Ich als dein Chef sage, dass du morgen frei hast und Punkt.“

Er hob die Schultern und meinte, wenn er ausschlafen dürfe, könnte er ebenso gut ein Taxi nehmen und zurückfahren.

„Allerdings“, sagte er dann „nehme ich trotzdem das Angebot mit dem Gästezimmer an – aber nur damit Sie nicht so höflich sein müssen, mit mir gemeinsam auf ein Taxi zu warten, sondern direkt ins Bett gehen und sich ausruhen. Ich schätze, Sie hatten eine anstrengendere Nacht als ich“ Er wich meinem Blick aus und kratzte sich am Hinterkopf. „Außerdem könnte das Frühstückmachen auf Krücken ein wenig schwierig werden und ich fürchte, Sie würden es daher bequemerweise ausfallen lassen.“

 

Ich schlief unruhig, aber ich schlief immerhin. Als ich am Morgen erwachte, verrieten die Sonnenstrahlen, die durch die Jalousien schlitzförmige Muster an die Schlafzimmerwand warfen, dass es ein schöner Tag werden würde. Dennoch kam es mir vor wie ein Regentag, als ich beim Aufstehen plötzlich wieder die Schmerzen in meinem Körper verspürte. Mit der Erinnerung an den Angriff kam auch die Erinnerung daran, dass Yuki mir geholfen hatte. Mir fiel wieder ein, dass ich ihm angeboten hatte, im Gästezimmer zu übernachten. Ob er schon wach und auf den Beinen war? Ich zog meinen Morgenmantel über und verließ auf Krücken das Schlafzimmer.

Im Flur wurde ich von einem aromatischen Kaffeeduft begrüßt, der das ganze Haus zu erfüllen schien. Ich folgte dem Duft zu seiner Quelle ins Erdgeschoss, was auf Krücken gar nicht so leicht war. In der Küche fand ich schließlich Yuki vor, der soeben mit Frühstückmachen beschäftigt war.

„Ich hoffe, ich habe Sie nicht geweckt?“, fragte er, was ich verneinte. „Ihr Frühstück ist gleich fertig.“

„Du machst nur für eine Person Frühstück, isst du denn nichts?“, fragte ich und nahm am Tisch Platz.

„Nein, ich werde sofort wieder zurück zu Ainis Wohnung fahren“, sagte er und seine Augen lächelten. „Ich muss dringend duschen.“

„Das kannst du auch hier erledigen.“

„Ich brauche außerdem eine Zahnbürste und frische Wäsche. Ich will Ihnen auch gar nicht länger Umstände machen.“ Er stellte den Kaffee auf den Tisch und einen Teller mit Marmeladentoasts dazu. Ich konnte mich bei bestem Willen nicht erinnern, je Marmelade gekauft zu haben, vermutlich stand das Glas also jahrelang vergessen in einem Schrank, bevor Yuki es auf der Suche nach etwas Essbarem schließlich entdeckte. Er fragte, ob es mir etwas ausmachte, wenn er nun ein Taxi rief. Ich verneinte und nannte ihm die Adresse meines Hauses. Er zückte sein Handy und sprach kurz mit dem Taxiunternehmen.

„Ich werde schon mal vor die Tür gehen, dann können Sie in Ruhe frühstücken“, sagte er. Ich zögerte einen Moment, dann nickte ich. Ich ließ ihn gehen, auch wenn ich natürlich bei der Gewissheit, dass er mindestens zehn Minuten vor dem Haus stand, ganz und gar nicht meine Ruhe hatte. Doch plötzlich kam es mir vor, als hätte ich in der letzten Nacht zu viel von ihm verlangt. Ich konnte es nicht mehr ungeschehen machen, ihn mitten in der Nacht gerufen und dann dazu gedrängt zu haben, das Gästezimmer zu nehmen, aber ich konnte versuchen, ihn nicht länger unnötig aufzuhalten. Nachdem er sich verabschiedet hatte und gegangen war, sah ich auf den Tisch vor mir herunter. Der Kaffee und die Toasts, die Yuki zubereitet hatte, waren das erste mehr oder weniger ordentliche Frühstück, das ich seit langem hatte – und das erste, das seit Jahren überhaupt dort an dem Esstisch meines Hauses aufgetischt worden war.

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