Schneespuren 3.1

Teil 3 Vor den goldenen Hallen

 

„Ich verlor mich in einer Welt des Glanzes und des Scheins – und fand mich darin schließlich selbst.“

 

 

1 Der Bazar der Wahrheiten

 

Das Klingeln meines Handys riss mich aus dem Schlaf. Ich richtete mich im Bett auf und nahm den Anruf entgegen. Ainis Stimme erklang durch das Telefon und fragte, wo ich steckte. Erst da realisierte ich, dass ich nicht auf ihrer Couch lag, sondern in einem fremden Bett; genauer gesagt im Gästebett meines Chefs. Ich erklärte knapp, dass Hosokawa mich noch angerufen hatte. Daraufhin schwieg Aini einen Moment.

„Muss ich mir Sorgen um dich machen?“, fragte sie.

„Nein, natürlich nicht“, entgegnete ich, verwundert darüber, dass sie nach mir fragte und nicht nach Hosokawa.

Nach dem Telefonat saß ich noch einen Moment auf der Bettkannte und ließ den letzten Abend revuepassieren.

 

Hosokawa hatte mich nachts angerufen, weil er angegriffen worden war. Bloß wenige Stunden zuvor hatte ich Aini mein Leid geklagt, da ich glaubte, ich sei unserem Chef gar keine Hilfe. Wie dumm ich mir deswegen nun vorkam. Mich bei meiner Schwester wegen irgendwelcher unberechtigter Befürchtungen ausheulen war eigentlich das letzte, was ich wollte. Doch anstatt mich zu beherrschen, war ich sogar in Tränen ausgebrochen. Meine Schwester sagte, ich sollte versuchen, mich erst um mich selbst zu kümmern, um auch anderen Menschen helfen zu können. Und dann sprach Aini den Abend von damals an, als sie mir von ihrem Sohn Aori erzählt hatte. Aus ihrem Mund klang es, als hätte einzig ich Schuld daran, dass das Gespräch uns lange entzweit hatte. Ich war zwar zu der gleichen Erkenntnis gelangt, dass die Schuld bei mir lag, weil ich sie nicht verstanden hatte. Doch es beschämte mich, dass sie das Gleiche zu glauben schien. Vielleicht hatte sie recht, wenn sie sagte, der Wille zu helfen ist wertlos, wenn man nicht auch die Fähigkeit zu helfen in sich trägt. Trug ich diese Fähigkeit mittlerweile in mir? Wohl eher nicht. Vielleicht stimmte es, dass ich erst zusehen sollte, besser und stärker zu werden, bevor ich auch nur glauben konnte, ich könnte irgendjemandem mit gutem Willen allein einen Nutzen bringen.

 

Wenige Stunden nach unserem Gespräch kam der Anruf von Hosokawa. Und anstatt zunächst Sorge oder Mitleid für seinen Zustand zu empfinden, war das erste Gefühl, das mich durchfuhr, Erleichterung. Scheinbar hatte er sich an mich gewandt, weil ich ihm helfen sollte. Vielleicht hatte Aini am Ende doch unrecht und ich war bereits als der, der ich war, in irgendeiner Weise nützlich.

 

Ich faltete die benutzte Bettwäsche und legte sie auf die Matratze des Gästebettes. Da ich Hosokawa gesagt hatte, ich würde ihm das Frühstückmachen abnehmen, verließ ich leise das Gästezimmer und schlich durch den Flur des Erdgeschosses auf der Suche nach der Küche. Ich fand sie, nachdem ich zunächst die Tür zu einem lupenrein sauberen, edlen Badezimmer und eine Schiebetür zu einem eleganten Washitsu, einem traditionell japanisch eingerichteten Zimmer, geöffnet hatte. Die Küche war modern ausgestattet und hell und auf den Arbeitsplatten befand sich nichts außer einer angebrochenen Flasche Wasser und einem Film mittelgroßer, weißer Tabletten, von denen einige wenige fehlten. Auf einem kleinen Esstisch, der vermuten ließ, dass es ein weiteres Esszimmer mit einem größeren Tisch gab, stand eine Schale mit Äpfeln. Im ganzen Haus war es still, nicht einmal das Ticken einer Uhr oder das Surren des Kühlschranks waren zu vernehmen. Wären die Wasserflasche und die Tabletten nicht gewesen, hätte ich mich gefühlt, als befinde ich mich in einem unbewohnten Musterhaus, das man besichtigen konnte, um kostspielige Renovierungs- oder Einrichtungsinspirationen zu erhalten.

