Schneespuren 3.4

Teil 3 Vor den goldenen Hallen

4 Die Opulenz der Stille

Aini hatte sich schon wieder in Gedanken im Wohnzimmer eine Zigarette angesteckt. Als sie es bemerkte, entschuldigte sie sich, ging zum Fenster und öffnete es. Die kühle Abendluft strömte ins Zimmer. Man konnte das gleichmäßige Rauschen des Verkehrs auf der nächstgrößeren Kreuzung hören; unweit erklang Hundegebell in der Nachbarschaft.

„Es ist deine Wohnung, eigentlich kannst du auch drinnen rauchen“, sagte ich und stellte den Fernseher leiser.

„Auf keinen Fall. Du bist Nichtraucher und schläfst im Wohnzimmer“, sagte sie und stieß den blauen Dunst nach draußen in die Dunkelheit. Ich stand auf und gesellte mich zu ihr ans Fenster.

In schlaflosen Nächten stand ich manchmal allein dort und beobachtete die Straße, so, wie wir es nun gemeinsam taten. Das Hundegebell hatte mittlerweile aufgehört. Unter uns ging ein älterer Mann gemächlichen Schrittes seines Weges. In der Hand trug er eine Plastiktüte des kleinen Supermarktes unweit von Ainis Wohnung.

Die Straße war ruhig und dennoch waren wir umgeben von Leben. Wenn ich nachts an ebenjener Stelle stand und in die vom kargen Schein der Straßenlaternen durchbrochene Dunkelheit hinausblickte, fühlte ich mich, als wäre ich der einzige Mensch auf diesem Planeten, weit entfernt von allen Dingen, in denen Leben steckte. Selbst eine riesige Stadt wie diese kam in jenem Winkel, in dem Aini lebte, irgendwann zur Ruhe, doch ich vermochte dies nicht, immer schien es da dieses Gefühl zu geben, eine Ahnung bloß, dass ich irgendetwas falsch machte.

„Sicher, dass alles in Ordnung ist?“, fragte meine Schwester. Ich wandte den Blick von der Straße ab und sah in ihre Augen. Hinter der getönten Brille musterten sie mich skeptisch.

„Alles wie immer. Warum meinst du?“, fragte ich.

„Lief dein Meeting denn gut?“

„Ach, das. Ja, war ganz okay.“

Aini blies erneut Qualm aus dem Fenster.

„Na schön. Wenn etwas ist, kannst du es mir sagen.“

Ich bedankte mich und wusste zugleich, dass ich das, was mir durch den Kopf ging, niemals mit ihr bereden können würde, selbst, wenn ich das Bedürfnis dazu hätte. Mich irritierte, dass sie mir meine Gedankenversunkenheit ansehen konnte, obwohl sie so wenig über mich wusste. In letzter Zeit schien es häufiger vorzukommen, dass andere mir meine Gefühle ansahen oder meine Gedanken regelrecht lesen konnten. Auch mein Chef entpuppte sich mehr und mehr als wahrer Gedankenleser, mehr noch sogar als Aini, die mir nun mein Grübeln ansah. Ich war besorgt, dass Hosokawa bald schon vielleicht erkennen könnte, was für ein Geheimnis ich für meine Schwester in mir trug. Falls diese Möglichkeit bestand, musste ich eine Lösung finden, dies zu verhindern und meine Gefühls- und Gedankenwelt vor den Blicken anderer abzuschotten, mich vor allen zu verschließen, bevor ich mich überhaupt je jemandem geöffnet hatte.

 

Einige Stunden, bevor ich mit Aini am Fenster in ihrer Wohnung stand, hatte mich Hosokawa in seinen Krankheitszustand eingeweiht. Ich wusste nun, dass seine Krebserkrankung bereits weit fortgeschritten war, weit genug, um Metastasen gestreut zu haben. Er hatte mit nüchterner Stimme erklärt, dass man den Krebs durch die Lungenmetastasen erst entdeckt hatte, jedoch den Primärtumor bis zum heutigen Tag nicht finden konnte. Es stand noch eine letzte Untersuchung aus, um den Auslöser für den Krebs zu finden, danach würde man ungeachtet der Ursache mit der Behandlung der Metastasen beginnen.

