Schneespuren Part 1.2

Teil 1: Der Junge vom Mond

2. Eindringling in der Mondatmosphäre

Meine Schwester hatte sich von dem familiären Zusammenleben verabschiedet, als ich etwa fünf Jahre alt war. Damals war Aini selbst 16 und hielt es nicht mehr bei uns aus. Ich glaube, es war zum Teil meine Schuld, da die Leute über unsere Familie redeten und sie in der Schule den daraus resultierenden Hänseleien ausgesetzt war. Sie verließ uns, um ein unabhängiges Leben zu führen. Und das tat sie auch, denn sie wurde ein erfolgreiches Model – nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer Andersartigkeit. Sie verbrachte sogar längere Zeit in Europa, um in den dortigen Modemetropolen zu arbeiten. Sie legte ihren Familiennamen ab und nannte sich fortan Aini Glass. Unser Vater hegte seither einen unausgesprochenen Groll gegen sie, die in seinen Augen seine Familie und ihn als deren Oberhaupt mit dem Namenswechsel verraten hatte.

Aini kam ein oder zweimal im Jahr zu Besuch. Ganz gleich, wie niedergeschlagen ich durch den harten Schulalltag auch war, sobald sie kam, war ich wahnsinnig aufgedreht. Es war, als bündelte ihre Anwesenheit meine Lebensenergie, sodass ich diese entladen musste, um wieder auf mein normales Level herunter zu kommen. Sie hingegen war genervt davon, dass ich so anhänglich war. Ihre Gespräche mit unserem Vater waren stets unterkühlt und unserer Mutter gegenüber legte sie einen besserwisserischen Ton an den Tag, so, als verwechsle sie ihre Herzlichkeit und Güte mit Ahnungslosigkeit. Dennoch liebte und bewunderte ich sie. Immerhin war sie ein Mensch, der ohne Rücksicht auf Verluste den Mut hatte, sich selbst zu verwirklichen.

Als sie in jenem Winter zu Besuch kam, bemerkte zum ersten Mal, dass auch sie nicht von der Kraft der Zeit verschont blieb. Ihre müden Augen verbarg sie hinter einer großen Sonnenbrille. Damit sah sie aus wie eine Fliege. Und sie sah traurig aus.

Dass sie mich als lästig betrachtete, war nicht neu, aber in diesem Winter schien sie mich zu hassen. Sie ließ keine Gelegenheit aus, mich anzugreifen. Sie störte sich daran, dass ich am helllichten Tag im Haus eine Sonnenbrille tragen durfte, um den grellen Schnee, dessen Weiß durch die Fenster ins Innere des Hauses strahlte, zu ertragen, während unsere Eltern sie darum baten, die Sonnebrille bei Tisch abzunehmen. Auch die Tatsache, dass ich nicht mehr zur Schule ging, nahm sie mit Häme zur Kenntnis. Alles, was ich tat und wer ich war schien ihr zu missfallen.

Das Haus unserer Eltern war meine Welt, meine Festung. Mit ihren bösen Blicken und den bissigen Kommentaren verwundeten sie mich auf meinem eigenen Territorium. Dass meine Schwester es als Außenstehende geschafft hatte, wie ein trojanisches Pferd den Sicherheitsschutz zu umgehen und den Hass und Schmerz der Welt dort draußen in mein Universum einzuschleusen, brachte mein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit innerhalb der Mauern unseres Hauses ins Wanken.

Ich war es lange Zeit gewohnt, gedemütigt zu werden, allerdings hatte ich diese Gefühle in den schmerzlindernden Monaten daheim vergessen. Dass es meine große, schöne Schwester war, die mich herabwürdigte, war umso schlimmer. Ja, sie sah auch seltsam aus mit ihrem blonden Haar, aber es war nicht diese abstoßende Seltsamkeit, die mich umgab. Sie war seltsam schön, sie war magisch. Ich hingegen war wie ihr Negativ. Mein entstelltes Gesicht mit dem roten Auge wollte niemand ansehen. Anstelle eines makellosen Teints wie Aini einen hatte, zog sich quer durch mein Gesicht die weiße Pigmentstörung. Meinen Zügen fehlte jede Symmetrie und das helle Blond, das Aini von unserem Vater geerbt hatte und welches sich auf meinem Kopf zum Teil in das sonst schwarze Haar mischte, wirkte bei mir strohig und hässlich und weiß. Mein Körper war von Narben gemustert, die man mir mit kleineren und größeren Attacken zugefügt hatte. Einer meiner Füße, über den Knöchel zur Wade hinauf, war wie mein Gesicht ebenfalls von der Pigmentstörung betroffen. Ich sah aus wie ein trauriger Flickenteppich.

