Schneespuren 3.3

Teil 3 Vor den goldenen Hallen

3 Der gute Blick

In der Küche wartete ich darauf, dass Hosokawa das Telefonat beenden würde. Nachdem er mich auf meinem Handy angeklingelt hatte, begab ich mich zurück in sein Büro. Der Weg dorthin führte durch das Treppenhaus. Von den Stufen ging eine Kälte aus, die ich spürte, obwohl ich Strümpfe und Slipper trug, durch die sie unaufhaltsam in meine Haut einzog. Es war ein bemerkenswertes Haus. In vielen Aspekten war es typisch japanisch, in anderen hingegen fremdartig und von westlicher Architektur und Einrichtung beeinflusst. Das Treppenhaus mit den Steinstufen und dem hellgrauen Fliesenboden kam mir daher für ein japanisches Haus eigenartig massiv vor. Die Kälte, die es ausstrahlte, schien mit dem ungewöhnlichen Widerhall meiner Schritte in diesem sonst so stillen Haus beinahe unheimlich. Als ich das Treppenhaus verließ und den Flur des Obergeschosses betrat, der mit einem Vinylboden in Holzoptik ausgelegt war und die Laute meiner Schritte auf beruhigend-gewohnte Weise dämpfte, atmete ich tief durch und betrat das Büro.

Mit geradem Rücken saß Hosokawa an seinem Schreibtisch und beobachtete mit gewohnt kühlen Augen, wie ich mich näherte.

Er nahm einige Unterlagen vom Tisch auf und hielt sie mir entgegen. „Nimm die Sachen mit in die Agentur und sortier sie in die entsprechenden Postfächer“, sagte er.

„In Ordnung.“ Ich nahm die Unterlagen mit einem flüchtigen Blick darauf an mich. Die oberste Akte war für Kayama bestimmt.

„Übrigens“, sagte Hosokawa, „ich bin morgen Vormittag nicht da. Ich habe einen Termin außer Haus.“ Ich erinnerte mich an die Einträge, die ich kurz zuvor in seinem Kalender gesehen hatte. Mit dem Termin musste er das MRT meinen. „Direkt im Anschluss daran habe ich ein Meeting, sodass du erst am späten Nachmittag mit der sonst üblichen letzten Ladung Post herkommen brauchst. Entleer aber trotzdem zu den gewohnten Zeiten das Postfach und fax mir ausnahmsweise die wichtigsten Unterlagen rüber.“

„In Ordnung“, sagte ich erneut, stockte dann jedoch und fragte, wie ich wissen sollte, welche Unterlagen ich ihm zusenden sollte.

„Wie schon? Sieh die Post durch“, seufzte Hosokawa. „Behandle sie, als sei sie deine eigene und was dir wichtig erscheint hätte ich gern als Fax, okay?“

Ich zögerte einen Moment. Hatte ich damit nun die Erlaubnis, durch seine Post zu schnüffeln? „In Ordnung“, sagte ich, als ich sicher war, dass es keine andere Interpretationsmöglichkeit seiner Worte geben konnte.

„Ach ja, du wirst morgen Nachmittag an meiner statt an dem Meeting teilnehmen“, ließ er schließlich mit beiläufigem Tonfall die Bombe platzen.

„Was?“, fragte ich tonlos.

„Tsugawa, der Operations Director von MAJ, Kayama, Suzuki, die Marketing Direktorin und Fukada vom Business Intelligence Team werden da sein“, sagte Hosokawa als hätte er mich nicht gehört.

„Aber“, setzte ich erneut an.

„Keine Panik, ich bin mit dem Telefon zugeschaltet“, unterbrach er meinen Einwand. „Es ist aber besser, wenn jemand vor Ort ist, dem die anderen in die Augen sehen können. Und deine Augen sind so schaurig-schön. Stell sicher, dass du den Blickkontakt hältst, vor allem mit Fukada, sonst quatscht er uns gegen die Wand mit seinen Optimierungsvorschlägen.“

So war das also. Ich war bloß als Dekorationsgegenstand für das Meeting abberufen worden, weil Hosokawa nicht persönlich anwesend sein würde. Vielleicht wollte er bloß jemanden dort positionieren, um die anderen Meetingteilnehmer daran zu erinnern, dass er zwar persönlich abwesend, aber dennoch omnipräsent war. Das passte zu meiner Interpretation, dass er immer die Kontrolle behalten wollte. Und es passte zu seinem Motiv, mich überhaupt als Assistent ausgewählt zu haben. Nie hatte er ein Geheimnis daraus gemacht, dass ich bloß deswegen für ihn arbeitete, weil ich kurios aussah. Und obwohl alles zusammenpasste, wünschte ich, ich hätte ihn missverstanden und dass es in Wirklichkeit anders war, dass ich vielleicht doch so eng mit ihm zusammenarbeitete, einen Schlüssel für seinen Wagen und sein Haus hatte und genaueres über seinen Zustand nach dem Angriff wusste, weil ich mich durch besondere Leistungen oder Wesenszüge dazu qualifiziert hätte. Doch so war es nicht. So dachte Hosokawa nicht. Es war so einfach am praktischsten, sonst nichts. Dass ich es war, war völlig beliebig. Ich war völlig beliebig.

 

Bevor ich Hosokawas Haus verließ, wollte ich mich von Kimura verabschieden. Ich fand sie im Washitsu, wo sie soeben einige Vasen entstaubte, die in einem glänzenden, dunklen Holzregal standen, erhaben und auf ihre Art verloren, ganz so, als wäre Kimura die einzige, die sich seit jeher um sie kümmerte, da der Herr des Hauses seit langer Zeit keinen Blick mehr darauf geworfen hatte.