Die Informationen, die während seiner Schilderung auf mich einprasselten, klangen hoffnungslos. Doch das, was mich an seinem Bericht am meisten verstörte, war, wie gelassen er selbst wirkte.

„Unser Tauschhandel an Informationen war keine gute Idee, da du ja keinerlei Verpflichtung hast, mir irgendwelche Dinge über dich zu erzählen“, sagte er mit desinteressiertem Tonfall. „Allerdings war der Hintergrund dessen ja, dass du mehr Informationen haben wolltest, um deine Arbeit zu machen. Somit weißt du jetzt Bescheid, falls dir das bei der Arbeit irgendeine Hilfe sein könnte.“

Nachdem er das gesagt hatte, wurde es so still, dass in meinen Ohren einzig ein dumpfes Rauschen zurückblieb. Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte. Und hatte er mir das wirklich nur deswegen erzählt, weil er glaubte, ich könnte die Information nützlich finden?

Um Zeit zu schinden, bedankte ich mich zunächst stockend für seine Offenheit, während ich versuchte, mir vorzustellen, welche Antwort diejenige wäre, die Hosokawa am ehesten hören wollte. Der Inhalt und die Art seines Vortrags waren völlig zueinander völlig widersprüchlich. Er hatte von seiner Krankheit gesprochen, als sei sie ihm egal. Ausgeschlossen, dass er da eine starke Reaktion erwartete. Und ganz sicher keine Emotionsgeladene. Oder doch? Die Sekunden verstrichen, noch immer wusste ich nicht, wie ich reagieren sollte. Doch nun konnte ich nicht länger schweigen, musste irgendetwas tun.

 

Los schon, mach den Mund auf und sag etwas. Was ist so schwer daran?

 

Irgendetwas war schwer daran. So schwer, dass mir kein weiteres Wort über die Lippen ging und der Bericht über seine Krankheit somit schließlich mit meinem verlegenen Schweigen kläglich versandete.

 

Nachdem ich Hosokawas Haus verlassen hatte, kam es mir vor, als hätte ich etwas von der Stille daraus mit mir fortgenommen. Den Rest des Tages fühlte ich mich wie von einem dünnen, gräulichen Schleier überzogen. Erst, als ich mit meinen Eltern telefonierte und hörte, wie fröhlich sie waren, nachdem ich ihnen berichtet hatte, dass das Meeting gut gelaufen war, schien sich der Schleier etwas zu heben. Doch während der halbwachen Nacht, die ich mich mal auf der Couch wälzend, mal am Fenster stehend, mal vor dem leisen, das ganze Zimmer in blaues Flimmerlicht tauchenden Fernseher kauernd verbrachte, kam das Gefühl, dass ich irgendetwas falsch machte, wieder zu mir zurück und brachte mich um den Schlaf.

 

Am nächsten Tag sprach Hosokawa mit mir, als hätte es das Gespräch vom Vortag nicht gegeben. Ich brachte Unterlagen und nahm Dokumente mit. Die Mittagspause verbrachte ich allein, da Aini wieder für Termine unterwegs war. Danach rief Hosokawa in meinem Büro an und gab mir den Auftrag, mich in der Marketing-Abteilung nach den nächsten Events und Kundenterminen zu informieren, zu denen er antreten würde. Die Informationen, die man mir gab, sollte ich anschließend an Kayama weitergeben. Ich wunderte mich, warum sich Kayama nicht gleich persönlich informierte, doch ich vermutete, dass dieser Auftrag der Art Arbeit angehörte, über die ich nicht zu viel nachdenken sollte.

 

Am frühen Nachmittag begab ich mich auf die achte Etage, wo sich die Marketingabteilung befand, um den Auftrag auszuführen. Ich betrat ein Büro und war verwundert, als ich es leer vorfand. Zwei weitere Zimmer waren ebenfalls menschenleer. Erst in einem dritten Büro waren schließlich einige Schreibtische besetzt. Zwei Mitarbeiterinnen befanden sich in Telefonaten. Die eine trug dazu ein Headset und nickte konzentriert, die andere sprach in einen Telefonhörer und deutete immer wieder eine Verbeugung an. Ein weiterer Mitarbeiter saß mit dem Rücken der Tür zugewandt, sodass ich beim Betreten des Raumes auf seinen Monitor sehen konnte. Dieser zeigte, dass er soeben im Inbegriff war, eine E-Mail zu beantworten. Abwechselnd drehte der Mitarbeiter den Kopf in meine Richtung und in die seiner beiden Kolleginnen. Schließlich stand er auf und kam mit einem herzlichen Lächeln auf mich zu.

„Hallo, kann ich Ihnen helfen?“, fragte er und sein Lächeln wuchs zu einem gutgelaunten Strahlen an. Er schien sehr jung zu sein und war bloß ein wenig kleiner als ich. Dennoch wirkte er bei seiner Größe zartgliedrig, dabei jedoch sportlich und überraschend robust, was an seiner geraden, aufrechten Körperhaltung liegen musste. Auf seiner rechten Wange befanden sich zwei Muttermale, die seinem sonst makellosen, symmetrischen Gesicht eine charakteristische Ungleichmäßigkeit verliehen.

Ich erwiderte seinen Gruß, ehe ich ins Stocken geriet. „Wo sind denn alle anderen?“, fragte ich und sah kurz zu den beiden Mitarbeiterinnen, die unverändert telefonierten.

„Zurzeit findet die wöchentliche Teambesprechung statt. Wir übernehmen währenddessen die Korrespondenz der gesamten Abteilung“, sagte er.

„Ich wusste nicht, dass gerade alle in einem Meeting sind. Hosokawa hat mich geschickt, um mir hier einige Informationen zu beschaffen.“

„Sie wurden persönlich von ganz oben geschickt?“, fragte der Junge und seine Augen weiteten sich, ehe über seinen Mund erneut ein Lächeln huschte. „Ach so ist das! Sie sind dieser Kesshou, von dem alle ständig reden! Na, ich hätte es mir denken können wegen des Auges. Mein Name ist Tetsuya Fukuzawa, aber Sie können mich Tetsu nennen. Ich mache hier ein Praktikum im Bereich Öffentlichkeitsarbeit“, sprudelte es nur so aus ihm heraus.

„Es freut mich, Sie kennenzulernen, Tetsu“, sagte ich hastig, bevor er seinen Redeschwall fortsetzen konnte.

„Und mich erst! Oh, bitte, Sie brauchen nicht so höflich zu mir sein“, sagte er und lachte, als wäre es absurd, dass man ihn siezte. „Seit ich vor ein paar Wochen hier angefangen habe, höre ich ständig von Ihnen. Sie sind sehr populär! Ist das Auge wirklich echt? Nein, tut mir leid, ich wollte nicht aufdringlich sein. Das werden Sie sicher ständig gefragt.“

„Schon gut. Es ist echt.“

Seine wachen, lebendigen Augen leuchteten erneut auf.

„Das ist so cool“, seufzte er und schwieg einen Moment andächtig, bevor ihm ein anderer Gedanke zu kommen schien. „Bei dem, was man so hört, klingt es, als hätten Sie einen der exklusivsten Jobs in der ganzen Agentur. Sie arbeiten sehr eng mit Herrn Hosokawa zusammen, nicht wahr? Man sagt, jetzt, wo er von zuhause arbeitet, sind Sie der einzige, der Zutritt zu ihm hat – und Sie fahren sogar seinen Wagen. Stimmt das alles etwa?“

Leise bestätigte ich seine Annahmen. Innerlich bereitete ich mich bereits auf eine erneute Notlüge über den Grund von Hosokawas Abwesenheit in der Agentur vor, doch Tetsuyas Interesse lag woanders.

„Wow, Sie sind der totale Hammer“, sagte er bloß mit einem Tonfall, der beinahe ehrfürchtig zu sein schien.

„Wie ist es, mit Herrn Hosokawa zu arbeiten?“, fragte er dann und dämpfte seine Stimme. „Ich bin erst seit drei Wochen hier und bin ihm persönlich noch nicht begegnet, habe aber so viel von ihm gehört. Alle verehren und bewundern ihn.“

„Ist das so?“, fragte ich nun meinerseits.

Tetsuya nickte übertrieben und sah mich an, darauf wartend, dass ich seine Frage noch beantworten würde.

„Die Zusammenarbeit mit Herrn Hosokawa ist sehr spannend“, sagte ich. „Ich lerne sehr viel von ihm.“

Diese Antwort schien meinem Gegenüber zu genügen, denn er nickte erneut und setzte wieder sein gutgelauntes Strahlen auf.

„Super. Das freut mich so für Sie“, sagte er in einer so herzlichen Weise, dass ich beinahe glaubte, er freue sich wirklich für mich, obwohl ich ein völlig Fremder für ihn war. Oder machte er sich am Ende doch über mich lustig?

 

Der junge Praktikant hatte sich entschuldigt, da er mir vermutlich nicht weiterhelfen konnte und meine Durchwahl mit dem Versprechen notiert, die Sache an eine der Kolleginnen heranzutragen, sobald sie Zeit hätten.

 

Nach dem Teammeeting war es am Ende Suzuki persönlich, die sich mit meinem Anliegen befasste. Als sie erfahren hatte, dass die Informationen, die ich benötigte, für Kayama vorgesehen waren, berief sie ein Meeting mit uns beiden ein, um die Daten auf direktem Wege zu übermitteln. Heute, wo ich bloß mit Kayama und Suzuki in einem der Konferenzräume saß, war ich viel entspannter als in dem Meeting am Vortag. Die beiden schienen mir weitaus umgänglicher als die restlichen Anwesenden des letzten Meetings – Hosokawa eingeschlossen. Während Suzuki Kayama die Informationen übermittelte, war ich ständig hin- und hergerissen zwischen dem heimlichen Genuss, ihrer samtigen Stimme zu lauschen, die durch ihre undeutliche Aussprache viel mehr wie ein wohlklingendes Instrument schien, und der Unsicherheit darüber, ob sie bloß deswegen das Meeting einberufen hatte, weil sie mir eine zuverlässige Datenübermittelung nicht zutraute.

 

Das Meeting hatte dazu geführt, dass ich etwas später als sonst bei Hosokawa zuhause eintraf. Als ich einen Abstecher ins Erdgeschoss machte, um Kimura zu begrüßen, stellte ich fest, dass sie nicht da war. Bloß ein leichter Zitronenduft, der allgegenwärtig schien, brachte mir Gewissheit, dass sie da gewesen sein musste.

 

Der Herr des Hauses wirkte bei meiner Ankunft missgestimmt.

„Wenn ich dir sage, du sollst dich selbst schlau machen und im Anschluss Kayama informieren, dann sollst du es genauso erledigen und nicht jemand anderen, der doppelt so beschäftigt ist wie du, deine Arbeit machen lassen, während du bloß daneben sitzt und dir die Eier kraulst“, sagte er, während er eine halbgeleerte Bentobox aus einem Supermarkt beiseiteschob.

„Es tut mir leid. Ich hatte keinen Anlass gesehen, das von Suzuki angesetzte Meeting auszuschlagen. Das war ein Fehler“, sagte ich, obgleich ich dachte, dass ich dann zunächst mit Suzuki und anschließend mit Kayama hätte sprechen müssen und noch später zu Hosokawa gekommen wäre als ohnehin schon.

„Schon gut, ich hätte dich wohl besser selbst gleich genauer eingeweiht“, brummte er. „Dann hole ich das hiermit nach: Erinnerst du dich, was für ein Termin nächsten Donnerstag ansteht?“

„Donnerstag… da sind Sie und Kayama bei einer Benefizgala im Jahreszeiten.“

„Das ist am Samstag“, kläffte Hosokawa, ehe er wieder etwas ruhiger wurde, dabei jedoch den aggressiven Ton beibehielt. „Siehst du, deswegen solltest du die Termine selbst in Erfahrung bringen und dann die Informationen an Kayama weiterleiten. Jetzt weißt du gar nichts und ich muss meine kostbare Zeit damit verschwenden, dich über etwas zu briefen, was du längst wissen solltest.“

„Es tut mir sehr leid“, sagte ich kleinlaut.

„Ich weiß. Hör jetzt also umso besser zu. Am Donnerstag ist die Eröffnung von R&W’s neuen Flagship-Store, zu dessen Anlass es eine Eröffnungsparty gibt. Der Chefdesigner des Labels heißt Ken Satou. Der Kerl ist ziemlich schwierig mit all seinen Wünschen und Unberechenbarkeiten. Er hat das Label aber großgemacht und entscheidet daher alles. Also sollte ihm jemand die Entscheidung darüber, welche Models für R&W’s Haute-Couture-Show bei der Fashion Week laufen sollten, ein wenig erleichtern. Den Job werde also ich übernehmen. Zusammen mit Kayama. Und du kommst auch mit.“

„Was?“

„Du darfst uns alle mit deinem bemerkenswerten Auge bezirzen“, sagte Hosokawa ohne von den Unterlagen, durch die er beiläufig blätterte, aufzusehen. Ich versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, dass mich die plötzliche Meldung, dass ich als visuelles Element mit zu irgendeinem divenhaften Designer kommen sollte, frustrierte. Das wäre wohl noch so ein Termin, bei dem ich nicht mehr sein sollte, als ein Dekorationsgegenstand.

 

Samstags war Aini nicht zuhause, da sie einen weiteren geschäftlichen Termin hatte. In ihrer Abwesenheit sah ich stundenlang irgendwelche Seifenopern, während ich Snacks in mich hineinstopfte. Nachmittags schaltete ich den Fernseher endlich aus und ging dazu über, etwas zu lesen. Die Bücherauswahl aus dem Regal meiner Schwester gestaltete sich etwas schwierig. Neben vielen eher feministischen Ratgebern und Büchern zum Thema Mode wies das Regal nur wenige Romane – meist Krimis – auf, von denen ich den Großteil bereits durch- oder zumindest angelesen hatte. Der untere Teil des Regals enthielt ein Schubfach, das ich gedankenlos öffnete, um zu sehen, ob es weitere Lektüreoptionen hergab. Und tatsächlich: Neben einem Vorrat an Kerzen, Batterien, Servietten sowie ein paar Yoga-VHS und sonstigem Kleinkram fand ich eine Handvoll Groschenromane. Ich nahm einen davon zur Hand und las den Klappentext. Die Protagonistin, eine junge, idealistische Reporterin, konnte sich im Laufe des Buches auf eine leidenschaftliche Liebschaft mit einem älteren, wenn auch attraktiven Medienmogul gefasst machen. In einem weiteren stand einer jungen, idealistischen Schauspielerin ein verruchtes Techtelmechtel mit dem älteren, wenn auch attraktiven Regisseur bevor, in dessen neusten Film sie mitspielte. Ob sie die Bücher hatte verschwinden lassen, als ich eingezogen bin? Ich ließ mich auf dem Boden vor dem Regal nieder und blätterte ein wenig durch eine der seichten Erzählungen. Bald schon legte ich es jedoch wieder beiseite, da es mich nervös machte, die erotischen Szenen zu lesen, die vermutlich das Herz meiner Schwester in ähnlicher Weise wie das meine hatten höherschlagen lassen. Beim Zurücklegen versuchte ich den Eindruck zu erwecken, die Bücher nie in die Hand genommen zu haben. Wenn Aini es bemerkte, wären sie und ich womöglich gleicherweise beschämt.

Um wieder einen kühlen Kopf zu bekommen, entschied ich mich nun doch dafür, eines der Sachbücher aus Ainis Regal näher in Augenschein zu nehmen. Meine Wahl fiel auf ein Buch über bedeutende Modedesigner der letzten Dekade. Ich staunte bei der Feststellung darüber, dass eine Seite darin tatsächlich Ken Satou gewidmet war. Es gab sogar ein Ganzkörperbild von ihm, das ich eingehend betrachtete.

In einem jadegrünen Haori, einer Kimonojacke, und einer schwarzen Lederhose stand er da und sah mit schmalen, überheblichen Augen hinter einem großen, schwarzen Brillengestell direkt in die Kamera. Er sah viel jünger aus, als ich erwartet hatte, war ich doch eher von einem divenhaften, alternden Exzentriker ausgegangen. Der Mann auf dem Bild schien Anfang dreißig zu sein – vielleicht war er auch jünger und sein hageres Gesicht mit den markanten Wangenknochen und dem spitzen Kinn ließ ihn älter wirken. Seine langen Haare hatte er zu einem strengen Zopf zusammengebunden. Alles an ihm, das akribische Haar, das kantige Brillengestell, der Schnitt seiner Kleidung – sogar seine langen Beine – wirkte geradlinig und wohlüberlegt in Szene gesetzt. Selbst jemand wie ich, der keine Ahnung von Mode oder der Branche hatte, konnte erkennen, wie stilvoll sein Äußeres war, an dem alles wie eine unverzichtbare Komponente eines Gesamtkunstwerkes schien.

Der nebenstehende Text gab nicht viele Hinweise darauf, was mich bei der bevorstehenden Veranstaltung erwarten würde. Ken Satou wurde darin lediglich als Chefdesigner von R&W genannt, für dessen Entwürfe er seit vier Jahren (das Buch war aus dem letzten Jahr, also seit fünf Jahren) verantwortlich war. Zudem war er laut Buch der Erfinder eines bestimmten Looks, dem sogenannten Toraddo-Aikon, was die japanische Transkription von Trad-Icon war, eine Zusammensetzung aus Tradition und Icon. Dabei wurden traditionelle mit ikonischen, popkulturellen Elementen kombiniert. Als Beispiel wurde ein Kimonoentwurf genannt, dessen Stoff mit einem Pikachu-Muster versehen war.

 

Pikachu-Muster. Ernsthaft, Herr Satou?

 

Ich konnte mir nicht vorstellen, wie das aussehen musste – schon gar nicht, wenn dieser Mann mit dem eleganten Look und dem unwirschen Gesicht dafür verantwortlich war. Ich durchsuchte daraufhin also die Bücher in Ainis Regal auf weitere Informationen oder gar ein Bild zu diesem Toraddo-Aikon-Stil. Die Suche blieb jedoch vergebens und so entschied ich spontan, in die Bibliothek zu fahren, um weiter zu dem Thema zu recherchieren.

 

Im Lesesaal der Bibliothek wälzte ich kurz darauf Bücher über Mode, Models und Designer. Während meiner Recherche, die immer weniger mit freizeitlicher Neugier und immer mehr mit Arbeit zu tun zu haben schien, fand ich schließlich ein Bild von Ken Satous Pikachu-Kimono. Er sah viel hochwertiger und eleganter aus, als ich angenommen hatte. Um genau zu sein war er sogar kein bisschen albern, sondern sehr cool. Den handgewebten Stoff dazu hatte er mit einem Textilunternehmen namens TEXas entworfen, über das er laut einer Quelle bis heute die meisten Stoffe bezog. Die kleinen, knuffigen Monster waren in traditionell japanische Kimonomuster eingearbeitet, sodass sie bloß auf den zweiten Blick erkennbar waren. Ich recherchierte immer weiter, las etwas über TEXas und ging später dazu über, mich über die bedeutendsten japanischen Models zu informieren. Häufig stieß ich dabei auf Bilder von meiner eigenen Schwester.

Wann auch immer ich Aini sah, spürte ich, wie sich in meinem Bauch vor Stolz eine kribbelnde Wärme ausbreitete. Manchmal musste ich genau hinsehen, um mit Sicherheit zu sagen, dass sie es wirklich war. Ihre Frisuren, Make-ups und Outfits (sofern sie etwas anhatte) und überhaupt ihr ganzer Ausdruck auf Shooting-Fotos waren immer wieder anders, immer wieder neu. Auf Bildern, die auf Laufstegen, roten Teppichen oder während Galas, Fashion Shows und anderen schillernden Events entstanden waren, wirkte sie hingegen stets positiv und selbstbewusst. So, als gäbe es keinen Ort der Welt, an dem sie gerade lieber sein würde, als dort im Scheinwerferlicht. Die vielen Bilder, die meine Sinne fluteten, gaben mir eine Ahnung von dieser schillernden Welt, in die meine Schwester eingetaucht war, als sie damals unsere Heimat verlassen hatte. Und ich bekam ein Gefühl davon, wie phänomenal sie auf dem Höhepunkt ihrer Modelkarriere gewesen sein musste.

„Der totale Hammer“, murmelte ich vor Begeisterung ehrfürchtig vor mich hin.

„Wie bitte?“

Ich sah auf und blickte in das schmale, ernste Gesicht eines Mannes. Bemessen an der Anzahl an Büchern (offenbar alle zum Thema Erziehung sowie Verarbeitung von Schicksalsschlägen bei Kindern und Jugendlichen), die er mit kleinen Notizzetteln versehen vor sich ausgebreitet hatte, saß er mir nun wohl schon eine ganze Weile gegenüber. Ich wunderte mich, dass ich erst jetzt Notiz von ihm nahm, bei seiner überaus bemerkenswerten Frisur mit dem kurzen, geraden Pony und den langen Strähnen, die sein Gesicht umrahmten, schien er wie niemand, dessen Anwesenheit einem ohne weiteres entgehen könnte.

„Entschuldigung, ich habe mit mir selbst gesprochen“, sagte ich hastig und klappte das Buch, in dem ich zuvor geblättert hatte, leise zu. Der Mann gegenüber schob seine Brille zurecht und widmete sich ohne ein weiteres Wort wieder seiner Lektüre.

Nun, da er mir keine Aufmerksamkeit mehr schenkte, nahm ich ein weiteres Buch zur Hand und tauchte wieder in den Glanz der Bilder ein. Nach einiger Zeit – mittlerweile hatte ich kein Gespür mehr dafür, wie spät es war – stieß ich auf ein Bild, das eine Gruppe heiterer Menschen in Abendgarderobe zeigte. In vorherigen Büchern hatte ich bereits ähnliche Bilder gesehen, einige sogar mit meiner eigenen Schwester. Doch dieses hier war auf andere Weise besonders.

Einer der Menschen in dem Bild war Hosokawa.

Ich erkannte ihn sogleich, obwohl er anders aussah als heutzutage. Ich blätterte zurück, um zu prüfen, aus welchem Jahr das Buch stammte und war erstaunt, dass es erst vor zwei Jahren publiziert worden war. Mein Chef sah in dem Bild tatsächlich jünger aus, sofern es erst zwei Jahre zurücklag, war er in der Zwischenzeit erkennbar gealtert. Die Tatsache, dass er jünger aussah, war allerdings nicht das Auffälligste: Auf dem Bild strahlte er von einem Ohr zum anderen, die ohnehin schmalen Augen dabei zu winzigen, heiteren Halbmonden zusammengekniffen, und wirkte herzlich und entspannt. Zum ersten Mal, mit diesem älteren Bild von ihm zum Vergleich, wurde für mich sichtbar, was die Mitarbeiter der Agentur sahen, wenn sie kamen, um sich über seinen Zustand zu erkundigen. Ich konnte plötzlich sehen, was Kimura sah, wenn sie sagte, dass er in einem schlechten Zustand sei und mich bat, auf ihn aufzupassen. Zum ersten Mal wurde mir wirklich klar, dass der Hosokawa von heute sehr, sehr krank war.

Diese Erkenntnis brachte mich dazu, meine Recherche zum Thema Mode zu beenden und stattdessen ein Übersichtswerk über unterschiedliche Arten von Krebs zu beschaffen. Ich las nun schon so lange, dass meine Augen brannten, doch nun, mit diesem Buch in der Hand, kam es mir vor, als hätte ich bisher bloß herumgespielt und die wahre Recherche hatte erst jetzt begonnen. Ich las alles, was mir unter die Augen kam, allgemeine Informationen zu Krebs, seiner Entstehung und Ausbreitung und schließlich über Lungenmetastasen. Ich fand auch einen Abschnitt zu der Art Krebs, die nicht gefunden werden konnte; CUP-Syndrom wurde es genannt – Cancer of Unknown Primary. Dies konnte vorkommen, wenn der Primärtumor sehr klein war oder sich wieder zurückgebildet hatte. Der Artikel besagte, dass bei der Diagnose die Krankheit oft bereits so weit fortgeschritten war, dass man sich lediglich darauf beschränken konnte, die Symptome zu lindern und den Patienten die verbleibende Zeit so schmerzarm wie möglich zu gestalten. Würde Hosokawa ein ebensolches Schicksal bevorstehen? Eine Untersuchung, um den ursprünglichen Tumor zu finden, stand noch aus. Ich konnte mir kaum vorstellen, wie es in so einer Situation in einem Menschen aussah, was das mit einem machte.

Plötzlich kam mir wieder das Gespräch mit ihm in den Sinn, in dem er mir genaueres über seine Krankheit verraten hatte. Ich hatte nicht verstanden, aus welchem Grund er mich in seinen Zustand eingeweiht hatte und war daran gescheitert, eine angemessene Reaktion zu finden, sodass ich ihm letztendlich gar keine gab.

Vielleicht hatte er es erzählt, nicht, um mir Informationen zuzuspielen, sondern weil es ihn so beschäftigte, dass er das Bedürfnis hatte, mit jemandem darüber zu sprechen? Da er mich bezahlte, um ihn zu unterstützen, war ich vielleicht nach seiner Logik derjenige, der am ehesten als Zuhörer geeignet gewesen war, als jemand, der ihn hätte unterstützen können. Immerhin hatte er neulich nach seinem Angriff statt eines Taxis mich zu sich gerufen und als er am Ort des Geschehens noch zu weinen begonnen hatte, hatte ich ihn ohne groß darüber nachzudenken beruhigt – offenbar mit Erfolg.

Vielleicht hatte er auf seinen Krankheitsbericht hin doch auf eine empathische Reaktion gehofft, auf irgendein Wort, das ihn hätte beruhigen können. Vielleicht war ihm auch dabei zum Weinen zumute und er hätte Trost gebraucht. Doch stattdessen hatte er gar nichts bekommen außer Stille, wobei er davon bereits genug hatte; sein ganzes Haus war über und über voll davon.

„Idiot“, sagte ich zu mir selbst, sah dann jedoch auf, um mich bei meinem Gegenüber für die Störung zu entschuldigen, doch stellte fest, dass der Mann mit dem schmalen, blassen Gesicht und der bemerkenswerten Frisur längst fort war. Bei einem Blick um mich herum wurde mir klar, dass ich mittlerweile der einzige Besucher der Bibliothek sein musste, also klappte ich das Buch zu und beendete die Recherche für diesen Tag endgültig.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *