Schneespuren 3.2

Teil 3 Vor den goldenen Hallen

2 Durch andere Augen

An dem Tag, als Hosokawa mir den Tauschhandel persönlicher Informationen anbot, blieb ich ihm letzten Endes eine Auskunft über mich gänzlich schuldig. Ich schämte mich, nichts über mich preisgegeben zu haben. Dieses Gefühl blockierte mich nur umso mehr, bis ich schweren Herzens den Gedanken, meinen Teil noch einzulösen, aufgab und unsere Vereinbarung den Rest des Tages totschwieg, in der Hoffnung, Hosokawa würde sie vergessen.

 

Am zweiten Tag der Home-Office-Periode bemerkte ich, dass Hosokawa durch die Krücken unmöglich selbst Speisen und Getränke aus der Küche ins Arbeitszimmer tragen konnte. Unter einem Vorwand begab ich mich allein ins Erdgeschoss und überprüfte die mir zugänglichen Bereiche des Hauses auf Anzeichen, dass Hosokawa regelmäßig aß und trank. In der Küche fand ich wie zuvor eine angebrochene Flasche Wasser auf der Anrichte. Der Tablettenfilm von neulich war verschwunden. Außerdem stand auf dem kleinen Esstisch eine halbvolle Kanne mit kaltem Kaffee und eine benutzte Tasse. Der Weg von der Anrichte zum Tisch wies große, bereits eingetrocknete Kaffeeflecken auf, als hätte es Hosokawa große Mühe bereitet, mit Krücken die Kanne zum Tisch zu balancieren. Zwei Äpfel aus der Schale auf dem Tisch waren verschwunden.

Abgesehen davon gab es nirgendwo Geschirr, Verpackungen oder fehlende Vorräte, die darauf schließen ließen, dass Hosokawa mehr als die Äpfel und den Kaffee zu sich genommen hatte. Ich nahm daher an, er sei vermutlich hungrig und durstig. Ich setzte frischen Kaffee auf, bereitete ein Tablett mit diesem sowie einem Glas Wasser vor und balancierte es ins Obergeschoss.

 

Als Hosokawa mich mit dem Tablett ins Arbeitszimmer treten sah, zogen sich seine Brauen zusammen.

„Das kannst du wieder mitnehmen, ich habe nicht danach verlangt“, sagte er knapp. Ich stellte das Tablett dennoch auf dem Schreibtisch ab und nahm die Getränke herunter.

„Ich dachte, da Sie nicht immerzu ins Erdgeschoss gehen möchten, um mir die Tür zu öffnen, würden Sie Ihren Arbeitsplatz ebenso ungern wegen Speisen und Getränken verlassen. Wenn ich mich darin getäuscht habe, nehme ich die Sachen wieder mit.“ Nun, da die Getränke bereits da waren, würde er mein Hilfsangebot vielleicht eher akzeptieren.

Doch ich lag falsch. Scheinbar lehnte er es dadurch nur umso entschiedener ab. Den Stift, den er soeben in der Hand hielt, warf er quer über den Schreibtisch, sodass er irgendwo neben mir auf den Boden aufprallte und weiter in Richtung eines hohen Bücherregals rollte, unter dem er verschwand.

„Wie oft denn noch: Hör endlich auf, dich wie ein Butler aufzuführen!“, zischte er und machte eine Geste, die verdeutlichte, dass ich die Getränke schnellstmöglich abräumen sollte. „Und nimm den Scheiß endlich weg.“

Ich nickte und machte mich daran, zu tun, was er verlangte, da fiel mir der Stift wieder ein. Hastig gestikulierend, dass ich diesen zunächst schnell aufheben würde, wandte ich mich vom Schreibtisch ab und dem Regal zu. Ich ging auf die Knie, beugte meinen Oberkörper vor und senkte den Kopf, bis mein Ohr den kühlen Vinylboden berührte. Die Piercings, die ich ursprünglich getragen hatte, hatte ich an meinem ersten Tag bei MAJ für die Arbeit herausgenommen und seither nicht wiedereingesetzt. Bloß das Lippenpiercing trug ich weiterhin, da ich ohnehin den ganzen Tag den Mundschutz trug und es somit bis auf die kurze Dauer der Mittagspause, die ich entweder allein oder mit meiner Schwester verbrachte, unbemerkt blieb.

Der Boden unter dem Regal war lediglich von einer dünnen Staubschicht bedeckt, als werde der gesamte Boden regelmäßig gereinigt. Ich streckte meinen Arm aus, um in den schmalen Spalt unter dem Regal zu greifen. Es gelang mir nicht, da der Ärmel meines Hemdes an der Regalkante hängen blieb und zu einer unüberwindbaren Beule zusammenraffte, die meinen Arm daran hinderte, tief genug unter das Regal zu reichen. Ich löste den Knopf meines Hemdsärmels, welchen ich bis zum Ellenbogen hochkrempelte. Beim nächsten Versuch gelang es mir, den Stift hervorzuholen. Ich schüttelte ihn kurz, um ihn von Staub zu befreien, bevor ich mich erhob und ihn zum Schreibtisch brachte. Ich legte den Stift dort ab und machte mich daran, die Getränke, an denen Hosokawa sich so gestört hatte, abzuräumen. Mit dem erneut beladenen Tablett entfernte ich mich schweigend. Als ich die Tür beinahe erreicht hatte, sagte Hosokawa in die Stille hinein meinen Namen. Ich drehte mich wieder um, sah ihn an.