„Kann ich etwas für Sie tun?“, fragte sie, scheinbar von meinem plötzlichen Erscheinen im Rahmen der Schiebetür verunsichert.

Ich sagte ihr, dass ich mich auf den Weg machen würde und verbeugte mich leicht. „Es hat mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen.“

„Nun sagen Sie nicht, Sie sind bloß deswegen hergekommen, um das zu sagen?“, fragte sie und verbeugte sich ebenfalls leicht.

„Es tut mir leid, falls ich Sie gestört habe.“

„Ganz und gar nicht“, sagte sie und lächelte, als sie sich wieder aufrichtete. „Mich hat es auch sehr gefreut, Sie kennenzulernen, Herr-“

„Kesshou. Yuki Kesshou.“

„Herr Kesshou.“ Sie sah mich noch einen Moment einfach so an, weiterhin lächelnd, den Staubwedel, den sie zuvor verwendet hatte, hielt sie mit beiden Händen fest, als gebe er ihr trotz seiner für dieses Gespräch völligen Funktionslosigkeit irgendeinen Halt. „Kommen Sie morgen wieder her?“

Ich bejahte und fragte, ob sie ihrerseits auch am nächsten Tag vorbeikommen würde.

„Ich komme nur jeden zweiten Tag, viel wird ja auf so kurze Zeit nicht schmutzig“, sagte sie. „Aber es ist schön, dass Sie morgen hier sind. Dann ist er nicht ganz allein. Bitte passen Sie gut auf ihn auf.“ Nachdem sie das gesagt hatte, verbeugte sie sich erneut und machte sich dann weiter daran, die Vasen zu entstauben.

 

Aini schloss die Kühlschranktür, ging dann zur Besteckschublade, der sie einen Löffel entnahm. „Natürlich war ich schon mal in einem Meeting mit Hosokawa. Was ist das für eine Frage?“, seufzte sie. Als sie die Schublade schloss, entglitt ihrer Hand der Löffel und fiel seinerseits klirrend zu Boden. „Mist“, zischte sie, bückte sich nach dem Besteckteil und ging zur Spüle herüber, um es kurz abzuwaschen.

„Und was ist mit Kayama, Tsugawa, Suzuki und Fukada?“, fragte ich. Meine Schwester drehte sich zu mir um, zog den Deckel des Joghurtbechers ab, den sie in der Hand hielt, und begann im Stehen zu essen.

„Du meinst ein Meeting mit allen zusammen? Das klingt nach keiner Besprechung, in der ich sitzen möchte.“

Ich fragte sie, was sie meinte, doch sie wechselte das Thema, ohne weiter darauf eizugehen. In den letzten Tagen kam sie immer erst spät nach Hause, da sie einige geschäftliche Termine außer Haus hatte, die manchmal bis in die Abendstunden andauerten. Scheinbar hatte sie nach solchen Terminen keine Lust, arbeitsbezogene Fragen zu beantworten. Eigentlich hatte ich gehofft, ich könnte von ihr mehr dazu erfahren, was mich bei dem Meeting am nächsten Tag erwarten würde, doch bei ihrer abweisenden Reaktion machte ich sogleich einen Rückzieher und ließ sie lieber in Frieden.

Aini hatte sich mittlerweile gesetzt.

„Sag mal, wie ist es eigentlich bei Hosokawa zuhause?“, fragte sie ihrerseits nun. „Du bist vermutlich der einzige aus der ganzen Agentur, der je dort war.“

„Bei dir klingt es nach etwas Besonderem, aber tatsächlich bringe ich ihm ja nur die Post“, sagte ich.

„Ich sagte dir doch, du solltest ihm klarmachen, dass du nicht sein Laufbursche bist.“

„Wenn es das ist, wobei er assistiert werden will, dann ist es mein Job. Vielleicht ist es doch gar nicht so übel, sein Laufbursche zu sein“, sagte ich und dachte an das Meeting, dem ich beiwohnen sollte, bloß weil ich mit meinem roten Auge dekorativ war. Dann doch lieber Postkurier spielen.

 

Aini wollte vor dem Schlafengehen noch eine verspätete Yoga-Session einlegen. Daher verließ ich eine Weile die Wohnung, in der ich mit Mutter und Vater telefonierte. Sie hatten extra ein neues Telefon mit Freisprechanlage besorgt, sodass sie beide gleichzeitig hören und kommentieren konnten, was ich sagte, weil keiner von beiden etwas davon verpassen wollte. Es tat immer gut, mit ihnen zu sprechen, doch machte es mich auch traurig. Wann auch immer ich Vaters Stimme vernahm, dachte ich an das Auto, das er meinetwegen verkauft hatte, um mir alles zu beschaffen, was ich zum Start meines neuen Jobs fern von Mutter und ihm brauchte. Ich hatte den Entschluss gefasst, meine ersten Gehaltschecks anzusparen, um ihm einen Ersatz für den Wagen zu kaufen, selbst wenn er ihn vermutlich nur unter heftigem Protest annehmen würde. Bis es soweit war, versuchte ich ihn und Mutter mit dem Gefühl zu entschädigen, dass nichts von dem, was sie für mich getan hatten, umsonst gewesen wäre: Der Yuki, von dem ich ihnen berichtete, war zufrieden und glücklich. Er hatte kein Heimweh oder ein ständiges schlechtes Gewissen ihnen gegenüber, weil er sie im Stich gelassen und ihr ganzes Geld in Form von neuen Anzügen, Schuhen, Gürteln und Uhren mitgenommen hatte, sodass selbst das neue Telefon, das sie besorgt hatten, ihnen finanziell wehgetan haben musste. Der Yuki, von dem Mutter und Vater hörten, hatte nicht ständig Rückenschmerzen von den unbequemen, halbwachen Nächten auf einer Couch, die nicht als längerfristiges Nachtlager geeignet war. Er führte ein aufregenderes Leben, als den ganzen Tag Unterlagen zu verwalten und den ganzen Abend vor dem Fernseher zu sitzen und Snacks in sich hineinzustopfen.