Warum war ihre Andersartigkeit ein Segen und meine ein Fluch? Warum wurde sie von Designern und Fotografen umgarnt, die mit ihrer Schönheit werben wollten, während mein entstelltes Gesicht mich aus der Gesellschaft ausschloss, bis ich aus ihr flüchten musste? Zum ersten Mal, seit ich nicht mehr in die Schule ging, empfand ich den permanenten Aufenthalt zu Hause als unfreiwillige Isolation und ich kam mir gefangen darin vor. Warum war ich inhaftiert, was war mein Verbrechen? Ich wünschte, ich hätte mit dem Anderssein auch so viel Glück gehabt wie Aini. Ich wünschte, ich wäre jemand, der sie nicht dazu veranlasste, über mich zu spotten.

Das Wetter trieb mich fast in den Wahnsinn. Schien die Sonne, blendete sie mich, fiel Schnee, nahm mir das grelle Weiß die Sicht und den Verstand. Tagelang lag ich bei extremen Wetterverhältnissen in meinem verdunkelten Zimmer und stöhnte vor Kopfschmerzen. Manchmal schlief ich am Nachmittag und stand erst wieder auf, als die Sonne untergegangen war, um den Blick aus dem Fenster zu ertragen.

In der Nacht zum 25. Dezember und somit nach Ainis Demütigungen beim vorherigen Abendessen, versuchte ich mal wieder erfolglos, Schlaf zu finden. Ich gab schließlich auf und schlich, in meine warme Bettdecke gewickelt, ins Erdgeschoss.

Das Haus wirkte anders, wenn es ganz still war und hinter den Fenstern die Nacht in meine Welt blickte. Es schien ein eigenes Lebewesen zu sein, das uns alle verschluckt hatte, sodass die Geräusche, sofern es welche gab, lediglich Dumpf und von weit her erklangen. Das Haus atmete und regte sich, hin und wieder knarrte eine der Treppenstufen oder die Heizung tickte vor sich hin. Und wenn ich nachts aufstand und durch das Haus schlich, da war es als würde mir dieses große, gütige Lebewesen mit seinen Augen folgen und ich wusste, dass nichts passieren konnte, solange es nur über mich und die Mitglieder meiner kleinen Welt wachte.

In dieser Nacht vergaß ich, dass Aini den Frieden jener Welt gestört hatte, als mich das altbekannte Gefühl der nächtlichen Sicherheit auf dem Weg ins Wohnzimmer begleitete. Durch die Glastür, die auf die Veranda hinaus führte, blickte ich durch mein Spiegelbild in die Nacht. Alles war so friedlich. Mir fiel ein, dass Weihnachten war, und die Gewissheit, dass viele Familien und Paare den Tag gemeinsam verbringen und dass sie alle glücklich und liebevoll sein würden, gab mir ein Gefühl von Wehmut. Ich fühlte mich plötzlich, als würde ich die Welt nicht bloß durch eine Scheibe betrachten, sondern von weit, weit weg. Ich war auf dem Mond und sah der Welt dabei zu, wie sie sich drehte, ohne Teil daran zu haben. Aus der Ferne sah sie so schön aus; sie schien einem Paradies gleich zu sein. Ich könnte diese Schönheit nur aus der Distanz erkennen, denn wenn ich mich näherte müsste ich aufs Neue einsehen, dass jemand wie ich in dieser Welt nicht überleben konnte. Ich war ein Ausgegrenzter, ein Vertriebener. Mir blieb nichts weiter übrig, als dort in meiner eigenen Einsamkeit zu verharren, in meiner eigenen Atmosphäre, und den Gedanken daran zu ertragen, dass ich keinen Platz dort draußen hatte. Diese große, unglaubliche Schöpfung bedurfte meiner Existenz nicht.

Diesen Gedanken hing ich noch eine Weile nach, bis ich plötzlich Geräusche aus dem Flur vernahm. Weiterhin in die Decke gehüllt, folgte ich mit leisen Schritten den Geräuschen.

Im Flur fand ich Aini vor, die ganz offensichtlich mit gepackten Koffern in einer Nacht- und Nebelaktion verschwinden wollte.

Nachdem sie mich tagsüber angegriffen hatte, schlug sich unser Vater auf meine Seite und machte ihr klar, dass sie mit ihrem Verhalten in seinem Haus nicht mehr willkommen war. Und nun schien sie bereit, unser Elternhaus zu verlassen und womöglich nie wieder zurück zu kehren.

Ich wollte nicht, dass sie ging. Ich war ihr ja nicht einmal böse. Wie könnte ich auch? Sie war doch immer noch meine große Schwester und ich liebte sie und sah zu ihr auf. Sie hatte das Beste aus ihrer Ausgangslage gemacht und verdiente mit ihrer Andersartigkeit Geld und Respekt. Und sie hatte ja recht, denn ich musste erst mal schaffen, was sie erreicht hatte. Wer wusste schon, ob es mir überhaupt gelingen würde, als Erwachsener einen einigermaßen stabilen Beruf zu ergattern und meinen Lebensunterhalt selbst bestreiten zu können? Im Moment war die wahrscheinlichste Zukunft für mich, auf ewig in diesem Haus zu verweilen und meinen Eltern auf der Tasche zu liegen. Vielleicht war ihre vergiftete Art, über meine Zukunftsaussichten zu sprechen, ja bloß eine andere Form von Sorge? Ich wollte glauben, dass es so war.

Aini war überführt und so sah sie wohl ein, dass es unsinnig wäre, an ihrem Vorhaben, sich jetzt noch auf den Staub zu machen, festzuhalten. Ohne Einwände folgte sie mir stattdessen ins Wohnzimmer. Als wir so beisammen saßen, bemerkte ich, dass sie noch immer die große Sonnenbrille trug, die sie wie eine Fliege aussehen ließ. Dabei war es mitten in der Nacht. Fast wirkte es, als trage sie die Sonnenbrille wie einen Schutzschild. Vielleicht lief im Leben meiner Schwester doch nicht alles besser als in meinem?

Wir gerieten ein wenig ins plaudern und ich sprach sie auf die Sonnenbrille an. Scheinbar hatte ich recht mit der Annahme, dass sie sie wie ein Zauber vor irgendetwas abschirmen und behüten sollte, denn sie geriet ins Stocken und zögerte mit einer ehrlichen Antwort.

Trotz ihres Zauders kam es mir vor, als hätte in diesem Moment zum ersten Mal eine richtige Verbindung zwischen uns bestanden. Keine zwischen einer großen Schwester und einem nervigen, kleinen Bruder, die einander bloß sporadisch sahen, sondern zwischen zwei Menschen, die einander vertrauen konnten. Sie schien mir plötzlich so nah, dass es mir vorkam, als wäre auch Aini in dieser Nacht von unserem Haus verschluckt worden. Vielleicht war sie dadurch, dass sie nachts ihre Koffer gepackt hatte und Reißaus nehmen wollte, in meine mondatmosphärische Einsamkeit getreten, oder – im Nachhinein betrachtet – vielleicht ist sie die ganze Zeit über dort gewesen und wir waren uns erst nun begegnet.

Womöglich spürte auch sie diese Verbindung, denn irgendetwas brachte sie plötzlich dazu, sich für ihr Verhalten beim Abendessen zu entschuldigen. Und dann gab sie sich selbst einen Ruck und öffnete mir ihr Herz. Meine große Schwester wurde zum ersten Menschen, der mir ein Geheimnis anvertraute. Zugleich würde sie mich und mein Leben damit grundlegend prägen, denn sie machte mich zu einem Verräter gegenüber den Menschen, die ich liebte.

Sie ließ mich erst versprechen, niemandem etwas zu verraten.

Ich versprach es hoch und heilig.

Und dann erzählte Aini mir von dem Baby.

Sie hatte vor einigen Jahren ein Kind bekommen, ohne dass sie mit jemandem darüber gesprochen hatte. Nicht einmal der Kindsvater – ein Fotograf, mit dem sie für einen Modeljob gemeinsam in London gearbeitet hatte – wusste davon. Ihr Sohn trug den Namen Aori und war genau an jenem Tag acht Jahre alt geworden. Aini bereute, dass sie ihn nach der Geburt zur Adoption freigegeben hatte. Sie sagte, die Sehnsucht nach ihm wurde immer stärker mit den Jahren. Daher zog sie in Erwägung, Kontakt zu ihm aufzunehmen, obwohl er bei seinen Adoptiveltern ein glückliches Leben zu führen schien.

Es war ernüchternd und schmerzhaft, einsehen zu müssen, dass auch meine Schwester einen dunklen Schatten hatte. Sie hatte einem kleinen Lebewesen in seiner zerbrechlichsten Stunde jede Hilfe, jeden Schutz untersagt. Sie hatte ihm die Liebe entzogen, die es gebraucht hätte, sich der Verantwortung, die sie hatte, entzogen. Sie hatte etwas unrechtes und schreckliches getan.

Und sie hatte mich enttäuscht und verletzt. Der Mann, mit dem sie das Kind gezeugt hatte, war ein hoffnungsloser Einzelgänger und der Altersunterschied zu ihm enorm. Es waren genau die Dinge, von denen ich geglaubt hatte, dass ich ihretwegen niemals eine engere Bindung zu meiner Schwester aufbauen könnte. Ich hatte stets Verständnis für ihre Genervtheit, weil ich einsah, dass die Differenz zwischen uns zu groß war, als dass wir hätten Freunde werden können. Dass es etwas anderes sein musste, warum sie mir gegenüber immer so distanziert war, verursachte ein schmerzhaftes Stechen in meiner Brust. Ich fühlte mich plötzlich ihrem kleinen Sohn verbunden, denn sie hatte uns beide nicht gewollt. Es gab keine rationale Begründung für ihr Verhalten. Sie hatte uns einfach nicht gewollt, das war alles.

Ich hatte geglaubt, es gebe nichts, weswegen ich Aini je böse sein könnte, aber ich irrte mich. Ironischerweise war es genau die Unabhängigkeit, die ich bisher so an ihr bewundert hatte, die mich nun erzürnte. Sie tat was sie wollte – und was dabei aus anderen wurde, kümmerte sie nicht.

Ich brach das Gespräch ab und ließ sie einfach dort im Wohnzimmer sitzen, flüchtete in mein Zimmer. Als ich am nächsten Morgen – noch immer schlaflos – zurück ins Erdgeschoss ging, war Aini fort.

Ihre seltenen Besuche stellten sich danach völlig ein. Meine Mutter war betrübt und fragte mich, ob ich etwas wüsste. Ich wurde zum Verräter. Ich log für Aini. Warum, das fragte ich mich häufiger, hatte ich nie ausgesprochen, was sie mir gesagt hatte? Warum log ich meine geliebte Mutter an, wenn sie um Aini weinte, warum beleidigte ich meinen Vater mit meiner Unehrlichkeit, wenn er an manchen Tagen seufzte, dass ihm Aini doch irgendwie fehlte? Log ich für sie, weil ich mich ihrer Tat schämte, sodass ich die Wahrheit nicht über die Lippen brachte? Weil ich Aini noch mehr liebte als meine Eltern? War ich ihr gegenüber deswegen so bedingungslos loyal? Mein Bauchgefühl jedenfalls hatte zu Beginn entschieden, dass ich die Wahrheit für sie verheimlichen würde. Hatte ich diese Entscheidung erst einmal gefällt, musste ich, so sagte ich mir selbst, auch dabei bleiben. Vielleicht war es vorherbestimmt, vielleicht sagte mir eine Stimme, irgendwo tief in mir, dass dies der Lauf der Dinge war. Immer wieder versuchte ich mich mit dem Gedanken zu beschwichtigen, dass mein Schweigen für Aini vielleicht am Ende doch zu etwas gutem führen würde. Nur indem ich diese Gedanken aufrechterhielt, konnte ich die Situation, in die sie mich mit ihrem Geheimnis manövriert hat, überhaupt ertragen.

Im Herbst hatte ich einige Monate vor meinen Altersgenossen den Stoff der Highschool durch. Ein Studium konnten sich meine Eltern nie im Leben für mich leisten. Also suchte ich Arbeit, um mir ein mögliches Studium selbst zu finanzieren und um der heimischen Isolation zu entkommen, in der ich mich nicht mehr wohl fühlte.

Mir war klar, dass ich kaum geeignet war, irgendwo als Kellner oder Kassierer zu arbeiten, da niemand bereit war, mich auf Kunden loszulassen. Ich machte eine Liste mit Jobs, die mir einfielen, bei denen man nicht gesehen wurde. Letztendlich pilgerte ich von Job zu Job, bei denen es mich nie länger als eine Saison hielt oder bei denen man mich nie länger sehen wollte, denn ich schien immer der erste zu sein, auf den verzichtet werden konnte. Neben den Jobs paukte ich für die Hochschulaufnahmeprüfung und der Ehrgeiz, diese zu bestehen, lenkte mich ein wenig von der Trostlosigkeit meines Alltags und meiner Gedanken ab.

Den Wunsch, die Universität zu besuchen, musste ich jedoch am Ende aufgeben, als mir klar wurde, dass ich nicht genug Geld zusammenkratzen konnte, um Gebühren und Unterbringung zu finanzieren. Ich besuchte stattdessen einen Abendkurs in Wirtschaft, in der Hoffnung, es würde mich im Leben irgendwie weiter bringen. Der Kurs wurde von den unterschiedlichsten Menschen besucht und jeder Teilnehmer blieb überwiegend isoliert von den anderen und somit praktisch anonym. Das kam mir sehr entgegen, denn obgleich ich verwunderte Blicke erntete, ignorierte man mich weitestgehend.

Nach einigen Wochen stieß ein Mädchen zu dem Kurs hinzu, das seltsam aussah. Sie selbst war zwar ganz normal, doch trug sie ausschließlich schwarze Kleidung und umrandete ihre Augen mit dicken, schwarzen Linien wie in Abbildungen von ägyptischen Göttinnen. Sie suchte meine Nähe und zunächst glaubte ich, sie sei eine Satanistin, die auf der Suche nach einem Opfer für irgendein satanisches Ritual bei meinem Anblick ganz aus dem Häuschen geraten sein musste. So ein seltsames Opfer wie mich bekam der Teufel sicher selten. Vielleicht würde er ja auch mit meinem Teufelsauge einen verlorenen Sohn in mir sehen und mich auf ewig als Lakai an seiner Seite schuften lassen. Der persönliche Assistent des Teufels – nicht übel. Das wäre wohl mehr, als ich in diesem Leben zu erwarten hätte.

Meine Vorstellung entpuppte sich als völliger Unsinn, denn wie sich herausstellte, mochte das Mädchen bloß eine bestimmte Musikrichtung und trug dies mit ihrem Äußeren zur Schau. Sie brachte mir CDs mit und lud mich ein, mit ihren Freunden gemeinsam Musik zu hören. Sie fragte so oft danach, bis ich irgendwann nicht umhin konnte, zuzusagen.

Sie gehörte einer Clique von Musikfans für Gothic, Grunge und Metall an, die mich erstaunlich offen in ihrer Mitte willkommen hießen. Ich passte mich allmählich ihrem Stil an und sie begleiteten mich, als ich mir Piercings in Lippe und Ohr stechen ließ. Bald schon verbrachte ich jede freie Minute mit den Freunden und wir gingen zusammen aus und feierten. Mit jedem Mal kamen wir mit mehr Menschen in Kontakt, bis ich die Bekanntschaften, die ich an einem Abend machte, kaum noch zählen konnte. Wo hatten all die Leute bloß mein ganzes Leben gesteckt? Sie waren alle so nett, dass ich fast vergaß, wie einsam ich zuvor immerzu gewesen war. Vom Dorf fuhren wir ständig in die Stadt, um Partys und Konzerte zu besuchen und blieben manchmal über Nacht in Bars oder Hotels. In letzteren machte ich mit einigen der weiblichen Bekanntschaften meine ersten sexuellen Erfahrungen. Mit der Zeit trafen wir uns immer seltener zum gemeinsamen Abhängen und gingen fast ausschließlich auf die Piste, womit mir das wenige Geld, das ich bei meinem damaligen Job in einer Putzkolonne verdiente, nur so durch die Finger glitt. Um weiterhin den Abendkurs besuchen zu können, halfen mir mittlerweile längst meine Eltern aus. Sie beobachteten meine Entwicklung nicht ohne Sorge, doch unterstützten sie mich bei meinem neuen Lebenswandel – womöglich deswegen, weil sie wie ich selbst glaubten, ich hätte nach den vielen Jahren in Einsamkeit zum ersten Mal Anschluss gefunden.

Da ich die vielen Partys und Konzerte nicht mehr finanzieren konnte, schlug ich vor, sich wieder öfter in ruhiger Runde zu treffen und seltener auszugehen. Zur gleichen Zeit schleppte jemand in der Clique einen amerikanischen Bekannten namens John an. Mit seinem Erscheinen war mein Ausschluss aus dem Freundeskreis schlagartig besiegelt und das einst so heitere, ausgelassene Miteinander schlug in Ignoranz um. Als sie alle plötzlich nichts mehr von mir wissen wollten, begriff auch ich schließlich, was geschehen war. Sie waren nie wirklich an mir interessiert gewesen, sondern hatten mich bloß in ihre Mitte geholt, um sich als Dorftruppe zwischen den Städtern mit meiner Andersartigkeit zu schmücken. Auf ihren Streifzügen durch die Stadt konnten sie sich so vor anderen Cliquen profilieren und Kontakte knüpfen. Ich hatte ein denkbar schlechtes Timing mit meinem Vorschlag, einen Gang runter zu schalten, gewählt. Sie hatten ja nun diesen John – und ein neuer Ausländer war wohl aufregender als eine mittlerweile allseits bekannte Missgeburt. In der Clique hatte ich nie Freundschaft gefunden. Alles, was sie taten, war, mich auszunutzen und wie eine Trophäe herumzuzeigen.

Mein Leben setzte sich fort, wie es vor der Erfahrung mit der Clique verlaufen war. So vergingen die Jahre trostlos und monoton mit wechselnden, miesen Jobs und dem ziellosen Pauken in der Abendschule. Ich sparte genügend Geld zusammen, um den Führerschein zu machen, denn meine Mutter wurde krank und brauchte jemanden, der sie zum Arzt fahren konnte. Als sie eine Zeit lang im Krankenhaus war und ich meinen Job am Fließband kündigte, um mich um das Haus und meinen Vater zu kümmern, verspürte ich zum ersten Mal Sehnsucht nach Aini.

Wie es ihr wohl ging? Ob sie manchmal an unsere Eltern dachte? Ob sie sich fragte, was ich wohl tat? Ich frage mich, ob sie mittlerweile Kontakt zu ihrem Sohn aufgenommen hatte. Ich versuchte, die Gedanken an sie eine Weile zu verdrängen, doch wucherten sie in meinem Unterbewusstsein weiter, bis ich das Gedankengewebe als ständigen Druck gegen die Schädeldecke wahrnahm.

War das die Sehnsucht, von der Aini gesprochen hatte? Die, die mit der Zeit wuchs und immer schmerzhafter wurde? War es vielleicht doch so, dass man einen geliebten Menschen nicht vergaß, sondern ihn immer sehnlicher sehen wollte?

Ich hatte sie damals überhaupt nicht verstanden, das war mir mittlerweile klar geworden. Sie hatte sich mir anvertraut und ich hatte ihr gar nicht richtig zugehört. Warum nicht? Ich wusste, warum. Weil ich mich nur um meine eigene Verletzlichkeit gekümmert hatte, ohne mich mit dem zu befassen, was sie auf dem Herzen hatte. Ich dachte seit unserem letzten Gespräch, Aini mit ihrer unabhängig-rücksichtslosen Art wäre egozentrisch. Zum ersten Mal kam mir in den Sinn, dass ich vielleicht der egozentrischere von uns beiden war.

Meine Mutter spürte, dass mich etwas bedrückte und ich gab mir einen Ruck, ihr wenigstens zu sagen, dass ich Aini vermisste.

„Ich vermisse sie auch, aber Aini hatte immer Angst“, sagte sie mit müder Stimme. „Sie fürchtete sich davor, dass sie sich in uns wiedererkennen könnte. Immer hat sie dieses Dorf gehasst und die Menschen hier mit ihren Blicken. Sie wird nie wieder herkommen. Sie wird uns nie wieder sehen wollen. Die Angst vor ihrem eigenen Schatten kann sie nur im Scheinwerferlicht abwenden. Ich versuche mich für sie zu freuen, dass sie in weiter Ferne glücklich ist, anstatt an der Sehnsucht zu zerbrechen.“

Ich glaubte Mutter war auch wegen Aini krank geworden. Ihre Sehnsucht war vermutlich noch größer als meine. Nach dem Krankenhausaufenthalt brachten Vater und ich sie wieder zurück nach Hause, und ich kümmerte mich tagein, tagaus um sie. Meine Anwesenheit schien ihren Schmerz ein wenig zu lindern, aber die Heiterkeit meiner Mutter verblasste mit der Zeit immer mehr. Als ihr Zustand sich schließlich stabilisierte, ging ich wieder arbeiten, allerdings nachts, sodass ich zumindest die Nachmittage nach einem leichten, erzwungenen Schlaf mit meiner Mutter verbringen konnte. Wie in alten Zeiten sahen wir Seifenopern und spielten gemeinsam Go.

Ich war mittlerweile 21 und fing als Küchenhilfe an, so arbeitete ich abends, wenn mein Vater von der Arbeit nach Hause kam und sich in meiner Abwesenheit um Mutter kümmerte. Den Kurs an der Abendschule beendete ich, ohne, dass ich wusste, was ich mit dem erlangten Wissen anfangen sollte. Ob es mir überhaupt je etwas nützen würde? Es musste mir etwas bringen. Ich konnte nicht ewig schlechte Jobs annehmen und mich um Mutter kümmern. Mir fehlte die Kraft, dieses Leben weiter fortzusetzen. Es war an der Zeit, eine neue Richtung einzuschlagen. Doch welche? Was hielt die Zukunft für mich bereit? Ich konnte keine Zukunft für mich sehen.

Zu unserem Neujahrsbesuch im Schrein beschrieb jeder von uns ein Ema, ein kleines Holztäfelchen, mit unseren Wünschen. Jedes Jahr schrieb ich das gleiche darauf, nämlich den Wunsch danach, dass es unserer Familie gut gehen würde. In jenem Jahr jedoch überkam mich ein plötzlicher Impuls, sodass ich etwas anderes auf mein Ema schrieb:

Ich möchte Aini sehen.

Im März verlor ich mal wieder meinen Job. Doch anders als sonst, machte ich mich dieses Mal nicht sogleich auf die Suche nach einer neuen Stelle. Ich saß mit meinen Eltern gerade beim Abendessen, da verkündete ich meinen Plan, Aini zu besuchen. Meine Mutter fing an zu weinen und mein Vater – plötzlich aus seiner Verletzlichkeit zu dem Thema herausgerissen und an den einstigen Groll seiner Tochter gegenüber erinnert – sprach zwei Tage lang kein Wort mit mir.

Ich wusste, dass es keine gute Idee war. Aber sie fehlte mir und mein Leben war so trist. Ich brauchte sie und dieses Gefühl, welches die Lebensenergie in mir bündelte, wenn sie da war. Ich sehnte mich nach dem hellen Glanz ihrer Haare, die auch ohne Licht wie von selbst zu leuchten schienen.

Meine Mutter schleppte sich die Treppe hinauf und kam in mein Zimmer, um das Gespräch mit mir zu suchen. Sie nahm auf meinem Schreibtischstuhl platz, ich hockte neben ihr auf dem Boden.

„Du bist jetzt volljährig. Du kannst gehen, wohin du willst“, sagte sie. „Niemand verbietet dir, Aini zu besuchen, wenn du das möchtest. Ich würde sie ja auch gern sehen und kann verstehen, wie du dich fühlst. Doch auch Aini ist erwachsen und darf frei entscheiden, wen sie sehen möchte und wen nicht. Und es scheint nun mal so, als wollte sie uns nicht sehen.“

„Ich weiß“, entgegnete ich mit kraftloser Stimme.

„Deswegen habe ich mir etwas überlegt“, sprach sie und bemühte sich um Heiterkeit. „Du könntest ihr doch zunächst einen Brief schreiben und sie fragen, ob es ihr recht wäre, dass du sie besuchst. Wie wäre das? Versprich mir aber, nicht enttäuscht zu sein, wenn sie das Angebot ausschlägt. Dann weiß sie zumindest, dass du sie gern gesehen hättest.“

Ich sah meine kleine, niedliche Mama an, wie sie da mit nach vorn abgesenkten Schultern und roten, feuchten Augen neben mir saß und sich darum bemühte, zu lächeln. Nur zu gut wusste ich, wie sie sich fühlte. Es war die Angst davor, dass Aini, wenn Mutter und Vater Kontakt zu ihr suchten, ablehnen könnte. Sie hatten Angst vor der Endgültigkeit, deswegen hatten meine Eltern Aini wohl über all die Jahre nicht versucht zu erreichen, auch wenn sie ihnen fehlte. Sie hatten nicht die Kraft, es zu wagen. Ich kannte diese Angst. Als ich damals in der Schule schikaniert wurde, hatte ich Angst, meine Eltern würden sich, sobald sie herausfanden, was los war, nicht auf meine Seite schlagen, sondern erkennen, dass ich wertlos war und diese Behandlung verdiente. Immerzu fürchtete ich mich davor, dass sie genug haben könnten, dass sie dachten, sie hätten mich lieber gar nicht erst bekommen. Die Angst vor der endgültigen Ablehnung durch einen geliebten Menschen war ein schmerzvolles, nagendes Gefühl. Doch wenn man nichts zu ändern versuchte; wenn man die Überzeugung, die eigene Antriebskraft verlor, dann hatte man aufgegeben – sich selbst und sein Ziel – und man würde langsam von der Trauer dahin gerafft. Beide Optionen, die Beharrlichkeit, nicht aufzugeben, und das langsame Welken als Resultat angstvoller Tatenlosigkeit verkörperte meine Mutter gleichermaßen.

Ich richtete mich auf und nahm ihr Gesicht in meine Hände, küsste liebevoll ihre Stirn.

„Ich gebe mein Bestes und wenn es nicht klappt, dann habe ich es wenigstens probiert“, sagte ich.

Meine Mutter sah mich an und ich konnte spüren, dass sie stolz auf mich war. Endlich nach so vielen Jahren. „Ich wünschte, ich könnte etwas von deiner Energie abhaben“, sagte sie lächelnd.

„Wenn es klappt und ich wieder komme, darfst du so viel davon haben, wie du willst.“

Ich schrieb Aini also einen Brief. Es waren nur drei Zeilen, weil ich keine Ahnung hatte, was ich schreiben sollte. Wenn sie mich nicht sehen wollte, war jedes Wort zu viel. Doch zu meinem Erstaunen erhielt ich eine Antwort. Sie bedankte sich für meinen Brief und erwartete meinen Besuch. Auch ihre Antwort beinhaltete nur das Nötigste, doch das reichte schon. Außerdem hatte sie noch eine Visitenkarte beigefügt mit einer Büronummer, unter der ich sie erreichen konnte, sobald ich in der Stadt war. Der Tag, an dem ihr Brief kam, wurde zu etwas wie einem Familienfest. Meine Mutter weinte, und las den Brief immer wieder, und dann zog mein Vater ihn ihr wieder aus der Hand, um ihn selbst noch einmal zu lesen.

„Sie schreibt so groß und geschwungen, genau wie ich“, sagte er.

„Schau nur, schau! Liebe Grüße, schreibt sie!“, zwitscherte meine Mutter.

„Die gelten nicht dir, die sind für Yuki!“, holte mein Vater sie zurück auf den Boden der Tatsachen. Meine Mutter wollte davon aber nichts hören und entgegnete vergnügt, dass es doch ein gutes Zeichen war, wenn Aini sich so reizend verabschiedete.

Ich saß einfach nur da und schaute ihrem liebenswürdigen Gezänk zu. Es war schön, sie beide so heiter zu erleben. Aini hatte uns alle wieder zum Leben erweckt. Die Vorfreude, sie bald wieder zu sehen, durchströmte mich warm und angenehm. Umso mehr freute es mich, dass sie mir diesen Besuch auch gestattete und mir erlaubte, wieder in ihr Leben zu treten.

Der Tag, an dem ich mit dem Schnellzug zu Aini fahren sollte, war über und über voll von dem Geschnatter meiner Eltern, die mir lauter Ratschläge geben wollten.

„Sprich nur über uns, wenn sie dich danach fragt! Versuch sie nicht mit unseren Alltagsgeschichten zu langweilen, bis sie gar nichts mehr von uns wissen will“, mahnte mein Vater.

„Schau genau hin, ob sie vielleicht einen netten Freund hat oder einen Mann – oh Gott! Was, wenn wir ein kleines Enkelkind haben und es gar nicht wissen?“, sprach meine Mutter mit zunehmender Aufregung.

Schlagartig war mein Freudentaumel vorüber, als mir wieder bewusst wurde, dass ich meine Eltern jahrelang angelogen hatte. Sie waren ja tatsächlich Großeltern und wussten es gar nicht. Aori musste mittlerweile 13 sein. 13 Jahre, in denen meine Eltern keine Ahnung haben durften. Die Verabschiedung von den beiden wurde dann nur sehr flüchtig, und ich stieg endlich in den Zug, der mich zu meiner Schwester bringen würde.

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