„Ich habe meine Meinung geändert. Stell alles hier ab“, sagte er und wies auf die Stelle des Tisches, von der ich die Getränke soeben erst fortgenommen hatte. Einen Moment lang zögerte ich, dann bewegte ich mich wieder auf ihn zu und tat wie aufgefordert.

 

Ich glaubte, langsam verstand ich, warum Hosokawa so sprunghaft dabei war, mein Engagement bei der Arbeit entweder gutzuheißen oder abzulehnen. Ging es etwa um Kontrolle? Meine Idee war offenbar in Ordnung gewesen, doch schien Hosokawa sie dennoch nicht zu passen, wohl bloß deswegen, weil sie nicht von ihm selbst ausgegangen war. Mich wegzuschicken und schließlich zurückzupfeifen drehte den Spieß um; nun gab er wieder die Anweisungen. Ich fragte mich, warum genau er wohl hin und wieder so empfindlich reagierte, wenn ich versuchte, mich nützlich zu machen. War dies einfach einer seiner Wesenszüge – oder war er erst mit der Zeit so geworden?

Als ich die Getränke erneut abgestellt hatte, entfernte ich mich wieder um ein paar Schritte. Mit etwas Sicherheitsabstand versuchte ich erneut mein Glück, meine Arbeit so zu machen, wie ich es mir vorstellte, dieses Mal jedoch diplomatischer.

„Ich würde mich gerne nützlich machen. Also sagen Sie mir bitte, wenn Sie etwas wollen – zum Beispiel etwas zu Essen – und ich werde mich darum kümmern, wenn Sie erlauben.“

„Ich weiß“, sagte Hosokawa und klang zugleich genervt und verständnisvoll. „Ständig willst du dich nützlich machen. Selbst, wenn ich nicht danach verlange. Die Getränke sind im Moment unnötig, aber eventuell werde ich später etwas trinken. Da war dein Einwand schon richtig, ich habe in der Tat keine Lust, auf den dämlichen Krücken ständig nach unten zu gehen. Und wenn man bedenkt, dass Treppen mir bereits in der Vergangenheit Ärger bereitet haben, sollte ich wohl in der Tat etwas vorsichtig sein, wo ich doch gerade körperlich eingeschränkt bin. Dennoch bleibt es dabei: Wenn es Arbeit für dich gibt, werde ich es dir sagen. Hast du das kapiert?“

Ich wunderte mich über seinen Kommentar über die Treppen und bejahte seine Frage, obwohl ich nicht ganz damit einverstanden war.

„Ich denke trotzdem, dass Sie in absehbarer Zeit auch etwas essen sollten“, versuchte ich es ein weiteres Mal.

„Meine Güte, hör endlich auf, dich so aufzuführen“, zischte er.

Es war nicht nur für ihn frustrierend, schon wieder diese Art von Gespräch zu führen. Warum akzeptierte er nicht, dass ich bloß helfen wollte? Er war doch krank und somit wäre es fatal, wenn er seinen Körper durch Dehydrierung und Nahrungsentzug unnötig schwächte. Ich dachte an die Zeit in der Schule, in der ich zum Ende der Mittagspause von meinen Mitschülern abgepasst und systematisch misshandelt wurde, bis ich mich übergeben musste. Um den Schaden dieser Begegnungen zu mindern, hatte ich ganz aufgehört, in der Schule Nahrung zu mir zu nehmen, da ich sie ohnehin nicht mehr bei mir behalten konnte. Ich wusste, wie schwer es war, sich in diesem Zustand auf die Arbeit – in meinem Fall die Schule – zu konzentrieren, ganz zu schweigen davon, dass ich mich mit dem ständigen Hunger tagsüber hundselend gefühlt hatte. Nur zu gern würde ich Hosokawa davor verschonen, sich ähnlich zu fühlen – nicht bloß seinetwegen. Selbst wenn ich mich auf ihn fokussieren wollte, hoffte ich auch für mich selbst, dass ohne Hunger und Durst seine Gemütslage stabiler würde und der Drang, selbst die allerkleinsten Aufgaben zu managen, nachließe. Ich hoffte, er würde dann nicht mehr ablehnend und zornig reagieren, wenn ich ihm nur etwas Gutes tun wollte.

 

Irgendwie muss sich dieser Teufelskreis doch durchbrechen lassen?

 

Es war ein Risiko, doch plötzlich war ich bereit, es zu wagen: Ich entschied mich in jenem Moment für das trostlose Teilkapitel über die Misshandlungen während der Schulzeit als Ware für unseren Informationshandel. Ich trug Hosokawa meinen Bericht vor, den Blick dabei eisern auf den Fußboden vor dem Schreibtisch gerichtet, das leere Tablett hielt ich vor den Körper wie ein Schutzschild. Vielleicht konnte ich ihn mit diesem Stück Information über mich davon überzeugen, dass ich ihm nichts Böses wollte – schon gar nicht, ihm irgendeine Art von Macht und Kontrolle entziehen.