Mutter und Vater klangen stolz, als ich ihnen erzählte, dass ich am nächsten Tag einem Meeting mit einigen Managern der Agentur beiwohnen würde.

„Wer weiß, vielleicht bist du auch eines Tages Manager – oder sogar selbst Chef einer Agentur“, zwitscherte Mutter. Vater bremste sie aus, dass sie mich nicht unter Druck setzen sollte, obwohl es mich ja vielmehr tröstete, dass sie immer so große Hoffnungen in meine Zukunft hatte. In Mutters Augen hatte ich offenbar die Macht, alles Mögliche und Unmögliche zu schaffen.

„Das, was er jetzt bereits erreicht hat, ist doch schon gut“, sagte er, „es besteht keine Not, irgendetwas anders zu machen oder sich mehr zu wünschen.“ Mein Vater war ein Mensch, der fest im Hier und Jetzt verankert war ohne sich Tagträumen und Zukunftsfantasien hinzugeben. Wenn selbst er so etwas sagte, konnte ich kaum anders, als ihm ein wenig zu glauben, dass ich trotz meiner Selbstzweifel irgendwie doch in Ordnung war.

Schnell wechselte ich das Thema und berichtete von Aini und davon, wie beschäftigt sie in letzter Zeit war. Wenn ich sie vor meinen Eltern erwähnte, beschränkte ich mich meist auf allgemeine Informationen und ein paar Banalitäten und sprach auch nur kurz über meine Schwester, vielleicht aus Angst, mich versehentlich mal zu verhaspeln und ungewollt zu offenbaren, dass ich sehr viel mehr über sie wusste, als ich ihnen anvertrauen konnte.

Vater wurde wortkarg, so wie er es immer tat, sobald Ainis Name fiel, doch Mutter war auch von dem Bericht über ihre Tochter noch fröhlich gestimmt.

„Ich freue mich so, dass ihr vereint seid. Wenn sie so viel zu tun hat, versuch bitte, ein bisschen auf sie aufzupassen“, sagte sie.

„Klar, wozu ist ein Bruder sonst da?“, sagte ich heiter und fragte mich mit Blick auf meine Armbanduhr, ob ich bereits lange genug fort war, um zurück in die Wohnung zu gehen, ohne meiner Schwester mit meiner bloßen Anwesenheit zur Last zu fallen.

 

Der Vormittag des nächsten Tages verging langsam und gemächlich. Nach wenigen Tagen hatte ich mich offenbar bereits so sehr daran gewöhnt, regelmäßig zu Hosokawa zu fahren, dass ich nun, da ich es nicht tun musste, erst bemerkte, wie viel Zeit das ganze Hin und Her bedurfte. Ich sah die Unterlagen, die für meinen Chef bestimmt waren, durch. Sonst sortierte ich sie bloß nach Wichtigkeit basierend darauf, von wem die Unterlagen stammten. Doch nun musste ich anhand des Inhalts feststellen, welche Dokumente wichtig genug waren, um sie Hosokawa zuzufaxen. Ich war mit dieser Aufgabe heillos überfordert, da ich nicht genug von dem Inhalt verstand, um auszumachen, welche Unterlagen besonders dringlich waren. Ich entschied letzten Endes resignierend, ihm alle Unterlagen der Hauptkunden und des Managements zu faxen, weil ich diese ja auch stets oben in seinen Poststapel sortierte.

 

Obwohl der Vormittag so langsam verging, näherte sich nach der Mittagspause das Meeting schneller, als mir lieb war. Die letzte halbe Stunde vor der gesetzten Zeit zitterten meine Hände und mein Herz klopfte viel zu schnell. Ich suchte die Waschräume auf, um mein Gesicht mit kaltem Wasser zu befeuchten. Anschließend zog ich wieder den Mundschutz an, den ich dazu abgenommen hatte, und sah meinem Spiegelbild entgegen.

„Blickkontakt halten. Du bist ein Dekorationsgegenstand. Ein Dekorationsgegenstand mit Augen. Alles was du tun musst, ist Blickkontakt halten und einfach da sein“, sagte ich vor mich hin, während ich der Reflektion meines vermummten Gesichts in die ungleichen, müden Augen sah.

 

***

 

Fukada war bereits im Konferenzraum, als ich kam. Er hantierte an einem Sideboard, auf der sich Gläser, Getränke und eine Etagere mit den kleinen Keksen befanden, die Hosokawa immer zu seinem Kaffee aß.

„Wie kann ich Ihnen helfen? Hier findet gleich ein Managementmeeting statt“, sagte Fukada, als er mich bemerkte.

„Handelt es sich um das Meeting mit Herrn Hosokawa? Er hat mich gebeten, dem Meeting beizuwohnen“, brachte ich stockend hervor.

„Entschuldigung, wie bitte? Ich fürchte, ich habe Sie akustisch nicht verstanden. Sie sprechen etwas leise, vielleicht liegt es an dem Mundschutz.“ Ich wiederholte zuvor gesagtes und sprach so laut ich konnte, wobei ich das Gefühl hatte, dass mir jeden Moment die Puste ausgehen musste.