Ich machte mich auf die Suche nach etwas Essbarem für das Frühstück. Schon bald geriet ich in Panik, da Hosokawas Vorräte noch weniger Nahrhaftes boten als Ainis spärlich bestückter Kühlschrank. In einem Schrank fand ich neben einer Großpackung Instantnudeln immerhin eine Packung Toasts und in dem hintersten Winkel eines weiteren Schranks ein angestaubtes Marmeladenglas. Nachdem ich die Toasts soweit vorbereitet hatte, machte ich Kaffee. Neben Instantnudelsuppen mangelte es auch daran nicht an Vorräten.

Der Kaffee war fast fertig, da erschien Hosokawa in der Küche. Erst heute sah ich die wahren Auswirkungen des Angriffs, den er durchgestanden hatte. Sein Gesicht zierten blaue Flecken und kleinere Wunden. Er machte einen sehr erschöpften Eindruck, der auch daher rühren konnte, dass ich ihn zum ersten Mal ohne seine makellose Businesskleidung und eine teure Uhr am Handgelenk sah. Die Kraft, die diese prestigelastige, neuzeitliche Rüstung ausstrahlte, fehlte seiner Gestalt an diesem Morgen. Auf die Krücken gestützt sah er in seinem Morgenmantel und mit den vom Schlaf noch etwas zerzausten Haaren gar nicht aus wie mein Chef. Wären die Wasserflasche und der angebrochene Tablettenfilm auf der Anrichte nicht gewesen, hätte ich geglaubt, dieser Mensch sei ein Eindringling in dieser Kulisse der Perfektion, als gehöre er mit seinem blassen, geschundenen Gesicht und den dunklen Augenrändern nicht dorthin.

Als er mir so gegenübertrat, befiel mich plötzlich ein schlechtes Gewissen, weil ich bei seinem Anruf in der Nacht nicht als erstes Sorge, sondern Erleichterung empfunden hatte. Aini hatte unrecht, ich musste mich nicht mehr um mich selbst kümmern, denn meine Gefühle und Gedanken drehten sich längst nur um mich. In Anwesenheit dieses Mannes, der krank war und von einer Attacke verletzt worden war, hätte ich mich statt um meine Erleichterung darüber, nützlich zu scheinen, einzig auf ihn konzentrieren sollen. Doch stattdessen war ich nur mit mir selbst beschäftigt. Nahezu fluchtartig verließ ich sein Haus, weil ich mich schuldig fühlte für meine Gefühle.

 

Bei Aini daheim legte ich mich gleich wieder schlafen, wurde aber kurz darauf erneut wach, weil die Sonne gnadenlos durch die großen Fenster schien, sodass ich bald schon – ganz wie meine große Schwester auch – eine Sonnenbrille aufsetzte, obwohl ich mich drinnen aufhielt. Ich sah fern und suchte in der Küche nach etwas Essbarem. Als Aini am frühen Abend von der Arbeit heimkam, hatte ich bereits eingekauft und etwas zu essen zubereitet. Beim Essen sprach sie noch einmal an, dass Hosokawa mich nachts angerufen hatte.

„Vergiss nicht, ihm klarzumachen, dass du nur während der Geschäftszeiten sein Assistent bist. Das, was passiert ist, sollte eine Ausnahme bleiben“, sagte sie. Ich versuchte, sie zu beschwichtigen und dachte dabei an Hosokawas müde Augen und sein geschundenes Gesicht und daran, wie fremd er in dieser Gestalt in seinem eigenen hochpolierten Zuhause gewirkt hatte. Er hätte es verdient gehabt, dass ich mich um ihn sorgte anstatt erleichtert zu sein, mit seinem Hilferuf die nötige Bestätigung für meine Nützlichkeit zu bekommen. Ich würde versuchen, mich künftig nicht bloß um mich selbst zu drehen wie ein um sich selbst kreisender Satellit. Und das hieß, dass Hosokawa und seine Agentur fortan die Welt sein würden, die ich umkreiste. Wann auch er mich brauchte, niemals würde ich ihn darauf hinweisen, dass er sich erst zu den Geschäftszeiten wieder an mich wenden dürfe. Was wäre meine Hilfe denn sonst wert? Dort beim Abendessen mit meiner Schwester entschied ich, dass ich für den Menschen, der sich hinter der Fassade des unnahbaren, arbeitswütigen Agenturchefs verbergen musste, alles tun würde, was ihm irgendwie half, mit dem weiter zu machen, was er wollte. Das war die Art, wie ich meinen Job ausführen wollte.