Hosokawa saß unbeweglich und aufrecht da und lauschte meinen Worten. Als ich den Bericht beendete, verfielen wir beide in ein tiefes Schweigen. Wieder trat dort in Hosokawas Haus diese unheimliche Stille ein, bei der nicht einmal eine Uhr oder ein Rauschen des Windes hinter den Fenstern zu vernehmen war.

Bleierne, schwarze Stille.

Und dann:

„Dass dir das widerfahren ist, tut mir sehr leid. Mehr als du womöglich glauben wirst.“ Hosokawa wirkte ganz ernst, als er das sagte. Und es war genau in jenem Augenblick, dass ich zum ersten Mal in seinen sonst so kalten Augen einen Anflug von Wärme zu erkennen glaubte. Als wäre es nicht der Agenturchef Hosokawa, der zu mir sprach, sondern der Mensch, der diese Identität trug wie eine schwer durchdringbare Rüstung.

„Allerdings frage ich mich, ob es nötig war, etwas so erschütternd Persönliches mit mir zu teilen“, setzte er hinterher.

„Ich schuldete Ihnen noch meinen Teil zu unserem Informationsaustausch. Dies war er“, entgegnete ich, verunsichert durch seine bestürzte Reaktion. Vielleicht hätte ich besser eine abgeschwächte Version dessen, was geschehen war, geteilt. Hatte diese Information das Potenzial, irgendetwas zu zerstören, von dem ich nicht wollte, dass es kaputtging? Ich bemerkte, dass der Ärmel meines Hemdes noch hochgekrempelt war von der Rettungsaktion des Stifts. Möglichst unauffällig versuchte ich, ihn wieder herunterzulassen, wozu ich das Tablett unter meinen Arm klemmte.

„Du hast mir gar nichts geschuldet“, sagte Hosokawa. „Das mit dem Informationsaustausch war keine gute Idee, du solltest dich nicht von deinem Chef genötigt sehen, persönliche Informationen zu teilen. Du bist mein Angestellter, es gibt keinen Grund, so offen zu mir zu sein. Und davon abgesehen hast du ja längst den Informationsaustausch erfüllt.“

„Was meinen Sie?“, fragte ich, während ich weiterhin an meinem Hemdsärmel hantierte und an dem Versuch scheiterte, ihn zuzuknöpfen. Den Ellenbogen des beschäftigten Arms presste ich dabei fest gegen meine Rippen, um das Tablett, das ich dazwischen hielt, nicht fallen zu lassen.

„Ich hatte an deiner statt etwas über dich gesagt, schon vergessen? Wobei ich mittlerweile denke, es war nicht sehr nett von mir, dich einen Loser zu nennen. Ich wollte dich damit nur ein bisschen aufstacheln, ernst gemeint war es nicht.“

„Ach das, schon okay“, sagte ich als mir klarwurde, was er meinte.

„Mit dem, was du eben erzählt hast“, sagte Hosokawa, „wolltest du mich dazu bringen, etwas zu essen, nehme ich an?“

„Ich hatte nicht die Absicht, mich in Ihre Angelegenheiten einzumischen und Sie zu bevormunden, falls es so rübergekommen ist“, ruderte ich leise zurück, während ich immer noch mit dem Ellenbogen das Tablett gegen meine Seite presste und mit der Hand an dem Knopf meines anderen Ärmels verzweifelte.

„Gütiger, komm mal her, ich helfe dir mit dem Ärmel“, sagte Hosokawa und winkte mich heran. Wie aufgefordert näherte ich mich ihm, hielt ihm den offenen Ärmel hin. Er machte sich daran, den Knopf zu schließen. Ich beobachtete dabei sein konzentriertes Gesicht, das geradlinige Gestell seiner Brille. Mein Blick wanderte von seiner Brille zu den auf dieser kurzen Distanz gut sichtbaren blauen Flecken und mittlerweile verkrusteten Wunden, die er von dem Angriff davongetragen hatte. Auch er benötigte einen Moment, um den Knopf zu schließen, es gelang ihm nicht auf Anhieb, sodass er irgendwann die Brauen zusammenzog und umso konzentrierter den Knopf zu fixieren schien, an dem er hantierte. Schweigend stand ich neben ihm und nahm in diesem Moment des gegenseitigen Schweigens zum ersten Mal bewusst seinen Atem wahr, der zu meiner Überraschung etwas schwer zu gehen schien, wie etwa nachdem man eine Treppe heraufgeeilt wäre. Hatte er immer schon so schwer geatmet? Oder lag es nur daran, dass er nach dem Angriff etwas geschafft war? Ich konnte es nicht sagen.

Hosokawas Hand tauchte vor meinen Augen auf und schnipste.