Nun schien er mich verstanden zu haben und bat mich lächelnd, einzutreten. Seine Augen blitzten dabei auf, als würde sich hinter ihnen eine ganze Welt an Gedanken drehen. Vor dem ovalen Tisch machte ich halt, unsicher, welchen Platz ich einnehmen sollte.

„Setzen Sie sich doch“, sagte Fukada und wies auf den Stuhl am Kopfende des Tisches. Als einziger an einem der beiden Tischenden platzierte Stuhl wirkte er wie der Ehrenplatz in diesem Raum.

„Keine Scheu, der Stuhl ist unbesetzt, wir setzen uns üblicherweise auf diese Plätze“, sagte er und deutete auf ein paar gegenüberstehende Stühle an der langen Seite des Tisches.

Wie aufgefordert setzte ich mich nach kurzem Zögern auf den ausgewiesenen Platz, denn ich sah keine Möglichkeit, mich seiner Bitte zu entziehen. Fukada wandte sich wieder dem Sideboard zu und hantierte mit einer Kanne Kaffee. Als er sich umdrehte, hielt er zwei Tassen in den Händen, von denen er eine auf mich zu balancierte.

„Ich bin so frei“, sagte er und stellte die Tasse vor mir ab. Ich bedankte mich leise und sah auf die Tasse mit dem schwarzen, heißen Kaffee. Für dieses Meeting hatte mich Hosokawa extra darauf hingewiesen, an seiner statt Blickkontakt mit den anderen Meetingteilnehmern zu halten. Sollte ich im Anbetracht dessen den Mundschutz ausziehen, um von dem Kaffee zu trinken? Mir kam es wie eine bessere Option vor, einfach so zu tun, als würde ich ihn im Laufe der Zeit vergessen und unberührt stehenlassen.

Fukada summte gutgelaunt, während er einen Laptop aufbaute und den Beamer einrichtete. Dessen Projektion auf der Wand mir gegenüber war durch das Deckenlicht und das Tageslicht, das durch die große Fensterfront das Zimmer erhellte, bloß sehr schwach. Nach wenigen Minuten, in denen ich den summenden Fukada dabei beobachtete, wie er die technischen Vorbereitungen für das Meeting abschloss, betraten Tsugawa, Kayama und Suzuki den Raum.

Zuvor hatte ich lediglich einmal mit Masato Tsugawa gesprochen, als ich mich an meinem ersten Tag bei MAJ in allen Abteilungen vorgestellt hatte. Von ihm waren stets viele Unterlagen in der Post, die ich für Hosokawa sortierte und auch mein Chef übergab mir häufig Unterlagen, die ich in Tsugawas Postfach sortieren sollte. Vieles an ihm erinnerte mich an Hosokawa; beide Männer hatten eine ähnliche Statur. Sie waren beide knapp einen Kopf kleiner als ich und hatten etwa die gleiche Schulterbreite. Tsugawas Körper wirkte allerdings massiger als der meines Chefs, was besonders auffiel, da seine Anzüge sehr eng geschnitten waren und die Knöpfe seines Hemdes etwas spannten, wenn er saß. Tsugawas schmale, kalte Augen und die gerade Nase hingegen erinnerten mich wieder an die Züge meines Chefs, allerdings trug er weder Bart noch Brille und hatte ein großes, rundes Kinn und einen auffälligen Mund mit vollen Lippen. Mit den, so schien es mir, stets nach unten gezogenen Mundwinkeln kam Tsugawas Mund mir fast wie das Maul eines Fisches vor.

Maya Suzuki gehörte zu den Kollegen, die sich kurz zuvor bei mir nach Hosokawas Abwesenheit erkundigt hatten. Sie war hager und verhältnismäßig groß und überragte somit Tsugawa und Kayama. Wann immer ich sie sah, fiel mir auf, dass ihre Bewegungen steif und unfeminin wirkten. Da sie den Mund beim Sprechen kaum öffnete, hatte ich manchmal Schwierigkeiten, sie zu verstehen. Sie hatte für ihren kleinen Mund mit den schmalen Lippen auffallend große Zähne, die sie wohl versuchte, durch diese unnatürliche Art zu sprechen zu verbergen. Obwohl ihre Gestik und Mimik verkrampft wirkten, war sie eine herzliche und liebe Person mit immerzu lächelnden Augen. Trotz gegenseitiger Verständnisschwierigkeiten – denn auch sie hatte oft Probleme, mich durch meinen Mundschutz zu verstehen – sprach ich gerne mit ihr, was womöglich ihrer trotz der eigenwilligen Sprechart überraschend angenehmen, samtigen Stimme geschuldet war. Durch diese wirkte sie für mich auf eine Art anziehend, die mich verwirrte und etwas beschämte, immerhin war sie fast zwanzig Jahre älter als ich und auch mir war klar, dass sie mit ihrem Aussehen und ihrer angespannten Art, sich zu bewegen, objektiv betrachtet nicht als Schönheit durchgehen konnte, schon gar nicht in dieser Branche.