 

Am nächsten Tag machte Kiki vom Empfang ein überraschtes Gesicht, als sie mich sah.

„Guten Morgen Kesshou, ich wusste nicht, dass du heute kommen würdest“, sagte sie. Ich war darüber nun meinerseits verwundert. Was meinte sie? Glaubte sie etwa mit meiner Abwesenheit gestern, ich wäre entlassen worden? Sie sah meinen Augen wohl an, dass ich ratlos war.

„Der Häuptling ist heute nicht da“, erklärte sie, wobei ich vermutete, dass sie unseren Chef meinte. Mir wurde mulmig zumute. Warum war Hosokawa nicht da? Ging es ihm schlechter? Was war los? Erneut las sie meine Gefühlsregungen einzig an meiner Augenpartie ab.

„Er arbeitet heute von zuhause aus“, ergänzte sie.

 

Noch im Aufzug auf dem Weg nach oben in die elfte Etage zückte ich mein Handy, um Hosokawas Nummer aus der Kontaktliste auszuwählen. Ich verließ soeben den Aufzug und wollte den Anruf tätigen, da rief eine Frauenstimme meinen Namen. Ich sah vom Display meines Handys auf und erblickte Aki, die mit energischen Schritten auf mich zueilte.

Sie machte mir Vorwürfe, dass ich gestern, ohne mich abzumelden, der Agentur ferngeblieben war. Ihrer Meinung nach war es unbedingt nötig, Nummern austauschen, sodass ich ihr Bescheid geben könnte, wenn ich wieder einen freien Tag hätte. Sie gab sich, als hätte sie sich Sorgen um mich gemacht.

„Du bist doch noch ein Welpe – wenn du dann plötzlich nicht kommst, mache ich mir Sorgen!“, sagte sie.

Ich wusste nicht, was ich von ihrem Kommentar halten sollte. Machte sie sich über mich lustig? Oder machte sie sich wirklich Sorgen? Ich versuchte, die Gedanken zu verdrängen, und mich stattdessen wieder auf Hosokawa zu konzentrieren, der überraschend nicht ins Büro gekommen war. Ich verabschiedete mich flüchtig von Aki, eilte weiter den Korridor hinunter und betrat schließlich mein Büro.

 

Just in dem Moment, als ich die Tür hinter mir geschlossen hatte, klingelte auch schon plötzlich mein Festnetztelefon. Das Handy, in dem nun Akis Nummer gespeichert und Hosokawas Nummer für einen geplanten Anruf ausgewählt war, legte ich beiseite und sah auf das Display des Festnetztelefons. Eine externe Nummer. Ich nahm den Anruf mit bemüht klarer, fester Stimme entgegen.

„Hier ist die Model Agency Japan. Sie sprechen mit Yuki Kesshou.“

„Vergiss das Atmen beim Reden nicht“, sagte Hosokawas Stimme in ihrem gewohnt lauten, bestimmten Klang.

„Chef! Wie geht es Ihnen?“, fragte ich sogleich. Ich war erleichtert, dass er soweit wohlauf klang.

„Gut, aber meine Optik sagt etwas anderes, deswegen arbeite ich von zuhause und pflege mein Image, indem ich dieses geschundene Gesicht nicht unnötig herumzeige.“

„Dass Sie nicht ins Büro kommen würden, habe ich nicht gewusst“, sagte ich.

„Ich weiß, na und? Komm damit klar“, sagte er bloß knapp, ehe er den Ton zu einer Art Singsang änderte. „Bringst du mir in etwa einer Stunde die Post?“, zwitscherte er.

„Verzeihung? Ich verstehe nicht“, hakte ich zögerlich nach. Hatte ich richtig gehört? Ich sollte durch die halbe Stadt zu ihm fahren, um ihm die Unterlagen aus seinem Postfach zu bringen? Ich sah eine nicht unrealistische Chance darin, dass er mir vorwerfen würde, jeden Auftrag ungeprüft auszuführen, sollte er bis zu meiner Ankunft selbst realisiert haben, dass seine Idee seltsam und umständlich war. Immerhin hatte er einmal gesagt, er möge es, dass ich Aufgaben nicht erledige, sondern erfülle. Und dazu gehörte für mich, mitzudenken, wenn mir etwas seltsam vorkam.  „Nur, dass ich Sie nicht falsch verstehe: Sie möchten, dass ich Ihnen die Post aus der Agentur nach Hause bringe?“, fragte ich.

