Schneespuren 3.5

Teil 3 Vor den goldenen Hallen

5 Unter anderem Namen I

Ich schenkte Aini Tee ein. Behutsam legte sie die Finger um die dampfende Schale und sah mich mit neugierigen Augen an.

„Sicher, dass alles in Ordnung ist?“, fragte sie. Immer öfter hörte ich diese Frage, immer wieder versuchte sie, sich nach meinem Wohlbefinden zu vergewissern. Nun also auch in dem Café, in das wir nach einem gemeinsamen Besuch des S-Tempels eingekehrt waren.

 

Sonntagnachmittag hatte meine Schwester Zeit und vorgeschlagen, etwas gemeinsam zu machen. Ich äußerte den Wunsch, den S-Tempel zu sehen. Als sie nachhakte wurde mir erst wieder klar, dass ich während meines Besuchs Anfang des Jahres den Anschein erweckt hatte, den Tempel bereits gesehen zu haben, obwohl ich damals die Öffnungszeiten verpasst hatte.

„Ich wollte damals irgendwie nicht, dass du glaubtest, ich sei ein Idiot“, hatte ich mit offenen Karten gespielt, da mir keine plausible Erklärung für diese Unstimmigkeit in meinen Aussagen damals und heute eingefallen war.

„Verstehe“, hatte sie bloß gesagt und zugestimmt, den Tempel zu besichtigen.

 

„Alles in Ordnung“, erwiderte ich wie immer tonlos auf ihre Frage und sah auf meine Finger hinunter, mit denen ich von der Teekanne abgelassen und die ich nun in meinem Schoß zusammengefaltet hatte.

„Wenn du nicht die Wahrheit sagen kannst oder willst, solltest du wenigstens lernen, richtig zu lügen“, erwiderte Aini ernst und hob die noch immer dampfende Schale an die Lippen, nahm einen kleinen Schluck daraus. Ihre getönte Brille beschlug für einen kurzen Augenblick. Der Kellner kam an unseren Tisch und servierte ein Stück Schokoladenkuchen, das ich bestellt hatte, da ich nach dem Aufenthalt im S-Tempel mittlerweile großen Hunger hatte. Aini, die selbst nichts bestellt hatte, nickte ihm kurz zu, ehe er sich wieder entfernte.

„Einige Kollegen haben sich bei dir nach Hosokawas Zustand erkundigt, aber scheinbar keine plausible Antwort auf die Frage, warum er zuhause bleibt, erhalten“, sprach sie weiter, als der Kellner außer Hörweite war. „Das einzig Klare an deiner Aussage war die Tatsache, dass du lügst. Einige besonders dreiste Kollegen haben mich darauf angesprochen. Das war sehr peinlich für mich.“

„Es tut mir leid“, sagte ich kleinlaut. Meine rechte Hand umklammerte die linke immer fester, bis die Knöchel weiß unter der Haut hervortraten.

„Und ich bin auch besorgt. In vielerlei Hinsicht“, fügte Aini hinzu.

„Ich werde mich um das Problem kümmern“, sagte ich.

Eigentlich war ich froh gewesen, als sie vorgeschlagen hatte, den Nachmittag gemeinsam zu verbringen. Doch nun saß ich da, meiner Schwester direkt gegenüber, und fühlte mich, als wären wir weit voneinander entfernt.

Ich wollte die Situation irgendwie retten, denn auch Aini hatte sich sicher gewünscht, dass das Beisammensein mit mir entspannter sein würde. Es musste doch irgendetwas interessantes geben, das ich ihr hätte sagen können, auch wenn es sonst so manches gab, über das ich glaubte, nicht reden zu können. Nach kurzem Abwägen erzählte ich ihr schließlich, dass ich in einigen Tagen mit Hosokawa und Kayama die Eröffnungsfeier des R&W-Flagship-Stores besuchen würde, wobei ich versuchte, so heiter wie möglich zu wirken und dabei völlig fremd in meinen eigenen Ohren klang, so, als wäre es nicht ich, der da sprach.

Aini war gütig genug, den Themenwechsel mitzutragen. „Was um alles in der Welt sollst du bei dem Event von R&W? Der Chefdesigner wird da sein und dieser Typ ist so… naja, du wirst ihn ja selbst kennenlernen.“

„Um ehrlich zu sein, habe ich mich ein bisschen über diesen Designer – Ken Satou –  erkundigt“

„Ach ja? Schön, wenn du dich auf deine Termine vorbereitest. Vorbereitung ist wichtig“, sagte Aini und nahm erneut einen Schluck Tee. Meine Finger lockerten sich wieder, ich nahm nun meinerseits einen Schluck und machte mich an den Verzehr des Kuchenstücks vor mir, als Aini erneut zum Gespräch ansetzte, als sei ihr noch ein Gedanke in den Sinn gekommen, den sie äußern wollte.

„Wenn du jetzt mit der Modebranche in Kontakt gerätst, wäre es vielleicht möglich, dass du bei Designern und anderen Vertretern der Branche nicht an die große Glocke hängst, dass wir Geschwister sind? Ich habe mir den Platz in dieser Branche hart erkämpft und genieße ein gewisses Ansehen, das ich mit meiner professionellen Auswahl neuer Models immer wieder bestätigen kann. Versteh mich nicht falsch, aber ich möchte nicht, dass der Eindruck entsteht, ich hätte meinen eigenen Bruder in diese Position als Assistent des Geschäftsführers manövriert als eine Art Günstling oder so. Das könnte meine Arbeit als Scout und die Auswahl der Modelkandidaten missverständlich subjektiv erscheinen lassen.“

Ich hielt in der Bewegung, ein mundgerechtes Stück von meinem Dessert zu lösen, inne. Stattdessen nahm ich die Hände wieder in den Schoß und verknotete sie ineinander.

„Natürlich, kein Problem“, sagte ich und sah auf meine Teetasse hinunter.

 

Wenn du nicht die Wahrheit sagen kannst oder willst, solltest du wenigstens lernen, richtig zu lügen.