Fukada und ich standen auf, um die Neuankömmlinge zu begrüßen. Sie schienen überrascht zu sein, dass ich da war. Kayama lächelte beinahe aufmunternd und setzte sich auf den Platz zwischen mir und Fukada. Tsugawa nahm den Platz gegenüber von Kayama ein. Suzuki stellte für sich und die anderen Neuankömmlinge Kaffee bereit und nahm auf dem Platz gegenüber von Fukada Platz, nachdem sie den Lamellenvorhang vor den großen, wandhohen Fenstern geschlossen und das Deckenlicht ausgeschaltet hatte. Im Halbdunkeln, in dem wir uns nun befanden, projizierte das Licht des Beamers ein kräftiges Bild an die Wand. Fukada öffnete eine Präsentation und wandte sich dann von der Projektion ab; er schien seine Vorbereitungen beendet zu haben.

„Da wir vollzählig sind, werde ich Hosokawa jetzt anrufen“, sagte Suzuki, während sie ihren Mund bloß einen kleinen Spalt weit öffnete. Sie lehnte sich zu dem Telefon vor, das in der Mitte des Tisches platziert war. Nachdem sie eine Nummer gewählt hatte, aktivierte sie die Lautsprecherfunktion. Der Rufton war nun für uns alle hörbar. Wir warteten darauf, dass das Gespräch angenommen werden würde – angenommen von dem Leiter einer der renommiertesten Modelagenturen Japans. Der Rufton erklang. Ich wartete darauf, dass er unterbrochen wurde – wartete gemeinsam mit dem CFO, Operations Director, Marketing Director und dem Business Analysten dieser Agentur. Unter dem Tisch verknotete ich meine zitternden Finger fest ineinander. Mit jedem Erklingen dieses unerbittlichen Ruftons schien mein Atem schwerer zu gehen. Ich dachte daran, wie stolz Mutter und Vater gewesen waren, als ich von dem Meeting berichtete. Doch der, auf den sie stolz waren, war jemand anderes als dieser Mensch, der vor Aufregung fast zersprang. Gemeinsam blickte ich mit dem der Rest der Anwesenden wie gebannt auf das Telefon in der Mitte des Tischs. Wann würde es endlich losgehen?

Plötzlich verklang der Rufton, man hörte einige Knackgeräusche, dann herrschte kurz Stille. Hosokawa hatte das Gespräch angenommen.

„Sind wir vollzählig?“, erklang seine Stimme deutlich durch den Lautsprecher der Telefonanlage.

„Hallo Yuichi, alle sind da“, sagte Suzuki herzlich und lächelte, als hätte Hosokawa es sehen können. Ihre großen Schneidezähne kamen zum Vorschein. Bald darauf schloss sie wieder den Mund.

„Ist mein P.A. da?“, fragte Hosokawa. Mein Herz machte auf seine Frage hin einen Sprung, ich presste die Finger fester gegeneinander. Sie waren mittlerweile kalt und feucht.

„Er ist da, genauer gesagt hat er sich auf Ihren Platz gesetzt“, sagte Fukada in freundlichem Plauderton, setzte die Tasse an die Lippen und nahm einen Schluck Kaffee. Erst nachdem er dies gesagt hatte, verstand ich, dass ich einen Fehler gemacht hatte: Ich hatte mich auf Fukadas Aufforderung hin auf diesen Stuhl am Tischende gesetzt – ausgerechnet Hosokawas Platz! Warum hatte Fukada mir diesen bloß angeboten? Hatte er es scherzhaft gemeint und ich hätte es verstehen und mich woanders setzen sollen? Wollte er mich ins Messer laufen lassen? War Kayamas aufmunterndes Lächeln als beschwichtigendes Signal gemeint, nachdem ich so ins Fettnäpfchen getreten war?

„Wo sollte er sonst sitzen? Er ist an meiner statt da“, erklang Hosokawas Stimme mit desinteressiertem, wenn auch bestimmtem Tonfall. „Ich hoffe, niemand von euch missgönnt ihm den guten Blick auf die Präsentation. Hallo, Kesshou.“

„Hallo, Chef“, entgegnete ich hastig, als Hosokawa mich direkt ansprach. Mein Herz machte erneut einen Sprung, ehe es hastig weiterpolterte. Ich war ihm dankbar, dass er mich wegen meines Fehlers in Schutz genommen hatte. Vielleicht hatte ich in diesem Moment zum ersten Mal bewusst das Gefühl, dass ich diesen Menschen, für den ich arbeitete, tendenziell mochte. Zumindest war ich heilfroh, dass er diesem Meeting mit dem Telefon zugeschaltet war.

„Haben Sie die Präsentation, die ich Ihnen geschickt habe, erhalten und öffnen können?“, fragte Fukada mit Blick auf das Telefon, als wäre es mit einer Kamera ausgestattet.

„Habe sie vor mir“, sagte Hosokawa knapp mit einem Tonfall, der verriet, dass er nun endlich mit dem Meeting beginnen wollte.

Fukada begann mit der Präsentation und wies, während er sprach, mit einem Laserpointer auf einzelne Felder einer unübersichtlichen Tabelle. Ich versuchte seine Worte in irgendeinen Kontext zu setzen, doch kamen die Informationen so schnell hintereinander, dass ich es nicht einmal schaffte, mir zu den Schlagworten, die ich ausmachen konnte, sinnvolle Notizen zu machen. Während sich Fukada den Weg durch die Tabellenfelder bahnte, beschleunigte sich mein Puls stetig. Was, wenn die ganze Präsentation so weiterging und ich am Ende etwas dazu sagen sollte? Konnte das überhaupt passieren? Immerhin war Hosokawa dem Meeting zugeschaltet, warum sollte jemand dann an dem, was ich sagte, interessiert sein? Ich war einzig da, um mit den anderen in Hosokawas Abwesenheit Blickkontakt zu halten. Selbst dies geschah nicht, da es zu dunkel war und wir alle auf die Projektion an der Wand sahen. Die anderen wandten den Blick nur dann davon ab, wenn sie mit Hosokawa sprachen, wobei sie auf das Telefon sahen, als bilde es ein Hologramm von ihm ab. Ich war lediglich als Dekorationsgegenstand zu dem Meeting geladen worden und die einzige Aufgabe, die ich als solcher hatte, schien ich unter diesen Umständen, wo ich von den anderen regelrecht ignoriert wurde, nicht einmal erfüllen zu können.

Ich legte den Stift beiseite, als mir klar wurde, dass ich nicht in der Lage sein würde, mir Notizen zu machen und dass ich sie womöglich auch gar nicht benötigen würde. Ich entschied, einfach der Präsentation zu folgen und das Meeting unauffällig und unbeschadet zu überstehen. Nachdem ich diesen Entschluss gefasst hatte, beruhigte sich mein Puls etwas. Als ich entspannter zuhörte, begriff ich sogar doch noch einige Inhalte. Es ging fast ausschließlich um die bevorstehende Fashion Week. Dabei handelte es sich um die Modewochen für Haute Couture und Männermoden, die halbjährlich stattfanden. Scheinbar war Gegenstand Fukadas Datenanalyse hauptsächlich die Veranstaltung für Haute Couture, die laut Daten die alljährliche Hochsaison für Modelbuchungen von MAJ bedeutete. Doch dieses Mal blieben die Buchungszahlen hinter den Erwartungen zurück. Ich hatte ähnliche Darstellungen zuhauf bei Fallstudien in dem Business Kurs gesehen, den ich in der Abendschule absolviert hatte, doch da ging es um Absätze für Milch, Einzelteile für die Automobilproduktion oder andere weniger glamouröse Themen.

Suzuki und Fukada diskutierten die Werbemaßnahmen vor der diesjährigen Veranstaltung. Suzuki rechnete vor, welche Mittel wofür aufgewendet wurden.

„Alles was Sie sagen, ist mir längst bekannt. Hier haben Sie es als Kuchendiagramm“, sagte Fukada, während er schmunzelnd die Folie seiner Präsentation wechselte und genau die Zahlen präsentierte, die sie genannt hatte. „Ich vermute das Hauptproblem auch gar nicht bei einer möglicherweise misslungenen Marketingkampagne.“

„Nun klär uns schon auf, Shinichi“, sagte Tsugawa genervt und trommelte wartend mit den Fingern auf der Tischplatte. Fukada klickte weiter durch die Präsentation und zeigte nun ein weiteres Diagramm. Es beinhaltete Daten darüber, welche Abteilung und einzelne Mitarbeiter von MAJ im Vorjahr und in diesem Jahr Kontakt mit welchen Kunden hatten und ob es danach zu Buchungen kam oder nicht. Ein Blick auf das Diagramm genügte, um zu wissen, was Fukada zeigen wollte. Im Zimmer breitete sich einen Moment lang eine unheimliche Stille aus; mein Herz wurde schwer. Die einzigen Werte, die bemerkenswert von den Vorjahren abwichen, war die Anzahl der Kontaktaufnahmen, die Hosokawa persönlich unternommen hatte: Sie waren in den letzten Wochen drastisch zurückgegangen und schließlich während der letzten Tage auf null gegangen. Von Hosokawa war ein nachdenkliches oder verärgertes – genau konnte ich es nicht ausmachen – Brummen zu vernehmen.

„Mein Job ist es nicht, besonders schöne Ergebnisse zu präsentieren, sondern vorhandene Daten zu analysieren, mögliche Störfaktoren zu benennen und Lösungen zu finden“, sagte Fukada. In seiner Brille spiegelte sich das Licht des Laptopdisplays, sodass ich seine Augen nicht sehen konnte.

„Du redest von Störfaktoren?“, warf Tsugawa ein und lehnte sich vor, um Fukada in die Augen sehen zu können, „ich halte es eher für störend, dass du uns diese Daten als relevant präsentierst. Als ob die Buchungszahlen einzig damit zusammenhängen. Es muss andere Daten geben, die aussagekräftiger sind.“ Er zog die Mundwinkel seines großen Mundes noch tiefer als sonst nach unten. Seine feuchten Lippen glänzten im kargen Schein der Beamerprojektion.

„Dies ist die auffälligste Abweichung in dem mir zugänglichen Datenset“, beteuerte Fukada. „Sofern Ihnen mir unbekannte, umso relevantere Daten zur Verfügung stehen, klären Sie mich bitte darüber auf.“

„Lächerlich“, zischte Tsugawa daraufhin und lehnte sich wieder zurück, verschränkte die Arme vor der Brust.

Fukada erklärte, dass die Kunden, die Hosokawa persönlich kontaktierte, üblicherweise der höchsten Kategorie von VIP-Kunden angehörten. Viele dieser Kunden wurden in den letzten Wochen von der Teamleiterin der Bookingabteilung sowie von Suzuki und ihrem Team kontaktiert, einige hatten sogar ausgewählte Mitglieder des Scouting-Teams übernommen. Mein Herz wurde etwas leichter, als ich sah, dass die VIP-Kunden, die von Aini kontaktiert worden waren, verhältnismäßig viele Buchungen vorgenommen hatten, auch wenn die Zahlen hinter denen zurücklagen, die Hosokawa im Vorjahr eingefahren hatte. Scheinbar war es für diese besonderen Kunden wichtig, vom Agenturchef persönlich hofiert zu werden, um auf seine Models zurückzugreifen.

Die anderen diskutierten angeregt, welche Handlungspielräume es noch gäbe. Längst schienen sie vergessen zu haben, dass ich überhaupt da war. Die Diskussion zwischen Tsugawa und Fukada wurde ein weiteres Mal hitzig, als letzterer Hosokawa fragte, zu wie vielen Terminen er in den nächsten Wochen antreten wollte, um daran eine Prognose für noch kommende Buchungen auszurichten.

„Was fällt dir ein, so mit ihm zu reden?“, knurrte Tsugawa. „Du bist wirklich unverschämt und anstandslos, du-“

„Ich spreche für mich selbst, Masato“, dröhnte Hosokawas Stimme durch den Lautsprecher. Mit einem Mal verstummten die beiden anderen Männer. Fukada schien ein schadenfrohes Schmunzeln zu unterdrücken, während Tsugawa eine Verbeugung in Richtung des Telefons andeutete.

„Verzeihung, Chef.“

„Ich werde zu allen anstehenden Terminen gehen“, sagte Hosokawa mit fester, unaufgeregter Stimme. „Kentaki, du wirst mich begleiten.“

„Ich?“, fragte Kayama daraufhin. Mit geweiteten Augen sah er auf das Telefon.

„Ja, Gütiger, oder soll ich den ganzen Scheiß allein machen?“, fragte Hosokawa, woraufhin die anderen unisono antworteten: „Natürlich nicht, Chef.“

Es wurden noch einige Details besprochen, dann beendete Hosokawa das Meeting. Nach den höflichen Verabschiedungsfloskeln der anderen Anwesenden legte er mit einem knappen bis dann auf. Sobald Hosokawa aus der Leitung verschwunden war, stand ich auf, verneigte mich im Halbdunkeln, murmelte meinerseits eine Abschiedsfloskel und verließ als erster nahezu fluchtartig den Konferenzraum.

 

Ich suchte wieder die Waschräume auf, schloss mich dieses Mal in einer Toilettenzelle ein. Ich sah auf meine Hände herunter, die noch immer kalt waren, aber nicht mehr zitterten. Das war also mein erstes Managementmeeting. So, wie ich mich angestellt hatte, würde es vermutlich auch mein letztes sein. Noch immer schämte ich mich, auf Hosokawas Platz gesessen zu haben. Und ich schämte mich, weil ich nicht gewusst hatte, was ich mit dem Kaffee, den Fukada mir aufgetischt hatte, tun sollte; schämte mich, den von Hosokawa geforderten Blickkontakt nicht ein einziges Mal hergestellt zu haben.

Eine Weile blieb ich dort stehen, an die Tür der Toilettenzelle gelehnt. Die Eindrücke des Meetings schwirrten als Gedankenfetzen durch meinen Kopf. Als ich mir sicher war, dass mein Puls wieder normal ging, in meine Finger die übliche Wärme zurückgekehrt war und ich meine Gedanken einigermaßen geordnet hatte, verließ ich die Waschräume. Bald darauf machte ich mich auf den Weg zu Hosokawa.

 

Bevor ich irgendetwas anderes tat, wollte ich mich unbedingt zuerst bei ihm für das Missgeschick mit seinem Platz entschuldigen. Ich hatte mir dazu während der Fahrt bereits die richtigen Worte zurechtgelegt.

Als ich das Arbeitszimmer betrat, befand sich Hosokawa wie am Vortag in einem Telefongespräch. Er hatte mir mit seinem drehbaren Stuhl den Rücken zugewandt und schien wieder durch die Fenster in den Himmel zu sehen, der nun ein Schauspiel von sanftem Weiß auf Pastellblau bot. Da er sich nicht zu mir umdrehte, legte ich bloß die Post ab und ging dann wie am Vortag von ihm aufgetragen ins Erdgeschoss, in der Hoffnung, er würde sich auch heute melden, sobald er Zeit für mich hatte.

Ich wartete eine ganze Weile, in der ich irgendwann begann, mich in der Küche genauer umzusehen. Es war nur noch einer der Äpfel in der Schale auf dem kleinen Tisch übrig. Auf der Anrichte befand sich ein angebrochener Tablettenfilm und eine halbvolle Flasche Wasser. Nachdem ich einige weitere Minuten ruhig dasaß, ohne Nachricht von Hosokawa zu erhalten, stand ich schließlich auf und las den Tablettenfilm auf, betrachtete ihn gedankenverloren. Es waren bloß einfache, mittelstarke Schmerzmittel, so, wie man sie frei zugänglich in Apotheken kaufen konnte. Nachdem ich den Film einige Male zwischen meine Finger gleiten ließ, bemerkte ich, was ich tat. Schnell legte ich den Tablettenfilm wieder zurück, versuchte, seine vorherige Position nachzubilden und hoffte, Hosokawa würde nicht bemerken, dass ich ihn begutachtet hatte.

Nachdem ich über eine Viertelstunde gewartet hatte ohne, dass mein Chef mich auf meinem Handy angeklingelt hatte, ging ich von mir aus langsam zurück ins Obergeschoss.

Hosokawa hatte in der Tat das Gespräch längst beendet und saß nun, als ich das Büro betrat, an seinem Schreibtisch und tippte auf der Tastatur seines Computers. Das Klicken der Tasten, das seine schnellen Finger auslösten, war das einzige Geräusch, das im Zimmer zu vernehmen war. Ich begrüßte ihn und näherte mich, doch er sah weiterhin konzentriert auf den Bildschirm, tippte weiter, als wäre ich nicht da.

Wollte er bloß die Tätigkeit, die er soeben durchführte, nicht unterbrechen oder ignorierte er mich ganz bewusst?

Vielleicht sollte ich nicht warten, bis er meinen Gruß erwiderte, und mich nun bei ihm entschuldigen. Doch was, wenn ich ihn dadurch störte? Schweigend stand ich da, beobachtete ihn. Nachdem ich etwa zwei Stunden zuvor Tsugawa gesehen hatte, dessen Statur mich seit meiner ersten Begegnung mit ihm an die von meinem Chef erinnert hatte, kam es mir nun vor, als hätten die beiden Männer vielleicht doch gar nichts gemeinsam. Wer von beiden war es, der sich verändert hatte, seit ich an meinem ersten Tag diesen Gedanken gefasst hatte? Oder hatte ich mich damals einfach geirrt?

Schließlich hielt Hosokawa beim Tippen inne, wandte sich von dem Monitor ab. Er sah mich aus verengten Augen an und zog die Brauen zusammen.

„Setz dich gefälligst nie wieder auf meinen Platz“, sagte er.

„Es tut mir leid“, stammelte ich, die Worte nur mit Mühe hervorpressend, obwohl ich mir meine Entschuldigung doch zurechtgelegt hatte. Als Zeichen meiner Reue verbeugte ich mich tief. „Ich habe es nicht mit Absicht getan. Bitte verzeihen Sie meinen Fehler.“

Ich hoffte, dass er meine Entschuldigung akzeptierte und mich nicht erneut Wochenlang regelrecht ignorieren würde, so, wie er es nach meinem anmaßenden Verhalten während meines ersten Fahrdienstes mit seinem Wagen getan hatte, nachdem er das Bewusstsein verloren hatte. Die Eiszeit zwischen uns hatte gerade erst ein Ende gefunden, nachdem er eines Nachts angegriffen worden war und mich angerufen hatte, um ihm zu helfen. Was würde es dieses Mal brauchen, um mein Missgeschick in den Hintergrund zu rücken, wenn er mich nun ähnlich behandeln würde?

Meine Sorgen waren unbegründet, denn Hosokawa änderte seinen Ton und beteuerte, dass ich mir keine Sorgen machen brauchte. „Dass du es nicht mit Absicht getan hast, weiß ich. Mach beim nächsten Mal die Augen auf und achte darauf, was um dich herum vor sich geht. Du bist doch ein cleveres Kerlchen und hättest dir denken können, welcher Platz mir gehört.“

„Es tut mir leid“, sagte ich.

„Hör auf damit. Lern was draus und mach’s nicht nochmal.“

„In Ordnung.“

„Und sag nicht ständig in Ordnung, das nervt mich schon seit Tagen“, sagte Hosokawa.

„In Ordnung. Ich meine: Ich habe verstanden.“

Einen Moment wandte er sich ab, um kurz durch den Poststapel zu sehen, den ich auf dem Tisch abgelegt hatte, dann hob er den Blick und sah mich an.

„Erzähl mal, wie war das Meeting für dich?“ fragte er. „Du siehst aus, als wärest du unter die Räder eines Lastwagens geraten.“

„Es war sehr interessant.“

„Interessant, sonst nichts?“

„Es war auch ein wenig stressig“, versuchte ich das, was ich während des Meetings empfunden hatte, in Worte zu fassen, ohne zu viel von meiner Scham und meinem Unwissen preiszugeben.

„Stressig – warum das denn? Du hast doch gar nichts gemacht, oder wie lief es mit dem Blickkontakt?“

Ich schwieg daraufhin und sah auf meine Fußspitzen herunter.

„Ich weiß schon. Ihr habt im Halbdunkeln auf den Beamer gestarrt und alle haben dich ignoriert.“

Einen Augenblick lang glaubte ich, Hosokawa hätte in dem Meetingraum Kameras installiert, mit denen er das Geschehen visuell hatte verfolgen können. Warum wusste er genau, wie es mir ergangen war?

„Wenn Sie wussten, wie nutzlos ich dort sein würde, warum haben Sie mich dann zu dem Meeting geschickt?“, fragte ich. Er zuckte daraufhin kurz mit den Schultern und schmunzelte.

„Aus Neugier. Darauf, wie du dich so schlägst. Das ist ja ganz schön beschissen gelaufen, oder? Ich kann mir vorstellen, dass du dich jetzt ziemlich mies fühlst – und dann auch noch die Sache mit meinem Sitzplatz.“

„Es tut mir leid.“

„Wie oft denn noch: Hör auf, dich zu entschuldigen.“

„In Ord- – äh – verstanden.“

Wir schwiegen einen Moment lang. Hosokawa legte die Hand auf den Poststapel, als wollte er ihn noch einmal durchsehen, verharrte jedoch in dieser Geste, ohne eines der Dokumente zu bewegen.

„Weißt du was?“, fragte Hosokawa ohne aufzusehen. „Ich hatte auch einen ziemlich beschissenen Tag bisher, wir sind also heute Leidensgenossen.“

„Wenn das der Fall ist, wünschte ich, wir wären es nicht“, sagte ich.

Er wusste wahrscheinlich nicht, dass ich versehentlich den Eintrag in seinem Kalender gesehen hatte, der besagte, dass sein Termin vom Vormittag ein MRT gewesen war. Wenn er mit seinen Worten darauf anspielte, dann war die Untersuchung wohl nicht gut für ihn gelaufen.

Einen Moment später wurde meine Vermutung bestätigt, als Hosokawa plötzlich ganz offen über seine Krankheit zu sprechen begann.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *