Schneespuren 3.7

Teil 3 – Vor den goldenen Hallen

7. Ritter und Samurai

Auf einer erhobenen Plattform erschien mit kleinen, eleganten Schritten eine Frau mittleren Alters. Die groben Muster ihres Kimonos ließen ihre dazu im Kontrast stehende zierliche Gestalt noch graziler wirken. Trotz der Geta, die sie trug, mit den für die Holzsandalen so typischen hohen Absätzen, war sie etwas zu klein, um ein ehemaliges Model zu sein. Doch mit der Art, wie sie sich bewegte und die Selbstsicherheit ihrer Worte, erinnerte sie mich dennoch an meine Schwester, womit sie sich zumindest als Medienprofi zu erkennen gab. Als sie das Wort ergriff, wandten sich auch die letzten in der Gesellschaft der Plattform zu und lauschten ihrer Begrüßungsansprache. Wir hatten soeben erst den Innenraum des Flagship-Stores betreten und bewegten uns gemeinsam mit anderen Neuankömmlingen vom Eingang hin zu der Plattform in der Mitte. Währenddessen hatte ich Gelegenheit, mir einen flüchtigen Gesamteindruck des Innenraums zu verschaffen. Insgesamt bot die Gestaltung ein ausbalanciertes Wechselspiel zwischen dunklen und hellen Elementen. Die Wände zierte ein metallisches dunkles Rot, das im Licht mal warm, mal kalt schimmerte. Das elfenbeinfarbige, minimalistische Mobiliar wurde von industriellen Gestaltungselementen wie Rohren und Gittern durchzogen. Der Store schaffte mit seiner futuristischen Kulisse einen perfekten Kontrast zu der Ware, die hauptsächlich aus Kimonos und Accessoires bestand. Auf einer höher gelegenen Ebene weiter hinten im Store meinte ich zudem Stücke zu erkennen, die von klassischen Kimonoschnitten abwichen und ausgefallener wirkten.

Nach der Ansprache der Frau folgte eine Performance mit Musik- und Tanzelementen, anschließend fand eine Fashion-Show statt. Die Models präsentierten überwiegend Kimonos, so, wie sie im Store zu finden waren. Doch je weiter die Show voranschritt, desto mehr von den Stücken in der Art, wie sie im separaten Ladenteil zu finden waren, mischten sich unter die klassischen Modelle.

„Ein Best-of von R&W’s Entwürfen der letzten Jahrzehnte“, hörte ich durch die laute Musik, die die Performance begleitete, eine Frauenstimme in meiner Nähe sagen. “Vor der Satou-Ära gab es überhaupt keine High-Fashion-Kreationen.”

„Es heißt, die Show nächste Woche soll absolut spektakulär werden. Satou hatte so viel Spielraum wie noch nie zuvor“, sagte eine andere Stimme.

 

Die Performance fand unter Applaus ein Ende und die Frau, die die Willkommensansprache gehalten hatte, trat erneut auf die Plattform. Als sie nun mit euphorischen Worten Ken Satou ankündigte, ertönte Beifall, so laut, dass er mit dem Applaus zuvor nicht zu vergleichen war. Das Klatschen der Menge zog sich zu einem ohrenbetäubenden weißen Rauschen zusammen.

Der Stardesigner betrat die Plattform über einen Gang, einem Steg gleich, der von einem abgeschirmten Backstage-Bereich wegführte, in den die Performer und Models nach der Show verschwunden waren. Er sah genauso aus wie auf dem Bild, das ich in einem Buch gesehen hatte. Bloß Farbe und Muster seines Haoris schienen bei seinem Look variabel zu sein. Außerdem trug er heute seine langen Haare zu einem Knoten zusammengebunden, sodass er damit gemeinsam mit seiner erhabenen, geraden Haltung wie ein neuzeitlicher Samurai wirkte. Auf exakt einem Drittel des Weges nickte er leicht nach links, um die Menge auf der einen Seite zu begrüßen, nach ziemlich genau zwei Dritteln des Weges begrüßte er auf ebendiese Weise die Gäste auf seiner rechten Seite. Der Ausdruck seines Gesichts zeigte weiter diese würdevolle Regungslosigkeit. Alles an ihm wirkte routiniert, als hätte er Wege dieser Art bereits hunderte Male zurückgelegt.

Mit Spannung erwartete ich den Moment, in dem er schließlich an die Frau im Kimono herantrat und ein Mikrofon, das ein Assistent ihm reichte, entgegennahm. Als er dann das Wort ergriff, war ich verwundert, fast enttäuscht, darüber, wie wenig er letztendlich sagte. Nach einigen Worten zur Begrüßung bedankte er sich knapp für die Unterstützung und wünschte allen Anwesenden eine angenehme Zeit während des Aufenthaltes im neuen Store. Über die gesamte Ansprache hinweg blieb sein Gesicht wie versteinert, einzig seine leicht nasale Stimme zeigte eine gewisse Regung, sie hob und senkte sich mit einer leicht befremdlichen Sprachmelodie gleichmäßig wie zu einem gemäßigten lautmalerischen Tanz. Nach der Ansprache gab er das Mikrofon aus der Hand und verschwand unter lautem Beifall auch schon wieder. Kayama schien meine Verwunderung über die Art und Dauer dieses Auftritts zu teilen.

„Er sagt drei belanglose Sätze mit diesem überheblichen, leblosen Gesicht und die A-Liga der japanischen Modewelt liegt ihm zu Füßen“, bemerkte er ungläubig. Er hob die Hand, offenbar im Inbegriff, sie an seinen Hinterkopf zu führen, um sich zu kratzen. Als er mit den Fingerspitzen das Gel berührte, das seine Haare bändigte, ließ er wieder davon ab.

„Er lässt sich dazu herab, drei belanglose Sätze zu sagen, weil die A-Liga der Modewelt ihm zu Füßen liegt. Er wird nicht wegen seiner großartigen Reden bewundert, sondern weil er es geschafft hat, dass einflussreiche Idole und Persönlichkeiten der Branche glauben, es sei das Coolste überhaupt, traditionelle Schnitte und Muster zu tragen. Seit er bei R&W das Sagen hat, haben traditionelle Kleider auch fernab von Festen und Zeremonien einen regelrechten Boom erfahren und seine Haute Couture wird auch von internationalen Persönlichkeiten auf prestigelastigen Events getragen“, sagte Yuichi.

Kayama nickte nachdenklich. „Scheint, als sei ihm seine Bedeutung in der Branche nur allzu gut bewusst.“ Erneut hob er wie mechanisch die Hand, bloß um sie beim ersten Kontakt mit seinem Haargel wieder zu senken.

 

Eine Weile erfüllte die Musik einer Liveband die futuristische Atmosphäre der Location und die Gäste kamen miteinander in Kontakt, während eine Cateringcrew sich galant zwischen ihnen hindurchschob und sie mit Champagner und kleinen Häppchen versorgte. Bei den vielen Menschen, die das Gespräch mit Yuichi suchten, um mal freundschaftlich mit ihm zu plaudern, mal um geschäftliche Anfragen an ihn zu stellen, wurde mir bewusst, dass er und seine Agentur wohl ein regelrechtes Schwergewicht in der Branche sein mussten. Kayama hob und senkte während der vielen Gespräche mehrmals die Hand und schien immer dann ein wenig erleichtert, wenn eine Unterhaltung mehr geschäftliche Substanz erhielt; als tauche er dabei in sein eigentliches Element ein. Die meisten Gäste, mit denen die beiden Manager sprachen, musterten mich zwar neugierig, doch schienen sie stets darauf zu warten, dass Yuichi im Gespräch schließlich aktiv die Aufmerksamkeit auf mich lenkte und mich als seinen Assistenten vorstellte.

„Ich dachte, er sei eine deiner neusten Entdeckungen, die du stolz herumzeigst“, sagten manche dann und lachten.

„Ist ja auch so, nur ist er kein Model, sondern ich allein habe das Glück, ihn den ganzen Tag anzusehen“, lachte Yuichi dann meist zurück. Mit jedem Mal spürte ich, wie meine Wangen sich bei seinen Worten erwärmten, doch taten sie es nach und nach weniger, ganz so, als würde ich mich im Laufe des Abends langsam daran gewöhnen, dass er wieder und wieder vor anderen Menschen etwas Nettes über mich sagte.

 

Nach einer Weile bewegten sich einige Gäste gezielt durch den Raum, als strebten sie zu einem bestimmten Ziel, anstatt bloß wie zuvor umherzuwandeln und hier und dort einen netten Plausch zu führen. Auch wir, so bemerkte ich, bewegten uns zielgerichteter durch die Menge. Abgesehen von den anwesenden aktiven und ehemaligen Models waren die meisten Gäste immer noch bedeutend kleiner als ich, sodass ich meinen Blick weit durch den Raum schweifen lassen konnte. Als ich voraussah in die Richtung, in die wir uns langsam und doch zielgerichtet bewegten, wurde mir klar, dass wir uns der Empore näherten, auf der die ausgefalleneren Kleider des Ladens ausgestellt waren. Dort, so stellte ich schließlich fest, war der Stardesigner des Labels persönlich wieder aufgetaucht und wurde abwechselnd von immer neuen Menschengruppen belagert, die alle zumindest ein kurzes Gespräch mit ihm führen wollten. Während wir uns langsam näherten, beobachtete ich ihn die ganze Zeit. Er war nicht allein, sondern hatte zwei Assistenten bei sich. Einer davon war einzig mit der Aufgabe betraut, ein Tablett mit einem Glas Wasser zu halten, von dem der Designer exakt nach jedem dritten Gespräch, das er führte, einen kleinen Schluck nahm. Als folgte er einem inneren Takt, den einzig er vernahm. Der andere Assistent sprach dann und wann kurz zu ihm, bevor sich neue Gesprächspartner näherten. Ich vermutete, er erhielt dann ein kurzes Briefing darüber, wen er überhaupt vor sich hatte. Sein Blick war zumeist teilnahmslos, nur dann und wann durchbrachen minimalistische Mimiken und Gesten die gelangweilte Starrheit.

Schließlich waren wir nah an ihn herangetreten. Als eine Gruppe von Gästen sich nach dem Gespräch mit ihm langsam abwandte, schien er uns zu bemerken. Unter dem Blick seiner kalten, schmalen Augen begann mein Herz schneller zu schlagen, meine Hände wurden feucht. Sein Assistent beugte sich zu ihm, um ihm etwas zuzuflüstern, doch Satou hob die Hand, machte eine abtuende Geste.

„Dich gibt es also doch noch“, sagte er dann lauter zu Yuichi. Er breitete die Arme wie selbstverständlich aus und wartete, bis mein Chef ihn zur Begrüßung flüchtig umarmte.

„Hast du etwas anderes erwartet?“, fragte dieser.

„Ich habe dich bei der Party von Q-T vermisst. Und bei der Vernissage bei Carl Domino letzte Woche.“

„Es rührt mich, dass du Zeit findest, meinen Terminplan zu verfolgen“, sagte Yuichi daraufhin und lächelte.

„Du bist mit einer ganzen Entourage gekommen, obwohl mein Team nur eine einzige Einladung an MAJ ausgesendet hat“, stellte Satou fest und sah mir in die Augen.

„Ja, ganz recht, ich möchte die Beiden hier mit dir bekannt machen, falls du erlaubst. Das ist Kentaki Kayama, er ist-“, Yuichi kam nicht weiter mit der Vorstellung, da Satou ihn mit lauter Stimme unterbrach.

„Der Bürohengst interessiert mich nicht“, sagte er und sah erneut in meine Augen. „Der da. Wer ist der Punk mit dem Babyface?“

Kayama sah aus, als hätte man ihn mit kaltem Wasser übergossen. Yuichi schaute kurz zu ihm herüber, ohne, dass ich von meiner Seite aus seinen Blick sehen konnte, dann wandte auch er sich zu mir um, setzte das für ihn so typische, charmante Lächeln auf.

„Das ist mein persönlicher Assistent. Aber ich würde dir dennoch gern kurz Kayam-“

„Oh, ein Assistent!“, übertönte ihn Satou. „Wie ist sein Name? Nein, Moment. Ich will raten: Seinem Look nach zu urteilen ist er so ein pseudorebellischer Junge vom Land, nicht wahr? Dann hat er bestimmt einen drolligen Namen wie Herbstlaub, Eisregen oder Schneefall, habe ich Recht?“

Herbstlaub, Eisregen, Schneefall – Momiji, Hisame, Yuki. Er hatte voll ins Schwarze getroffen.

Yuichi und ich tauschten Blicke aus, um zu beraten, was zu tun war.

„Diablo“, erklang es da jedoch plötzlich.

Wir wandten uns zu Kayama um, der gesprochen hatte. Angespannt linste er zu uns herüber, wie um zu sagen: Den Triumph konnte ich ihm nicht überlassen, nachdem er uns so blöd hat dastehen lassen.

Ken Satou jauchzte vergnügt.

„Diablo, das ist zu köstlich!“, rief er, bevor die lebhafte Reaktion wieder aus seinem Gesicht wich und er ernst wurde. „Aber sag mal, Yuichi, wozu denn ein Assistent? Bist du etwa krank, dass du dir unter die Arme greifen lassen musst? Wenn ich es mir recht überlege, hast du einen ganz schön blassen Teint und wirkst ein bisschen erschöpft.“

Die abermalige Treffsicherheit seiner Worte fühlte sich an wie ein Faustschlag in die Magengegend. Eine kalte, kribbelnde Übelkeit schwappte einer dunklen Welle gleich über mich. Sie drohte mich beinahe zu lähmen. Doch dann fielen mir wieder Yuichis Worte aus dem Taxi ein. Ich war für Angriffe dieser Art auf meinen Chef als Ablenkungsmanöver bestimmt – ich war somit wie ein Teil jener Rüstung des MAJ-Chefs, die den Menschen hinter der Fassade schützen sollte. Ich musste also irgendetwas tun, musste Satou ablenken, sodass er sich nicht weiter auf Yuichis Gesundheitszustand einschießen konnte. Mit diesem klaren Ziel vor Augen war ich plötzlich wieder ganz bei mir, die Übelkeit verflogen. Ohne näher über mein Handeln nachzudenken, machte ich einen Schritt nach vorn. Ich ging entschlossen auf den Stardesigner zu, breitete die Arme aus – und umarmte ihn.

„Herr Satou, es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen!“, sagte ich laut.

Ich hörte, wie Yuichi und Kayama hinter mir und Satous Assistenten zu unseren Seiten japsten und den Atem anhielten. Und auch der Designer, umschlungen von meinen Armen, schien vor Überraschung kurz das Atmen eingestellt zu haben. Der Moment unserer Umarmung kam mir seltsam vor, so, als sei er länger, als er in Wirklichkeit war. In dieser langgezogenen Sekunde, in der ich Satou herzte, spürte ich seinen warmen, zarten Körper dicht an meinem. Von weiter hinten im Saal bis hin zu diesem Moment hatte ich den Eindruck gewonnen, er sei viel größer und einschüchternder. Auf diese kurze Distanz jedoch wirkte er plötzlich gar nicht mehr so bedrohlich wie noch einen Moment zuvor.

Ich löste die Umarmung und sah ihn an, entschlossen, seine Aufmerksamkeit mit meinem roten Auge weiterhin auf mich zu lenken, weg von Yuichi und seiner Krankheit. Er erwiderte meinen Blick erstaunlich gelassen, als wäre es im Nachhinein betrachtet das Normalste der Welt, dass ein Fremder ihn, einen der bedeutendsten Designer Japans, ungefragt umarmte. Doch dann wandte er sich zu seinem Assistenten um und nahm außerhalb seines gewohnten Rhythmus einen Schluck von seinem Wasserglas.

„Was für eine enthusiastische Begrüßung. Es scheint, als sei Diablo ein Fan von mir“, sagte er.

„Natürlich ist er ein Fan deiner Designs. Er hat schließlich Augen im Kopf“, entgegnete Yuichi.

„Und zumindest eines dieser Augen scheint sehr interessant zu sein“, sagte Satou und dann, an mich gewandt: „Originelle Kontaktlinse.“

„Vielen Dank, aber es ist keine Kontaktlinse, das Auge ist echt“, sagte ich mit fester Stimme. Satou sah mich daraufhin einen Moment mit der seinem Gesicht offenbar typischen Regungslosigkeit an. Zweifel, ob er mich gehört hatte, kamen in mir auf. Doch dann drehte er sich wieder um und nahm einen weiteren Schluck Wasser.

„Wenn das so ist, empfehle ich, einen Augenarzt zu konsultieren“, sagte er ernst.

„Kesshou ist nicht krank“, machte sich Kayama nun bemerkbar, woraufhin sich die Mimik des Designers plötzlich lebhaft erhellte, als hätten diese Worte einen neuen Gedanken in seinem Kopf angestoßen.

„Krankheit! Exzellentes Stichwort – da war ja was“, rief er, als wollte er nun weiter nach der Wahrheit um Yuichis Zustand bohren.

„Wir sind heute nicht hergekommen, um über unsere derzeitige Verfassung zu reden, wir haben ja gerade alle gleichermaßen Stress wegen der Fashion-Week – und das ist wiederum mein Stichwort“, sagte Yuichi. „Ich hatte eigentlich gehofft, dir ein paar Informationen über deine Show zu entlocken. Es heißt, sie wird spektakulär.“

„Du hast eine Einladung erhalten, um dir selbst ein Bild zu machen. Warum so ungeduldig?“, fragte Satou. „Hattest du gehofft, mir heute noch ein paar von diesen drallen, rosigen Dingern, die du Models nennst, unterzujubeln? Yuichi, vergiss es. Deine Models sind mir alle zu korpulent, sie passen nicht in die Kollektion. Ich habe außerdem schon Katou in der Show, das muss reichen, um unsere Freundschaft aufrechtzuerhalten.“

„Sofern du mit drall, rosig und korpulent meinst, dass sie gesund und munter sind, liegst du völlig richtig. Ich bin sicher, sie werden in deinen Designs wunderbar aussehen. Stell dir nur mal dieses Feuerwerk an Kontrasten vor: Deine phänomenalen, geraden Schnitte mit den groben, grafischen Mustern – und das Ganze getragen von einer strahlenden Schönheit mit frischem Teint und zwei wunderbaren, runden Titten.“

„Ich habe durchaus gemeint, was ich gesagt habe. Ein schönes Dekolleté ändert daran nichts. Sie passen gerade deswegen ja nicht in die Kollektion“, sagte Satou cool, während Kayama und ich im Gegensatz zu ihm auf die Worte unseres Chefs leicht erröteten.

„Wenn ich meinen Models davon erzähle, werden viele von ihnen sehr betrübt sein“, sagte Yuichi.

„Ein Szenario, das ich verschmerzen kann“, sagte Satou.

„Mein Herz wird gebrochen sein.“

„Das benutzt du meines Wissens nach ohnehin nicht allzu oft.“

„Mein Assistent wird sich in seinem jungen Alter vor Perspektivlosigkeit den Drogen hingeben.“

„In dieser Branche wäre er damit wohl in bester Gesellschaft.“

„Kayama-“

„Ach, komm.“

„Nun sei nicht so. Der Heroin Chic gehört ins letzte Jahrhundert verbannt. Jetzt ist endlich wieder ein gesünderer, weicherer Look gefragt. Willst du diesen Trend etwa ignorieren? Und tu nicht so, als hätte das Argument mit der Größe je gezogen, meine Models passen sehr wohl in deine Stücke; am Ende stimme ich dich doch immer um. Wie lange willst du heute also noch so weitermachen?“

Er sah Satou daraufhin angriffslustig an, der Designer erwiderte den Blick aus kalten, undurchdringlichen Augen. Einen Augenblick wirkten sie wie zwei Krieger, die sich musterten, bereit zum Duell. Satou unterbrach die Stille schließlich, als er wieder das Wort ergriff. Sein Ton war nun ganz ruhig, als wäre er aus einem Modus in einen anderen gewechselt.

„Du bist immer noch ein Mann mit einer Mission, ja?“, fragte er und verzog die Mundwinkel zu einem kleinen Lächeln.

„Ein Mann mit einer Vision würde ich sagen“, sagte Yuichi und schenkte ihm sein verschmitztestes Lächeln, sodass seine Augen zu zwei winzigen, zusammengekniffenen Schlitzen wurden. Plötzlich sah er aus wie der Yuichi, den ich in einem der Bücher gesehen hatte. Es war, als hätte ich einen kurzen Augenblick in die Vergangenheit sehen können, zurück in ein altes, goldenes Zeitalter, in dem er keinen einzigen Gedanken an eine tödliche Krankheit verschwenden musste, sondern seine ganze Energie darin investieren konnte, andere von der Großartigkeit jener Menschen zu überzeugen, die er ausfindig gemacht und zu seinen Models und Mitarbeitern auserkoren hatte.

Satou wies mit der Hand in meine Richtung. „Hast du noch mehr unverbrauchte Gesichter, die so extraordinär aussehen wie unser Diablo hier?“

„Du wirst verstehen, dass sein Look einzigartig ist. Aber unser Scouting-Team hat mal wieder hervorragende Arbeit geleistet. Wenn du einige unserer neuen Models siehst, wirst du begeistert sein.“

„Na gut, na gut, trockne deine Tränen, Chéri. Eines deiner üppigen Mädchen nehme ich noch, mehr aber nicht.“

„Wenn du nur ein Model wählst, wirst du die Qual der Wahl haben. Warum nimmst du nicht gleich Fünf?“

„Fünf? Das ist absurd. Wir finden niemals Fünf, die zu meiner Kollektion passen.“

„Ich bin fest überzeugt, du findest Vier, die dich begeistern“, sagte Hosokawa mit einem amüsierten Schnauben.

Satou zögerte. „Drei, inklusive Katou.“

“Warum nicht Vier? Du meidest doch nicht etwa nach so langer Zeit in Europa noch japanische Unglückszahlen?“

Satou schob gedankenverloren den Kiefer hin und her. „Na gut, dann eben Vier, aber dafür bringst du Diablo auch mit zur Show“, sagte er dann, ohne, dass er mich bei seiner Bedingung eines Blickes würdigte.

„Um ehrlich zu sein würden wir alle Drei gern kommen.“

Satou rollte die Augen und seufzte. „Na gut, na gut, dann bring deinen Herrn Kayama auch mit. Deal?“

„Deal.“

Yuichi und der Designer gaben sich daraufhin die Hand, dann wandte mein Chef sich ab und entfernte sich. Während Kayama und ich ihm folgten, wurde Satou schon von der nächsten Menschentraube belagert.

 

Diablo, der P.A., der ungefragt einen der bedeutendsten Designer der letzten Dekade befummelt. Könnt ihr bitte noch etwas weniger an einen Strang ziehen?“, fragte Yuichi und schüttelte ungläubig den Kopf.

„Verzeihung“, sagten Kayama und ich im Gleichklang.

„Wenn Suzuki von eurer PR-Achterbahnfahrt erfährt, wird sie begeistert sein.“

Erneut entschuldigten wir uns unisono.

„Abgesehen davon haben wir uns ganz gut geschlagen, oder? Vier Models – wohlgemerkt inklusive Katou – aber dafür hat er euch obendrein eine Einladung zu seiner Show ausgesprochen. Das ist ein zufriedenstellendes Ergebnis“, sagte Yuichi, nun, nachdem er die Standpauke beendet zu haben schien, wieder schmunzelnd.

„Das lag wohl daran, dass Kesshou sein Interesse geweckt hat und er dich offenbar gut leiden kann, sodass er zu solchen Kompromissen bereit war“, sagte Kayama und lächelte tapfer.

„Dem ersten Teil deiner Aussage stimme ich zu. Aber ob er mich leiden kann, bezweifle ich. Früher war er noch abweisender und unverschämter zu mir als zu dir eben. Nimm es dir also nicht zu Herzen, dass er sich dir gegenüber so aufgeführt hat. Er wird sich schon noch an deine Präsenz gewöhnen.“ Und dann, an mich gewandt: „Das war ganz schön dreist. Wehe, du machst das noch mal.“

Ich stammelte eine weitere Entschuldigung, doch er winkte ab und lachte.

„Reg dich ab, ich ziehe dich nur ein bisschen auf. Es hat ihn zwar aus dem Konzept gebracht, aber schlimm war es bestimmt nicht. Da, wo der herkommt, begrüßt man sich mit Umarmungen und Küsschen. Und falls er sich doch daran gestört hätte, hätten wir es sofort erfahren, darauf kannst du Gift nehmen.“ Dann schüttelte er kurz fassungslos den Kopf, als ihm ein anderer Gedanke kam. „Ich dachte schon, der hätte heimlich noch einen Doktor in Forensik gemacht. Fast unheimlich, wie präzise er uns zerlegt hat“, sagte er. „Naja, das ist der Grund, warum alle immer nur ihre besten Leute schicken. Wenn man dem Mistkerl einen Moment zu viel zum Luftholen lässt, zieht er das ganze Gespräch an sich und zerpflückt einen nach und nach genüsslich. Aber am Ende haben wir unser Ziel erreicht und das ist alles, was zählt, auch wenn es anstrengend und für uns alle unangenehm war.“

„Sofern es für dich unangenehm war, hat man es dir nicht angemerkt. Es schien einen Moment lang eher, als hättet ihr beide das Gespräch miteinander genossen“, sagte Kayama, woraufhin Yuichi erneut lachte.

„Er legt es drauf an, dass die großen Agenturen zu ihm kommen und um Buchungen betteln. Es scheint wie ein Spiel zu sein. Doch immer dann, wenn ich mich dabei gerade an seine Dynamik angepasst habe, ist er plötzlich kompromissbereit. Als lasse er einen gewinnen, sobald man sich warmgelaufen hat, noch bevor man in der Lage ist, alles zu geben.“

„Vermutlich hatte er in seinen Augen schon in dem Moment gewonnen, als wir hergekommen sind, um zu betteln.“

Ich lauschte ihrem Gespräch, ohne mich selbst darin einzubringen. Mich hatte die Art des Designers auch verwundert, doch nicht, weil er plötzlich zu großen Kompromissen bereit war, sondern weil sich das Gespräch zwischen ihm und meinem Chef so sehr von den meisten anderen Unterhaltungen unterschied, die er zuvor mit anderen Gästen geführt hatte. Während des Gesprächs mit Yuichi schien er viel lebhafter zu sein als bei den anderen Unterhaltungen, bei denen er, wie ich beobachtet hatte, überwiegend regungs- und teilnahmslos geblieben war. Auch mir war es so vorgekommen, als hätte er heimlich Spaß an dem Wortwechsel mit Yuichi empfunden. Als hätte er das Spiel, von dem mein Chef sprach, vielleicht bloß des Spaßes wegen gewonnen und nicht, weil wir ihn, wie die Manager es nannten, um Buchungen angebettelt hatten.

 

One Comment

  1. mjeera

    ***Autorenkommentar***

    Hurra, der wunderbare Ken Satou ist da! Wie gefällt er euch bzw. habt ihr ihn euch so vorgestellt, nachdem in den vorherigen Kapiteln einige Charaktere bereits ihre Meinung zu ihm kundgetan haben?

    Bei der Recherche zu der passenden Store-Einrichtung bin ich übrigens auf einen Kimono-Designer namens Jotaro Saito gestoßen, der ebenso wie Ken Satou in der Geschichte sehr jung mit modernen Kimono-Designs auf sich aufmerksam gemacht hat: http://www.jotaro.net. Allerdings beschränkt sich Satou nicht auf Kimonos, das hätte nicht in die Geschichte gepasst, auch wenn es jetzt vielleicht etwas abenteuerlich ist. Ich habe neuerdings ein Tablet zum Zeichnen und habe darauf ein paar Kimono-inspirierte Kleider-Entwürfe gekritzelt als Vorbereitung für die bevorstehende Fashion-Show, um zu sehen, was Satou wohl so fabrizieren könnte. Ach ja, natürlich habe ich mir den Spaß erlaubt, sie mit ‚Satou‘ zu unterzeichnen :D. Wenn es thematisch zum Plot eines Folgekapitels passt, linke ich euch das ganze liebend gern mal.

    Jetzt gibt es aber erst mal ein anderes Doodle, das zu diesem Kapitel entstanden ist, es besteht aus zwei Teilen. Die Frage dazu wäre ‚Findet die schwulen Charaktere‘ – viel Spaß http://mjeera.com/wp-content/uploads/photo-gallery/Schneespuren%20Illus/3.7Szene.png
    Wer von euch Toki to Garasu (http://mjeera.com/toki-to-garasu/) gelesen hat (zu dem Schneespuren ja ein Prequel ist), versteht vielleicht die Hommage an Vol. 2 Kapitel 6 (oder ist das Verhalten aus der Szene eine Hommage an Yuichi? *insert Philosoraptor meme*)

    Falls ihr euch nicht erinnert, schaut gern noch mal nach, falls ihr TTG (noch) nicht kennt und Schneespuren weiterlesen wollt: Haltet euch unbedingt von TTG fern, Mega-Spoiler garantiert!

    Ganz herzlichen Dank fürs Lesen des Kapitels und fürs treue Dranbleiben an der Story, das bedeutet mir mega viel <3

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