 

Die Wahrheit war, dass mich ihre Worte verletzten, doch verstand ich den Grund für ihre Bedenken und wollte nicht, dass sie sah, dass es mir etwas ausmachte. Wir verfielen beide in Schweigen, das, je tiefer es wurde, die Verletzung über ihre Worte in mir immer weiter verstärkte, bis ich fürchtete, sie könnte sie in meinen Zügen erkennen. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus. Ich entschuldigte mich, erhob mich aus dem Seiza, dem japanischen Fersensitz, und ging mit steifen Beinen durch das Café hin zu den Toiletten, wo ich mich in einer Kabine einschloss und einige Minuten einfach bloß so dastand und an die gegenüberliegende Wand starrte, ehe ich zu Aini an den Tisch zurückkehrte. Bald darauf brachen wir auf. Den Schokoladenkuchen hatte ich letztendlich unberührt gelassen, der Appetit war mir trotz meines Hungers vergangen.

 

Der Gedanke an unser Gespräch ließ mich den ganzen Tag nicht mehr los. Als ich nachts auf ihrer Couch lag und in die Dunkelheit über mir blickte, brach ich sogar kurz in Tränen aus und weinte lautlos und ungesehen vor mich hin. Ich verstand meine Schwester ja. Doch ich konnte mich dennoch einfach nicht vor dem Gefühl verschließen, dass ich ihr peinlich war.

Nachdem wir den Tag miteinander verbracht hatten, wurde ich den Verdacht nicht los, dass sie mich vielleicht nicht immer wieder nach meinen Gedanken und Sorgen fragte, weil sie mein Herz erleichtern wollte. Vielleicht wollte sie stattdessen bloß überprüfen, dass es verschlossen blieb und ihr Geheimnis sicher bei mir wäre. Konnte es tatsächlich sein, dass sie immer dann, wenn sie mich fragte, ob mich etwas bedrücke, gar nicht wollte, dass ich sprach, sondern dass ich schwieg, um zu wissen, dass ich auch dann schwieg, wenn mich andere zum Reden ermutigten oder ich dann wenigstens überzeugend genug schwindelte?

Vielleicht war es ja auch gar keine Gastfreundschaft seitens meiner Schwester, dass sie mich bei sich aufgenommen hatte. Vielleicht war ich in Wirklichkeit eine Art Geisel dieses verdammten Geheimnisses, unter ständiger Beobachtung, nichts Falsches zu tun oder zu sagen.

 

Zu Beginn der nächsten Woche kam Hosokawa wieder ins Büro. Als ich von Kiki beim gemeinsamen Betreten der Agentur mit Aini davon erfahren hatte, verspürte ich ein plötzliches Herzklopfen in meiner Brust. Waren seine Wunden von dem Angriff mittlerweile so gut verheilt, dass niemand erahnen würde, dass dies der Grund war, dass er sich eine Woche lang von der Agentur ferngehalten hatte? Und was wäre mit seinem Bein? Ich musste mich nicht erst bis zum Vormittag gedulden, die Antwort darüber herauszufinden, denn kurz, nachdem ich die Agentur betreten und in meinem Büro eingetroffen war, stattete mir Hosokawa einen Besuch ab.

 

Lebhaft und fidel wie eh und je öffnete er schwungvoll die Tür und tänzelte ins Zimmer. Weder sein Gesicht noch sein Bein zeigten irgendwelche Anzeichen davon, dass es sich um denselben Mann handelte, der die gesamte letzte Woche zurückgezogen vor der Öffentlichkeit in seinem Haus verbrachte, weil er von einem Angriff gezeichnet war.

„Guten Morgen, Kesshou!“

„Guten Morgen, Chef.“

„Na, wie geht’s uns heute?“

„Gut, sehr gut“, sagte ich leise. Er baute sich vor dem Schreibtisch auf und sah sich um.

„Hier ist es dunkel.“

„Oh, ach das.“ Ich stand auf, um den Lamellenvorhang, der die große Fensterfront hinter meinem Schreibtisch abdunkelte, zu öffnen. Sogleich wurde ich von dem grellen Widerschein der Sonne geblendet, die sich in der Fassade des Gebäudes gegenüber spiegelte. An einem sonnigen Tag wie dieser einer war, musste ich über den Vormittag meist das Fenster verdunkeln, da diese Reflexion mein rotes Auge überreizte und mir Kopfschmerzen und Schwindel bereitete. Zum Glück besserten sich die Lichtverhältnisse im Laufe des Tages, sodass ich meist nach der Mittagspause die Lamellen öffnen konnte. Als ich mich von der Fensterfront abwandte, stellte ich durch das dumpfe, bunte Flackern, das sich vor meinem Auge auftat, fest, dass Hosokawa sich auf meinem Stuhl niedergelassen hatte, auf dem er es sich, zurückgelehnt und entspannt, gemütlich gemacht zu haben schien.

Als wäre dies sein Büro und nicht meins, ging ich um den Schreibtisch herum und positionierte mich davor, wobei ich den Blick auf den Boden richtete, um das grelle Licht, das das Zimmer flutete, zu meiden.

„Ich habe dir deinen Platz geklaut“, sagte Hosokawa in einem Ton, als hätte er mich darauf hinweisen müssen, als hätte ich es selbst nicht bemerkt.

„Bitte bleiben Sie sitzen, wenn Ihnen danach ist“, sagte ich bloß. Vielleicht war das eine kleine Racheaktion dafür, dass ich neulich bei dem Meeting seinen Platz besetzt hatte? So oder so kam es mir wie die klügere Variante vor, ihm seinen Willen zu lassen.

„Gut, mein Bein bringt mich fast um“, seufzte er.

Also keine Racheaktion eines nachtragenden Chefs, sondern doch bloß der Wunsch eines kranken Mannes nach etwas heimlicher Schonung.

„Als ich reinkam, hat man mir nicht angesehen, dass mein Bein immer noch Probleme macht, nicht wahr?“, fragte er nun und klang, als setze er ein verschmitztes Lächeln auf, das ich nicht sehen konnte, da ich lediglich seine Silhouette gegen die Morgensonne ausmachen konnte, der ich mit meinem Blick weiter auszuweichen versuchte.

„Nein, ich habe nichts bemerkt.“

„Wunderbar, dann hat es ja etwas gebracht, dass ich einen halben Tablettenfilm Schmerzmittel gefrühstückt habe“, sagte er in einem Ton, der mich im Ungewissen darüber ließ, ob er einen Scherz gemacht hatte oder die Wahrheit sprach. Bei seinem unregelmäßigen, ungesunden Essverhalten schien beides realistisch.

„Es tut mir leid, dass es Ihrem Bein noch nicht bessergeht. Doch es ist schön, zu sehen, dass Sie sich dennoch etwas von den Strapazen der letzten Woche erholen konnten.“

„Ja, nicht wahr? Ich sehe gut aus. Die Kosmetikerin, die ich heute Morgen zu mir bestellt habe, hat einen guten Job gemacht.“

Ich schwieg einen Moment und rätselte, was er meinte. Hatte er wieder einen Witz gemacht? Oder versuchte er, mir zu sagen, dass er die letzten Reste seiner Blessuren durch Make-up hatte überdecken lassen?

„Ich verstehe“, sagte ich, bloß, um irgendetwas zu sagen.

„Nicht so schüchtern, du kannst auch zugeben, dass ich gut aussehe. Ich werde dich wegen eines ernstgemeinten Kompliments zu meinem Äußeren nicht gleich für schwul halten, versprochen.“

„Die Kosmetikerin hat gute Arbeit geleistet“, stammelte ich.

„Danke, das ist so charmant von dir. Du siehst auch gut aus, Kesshou. Außer, dass dein Anzug schlecht sitzt und du eine miese Körperhaltung hast. Meinst du, du könntest das bis Donnerstag in den Griff bekommen? R&Ws Chefdesigner soll meinen Assistenten nicht mit einem halbleeren Sack Reis verwechseln.“

„Selbstverständlich, verzeihen Sie. Ich kümmere mich um das Problem“, sagte ich und versuchte sogleich, mich aufrecht hinzustellen, während ich das Jackett meines Anzugs glattstrich.

„Super, ich wusste, auf dich ist Verlass“, sagte er und griff in die Innentasche seines Jacketts, aus der er eine Visitenkarte herauszog und mir entgegenhielt. „Um den Anzug kümmert sich diese Person. Geh heute Nachmittag dorthin. Sag, dass du von mir geschickt wurdest, um alles Weitere brauchst du dich nicht kümmern.“

Ich nahm die Karte entgegen und versuchte, sie zu entziffern. Als ich das rote Auge zudrückte, gelang es mir mit dem weniger sensiblen Auge, die Zeichen Hatori Minagawa – Herrenausstatter auszumachen.

„Morgen ist übrigens die letzte Untersuchung nach dem Ding, was sie nicht finden“, sagte Hosokawa aus heiterem Himmel.

„Oh“, rief ich aus. Ich sah auf, doch wandte sogleich wieder den Blick ab; Hosokawa zeichnete sich in meinem Stuhl vor dem gelb-orangen Leuchten bloß als dunkler Schatten ab, kaum mehr als eine schwarze Schablone. Meine Gedanken liefen auf Hochtouren, während vor meinen Augen unentwegt bunte Flecken tanzten. Dieses Mal würde ich anders als bei seinem Bericht über seinen Krankheitszustand letzte Woche etwas vernünftiges antworten, so nahm ich mir vor. Doch zu spät, ehe ich mit einer angemessenen Antwort reagieren konnte, hatte Hosokawa bereits wieder das Wort ergriffen.

„Fährst du mich?“, fragte er. Ich dachte wieder an das Bild von ihm, das ich in dem Buch in der Bücherei gesehen hatte. Er hatte so gelöst gewirkt; gelöster als ich ihn je erlebt hatte. Der Mann mir gegenüber war kein selbstverliebter Chef, der seinen Assistenten zum Laufburschen und Chauffeur abkommandierte, sondern jemand, der vermutlich die ungewissen Minuten vor seiner alles entscheidenden Untersuchung nicht allein verbringen wollte.

„Natürlich, wenn Sie das möchten“, sagte ich und nickte entschlossen. Ich erhielt keine Antwort, sodass ich annahm, er hätte genickt oder irgendwie anders signalisiert, dass er meine Antwort zur Kenntnis genommen hatte. Einen Moment lang war es still im Zimmer, einzig das Rauschen der Lüftanlage in meinem Computer war zu vernehmen, bis ich Hosokawas Stimme erneut vernahm.

„Was ist das?“

„Was?“

„Das hier“, sagte Hosokawas Stimme. Es folgte ein Klappern, als nehme er etwas vom Schreibtisch. Ich blickte auf und hielt das helle Auge geschlossen, um etwas zu sehen.

„Das ist meine Tasse“, sagte ich und wandte den Blick wieder auf den Boden.

„Hattest du nicht eine mit diesem Comic-Vieh drauf?“

„Ich habe sie umgetauscht.“ Nachdem ich die Tasse mit dem ausdruckslosen Hasen noch am selben Tag, an dem ich sie gemeinsam mit den kleinen, grünen Zetteln besorgt hatte, zurück in den Laden gebracht hatte, besorgte ich eine weiße Tasse für die Arbeit im 100-Yen-Laden. Die kleinen Zettel hingegen hatte ich tief in meiner Schreibtischschublade vergraben, da ich sie nicht umtauschen konnte, nachdem ich sie bereits verwendet hatte und es nicht über’s Herz brachte, sie wegzuwerfen, wo ich bis dato doch all mein Geld von meinen Eltern hatte und es mir wie Verschwendung vorgekommen wäre.

„Wenn du eine ganz einfache Tasse wolltest, hättest du eine von der Agentur benutzen können. Extra eine zu kaufen, ist doch Quatsch“, sagte Hosokawa.

„Ich dachte, falls sie mir hinfällt, wäre es mir lieber, ich zerbreche meine eigene Tasse als die eines anderen.“

„Man soll das Fell des Bären nicht verteilen, bevor er erlegt ist. Warum denkst du schon beim Kauf einer Tasse an den hypothetischen Fall, dass sie zerbrechen könnte?“, fragte er. Erneut hörte ich das Klappern der Tasse, als stelle er sie zurück auf den Schreibtisch. Dem Klappern folgte ein plötzliches Klirren. „Hoppla, tut mir leid. Das nenne ich Ironie.“ Hosokawa lachte. „Entschuldige, ich sollte nicht lachen.“

„Was ist passiert?“, fragte ich und machte einen Schritt auf den Schreibtisch zu.

„Mir ist die Tasse runtergefallen. Das war keine Absicht, ich bin mit dem Finger am Griff hängengeblieben.“

„Kein Problem“, sagte ich.

„Warum siehst du eigentlich die ganze Zeit auf den Boden? Selbst jetzt, wo ich deine Tasse zerdeppert habe. Du warst doch schon viel besser mit Blickkontakt als das.“

„Entschuldigung. Die Sonne blendet ein wenig“, gestand ich. Da schien Hosokawa einzuleuchten, warum zuvor die Lamellen geschlossen waren.

„Sag doch eher, dass dein Auge lichtempfindlich ist. Mach die Lamellen wieder zu“, rief er zur Eile drängend aus. Ich tat wie aufgefordert und bald schon war das Zimmer wieder dunkel. Noch immer darauf wartend, dass sich das Sehpurpur meines roten Auges neubilden würde, kniete ich mich auf den Boden, wo die Tasse in wenige, große Scherben zerbrochen war und sammelte diese auf.

„Entschuldige, dass ich dir nicht helfe. Ich würde mich lieber nicht vornüberbeugen, manchmal wird mir dabei schwarz vor Augen.“

„Bleiben Sie ganz bequem sitzen, ich mache das schon.“

„Die Tasse ersetze ich dir.“

„Nicht nötig. Sie hat nur 100 Yen gekostet.“

Ich entsorgte die Scherben im Mülleimer. Hosokawa blieb auf meinem Stuhl sitzen und beobachtete mich. Als ich ihm so nah war, bemerkte ich ein weiteres Mal, dass sein Atem erschwert ging, so, als hätte er einen kurzen Sprint hingelegt. Lungenmetastasen, ging es mir durch den Kopf.

Plötzlich klopfte es an die Tür zu meinem Büro, woraufhin selbige von außen geöffnet wurde.

„Hallo Kesshou- oh“, erklangen zwei Frauenstimmen im Gleichklang. Ich streckte den Kopf hinter dem Schreibtisch hervor und erblickte Aki und Kia. Beide Frauen waren überrascht, dass Hosokawa in meinem Büro war, möglicherweise auch deswegen, weil er auf meinem Stuhl saß und ich hinter dem Tisch gekauert hatte, als sie reinkamen. Als sich die erste Verwirrung gelegt hatte, begrüßten sie Hosokawa herzlich und fragten ihn, was ihn davon abgehalten hatte, die vergangene Woche in die Agentur zu kommen, woraufhin er antwortete, dass er mit einem attraktiven, südamerikanischen Jüngling in der Karibik war, was die beiden Frauen zum Kichern brachte. Bald schon setzten sie zu einem ausgiebigeren Plausch an und verließen zu dritt mein Büro, in dessen Dunkelheit ich schließlich die Arbeit für diesen Tag aufnahm.

 

***

 

Die Adresse auf der Karte zu Hatori Minagawas Laden führte mich in eines der großen Einkaufszentren unfern der Uferpromenade im südlichen Stadtzentrum. Dafür, dass Nachmittag war, kam es mir dort erstaunlich ruhig und unaufgeregt vor, die Kunden waren überwiegend Frauen mittleren Alters in eleganter Kleidung, vereinzelte hatten ein kleines Kind an der Hand. Ich ging zweimal an dem Laden vorbei, ehe ich ihn bemerkte. Lediglich ein kleiner Schriftzug in westlichen Lettern über dem Eingang verriet, dass es sich um den Laden von Hatori Minagawa handelte. Als ich den Laden betrat, stellte ich verwundert fest, dass ich der einzige dort zu sein schien. Weder andere Kunden noch ein Angestellter war zu sehen. Ich nahm an, dass bald der Eigentümer oder ein anderer Bediensteter kommen würde und sah mich ein wenig um. Auch, wenn der Laden nicht sehr groß war, schien er alles anzubieten, was jemand wie Hosokawa für seine Garderobe benötigte. Die Ladenfläche teilte sich in zwei Bereiche auf, zur Linken waren farbige und gemusterte Artikel wie Jacketts, Hemden, Krawatten, Fliegen, Gürtel, Hosenträger, Einstecktücher und weitere Artikel in diversen Materialien zu finden. In diesem Bereich befand sich eine Schaufensterpuppe in ein Outfit gekleidet, das Hosokawa nicht bei der Arbeit, aber an einem Tag zuhause durchaus hätte tragen können.

 

Leichte Rüstung, dachte ich beim Anblick dieses eleganten, wenn auch nicht zu ausgefallenen Outfits.

 

Die rechte Ladenhälfte bot im Gegensatz dazu alles, was ich als schwere Panzerung der Männermode verstand: Hier fand scheinbar der, der etwas für eine elegante Abendveranstaltung oder ein besonderes Event suchte, alles, was er brauchte. Auch hier stand eine Schaufensterpuppe, allerdings im Gegensatz zu seinem Nachbarn auf der linken Ladenseite herausgeputzt im schwarzen Smoking.

Zögernd trat ich an die Ladentheke, die aus einem hochpolierten Mahagoniholz gefertigt war. Die Seiten der Theke wiesen viele Schubfächer auf, in denen ich weitere größere und kleinere Accessoires vermutete. Wie lange würde ich warten müssen, bis es aussichtslos schien, dass jemand kam? Ich deutete ein Räuspern an, in der Hoffnung, bemerkt zu werden, sofern überhaupt irgendjemand da war. Nachdem dieser Versuch, auf mich aufmerksam zu machen, erfolglos blieb, nahm ich all meinen Mut zusammen, holte Luft und erhob meine Stimme.

„Hallo?“, rief ich, unsicher, ob ich laut genug gewesen war. Es verging ein weiterer Moment der Stille. Doch dann vernahm ich Geräusche, von denen begleitet bald schon eine Person aus einem Hinterzimmer in den Ladenbereich trat. Es war eine kleine, zierliche Frau, in etwa so alt wie Kimura, doch diese Frau weckte anders als Hosokawas Haushälterin trotz ihrer Statur keine Assoziationen an meine Mutter in mir. Die Frau, die mir nun gegenüberstand, war trotz ihres gehobenen Alters sehr attraktiv. Sie wirkte elegant und feminin – und das, obwohl sie einen Anzug gleich derer, die auf der rechten Ladenhälfte angeboten wurden, trug.

„Ich habe nicht bemerkt, dass Sie da sind. Sie waren lautlos wie ein Geist“, sagte sie und lächelte verschmitzt. Diese unübliche, etwas ungehobelte Begrüßung eines Kunden ließ in mir keinen Zweifel mehr: Ich war definitiv in einem Laden, in dem Hosokawa Stammkunde war. Und er und diese Frau verstanden einander gewiss ganz vorzüglich, denn sie war wie eine verkleinerte, weibliche Version von ihm.

Ich zeigte ihr die Karte, die Hosokawa mir gegeben hatte und erklärte, wer mich geschickt hatte. Daraufhin nickte sie wissend.

„Sie sind also der Assistent. Gut, dann kommen Sie mit. Ich nehme Maß.“

 

Sie führte mich in den hinteren Bereich des Ladens und bat mich, abzulegen, wobei sie auf einen Stuhl wies. Ohne mir weitere Anweisungen zu geben ging sie zu einem großen Tisch herüber, auf dem Papiere und Stoffrollen ausgebreitet lagen und kehrte mir den Rücken zu, wie um mir Diskretion zum Ablegen zu geben. Unsicher entledigte ich mich meines Mantels, Jacketts sowie der Krawatte. Danach machte ich mich mit klopfendem Herzen daran, mein Hemd aufzuknöpfen.

„Was tun Sie denn da? Ich bin keine Ärztin, das Hemd können Sie anbehalten“, sagte sie amüsiert, als sie sich schließlich mit Maßband, Notizblock und Stift bewaffnet zu mir umdrehte. „Oder hatten Sie etwas anderes mit mir vor? Reißen Sie sich zusammen. Ich könnte eher Ihre Mutter sein als die Mutter Ihrer Kinder.“

Verlegen entschuldigte ich mich und knöpfte das Hemd wieder zu.

„Nein, entschuldigen Sie meine Worte, ich wollte mich nicht über Sie lustig machen“, sagte sie dann, immer noch mit einem verschmitzten Lächeln. „Er hat gesagt, ich solle unbedingt nett zu Ihnen sein. Sie brauchen nicht nervös sein“, sagte sie, nun mit ruhiger Stimme, während sie begann, das oberste Blatt des Notizblocks, auf dem ein Formularbogen aufgedruckt war, auszufüllen. „Ich werde Sie vermessen und dann suchen wir etwas Passendes in Ihrer Größe. Zum Schneidern ist keine Zeit, da Sie etwas für einen bevorstehenden Termin benötigen. Aber das wird schon. Sie haben gute Proportionen, da findet sich etwas, das passt. Kleine Anpassungen sind bis zu Ihrem Termin kein Problem.“

Um meine Körpergröße zu erfassen, bat Sie mich, mich gerade hinzustellen. Erst da merkte ich, dass ich seit Hosokawa am Vormittag von meiner Körperhaltung gesprochen hatte, dieser keine Beachtung mehr geschenkt hatte. Ich richtete mich auf, doch sie bat mich erneut darum; ich hatte es also nicht richtiggemacht.

„Bei Ihrer Größe müssen Sie sich im Alltag vermutlich häufig bücken oder den Kopf einziehen“, sagte sie. „Ich habe schon viele andere große Menschen gesehen, die das Gleiche tun, Sie wären überrascht, wie viele Models von sich aus eher schlaksiger Natur sind. Sie sind so groß, dass sie sich häufig kleiner machen, um sich anzupassen. Nur kleine Menschen haben scheinbar das Bedürfnis danach, sich ständig strecken zu müssen, um sich Respekt zu verschaffen. Manche von ihnen laufen durch die Gegend, als hätte man sie an einem Haken aufgehangen. Es muss schön sein, von Natur aus respekteinflößend auszusehen, so sehr, dass man es sich erlauben kann, sich sogar ein wenig kleiner machen kann als man in Wirklichkeit ist.“

„Das nehme ich auch an“, erwiderte ich, woraufhin sie zu mir aufsah und mein rotes Auge fixierte, bis ich es kaum aushielt, ihrem Blick weiter standzuhalten.

„Wissen Sie, wer Hatori Minagawa ist?“, fragte sie. Ich schüttelte den Kopf.

„Ich bin das“, sagte sie, was mich stutzen ließ: Hatori klang nicht wie ein Frauenname. „Kein Mann kommt zu einer Herrenausstatterin – außer er natürlich, aber er ist ein besonderer Kunde. Also habe ich für das Geschäft den Namen meines verstorbenen Mannes gewählt. Und seitdem bin ich selbst Hatori Minagawa.“

Sie ließ mir den Raum, die Information zu verarbeiten. Oder erwartete sie eine Antwort?

„Dass Ihr Mann tot ist, tut mir leid“, sagte ich schließlich.

„Dann gibt es wenigstens einen Menschen, der seinen Tod bedauert“, sagte sie daraufhin und wies mich an, die Arme zu heben, sodass sie meine Brustmaße nehmen konnte. „Er starb bei einem Autounfall“, fuhr sie im lockeren Plauderton fort, während sie an meiner Brust hantierte und schließlich die Maße notierte. „Kurz zuvor hatten wir eine Meinungsverschiedenheit. Den Rest erzähle ich Ihnen vielleicht ein anderes Mal.“

Nachdem sie alle Maße erfasst hatte, gingen wir zurück in den vorderen Ladenbereich. Sie wies mich an, eine der Kabinen zu betreten. Für die Anprobe bat sie mich, den Mundschutz auszuziehen. Als ich ihn ablegte, musterte sie mich einen Moment.

„Haben Sie zufällig eine Schwester, die etwas älter ist als Sie?“, fragte sie dann. Ich erinnerte mich wieder daran, dass Aini nicht wollte, dass ich unsere Verwandtschaft an die große Glocke hing.

„Warum meinen Sie?“, fragte ich daher bloß zurück.

„Nur so“, sagte sie und lachte.

Sie brachte immer neue Anzüge und Hemden aus dem Sortiment beider Ladenhälften, die sie mich anzuziehen aufforderte. Am Ende schien sie mit einem klassischen, schwarzen Anzug und einem weißen Hemd am glücklichsten.

„Sie werden sowieso auffallen, ich empfehle daher für Ihre Garderobe etwas Klassisches. Bei Ihrem Kollegen mussten wir etwas tiefer in die Trickkiste greifen.“

„In Ordnung“, sagte ich und wunderte mich über ihre Worte. Hatte Hosokawa etwa auch Kayama hergeschickt, um sich für die Eröffnungsfeier des Stores ausstatten zu lassen?

„Gefallen Sie sich in diesem Anzug überhaupt?“, fragte sie. Ich sah in einen nahestehenden Spiegel und musterte mich, ohne das Gefühl zu haben, mich selbst zu betrachten. Ich erkannte mein Gesicht, der Rest sah fremd aus. Ich fühlte mich, als hätte man meinen Kopf auf den Körper eines anderen gesetzt, als hätte ich ihn aus einem Foto ausgeschnitten und in eine Werbeanzeige auf der Rückseite eines Modemagazins geklebt. Oder in eines der Bücher, die ich in der Bibliothek gelesen hatte.

„Ich verstehe nicht viel von Mode. Mein Chef hat mir gesagt, sie wüssten, was zu tun ist“, antwortete ich.

Sie lachte daraufhin schallend auf.

„Gut, wenn er das sagt, dann nehme ich Ihnen die Entscheidung ab.“

 

Als ich nach dem Termin zurück ins Büro kam, war es schon spät. Einige Kollegen hatten bereits ihren Arbeitstag beendet und in der ganzen Agentur herrschte eine ruhige Stimmung, die von dem goldgelben Licht der Abendsonne, die durch die großen Fenster schien, verstärkt wurde. Ich hielt auf dem Weg zu meinem Büro den Blick auf den Boden gerichtet, um mein Auge vor dem Licht zu schützen. Die Sonne war längst aus meinem Büro gewichen, sodass es kühl und in blaue Schatten gehüllt war. Auf dem Schreibtisch fand ich eine Papiertüte vor, die in den Stunden meiner Abwesenheit jemand dort abgestellt haben musste. Ich näherte mich und nahm die Tüte genauer unter die Lupe. Darin fand ich zwei Dinge: ein Couvert und einen kleinen Karton, der in bunt gepunktetes Geschenkpapier eingeschlagen war. Ich öffnete zuerst das Couvert und fand eine Karte vor. Als ich das Motiv darauf sah, beschleunigte sich mein Puls: Es war der kleine Hase mit den ausdruckslosen Augen, der die Vorderseite der Karte zierte. Darin standen bloß wenige Schriftzeichen in der großen, fest ins Papier gedrückten Handschrift meines Chefs.

 

Entschuldige.

Und danke.

-CEO

 

Ich legte die Karte beiseite und machte mich daran, das Geschenkpapier von dem kleinen Päckchen zu entfernen. Ich hatte eine leise Vorahnung, was sich darin befinden würde, in der Vergangenheit hatte ich bereits einen Karton gleicher Maße und gleicher Schwere in der Hand gehabt. Und tatsächlich: Unter dem Papier offenbarte sich die Umverpackung einer der Tassen mit dem Hasenmotiv, die ich damals umgetauscht hatte, weil mir das Motiv im Nachhinein zu kindisch vorgekommen war. Hosokawa hatte mich damals wegen der grünen Zettel mit dem gleichen Motiv, mit denen ich meine Post markiert hatte, aufgezogen.

 

„Vielen Dank für die Ersatztasse. Ich fürchte, ich kann sie nicht annehmen“, sagte ich zu Hosokawa, als ich die Unterlagen bei meiner letzten Tour für diesen Tag an seinen Schreibtisch herantrug.

„Gern geschehen. Und halt die Klappe“, entgegnete er und schmunzelte.

Ich sortierte die Post in den vorhandenen Stapel und entfernte mich anschließend wie immer um ein paar Schritte, positionierte mich vor dem Schreibtisch.

„Geht es Ihrem Bein wieder etwas besser?“, erkundigte ich mich, doch meine Frage ging unter, als er seinerseits seine Stimme zu einer Frage erhob. Vielleicht hatte er mich nicht gehört. Oder er hatte die Frage ignoriert.

Er erkundigte sich seinerseits nach dem Besuch bei Hatori Minagawa. Ich berichtete, dass ich meinen Anzug am Donnerstag vor dem Event abholen konnte, da sie noch kleine Änderungen machen wollte.

„Klingt, als seid ihr fündig geworden“, sagte Hosokawa und wechselte das Thema, indem er nach einem Stapel Dokumente griff und mir entgegenhielt. „Ich habe noch ein paar Unterlagen für heute. Sortier alles wie immer in die vorgesehenen Fächer. Die Akten für Kayama kannst du ihm gleich noch persönlich vorbeibringen, da sollte er heute noch draufschauen. Der Rest kann bis morgen früh warten. Das gilt auch für die Unterlagen an dich, die kannst du morgen über den Vormittag verteilt abarbeiten. Um halb 12 sollten wir dann losfahren.“ Morgen Mittag also würde er den Weg zu seiner letzten Untersuchung nach dem Primärtumor antreten.

„Alles klar, Chef“, sagte ich und nahm die Akten an mich.

„Ich habe neue Zettel, um die Unterlagen an dich zu markieren. Die anderen sind mir leider ausgegangen.“

„Ach ja?“, murmelte ich, während ich mich fragte, warum er nicht einfach auf der zweiten Etage Nachschub besorgt hatte oder mich dorthin schickte. Ich sah flüchtig durch die Unterlagen. Auf den Dokumenten, die für mich bestimmt waren, prangte einer der kleinen, grünen Klebezettel mit dem ausdruckslosen Hasen.

„Machen Sie sich über mich lustig?“, fragte ich leise.

„Überhaupt nicht. Du fandst die Zettel und die Tasse mit diesem Motiv scheinbar süß und ich habe dir das irgendwie madiggemacht. Also bringe ich sie zurück. Da ich ohnehin eine Ersatztasse für dich besorgen wollte, habe ich die Gelegenheit beim Schopfe gepackt. Ein Hoch auf Aki, die wusste, wo man diesen süßen Krempel kaufen kann. Sie hat mir die Adresse zu dem Shop gegeben.“

 

Süßer Krempel, hatte er tatsächlich so gesagt.

 

„Ich fand das Motiv gar nicht süß, bloß hatte ich auf die Schnelle nichts Besseres gefunden. Wie Sie ja jetzt wissen, befindet sich der Laden nur wenige Gehminuten von hier entfernt.“

„Nun schmoll doch nicht so. Wenn du sie nicht süß findest – meinetwegen, ist mir scheißegal. Dann finde ich sie eben süß. Und ich als Chef dieser Agentur kann verdammt nochmal machen, was ich will. Und wenn ich diese Zettel für die Kommunikation mit meinem persönlichen Assistenten verwenden will, dann tue ich das. Hast du das kapiert?“

 

Am nächsten Tag deuteten sich wieder keine Blessuren des Angriffs in Hosokawas Gesicht oder an seinem Körper an. Das Bein belastete er ganz normal und ich fragte mich, ob er Schmerzmittel hatte nehmen müssen, oder ob es ihm längst besserging.

„Es wird ein Gehirn-MRT gemacht“, erklärte Hosokawa, während wir in seinen Wagen stiegen und ich Spiegel und Sitz auf mich einstellte. „Ganz zu Beginn hatte ich davon schon eins machen müssen, aber wegen der Schmerzen im Bein ist es den Ärzten lieber, den Spaß zu wiederholen, falls der Schmerz von einer Auffälligkeit im Gehirn kommt, die beim letzten Mal nicht sichtbar war. Jedenfalls weiß ich schon, was auf mich zukommt. Das sollte nicht zu lange dauern.“ Ich schwieg daraufhin, da ich keine Worte zu haben glaubte für den Umstand, dass es bei der Untersuchung und der Hoffnung auf eine erfolgreiche Suche allen ernstes das Best-Case-Szenario sein sollte, wenn man einen Hirntumor finden würde.

Eigentlich war das alles zum heulen und zum verrückt werden. Doch Hosokawa war ganz gefasst und nach außen hin entspannt. Ich versuchte, es ihm gleichzutun, in immer wachsender Demut davor, dass er so, so tapfer war im Umgang mit dieser Krankheit, die ihn von innen heraus kaputtzumachen drohte.

Während der Fahrt ins Krankenhaus plauderte Hosokawa anscheinend gutgelaunt über die bevorstehende Fashionweek. In einem Nebensatz ließ er fallen, dass er hoffe, alles würde reibungslos verlaufen und dass es noch gelingen würde, Buchungen für einige weitere MAJ-Models zu erzielen im Laufe der Pre-Events. Einige Kunden brauchten stets etwas mehr Überzeugungsarbeit und wurden gern von wichtigen Vertretern der Agenturen umgarnt.

„Auf dem Event am Donnerstag werden mich die meisten bloß Yuichi nennen und ich werde die meisten anderen dort ebenfalls beim Vornamen nennen. Ich bin so lange in dieser Branche, dass es unnatürlich wäre, wenn die anderen Branchenmitglieder und ich keine vertraulichere Geschäftsbeziehung pflegten. Was ich sagen will: Es wäre ein bisschen merkwürdig, wenn ich dich als meinen persönlichen Assistenten da als einzigen mit deinem Nachnamen ansprechen würde. Also werde ich dich Yuki nennen. Und du kannst von mir aus Yuichi sagen.“

„In Ordnung. Ich meine, wie Sie möchten.“

„Probier es ruhig mal aus, Yuki.“

„In O- – äh – na gut. Herr Ho- – äh – Herr Yuichi.“

„Meine Güte lässt du bitte jegliche Höflichkeitszusätze weg? Das klingt bescheuert. Herr Yuichi.“

„Also gut, Yuichi“, sagte ich, woraufhin er nichts mehr sagte und eine Weile aus dem Beifahrerfenster sah. Der Widerhall seines Namens klang in meinen Ohren nach und vermischte sich mit der Geräuschkulisse aus seinem etwas zu schweren Atem und dem leisen Brummen des Motors.

 

Wir waren die Einzigen im Wartebereich der Radiologie.

„Ich denke nicht, dass Sie lange warten müssen. Würden hier regelmäßig viele Menschen lange Zeit verbringen müssen, wäre der Bereich hoffentlich etwas schöner“, sagte ich mit Blick auf die weißen, schmucklosen Wände. Einzig ein kleiner Glastisch in einer Ecke, auf dem Zeitschriften ausgelegt waren, wies darauf hin, dass es sich nicht um eine tote Ecke auf dem Flur, handelte, in dem man zufällig ein paar Stühle abgestellt hatte.

„Ich mag die Art, wie du denkst“, sagte Hosokawa daraufhin ein wenig nachdenklich. Irgendwie machte mich seine Aussage einen Moment lang verlegen, bis ich verstand, dass es bloß ein Spruch war und kein ernsthaftes Kompliment.

Wie vermutet rief man Hosokawa bald schon auf. Er erhob sich und sagte, es würde vermutlich nicht länger als eine Stunde dauern, bis er fertig sei, woraufhin der Mitarbeiter, der in abholte, nickte.

„In Ordnung, ich warte hier. Bis gleich, Chef“, sagte ich bemüht optimistisch, woraufhin er, bereits im Inbegriff zu gehen, sich noch einmal zu mir umdrehte und verschmitzt lächelte.

„Was habe ich dir denn gesagt?“, bemerkte er schmunzelnd und ließ mich zurück, unsicher, ob er mein scheinbar häufiges in Ordnung meinte oder die Tatsache, dass ich ihn nicht beim Vornamen genannt hatte.

 

Ich scannte die Zeitschriften, die in dem Wartebereich lagen, auf Informationen über die Modebranche ab. Tatsächlich gab es vereinzelte Artikel zu modebezogenen Events, allerdings waren die Informationen kurz und oberflächlich. Nach der mauen Ausbeute blätterte ich durch Mode-, Schmink- und Abnehmtipps in den vielen Frauenzeitschriften, die der kleine Glastisch in der Ecke hergab, um wenigstens etwas über aktuelle Trends herausfinden zu können. Ein Artikel über eine Ananasdiät erinnerte mich daran, dass es Mittag war und ich noch nichts gegessen hatte. Nun, da ich meine Aufmerksamkeit einmal darauf gerichtet hatte, machte sich der Hunger in meinem Bauch immer stärker bemerkbar. Ein Blick auf die Uhr verriet, dass Hosokawa mittlerweile fast eine halbe Stunde fort war. Hoffentlich würde er tatsächlich nicht länger als eine Stunde brauchen. Sollte ich ihm dann vorschlagen, gemeinsam etwas zu essen? Immerhin würde er vermutlich auch hungrig sein.

Plötzlich hörte ich jemanden meinen Namen sagen. Ich sah von der Zeitschrift auf. Der Mitarbeiter, der Hosokawa zuvor für die Untersuchung aufgerufen hatte, näherte sich. Schnell legte ich die Lektüre beiseite und erhob mich. In meinem Magen, der bis eben geknurrt hatte, breitete sich ein kaltes Kribbeln aus.

„Ich soll Sie bitten, nicht weiter zu warten. Das wird jetzt hier doch länger dauern“, sagte der Mitarbeiter und sah mich ausdruckslos und ernst an.

„Ist etwas nicht in Ordnung?“, fragte ich.

„Es gab ein Problem, deswegen fangen wir noch mal neu an. Er hat gesagt, ich sollte Ihnen Bescheid geben, dass Sie mit dem Wagen zurück in die Agentur fahren sollen, er sagte, Sie würden wissen, was damit gemeint ist. Er möchte lieber nicht, dass Sie warten, und wird später selbst ein Taxi nehmen.“

„Was ist passiert?“, fragte ich, nun drängender. In meinem linken Ohr erklang ein Pfeifen, das es erschwerte, die Worte des Mitarbeiters zu verstehen; angestrengt lauschte ich ihnen.

„Eigentlich bin ich gar nicht befugt, Ihnen Auskunft zu geben.“

War das ein Witz? Ohne nachzudenken machte ich einen Schritt auf ihn zu, streckte den Rücken durch, sodass ich mich zu meiner ganzen Größe aufrichtete und fixierte ihn mit meinem roten Auge. „Und was machen Sie hier sonst gerade? Was erlauben Sie sich, mir die Hälfte der Informationen zu übermitteln und jetzt einen Rückzieher machen zu wollen? Hören Sie also auf, meine beschissene Zeit zu verschwenden und sagen Sie mir, was los ist“, sagte ich, meine eigene Stimme vernehmend als wäre sie die eines anderen. Er schluckte und räusperte sich, ehe er schließlich doch weiter Auskunft gab.

„Er hatte im MRT bloß eine Panikattacke. Das kommt immer wieder mal bei Patienten vor. Wir haben den Vorgang jetzt abgebrochen und machen es später noch einmal, dann aber mit einem Beruhigungsmittel.“

Die Worte bloß und Panikattacke passten nach meinem Empfinden nicht in ein und denselben Satz. Das kalte Kribbeln in meinem Bauch verstärkte sich. „Ich werde trotzdem warten, auch wenn es länger dauert. Das ist kein Problem.“

„Hören Sie, wir spielen hier nicht für jeden Patienten den Nachrichtenübermittler, aber er war sehr deutlich, dass er wollte, dass ich Ihnen das ausrichte – und Sie waren sehr deutlich, dass Sie es hören wollten. Mein Job ist also erledigt, ich diskutiere das nicht mit Ihnen aus. Also fahren Sie einfach, ja? Wie ich das verstanden habe, sind Sie sein Angestellter, also tun Sie, was Ihr Chef Ihnen sagt, und führen Sie sich nicht auf, als hätten Sie hier irgendetwas zu sagen.“ Mit diesen Worten drehte er sich um und ging schnellen Schrittes zurück zu der Tür, die in den Untersuchungsbereich führte, hinter der er schließlich verschwand.

Mit einer Mischung aus Ärger über das Verhalten und die Worte dieses Mitarbeiters und einer dumpfen Schwere in meiner Brust blieb ich auf dem Flur allein zurück.

 

Bloß eine Panikattacke.

 

Was für ein Idiot dieser Mitarbeiter war, das so zu sagen! Es bedeutete immerhin, dass Hosokawa Angst gehabt hatte. Und vielleicht hatte er es noch immer. Ich hoffte, es wäre noch ein anderer Mitarbeiter bei ihm, der feinfühliger war als derjenige, der mir seine Nachricht übermittelt hatte. Ich hoffte, irgendjemand war da, der ihm durch diesen Moment hindurchhalf, mit etwas mehr als bloß einem Beruhigungsmittel, um schnellstmöglich weiterzumachen.

Und was sollte ich jetzt meinerseits tun? Sollte ich bleiben oder tatsächlich seiner Anweisung folgen und ihn allein dort zurücklassen? Wollte er es so, um mir die Wartezeit zu verkürzen? Oder weil er nicht wollte, dass jemand ihn in seinem von der Panikattacke womöglich geschwächten Zustand sah? Ich hatte für eine andere Untersuchung bereits länger auf ihn gewartet, also musste ich nach der vergangenen Woche, in der er seinen Zustand vor den Agenturmitarbeitern und der ganzen Branche verbarg davon ausgehen, dass letzterer Grund eher zutraf.

Wenn er weder die Wahrheit über seinen Zustand offenbaren wollte, noch dazu in der Lage war, eine überzeugende Fassade aufzubauen, dann zog er sich wohl lieber zurück. Vielleicht sollte ich das respektieren, auch wenn das kalte Kribbeln in meinem Bauch mir signalisierte, dass es sich falsch anfühlte, ihn allein zurückzulassen. Doch es stimmte, was der Mitarbeiter gesagt hatte: Ich war Hosokawas Angestellter und sollte seinen Anweisungen folgen. Vermutlich war es auch so schon schlimm genug für ihn, ohne, dass ihn dann auch noch jemand, der ihn kannte, so sah. Also setzte ich wie mechanisch meine Beine in Bewegung und verließ die Station, obwohl sich alles daran vollkommen falsch anfühlte.

One Comment

  1. mjeera

    Autorenkommentar:
    Vielen herzlichen Dank fürs Lesen! Ich hoffe, das Kapitel hat euch gefallen, auch wenn es einige trübselige Passagen gibt 🙂
    Yukis Teil ist hiermit noch nicht beendet (es war Zufall, dass Teil 1 und 2 jeweils 5 Unterkapitel hatten), im nächsten Kapitel hat er noch das Kommando 🙂

    Habt ihr einen Lieblings-Chara bei Schneespuren?
    Dann stimmt für ihn ab (mehrfache Auswahl möglich):
    https://www.animexx.de/umfragen/97848/
    Neue Charas folgen nach und nach in der Umfrage (bisher sind alle bis Teil 2 Mitte da), also schaut gern öfter vorbei, ihr könnt euch auch umentscheiden und eure Stimmen nachträglich ändern 🙂

    Bis zum nächsten Kapitel! Darin geht es auf das Event zu R&W, auf das sich Yuki seit dem letzten Kapitel vorbereitet :3

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