„Wunderbar, Test bestanden, du bist also nicht taub“, brachte er noch in seinem Singsang hervor, ehe er wieder den Ton änderte. „Ja, Gütiger. Meine Post. Komm her und bring sie mit. Nimm ein Taxi. Streck das Geld vor, das bekommst du später zurück.“

„Und Sie sind sicher, dass ich Ihnen die Unterlagen nicht faxen oder scannen und zumailen soll?“, fragte ich sicherheitshalber erneut nach.

„Verzieh dich mit deinem Fax und deiner dämlichen Mail, soll ich die ganze Scheiße etwa selbst sortieren?“, kläffte Hosokawa daraufhin ungehalten. Ich hatte seine Geduld überstrapaziert. „Also dann, hättest du bitte die Güte, in einer Stunde mit der beschissenen Post vor der Tür zu stehen?“

„In Ordnung, wie Sie möchten. Bis dann, Chef“, brachte ich noch hervor, ehe er ohne ein weiteres Wort auflegte. Dieses Mal war mein Mitdenken also nicht erwünscht gewesen. Ich nahm mir also vor, nichts zu hinterfragen, was auch immer er in Zukunft für ausgefallene Aufträge für mich haben würde.

 

Hosokawa hatte sich wieder beruhigt, als ich eine Stunde später bei ihm zuhause eintraf. Nachdem ich geklingelt hatte, hatte er lange gebraucht, um die Tür zu öffnen, was wohl den Krücken geschuldet war. Er sah noch immer sehr mitgenommen aus und die Verfärbungen der Hämatome und die dunkle Verkrustung seiner Wunden ließen seinen Zustand noch schlechter erscheinen. Dennoch wirkte er energetisch. Heute trug er eine dunkle Anzughose und einen Kashmirpullover, unter dem der Kragen eines Hemdes hervorschaute – leichte Rüstung, wie mir durch den Kopf ging – und wirkte vielleicht schon deswegen energiegeladener als in dem Morgenmantel tags zuvor.

„Komm rein. Die Post kannst du mir geben, ich nehme sie mit ins Arbeitszimmer“, sagte er und wollte die Hand danach ausstrecken, als er bemerkte, dass sein Vorhaben durch die Krücken erschwert werden würde. „Scheiß drauf. Nimm du sie für mich mit. Mir nach.“ Er schleppte sich die Treppe hoch ins Obergeschoss, ich folgte. Gleich die erste Tür auf dem Korridor führte in ein geräumiges, elegant eingerichtetes Arbeitszimmer, von dem aus er heute die Agentur leitete.

„Leg alles da ab“, sagte er und nickte in Richtung des Schreibtischs, auf den er sich selbst langsam zubewegte.

Nachdem ich die Aufforderung befolgt hatte, blieb ich einen Moment bloß so stehen, unsicher, was ich als nächstes tun sollte. War meine Aufgabe nun erledigt und ich sollte zurück in die Agentur fahren? Oder sollte ich bleiben? Hosokawa hatte sich derweil auf den Sessel hinter dem Schreibtisch niedergelassen und sah mich an.

„Was?“, fragte er.

„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“, fragte ich. Er hob die Augenbrauen und legte die Hand ans Ohr, als hätte er mich nicht verstanden. Ich wiederholte zuvor gesagtes.

„Jetzt, wo du fragst: Geh doch mal ins Badezimmer und schrubb das Klo“, sagte Hosokawa und machte sich daran, die Unterlagen, die ich mitgebracht hatte, durchzusehen. Ich glaubte erneut, den Sinn hinter seiner Bitte nicht verstanden zu haben, doch ich wollte um jeden Preis vermeiden, ihn wieder mit meinem Nachhaken zu verärgern. Ich hatte mir vorgenommen, seine Aufträge ohne Hinterfragen zu akzeptieren und wenn es ihm half, dass ich auch solche Aufgaben übernahm, dann würde ich es eben tun. Also schluckte ich meine Unsicherheit herunter und versuchte mit klarer, fester Stimme zu antworten.

„In Ordnung. Meinen Sie das Badezimmer im Erdgeschoss, oder gibt es hier im Obergeschoss ein weiteres?“, fragte ich. Er hielt beim Durchblättern einer Akte inne und sah langsam zu mir auf. Unsere Augen trafen sich. Es fiel mir schwer, seinen Blick zu erwidern, doch ich riss mich zusammen und hielt stand. Als ich die Anspannung kaum noch ertragen konnte, prustete Hosokawa plötzlich los und lachte auf.

„Bist du bescheuert? Das war ein Witz!“, rief er und lachte immer noch. Obwohl seine Augen sich dabei zu zwei Halbmonden formten und sich wie sonst, wenn er lächelte, kleine Falten darum bildeten, blieben sie dennoch wieder einmal ganz kühl. „Wie kannst du glauben, ich könnte das ernst gemeint haben?“

Da war sie wieder, diese Unberechenbarkeit meines Chefs. Jetzt war es wieder falsch, jeden Auftrag – und sei er noch so seltsam – so hinzunehmen, wie er war. Was genau wollte Yuichi Hosokawa von mir? Was genau sollte ich eigentlich tun – wie sollte ich mich verhalten?

„Es war ja auch Ihr Ernst, mich mit der Post durch die halbe Stadt fahren zu lassen“, entgegnete ich stockend, was ihn nur ein weiteres Mal zum Lachen brachte.

„Klar, weil das Teil deines Jobs ist. Und das Klo zu putzen gehört nie und nimmer zu deiner Arbeit dazu.“

Ich zögerte einen Moment, wollte das, was er sagte, einfach so runterschlucken. Doch dann würde ich nichts dazulernen und beim nächsten Hin und Her wieder genauso ratlos vor ihm stehen und nicht wissen, ob mich Lob oder Tadel erwartete. Dabei war es mein Job, nach seinen Wünschen zu agieren. Und ich wollte alles richtigmachen, weil ich ihm helfen wollte, wo ich konnte. Es schien unmöglich zu sein, länger im Dunkeln zu tappen und nicht herauszufinden, was mein Chef eigentlich wollte. Also nahm ich allen Mut zusammen und sprach es einfach aus.

„Soweit ich mich erinnere, hat es bereits zu meinen Aufgaben gezählt, Kaffee und Porzellan in Ihrem Büro zusammenzukehren. Wo genau ziehen Sie also die Grenze? Außerdem habe ich tatsächlich mal in einer Putzkolonne gearbeitet und mit der Reinigung von Sanitäranlagen mein Geld verdient. Vermutlich wussten Sie das nicht, deswegen sage ich es jetzt, denn Ihnen ist vielleicht gar nicht klar, wie wenig ich von dem verstehe, was Sie mir sagen und von mir verlangen. In Ihrer Welt mag es ein Scherz sein, aber in meiner ist so ein Job ein realistisches Szenario. Entschuldigen Sie bitte, wenn ich daher Scherze dieser Art nicht gleich als solche erkenne. Ich weiß noch weniger über Sie, als Sie über mich wissen. Es fällt mir daher leider oftmals schwer, Ihre Denkweise nachzuvollziehen und zu verstehen, wie Sie manche Dinge meinen. Ich hoffe, Sie sind mir wohlgesonnen und sagen mir so deutlich, was Sie von mir wünschen, dass ich es verstehen kann. Ich weiß sonst nicht, wie ich mich nützlich machen kann.“

Während ich das sagte, erlosch das Lächeln auf Hosokawas Gesicht und er wirkte plötzlich ernst.

„Wenn ich dich beleidigt habe, tut es mir leid“, sagte er. „Ich wollte nicht klingen, als mache ich mich über deinen vorherigen Job lustig. Und mit dem Porzellan hast du recht. Das war eine Ausnahme, das lasse ich dich nie wieder machen. Ich wollte dich eben nur etwas aufziehen, weil es keinen Grund gibt, dich wie ein Butler aufzuführen. Wenn es Arbeit gibt, sage ich dir das schon. Das war alles.“

„Ich verstehe“, sagte ich, obwohl ich noch immer nicht ganz verstanden hatte. An meinem ersten Tag hatte er davon gesprochen, dass er jemanden zum Assistenten wollte, der aufmerksam ist und Aufgaben gewissenhaft erfüllt. Was war daraus geworden, wenn er nun doch nur nach einem stupiden Lakaien verlangte? War ihm überhaupt selbst klar, dass er im einen Moment das eine, im nächsten das andere verlangte?

Er saß einen Moment ruhig und regungslos da und sah unbestimmt vor sich hin, dann hob er erneut den Blick und sah mich mit einem Lächeln an.

„Glaubst du mir, wenn ich sage, dass ich auch mal mein Geld in einer Putzkolonne verdient habe? Ich habe nachts Büros geputzt, nicht ausschließlich Klos, aber immerhin: Ich weiß, wie sich so ein Job anfühlt. Alles, was ich habe, habe ich mir mühevoll erarbeitet. Und der Weg dahin war lang.“

Als er das sagte, wusste ich nichts anderes zu tun, als unbeweglich auf der Stelle zu stehen und vor dem Schreibtisch auf den Fußboden zu blicken.  Er, Yuichi Hosokawa, Chef einer der größten Modelagenturen Japans, hatte wie ich mal in einer Putzkolonne gearbeitet? Es fiel mir schwer, mir das vorzustellen. Und warum erzählte er mir das nun plötzlich? Er schien meine Frage zu erahnen, denn ohne, dass ich etwas sagte, fuhr er weiter fort. „Du hast mir etwas über dich erzählt, da dachte ich, es wäre fair, dir auch etwas über mich zu erzählen“, sagte er. „Du hast völlig recht, wenn du sagst, dass ich kaum etwas über dich weiß und umgekehrt. Und vielleicht hast du auch recht, dass du deinen Job nicht vernünftig machen kannst, wenn sich das nicht ändert. Also, lass es uns so machen: Wann auch immer du mir etwas über dich erzählst, werde ich dir etwas über mich verraten. Klingt das für dich fair?“

Ich war überrascht, dass er mir diesen Vorschlag machte. Eigentlich befand er sich als mein Chef in keiner Weise in irgendeiner Bringschuld. Dennoch wollte ich dem Menschen hinter der Fassade des Agenturchefs mit den kalten Augen helfen, dieses Ziel hatte ich mir ja erst am Vorabend gesetzt. Und dazu käme es mir gelegen, wenn ich so etwas mehr über ihn erfahren könnte, um ihn und die Aufträge, die er mir gab, besser einschätzen zu können. Doch wollte ich dieses Wissen jedes Mal mit einer Wahrheit über mich erkaufen?

„Würden Sie die Dinge, die ich sage, gegen mich verwenden?“, fragte ich daher. Er schien von meiner Frage überrascht.

„Das klingt, als gebe es deiner Meinung nach viel Negatives über dich zu sagen.“

„Zumindest gibt es nicht so viel Gutes“, entgegnete ich verlegen.

„Du suchst dir die Dinge, die du sagst, ja selbst aus – so wie eben. Wo ist also das Problem?“, fragte Hosokawa und hob die Schultern. „Aber vielleicht gefällt dir diese Idee auch einfach nicht. Dann lassen wir es. Du musst nichts preisgeben, ich erzähle nichts und nachdem du somit meinen Vorschlag, dir entgegen zu kommen, abgelehnt hast, hörst du jetzt hoffentlich auf, zu heulen und tust brav, was ich sage, okay?“

„Nein, schon gut. Ich akzeptiere den Vorschlag ja. Ich bin einverstanden“, willigte ich doch plötzlich ein. Er hatte recht, dass ich mich nicht beschweren durfte, wo er mir doch die Chance gab, mehr über ihn zu erfahren und ich somit die Probleme, die ich beschrieben hatte, aus der Welt schaffen könnte. Ich hatte mir vorgenommen, mich auf ihn zu konzentrieren. Ich musste diese Chance nutzen.

Nachdem ich eingewilligt hatte, schmunzelte Hosokawa zufrieden, als hätte ich einen Pakt geschlossen, bei dem für ihn mehr heraussprang als für mich.

„Super, dann fange ich direkt mal an“, sagte er und lehnte sich in seinem Schreibtischsessel zurück. „Hier ist ein kleiner Fun-Fact für dich: Ich habe noch nie zuvor einen ganzen Geschäftstag im Home-Office gearbeitet. Nicht zur Arbeit zu gehen wäre mir bisher nie in den Sinn gekommen. Allerdings bin ich zuvor auch noch nicht nachts auf offener Straße überfallen worden, das war also auch neu für mich. Bis ich mich optisch wieder erholt habe, werde ich schweren Herzens ein paar geschäftliche Termine absagen müssen – und ein paar private Gelegenheiten verstreichen lassen, du verstehst, was ich meine.“

„Ich denke schon. Sie reden von Untersuchungen, oder?“, fragte ich, woraufhin er kurz belustigt schnaubte und den Kopf hin und her wiegte.

„Nein, die sollte ich nicht verpassen. Ich rede von Verabredungen zum Sex.“

Er schmunzelte und hob daraufhin erwartungsvoll die Brauen, als müsse ich nun eine Wahrheit über mich erwidern. Und mit seinen pikanten Terminänderungen hatte er ganz schön vorgelegt. Daraufhin konnte ich unmöglich ein beliebiges Statement über meine Lieblingsserie oder mein Lieblingsessen erwidern. Mein Puls beschleunigte sich. Was sollte ich sagen? Ich grübelte, wägte ab und doch fiel mir nichts Geeignetes ein.

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll“, gestand ich schließlich, woraufhin Hosokawa demonstrativ die Augen rollte und sich daranmachte, die Unterlagen auf seinem Schreibtisch wieder aufzulesen und weiter zu arbeiten.

„Auch gut. Dann hau ab und komm später mit der nächsten Ladung Post“, sagte er in einem Ton, der wohl demonstrieren sollte, dass meine Präsenz ab sofort nicht mehr erwünscht war.

Einen Moment blieb ich noch stumm auf der Stelle stehen. Ich musste irgendetwas sagen! Sonst war es vielleicht das erste und letzte Mal, dass ich irgendetwas über Hosokawa herausfinden würde, selbst wenn das, was er gesagt hatte, mir wohl kaum bei der Zusammenarbeit mit ihm helfen würde. Ich musste dennoch mitspielen, sonst war der Tauschhandel vorbei, bevor er begonnen hatte. Doch mir fiel einfach nichts ein. Also gab ich schließlich doch auf, wandte mich langsam ab, ging zur Tür und verabschiedete mich. Als ich soeben die Tür hinter mir schließen wollte, hielt Hosokawa mich auf, indem er meinen Namen sagte. Ich hielt inne und sah zurück zu ihm. Er las unbeirrt in der Akte, die er zur Hand genommen hatte.

„Eine Wahrheit über dich ist: Du bist ein Loser“, sagte er ohne aufzusehen und blätterte um. „Da du nichts über dich zu sagen hast, habe ich hiermit an deiner statt etwas gesagt. Und da du also ein Loser bist und als ein solcher nichts zu verlieren hast, frage ich mich, was dich daran hindert, einfach irgendetwas zu sagen? Bist du so interessant und geheimnisvoll, dass du rein nichts über dich preisgeben kannst?“

„Ich fürchte eher, ich bin nicht interessant genug“, sagte ich leise.

„Wenn es so wäre, wärest du nicht mein persönlicher Assistent. Merk dir das und vergiss es nicht“, sagte er und sah dann doch noch mal auf. Er nahm seine Hand vom Tisch und schien in seine Hosentasche zu greifen. Im nächsten Moment warf er mir etwas zu. Vor Überraschung darüber hatte ich Mühe, es zu fangen, doch im letzten Moment ergriff ich das klimpernde Bündel, das er mir zugeworfen hatte. Sein Autoschlüssel.

„Nimm für die nächsten Fahrten meinen Wagen. Und noch etwas: Wenn du später wiederkommst, habe ich keine Lust, noch mal ins Erdgeschoss zu hinken, um die Tür zu öffnen. Geh mal runter in die Küche, da findest du irgendwo in einer der Schubladen einen Zweitschlüssel für die Haustür. Dann kannst du beim nächsten Mal einfach hochkommen.“

Ich stand noch immer dort in der Tür, seinen Autoschlüssel in der Hand, und konnte nicht glauben, dass er mir sein Auto und den Zweitschlüssel für sein Haus anvertraute. Und das, obwohl ich den von ihm vorgeschlagenen Informationsaustausch soeben völlig vermasselt und er mich einen Loser genannt hatte.

„In Ordnung, vielen Dank. Und bis später, Chef“, sagte ich und machte mich kurz darauf mit seinem Wagen auf den Weg zurück in die Agentur.

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