„Hey, Kesshou. Aufwachen“, erklang seine Stimme. Irritiert sah ich ihn an, blickte dann auf meinen Ärmel. Er hatte den Knopf bereits für mich geschlossen. Scheinbar war ich einen Moment so tief in Gedanken gewesen, dass ich es nicht bemerkt hatte. Leise bedankte ich mich und entfernte mich wieder.

„Ich habe verstanden, dass du es gut mit mir meinst“, sagte Hosokawa. „Wegen eben tut es mir leid, du hattest gute Absichten, als du mit dem Tablett hergekommen bist und ich habe dich angefahren und sogar einen Stift geworfen. Ich hatte nicht die Absicht, die Nerven zu verlieren, aber hin und wieder passiert mir das in letzter Zeit leider. Ich hoffe, du kannst mir das verzeihen.“

„Es ist ja nicht wirklich etwas passiert“, sagte ich perplex darüber, dass er sich tatsächlich bei mir entschuldigte und presste das Tablett verlegen noch etwas fester gegen meinen Bauch als zuvor.

Hosokawa wirkte einen Moment nachdenklich, dann sah er auf seine goldene Armbanduhr.

„Ich nehme an, du wirst bald deine Mittagspause machen“, sagte er, „wir sehen uns dann also etwas später am Nachmittag, wenn du die nächste Ladung Post vorbeibringst. Und bevor du später wieder damit anfängst: In der Zwischenzeit werde auch ich etwas essen, du hast mein Wort.“

 

***

 

Als ich zurück in die Agentur kam, erkundigte sich Kiki am Empfang bei mir nach Hosokawas Wohlergehen.

„Wo drückt dem Häuptling denn der Schuh, dass er nicht mehr herkommt? Steht es etwa so schlecht um ihn?“, fragte sie mit der ihr so typischen, leicht ironische Art.

Ihren lockeren Ton nahm ich zum Anlass, ihn erwidern zu wollen, indem ich es mit einem Scherz versuchte: „Er meckert wie eh und je, also geht es ihm offenbar soweit gut.“

Sie zog daraufhin kurz die Brauen zusammen und die Nase kraus, ehe sich ihre Gesichtszüge wieder entspannten und sie ihr gewohnt verschmitztes Lächeln aufsetzte.

„Wovon redest du?“

„Nichts, ich habe nur einen Scherz gemacht. Ihm geht es soweit gut, das wollte ich sagen“, ruderte ich zurück und lief hinter meinem Mundschutz hoffentlich unbemerkt rot an. Doch Kiki schien meine Verlegenheit gleich zu bemerken und gönnte mir keinen Frieden. Sie lehnte sich stattdessen neugierig vor und schenkte mir ihr süffisantestes Lächeln.

„Schimpft er etwa viel mit dir und du fühlst dich deswegen schikaniert?“

Ich beteuerte, dass dem nicht so sei, doch ich war wohl nicht sehr überzeugend.

„Kesshou“, sagte sie mit unverändert freundlicher Stimme, „es ist unserem Häuptling gegenüber nicht fair, wenn du dich hinter seinem Rücken über ihn lustig machst. Er schlägt sich wacker und lässt es sich kaum anmerken, aber vergiss bitte nicht, dass er krank ist.“

Ich beteuerte durch das dumpfe Pfeifen hindurch, das plötzlich mein Ohr befiel, dass es nicht meine Absicht war, mich über ihn lustig zu machen. Spätestens jetzt musste ich vollends rot angelaufen sein. Während ich versuchte, Schadensbegrenzung zu betreiben, ärgerte ich mich in Gedanken, dass sie mich falsch verstanden hatte:

 

Ich soll mich nicht hinter seinem Rücken über ihn lustig machen? Das sagt die, die ihm den lächerlichen Spitznamen Häuptling gegeben hat. Nur deswegen habe ich versucht, lustig zu sein – deswegen und weil ich eine ehrliche Antwort vermeiden wollte, denn wenn er ihr nicht selbst erzählt, wie es ihm geht, werde ich bestimmt der letzte sein, der es ihr sagt.

 

Hochrot und noch immer mit einem dumpfen Pfeifton in den Ohren verabschiedete ich mich knapp bei ihr und machte mich mit dem Aufzug auf dem Weg nach oben. Sofern mich jemand weiteres nach Hosokawa fragen sollte, würde ich besser vorbereitet sein.

 

Kiki war in der Tat nicht die Einzige, die sich nach Hosokawa erkundigen wollte. Es hatte sich scheinbar bereits weit herumgesprochen, dass ich der einzige war, der ihn in diesen Tagen sah. Einige Mitarbeiter suchten mich in meinem Büro auf oder kamen auf dem Flur auf mich zu, um genaueres zu erfahren. Ich sagte, dass er einige Termine wahrnehmen und das Hin und Her zur Agentur und zurück zu viel Zeit kosten würde, sodass er zwischen den Terminen von zuhause arbeitete. Ich versuchte es nach dem Gespräch mit Kiki fortan mit einer neutralen Notlüge, über Hosokawas genauen Zustand verlor ich kein Wort. Immerhin war er nur deswegen zuhause, weil er offenbar nicht wollte, dass ihn jemand in seiner derzeitigen Verfassung sah. Da schien es unmöglich, ihnen zu sagen, dass er angegriffen und verletzt worden war. Niemand schien meine Erklärung jedoch für allzu realistisch zu halten, denn sie antworteten meistens auf die gleiche Weise:

 

Deswegen arbeitet er von zuhause? Hosokawa? Aha…

 

Kayama schien Genaueres zu wissen – oder zu erahnen, sicher war ich mir nicht – denn er kam nach der Mittagspause in mein Büro und erkundigte sich mit gedämpfter Stimme sogleich, ob es Hosokawa schon etwas bessergehe.

„Ich habe eben telefonisch selbst mit ihm gesprochen. Scheinbar hat er sich am Bein verletzt und kommt daher einige Tage nicht ins Büro. Der Ärmste, als hätte er mit all seinen Untersuchungen nicht genug zu tun“, sagte Kayama und seufzte. „Wie hat er sich die Verletzung denn zugezogen?“

„Ach das“, stammelte ich, durch die Tatsache, dass Hosokawa ihn soweit in seinen Gesundheitszustand eingeweiht hatte, verunsichert, ob es mir somit gestattet war, ehrlich zu antworten, „das weiß ich um ehrlich zu sein auch nicht.“ Ich entschied, die Attacke unerwähnt zu lassen, da Hosokawa diese Information ebenfalls nicht weitergegeben hatte. „Ich war mir nicht sicher, ob ich die Tatsache, dass er verletzt ist, teilen sollte, daher habe ich vielen anderen Kollegen bereits gesagt, seine Abwesenheit läge an der Vereinbarkeit mit einigen Terminen. Wäre es möglich, dass Sie —“

„Ob ich diese Version der Geschichte übernehmen könnte? Aber selbstverständlich! Niemand arbeitet so eng mit unserem Chef zusammen wie Sie, ich verlassen mich also in diesen Tagen auf Ihr Urteil, welche Informationen bezüglich unseres Chefs zum Teilen vorgesehen sind und welche nicht“, sagte Kayama. Über sein hageres Gesicht huschte ein flüchtiges Lächeln. „Ich bin jedenfalls froh, dass er mit Ihnen einen Assistenten an seiner Seite hat, der ihn tatkräftig unterstützt und dem er offenbar sein Vertrauen entgegenbringt. In der Tiefgarage habe ich seinen Wagen gesehen. Ich nehme an, Sie sind damit hergekommen?“

„Ja, genau. Ich werde ihm weiterhin alle Unterlagen vorbeibringen, dazu darf ich freundlicherweise den Wagen nehmen. Herr Hosokawa ist äußerst zuvorkommend“, sagte ich. Ich hatte meine Lehre aus dem Gespräch mit Kiki bereits gezogen.

„Das ist gut zu wissen, sollte ich etwas an ihn übermitteln wollen, werde ich mich direkt an Sie wenden.“ Mit diesen Worten beendete er das Gespräch, kratze sich kurz verlegen am Hinterkopf, was seine ohnehin recht zerzausten Haare umso durchwühlter aussehen ließ, und verließ dann bald darauf mein Büro.

 

Am frühen Nachmittag ging ich wegen einer Frage in Akis und Kias Büro. Zwar konnte ich auch anrufen, woraufhin meist eine von beiden – manchmal sogar beide zugleich – rüberkamen und mir halfen. Doch sie neigten beide dazu, dann länger in meinem Büro zu bleiben, um zu plaudern und ich wusste nicht, wie ich diese Besuche verkürzen konnte, da ich sonst mit meiner Arbeit in Verzug zu geraten drohte. Daher änderte ich die Strategie und ging persönlich zu ihnen, sodass ich nach ein wenig höflichem Plausch selbst das Gespräch beenden und zurück an die Arbeit gehen konnte. Bevor die beiden Frauen mir mit meinem eigentlichen Anliegen halfen, waren sie auch dieses Mal zunächst zum Plaudern aufgelegt. Anders als die meisten anderen Mitarbeiter fragten sie mich nicht aus, sondern erzählten von ihrem Abend des Vortages – Aki war mit ein paar Freundinnen unterwegs, Kia mit ihrer Schwester im Kino – sowie von ihrem Vormittag. Scheinbar hatte Kia beim Betreten der Agentur einen jungen, männlichen Model-Anwärter getroffen, von dem sie schwärmte. Aki hingegen hatte Probleme, den Toner im Printer zu wechseln und musste Masahiro aus der IT-Abteilung hinzuziehen. Den mochte sie nicht so gern, weil er so oft mit den Augen rollte immer dann, wenn er ihr half. Sie erzählten außerdem, dass sie mich in der Mittagspause allein an einem Tisch gesehen hatten (Aini war für einige Scouting-Termine außer Haus). Sie schlugen vor, dass ich mich in nächster Zeit während der Mittagspause mal zu ihnen und einigen anderen Kolleginnen gesellen könnte. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte. Machten sie sich über mich lustig? Oder meinten sie es ernst? Vielleicht war es aber auch eine Mischung aus beidem, ohne eines von beiden zu sein. Vielleicht waren sie wie die Clique, die ich damals kennengelernt hatte und die mich nur an sich gebunden hatte, um sich mit mir und meiner Aufmerksamkeit erregenden Andersartigkeit zu profilieren. Waren sie solche Frauen? Ich hoffte, dass sie es nicht waren. Sie waren immer freundlich und hilfsbereit mir gegenüber. Und dennoch war da diese Skepsis in mir, die ich nicht abschalten konnte.

Während ich mit Aki und Kia sprach, erhielt ich plötzlich eine SMS auf meinem Mobiltelefon. Ich entschuldigte mich bei den beiden und wandte mich ab, um zu sehen, von wem die Nachricht stammte.

Die Nachricht war von Hosokawa.

Schau in dein E-Mail-Fach, hatte er geschrieben und die Nachricht überflüssigerweise mit CEO unterschrieben. Ich verabschiedete mich von Aki und Kia und eilte zurück in mein Büro, um nachzusehen, was Hosokawa mir geschickt hatte.

 

Als ich mein E-Mail-Programm aufrief, erblickte ich tatsächlich eine Nachricht von ihm, die ich rasch öffnete.

Die E-Mail selbst enthielt lediglich einige Schriftzeichen, die ich bloß als eine Geräuschfolge verstehen konnte, von der ich nicht wusste, was sie bedeuten sollte. Außerdem hatte Hosokawa eine Datei an die E-Mail angehängt, die ich herunterladen musste. Es handelte sich um eine Bilddatei. Aus irgendeinem Grund machte mich dieser Umstand nervös, sodass ich kaum abwarten konnte, bis der Download abgeschlossen war. Als ich schließlich sah, was das Bild beinhaltete, musste ich unweigerlich lachen: Er hatte sich tatsächlich die Mühe gemacht, ein Beweisbild von einem Supermarkt-Bento, einer Lunchbox, zu machen, um mir zu zeigen, dass er tatsächlich aß. Nun verstand ich auch die Schriftzeichen, die er in die E-Mail geschrieben hatte. Es handelte sich dabei tatsächlich um eine Lautfolge, nämlich um die lautmalerische Wiedergabe von Essgeräuschen.

 

Mjam mjam mjam.

 

Noch immer mit einem Lächeln auf dem Gesicht griff ich zum Handy und antwortete auf seine SMS.

 

Vielen Dank für das Bild. Ich hoffe, es hat Ihnen geschmeckt. Es sieht besser aus als mein Mittagessen. Ich hatte das Thunfisch-Sandwich aus der Cafeteria.

 

Ich zögerte kurz, dann setzte ich noch das Kürzel P.A. darunter und schickte die Nachricht kurzerhand ab, bevor ich noch einmal darüber nachdachte, ob es unangebracht wäre, sie meinem Chef zu senden.

Ich saß einige Augenblicke da und sah abwechselnd aufs Handy und auf den Monitor meines Computers, auf dem ich noch immer das E-Mail-Programm offen hatte, und wartete darauf, dass Hosokawa auf meine Nachricht antworten würde. Doch ich erhielt keine Antwort. Schließlich gab ich das Warten auf und widmete mich wieder meiner Arbeit.

 

***

 

Als ich am Nachmittag zurück zu Hosokawas Anwesen kam, bemerkte ich bereits im Vorraum den frischen Zitronenduft. Ich kannte diesen Geruch nur zu gut aus der Zeit, in der ich in einer Putzkolonne gearbeitet hatte. Es war also offenbar jemand gekommen, um das Haus zu reinigen. Als ich im Inbegriff war, die Treppe ins Obergeschoss zu nehmen nachdem ich im Vorraum die Schuhe auszogen hatte, um sie gegen bereitstehende Slipper zu tauschen, hörte ich plötzlich das Geräusch schneller, schlurfender Schritte von Füßen, die Gummisandalen trugen. Kurz nachdem ich sie vernahm, erschien die dazugehörige Person um die Ecke und eilte den Korridor hinunter auf mich zu. Es war eine zierliche Frau mittleren Alters mit Schürze und Gummihandschuhen, die sich auf mich zubewegte. Ihre Erscheinung erinnerte mich ein wenig an die meiner Mutter als sie noch etwas jünger und bei besserer Gesundheit war. Als sich unsere Blicke trafen, blieb sie abrupt stehen. Sie riss die Augen auf und stieß einen Schrei aus, bloß um sich im nächsten Moment verlegen zu verbeugen.

„Entschuldigen Sie bitte, Sie müssen sein Kollege sein. Er hatte erwähnt, dass später jemand kommen würde, aber mir war nicht klar, dass Sie einen Schlüssel haben. Ich bin Fuyuko Kimura, seine Haushälterin. Bitte entschuldigen Sie vielmals mein Verhalten.“

Während Sie atemlos sprach, sah sie stoisch gegen meine Brust, offenbar, um den Blick in mein rotes Auge zu vermeiden, das ihr vermutlich den Schrei entlockt hatte.

Ich stellte mich ebenfalls vor und beteuerte, dass es keinen Grund zur Entschuldigung gab. Kimura lächelte daraufhin dankbar und wagte erneut einen flüchtigen Blick in mein rotes Auge, ehe sie ihn wieder abwandte.

„Als ich Geräusche im Flur hörte, dachte ich, er würde das Haus verlassen und ich wollte nach ihm sehen – aber dann waren Sie es ja“, sagte sie und schüttelte leicht den Kopf, als hätte sie daran etwas auszusetzen gehabt, wenn es sich stattdessen um Hosokawa gehandelt hätte.

„Das Haus verlassen? In seinem Zustand?“, fragte ich, um ihr mit meiner Skepsis darüber beizupflichten. Daraufhin schien sie erleichtert aufzuatmen, als wollte sie, da sie nun wusste, dass ich über Hosokawas derzeitigen Zustand im Bilde war, ebenfalls etwas dazu sagen.

„Ich meine, er kann tun, was er will. Und das tut er ja ohnehin immer. Aber ich habe mich sehr erschrocken, als ich ihn so gesehen habe.“ Sie dämpfte die Stimme, als sie weitersprach. „Ich meine, ich sehe ihn ja sonst leider nur selten, weil er üblicherweise tagsüber nicht zuhause ist. Da hat es mir heute einen Stich versetzt, ihn plötzlich in diesem Zustand zu sehen – und dann auch noch die Wunden und die Krücken – ganz schlimm. Ich war daraufhin richtig froh, dass er mich zuvor gebeten hatte, ihm etwas zu Essen aus dem Convenience Store mitzubringen. Ich hoffe, er kommt schnell wieder zu Kräften.“

Ich war erstaunt, dass sie mit Hosokawas Zustand offenbar nicht in erster Linie die Wunden von dem Angriff meinte. Hatte er sich verändert? Und falls ja, seit wann? Wann hatte Kimura ihren und meinen Chef denn vorher das letzte Mal gesehen? Als ich Hosokawa zum ersten Mal während des Besuchs bei Aini begegnet war, war er genau wie jetzt auch, bloß hatte ich in der Zwischenzeit auch Ärger und Schmerz in seinen Zügen kennengelernt. Und heute Vormittag kam es mir kurz so vor, als atme er etwas schwerer als üblich, doch mittlerweile war ich mir nicht einmal mehr sicher, ob ich diese Beobachtung tatsächlich gemacht oder es mir nur eingebildet hatte. Was auch immer es war, abgesehen davon war er in meinen Augen wie immer. Oder übersah ich irgendetwas, das Kimura wiederum nicht entging? Das vielleicht niemandem entging, der Hosokawa länger kannte, als ich es tat?

 

Als ich nach der Begegnung mit ihr nach oben ging und das Arbeitszimmer betrat, war Hosokawa soeben mitten in einem Telefongespräch. Er hatte der Tür in seinem drehbaren Schreibtischstuhl den Rücken zugewandt, als würde er während er sprach aus einem der großen Fenster in den grauen, eintönigen Himmel sehen. Ich wusste nicht, ob ich dennoch eintreten sollte, doch bevor ich eine Entscheidung hätte treffen müssen, erschien hinter der Rückenlehne des Stuhls Hosokawas Hand, die gestikulierte, dass ich eintreten und mich nähern sollte. Ich schlich an den Schreibtisch und legte die Post ab, während Hosokawa unverändert sitzen blieb und das Telefonat fortsetzte, das geschäftlich-vertraut klang, als handle es sich um ein Gespräch mit einem anderen Mitarbeiter von MAJ. Es hörte sich an, als wäre Gegenstand des Gesprächs ein bevorstehendes Meeting. Da Hosokawa nicht wirkte, als würde er das Gespräch innerhalb der nächsten Zeit unterbrechen und ich nicht wusste, was ich sonst hätte tun sollen, ließ ich mir etwas Zeit dabei, die neuen Unterlagen in den bereits bestehenden Stapel zu sortieren. Ich ließ den Blick über den Schreibtisch wandern und stellte erleichtert fest, dass Kimura die Getränke offenbar nachgefüllt hatte. Neben den Dingen, die ich am Vormittag hochgebracht hatte, stand nun eine halbvolle Wasserflasche auf dem Schreibtisch. Auf diesem befand sich außerdem ein aufgeschlagenes Notizbuch, offenbar Hosokawas Kalender, neben dem der Stift lag, den er am Vormittag geworfen hatte, als hätte er kurz zuvor etwas notiert. Ich hatte nicht die Absicht, die Einträge zu lesen, doch bei den großen, fest in das Papier gedrückten Schriftzeichen aus der Feder meines Chefs erfasste ich sie dennoch auf einen Blick. Für morgen Nachmittag war ein Meeting mit Personen eingetragen, die mit den Schriftzeichen Tsu, Su, Fu und Ka abgekürzt waren. Für den Vormittag stand ebenfalls ein Termin an: Hosokawa hatte drei lateinische Buchstaben in das Papier gedrückt: MRT. Eine Untersuchung also. Ich erinnerte mich wieder daran, wie Hosokawa gesagt hatte, dass er die Untersuchungen trotz seines verletzten Beines in den nächsten Tagen besser nicht verstreichen lassen sollte. Ich fragte mich, wie viele Untersuchungen er noch absolvieren musste, bevor man mit der Behandlung beginnen würde. Oder war er bereits in Behandlung? Doch wozu dann noch die ständigen Untersuchungen?

Mir wurde plötzlich bewusst, dass ich gar keine Ahnung hatte, was für eine Art von Krebs Hosokawa eigentlich hatte. Warum hatte ich das bisher nie bemerkt? Und hätte er mir Auskunft über seinen Gesundheitszustand gegeben, wenn ich ihn danach gefragt hätte? Wusste Aini vielleicht mehr und hätte mir bei genauerem Nachhaken etwas verraten? Warum hatte ich eigentlich niemanden danach gefragt? Ich hatte geglaubt, ich wollte helfen und mich dazu einzig auf meinen Chef fokussieren, doch wie einfältig war dieser Vorsatz, wenn ich die wesentlichen Dinge außer Acht ließ? Ich wusste ja nicht einmal, welche Veränderung es an ihm gab, die Kimura im Gegensatz zu mir sogleich ins Auge gesprungen zu sein schien.

 

Dass ich bereits länger als nötig an seinem Schreibtisch stand, schien auch Hosokawa mittlerweile bemerkt zu haben. „Warte mal, mein P.A. ist gerade da“, sagte er und drehte sich auf dem Drehstuhl zu mir um, sah mich mit seinen kühlen Augen an und schenkte mir ein flüchtiges Lächeln.

„Hey, Kesshou, geh doch mal nach unten und mach dir einen Kaffee oder so, ich brauche hier noch zehn Minuten.“

 

Ich ging wie aufgefordert nach unten in der Küche, wobei ich versuchte, keinen Laut zu machen, sodass ich Kimura nicht bei der Arbeit stören würde. Durch das sonst so stille Haus drang das Tropfen und Klappern, das ihr Bodenwischen im Badezimmer begleitete. In der Küche hatte sie die eingetrockneten Kaffeeflecken, die sich zuvor auf dem Boden zwischen Anrichte und Tisch befunden hatten, bereits beseitigt.

Wenn Kimura Hosokawa sonst nicht begegnete, da sie tagsüber während seiner Abwesenheit kam, hatte sie vermutlich auch einen Schlüssel zu seiner Haustür. Ich hatte angenommen, dass ich der einzige sein würde, der in seinem Haus ein- und ausgeht und dass er ganz allein war, wenn ich nicht da wäre. Dabei war es ganz anders. Er hatte selbst mal gesagt, dass er für alles, was er brauche, das richtige Personal hatte und falls nicht, dass er einfach jemanden einstellen würde. So wie mich.

Und ich hatte geglaubt, ich müsse für alles sorgen, weil ich annahm, sonst würde sich niemand um ihn kümmern, nicht einmal er selbst, der genug um die Ohren hatte durch die Arbeit in der Agentur, von der ich nicht viel Ahnung hatte, und die ständigen Untersuchungen wegen einer Krankheit, über die ich nichts wusste. Ich hatte wohl dadurch, dass Hosokawa mich nachts angerufen hatte, als er angegriffen wurde, geglaubt, ich wäre irgendwie wichtig genug, dass er sich an mich wandte. Vielleicht war die Wahrheit, dass er mich bloß deswegen gerufen hatte, weil ich bereits zuvor mit seinem Wagen gefahren war und es praktisch wäre, mich um den Fahrdienst zu bitten. So wie es nun praktisch schien, Kimura auf dem Weg zu ihm darum zu bitten, ihm etwas zu essen mitzubringen. Vielleicht bestand tatsächlich keine Not dazu, mich über das Maß hinweg, in dem Hosokawa mir Arbeit zuteilte, nützlich machen zu wollen. Er meckerte mich an, wann auch immer ich versuchte, zu helfen, ohne, dass er mich darum bat. Und mit meinem guten Willen half ich ihm ja nicht einmal, sondern machte ihm nur Umstände mit den Diskussionen, die wir um diese Dinge führten. Ich wollte derjenige sein, der ihm half, aber ich war wie ein Kind, das nichts verstand und mit den guten Absichten, die ich hatte, durch meine Unwissenheit und mein Unvermögen stetig neue Arbeit für den Menschen schuf, den ich entlasten sollte.

Idiot, dachte ich bei mir selbst über mein bisheriges Verhalten.

 

Meine Gedanken wurden von dem Klingelton meines Handys unterbrochen. Nach wenigen Sekunden, noch ehe ich das Handy aus der Hosentasche fischen konnte, verstummte das Klingeln bereits wieder. Ein Blick auf das Handy gab schließlich zu erkennen, dass es Hosokawa aus dem Obergeschoss war, der mich angerufen hatte – offenbar als Zeichen, dass er das Telefonat beendet hatte. Ich erhob mich von dem Stuhl an dem kleinen Esstisch in der makellos sauberen Küche umgeben von dem zarten Zitronenduft und begab mich zurück ins Obergeschoss, den Kopf schwer von einem riesigen Gedankenknoten.

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