Schneespuren Part 1.3

Teil 1: Der Junge vom Mond

3. Der zerbrochene Junge

Während der Zugfahrt musste ich eingeschlafen sein. Sie kam mir kürzer vor als erwartet. Beim Aussteigen und Durchqueren der von Menschen überlaufenden Bahnhofshalle wurde mir bewusst, dass hier in der Großstadt vieles anders sein würde als zuhause. Obwohl es von Menschen nur so wimmelte, schien niemand zuvor jemanden wie mich gesehen zu haben. Die meisten, an denen ich mich im Gedränge vorbeischob, versuchten, einen Blick auf mein Gesicht zu erhaschen. Ich spürte ihre Blicke wie einen Ausschlag auf der Haut, versuchte aber, mir nichts anmerken zu lassen. Über die Jahre war ich ziemlich gewachsen und überragte die meisten von ihnen, sodass ich zu allem Überfluss selbst aus der Ferne gut sichtbar war. Wie ein kaputter Leuchtturm inmitten dieses Menschenmeeres sah ich aus.

Ich nahm ein Taxi ins Hotel, das eher etwas von einem in die Jahre gekommenen Hostel hatte. Zwar hatte ich ein Einzelzimmer gebucht, doch am Empfang sagte man mir, dass die vorgenommene Buchung für ein Bett in einem Mehrbettzimmer erfolgt war. Resigniert zahlte ich einen Aufpreis für das Einzelzimmer. Die Menschenmassen, mit denen ich mich gleich bei meiner Ankunft in der Stadt konfrontiert sah, hatten mich bereits erschöpft. Mit Fremden das Zimmer teilen kam mir da nicht wie eine lukrative Option vor. Ich ärgerte mich etwas, dass ich mehr für das Hotel ausgeben musste, als ich gedacht hatte, denn auch ein ursprünglich bei der Buchung inklusives Frühstück musste ich separat buchen. Ich verstand nicht, dass mit meiner Buchung alles in Ordnung war und war zu naiv, um zu begreifen, dass man mich an der Rezeption übers Ohr haute.

Nachdem ich auf meinem Zimmer geduscht und frische Kleidung angezogen hatte, nahm ich Ainis Visitenkarte zur Hand. Zum ersten Mal betrachtete ich seit Erhalt ihres Briefs die Karte, die sie ihrem Brief beigelegt hatte, ausgiebig. MAJ – Model Agency Japan – war der Name ihrer Institution. Ich wusste, dass dies die Agentur war, bei der sie während ihrer aktiven Zeit als Model selbst unter Vertrag stand. Nun arbeitete sie, wie ich der Karte entnahm, als Talentscout. Meine Schwester hatte es mit ihrer Andersartigkeit weit gebracht. Ich war zurzeit arbeitslos und wusste nicht, was aus mir werden würde, sobald ich zurück in der Heimat war.

Ich versuchte, nicht daran zu denken und ging runter in die Lobby, wo sich eine Ecke mit Münztelefonen befand. Mit wild klopfendem Herzen ging ich zu einem der Apparate und wählte die Nummer auf der Karte. Ich wartete, atmete tief aus. Als schließlich jemand abhob, machte mein Herz einen Sprung. Eine Frauenstimme meldete sich und nannte den Namen der Agentur.

Aini, hallo, ich bin’s-“, platzte es aus mir heraus, ohne abzuwarten, dass sie ihren Namen nannte.

Sie möchten Frau Glass sprechen?“, ertönte die Frauenstimme mit stoischer Freundlichkeit, obwohl ich ihr so unhöflich ins Wort gefallen war. Erst da wurde mir klar, dass es gar nicht Aini war, mit der ich sprach. „Frau Glass ist leider nicht im Büro, sie hat noch einen Termin außer Haus und kommt auch heute nicht mehr rein. Versuchen Sie es bitte morgen wieder.“

Okay, könnte ich dann vielleicht eine Privatnummer von ihr haben?“, fragte ich zaghaft.

Es tut mir sehr leid, aber die kann ich Ihnen leider nicht ohne weiteres aushändigen.“

Ich geriet ins Stocken und meine Stimme wurde noch leiser als ohnehin schon, als ich erklärte, dass ich Ainis Bruder war. Doch die Frau am Telefon blieb beharrlich und bat mich, am nächsten Tag wieder anzurufen.

Ich legte auf und blieb einen Moment vor dem Telefon stehen.

Das lief ja anders als geplant. Zu gerne hätte ich Aini bereits am ersten Tag getroffen. Sie war scheinbar sehr beschäftigt.

Ich telefonierte noch kurz mit meiner Mutter, um Bescheid zu geben, dass ich gut angekommen war. Dann ging ich hoch auf mein Zimmer und entschied nach einigem Hin und Her, den Rest des Tages zu nutzen, um mir ein bisschen die Gegend anzusehen.

Den Großteil des Geldes, das ich eigentlich für das Abendessen kalkuliert hatte, investierte ich in einen kleinen Touristenführer und einen Stadtplan und entschied mich dazu, den S-Tempel, den größten Tempel der Stadt, anzusehen. Erst nach zwei Stunden kam ich dort an, weil ich zu Fuß unterwegs war und mich die starrenden Blicke der anderen Passanten zu lähmen schienen. Ich war immerhin rechtzeitig da, um noch den Angestellten vorzufinden, der soeben die Pforten der Tempelanlage schloss und mir riet, am nächsten Tag wieder zu kommen.

Auf dem Rückweg kaufte ich eine Sonnenbrille (morgen also auch nur eine Instant-Nudelsuppe zum Mittagessen) und zog sie an, obwohl es bereits dämmerte. Aber ich war zu müde und enttäuscht von dem ganzen Tag, als dass ich die Blicke der vielen Menschen noch länger hätte ertragen können. Zurück in meinem Zimmer angekommen, legte ich mich aufs Bett und las den Touristenführer, da ich vergessen hatte, etwas zu lesen von zu Hause mitzubringen. Einen kurzen Augenblick bereute ich es, gekommen zu sein. Allerdings verdrängte ich diesen Gedanken schnell wieder und versuchte stattdessen, viel zu früh einzuschlafen.

Demzufolge wurde ich am nächsten Morgen auch viel zu früh wach und musste bis zum Frühstück irgendwie die Zeit totschlagen. Also sah ich mir den Stadtplan genauer an und machte die Adresse ausfindig, die auf der Visitenkarte stand. Ich legte schon mal eine Route fest, die ich nehmen würde, um später dorthin zu gehen – vorausgesetzt natürlich, Aini würde ein wenig Zeit für mich haben.

Das Frühstück war im Anbetracht des Preises, den ich am Vortag dafür hinblättern musste, eine Enttäuschung. Bei meiner Größe musste ich für gewöhnlich relativ viel essen, sodass die Portion viel zu klein für mich war und ich noch zusätzlich Snacks an einem Automaten ziehen musste. Mein Budget ging langsam aber sicher zur Neige. Ich gab mir Mühe, mir von dem Morgen nicht die Stimmung vermiesen zu lassen. Der Tag könnte noch richtig gut werden! Sobald ich Aini erst einmal getroffen hätte, wäre alles andere jedenfalls egal, so viel war sicher.

Nach dem Frühstück war es noch zu früh, um sie anzurufen. Wie meine Eltern war ich der festen Überzeugung, dass meine Schwester sich zurückziehen würde, wenn ich mich nicht geschickt anstellte und zu aufdringlich war. Also vorher erst mal vor die Tür, Beine vertreten. Die Gegend war nicht besonders schön. Es wäre wohl besser, wenn ich Aini nicht sagte, wo mein Hotel war, bevor sie merkte, dass ich nicht genug Geld hatte, um mir etwas besseres zu leisten. Ich wollte keinen schlechten Eindruck hinterlassen. Plötzlich blieb ich ruckartig stehen. Meine Kleidung! Ich hatte mir gar nicht überlegt, was ich anziehen sollte! Ich würde sie in einer Modelagentur besuchen, wo die Besucher sonst vermutlich stets die neuste, teuerste Mode zur Schau stellten. Ich sah an mir herunter. Seit meiner Zeit mit der Musik-Clique war mein Kleidungsstil tendenziell eher in Richtung Grunge abgedriftet. Mit meiner ausgewaschenen Jeans und dem abgetragenen Pullover würde jeder, der mich sah, denjenigen bemitleiden, dessen Besucher ich war. Unmöglich, Aini in diese Verlegenheit zu bringen. Immerhin stand auf dem Spiel, dass sie sich entschied, nie wieder etwas mit der Familie zu tun haben zu wollen, die ich repräsentierte. Ich ging also zurück zum Hotel und durchwühlte die Kleidung, die ich eingepackt hatte. Eigentlich hätte ich einen Anzug oder ein Hemd gebraucht, aber so etwas besaß ich gar nicht. Wie käme ich auf die Schnelle an passende Kleidung? Ein Kostümverleih vielleicht? Eher nicht, jeder in der Agentur würde direkt erkennen, dass das Material billig war. Einen auf einer Parkbank dösenden Manager wecken und ihn überzeugen, die Kleidung mit mir zu tauschen? Sei nicht albern, Yuki. Was wäre das bloß für ein Manager, der seelenruhig auf einer Parkbank schläft? Letzte Option: Jemanden bestehlen und von dem Geld ein anständiges Hemd kaufen. Würde man mich dabei erwischen, wäre das noch schlimmer als etwas von meinen Sachen anzuziehen. Schnell ließ ich die Überlegungen wieder fallen und wunderte mich, wie ich überhaupt auf solche Gedanken kam. Ich wollte unbedingt alles richtig machen. Es stand immerhin so viel auf dem Spiel. Da ich keine andere Möglichkeit sah, beschloss ich, einfach das beste anzuziehen, das ich im Koffer hatte.

Ich ging wieder in die Lobby, die Visitenkarte meiner Schwester in der Hand, und wählte ein weiteres Mal die Nummer ihres Büros. Ich hoffte, dass ich nicht wieder umgeleitet würde und meine Schwester diejenige war, die den Anruf entgegennehmen würde. Und tatsächlich, sie war es. Ihre Stimme war rauer geworden und ein bisschen müde mit den Jahren, aber ich erkannte sie sofort wieder.

Hallo, hier ist Yuki“, sagte ich und bemühte mich, ihr mit keinem freudigen Gefühlsausbruch auf die Pelle zu rücken. Es war unser erstes Gespräch seit fünf Jahren. Ich durfte es nicht vermasseln.

Yuki! Hallo, schön, dass du anrufst. Bist du schon in der Stadt?“ Sie klang überrascht.

Ja, seit gestern“, antwortete ich und stellte ein wenig gekränkt fest, dass niemand es für nötig gehalten hatte, ihr zu sagen, dass gestern ihr Bruder für sie angerufen hatte.

Bist du gut angekommen? Hast du ein gutes Hotel erwischt?“

Smalltalk. Hm.

Ja, alles bestens. Gestern habe ich mich schon ein bisschen in der Stadt umgeschaut und bin zum S-Tempel gegangen.“

Es ist wirklich schön dort, besonders, wenn bald die Kirschblüten blühen.“

Davon bin ich überzeugt.“ Je länger das Gespräch dauerte, desto weniger hatte ich das Gefühl, dass sie jeden Moment vorschlagen würde, sich zu treffen. Wir bewegten uns unweigerlich auf eine verbale Sackgasse zu, in der es gleich zu einem peinlichen Schweigen kommen und einer von uns beiden mit den Worten also dann… eine Verabschiedung einleiten würde.

Ich war mir nicht sicher, wann ich dich anrufen könnte. Ich hoffe, du bist nicht allzu beschäftigt“, versuchte ich, das Gespräch in die richtige Richtung zu lenken.

Nein, ich habe erst am Mittag einige Termine“, antwortete sie. Noch immer kein Wort davon, dass wir uns doch sehen könnten. Dabei war ich nur deswegen gekommen.

Dann hoffe ich, dass die Termine nicht allzu anstrengend sind und du einen erholsamen Nachmittag hast.“ Etwas weniger aufdringliches war mir nicht eingefallen, um herauszufinden, ob sie am Nachmittag Zeit hatte.

Danke, ich hoffe auch, dass es nicht allzu stressig wird“, antwortete sie. Noch immer kein Wort von einem Treffen. Und dann plötzlich sagte sie: „Also dann…“

Warte! Hast du Lust, dich mit mir zu treffen?“, platzte es plötzlich aus mir heraus. Gleich im nächsten Moment bereute ich es. Ich wollte doch nicht aufdringlich sein! Aini fand mich immer schon nervig, ich wollte mich doch zusammenreißen. Unser Treffen sollte sie zurück in mein Leben und in das meiner Eltern bringen. „Ich meine, ich will dir deine Zeit nicht stehlen“, lenkte ich ein, „Wir könnten doch nur mal eben zusammen einen Kaffee trinken, oder?“

Sie schwieg. Okay, das war’s. Ich hatte es vermasselt. Ich würde zurück nach Hause fahren und Mutter und Vater ins Gesicht sagen müssen, dass ich Aini gegenüber zu aufdringlich war und sie mich gar nicht erst sehen wollte.

Ich habe leider am frühen Abend noch zu tun, aber wenn du am Nachmittag herkommst, hast du jetzt einen Termin.“

Ich musste sie bitten, das Gesagte zu wiederholen, da ich zunächst nicht realisierte, was sie meinte. Waren wir jetzt verabredet? An diesem Nachmittag?

Gut, sehr gern“, presste ich noch um Neutralität bemüht hervor und hätte am liebsten laut gejubelt.

Die Agentur ragte gläsern und kalt zwischen zwei gleichsam kalten, hohen Gebäuden empor. Eine große Drehtür führte ins Innere, wo ich mich in einer großen, kühlen Empfangshalle wiederfand. Von der großen, kalten Konstruktion der Agentur imponiert schlich ich an den Empfangstresen. Ich war definitiv falsch angezogen und ich bereute, nicht wenigstens meine Piercings herausgenommen zu haben. Hinter dem Tresen saß eine kleine Frau, die mich über ihre Brillengläser hinweg ansah. Sie hatte neongrün gefärbtes Haar und an ihrem Hemd war ein Namensschild befestigt, auf dem Kiki stand. Im Anbetracht ihrer auffälligen Haarfarbe hoffte ich inständig, dass ich mit meiner Kleidung doch weniger aneckte, als ich befürchtete.

Zur Bewerbung hier?“, fragte sie, glücklicherweise ohne einen Kommentar zu meinem Outfit oder zu meinem seltsamen Gesicht.

Ich hatte keine Ahnung, was sie mit ihrer Frage meinte. Doch ich erkannte ihre Stimme wieder, wir hatten tags zuvor miteinander telefoniert.

Nein, ich möchte zu Aini Glass“, stotterte ich. Meine Stimme musste kaum mehr als ein Flüstern gewesen sein.

Sie wirkte belustigt. „Die Bewerbungen finden bei ihr statt.“

Ich bin nicht zur Bewerbung hier, ich möchte nur zu Aini Glass.“

Da schien ihr ein Licht auf zu gehen, dass ich der Anrufer vom Vortag war.

Entschuldigen Sie, ich dachte, Sie wollten sich als Model bewerben. Zehnte Etage, linker Flur. Ich sage Bescheid, dass Sie hochkommen, Herr-“

Oh. Kesshou. Yuki Kesshou.“

Herr Kesshou.

Ich bedankte mich und nahm den Aufzug in die zehnte Etage. Erst dort bemerkte ich, dass alle Stockwerke im Zentrum eine Galerie aufwiesen, sodass man über ein Geländer hinweg bis oben an die Decke der höchsten Etage – drei weitere Etagen waren auszumachen – und bis unten auf Kikis neongrünen Schopf blicken konnte. Ich wandte mich links und schlich den Korridor entlang auf der Suche nach einem Türschild mit Ainis Namen. Mein Herz schlug immer schneller. Gleich würde ich sie wieder sehen. Endlich, nach all den Jahren.

Eine der Türen öffnete sich und eine zierliche Frau im Businesskostüm trat auf den Flur. Ich überwand mich und fragte sie, wo ich Ainis Büro finden könnte.

Sie wies mir mit der Hand den Weg zum Ende des Korridors. Als ich mich für die Information bedankte, sagte sie: „Viel Glück bei der Bewerbung.“

Ich positionierte mich vor der zugewiesenen Tür und klopfte nach einem letzten, tiefen Atemzug schließlich an. Zunächst geschah eine Weile lang nichts. War sie nicht da? Das bezweifelte ich, immerhin hätte Kiki die Empfangsdame sonst etwas gesagt. Ich klopfte erneut, dieses Mal sehr viel fester. Vielleicht hatte sie mein Klopfen zuvor bloß nicht gehört? Von drinnen erklang nun endlich eine raue Frauenstimme – Ainis Stimme – die mich hinein bat. Ich trat ein, schloss die Tür behutsam hinter mir. Sie saß an einem großen Schreibtisch, der gegen eine lange Fensterfront stand. Auf dem Tisch lagen zwei Aktenstapel.

Ah, Yuki. Komm näher, nimm doch Platz“, sagte sie und hielt die Augen auf die Akte gerichtet, in der sie soeben blätterte.

Meine Schwester hatte sich verändert. Noch immer hatte sie zwar den perfekten Teint und das schöne, leuchtende Haar, aber sie war gealtert. Und sie wirkte abgespannt. Sie war etwas mager geworden, aber noch immer umgab sie ihre seltsame Schönheit.

Ich war etwas gekränkt, dass sie kein Interesse daran zeigte, wie ich mich meinerseits verändert hatte. Unbeirrt las sie noch immer in der Akte. Dennoch nahm ich wie aufgefordert Platz.

Ich habe leider nicht viel Zeit, gerade ist so viel zu tun. Die Fashion Week steht kurz bevor“, sagte sie und sah endlich auf. „Außerdem habe ich derzeit ein wenig privaten Stress.“ Sie lächelte kurz, wie um ihr Wohlbefinden zu bekräftigen. Kein Wort davon, dass ich gewachsen war oder mich verändert hatte. Gar nichts.

Ich hoffe, mein Besuch kommt nicht ungelegen“, entgegnete ich. Sie verneinte zwar, doch ich spürte, dass sie nicht aufrichtig war. Der Besuch und sein ungünstiger Anfang enttäuschten mich. Ich kam extra her, verschwendete mein Geld für ein überteuertes, schlechtes Hotel und einen Touristenführer, den ich mittlerweile mangels Lektürealternativen fast auswendig konnte, ohne auch nur irgendetwas, was darin angepriesen wurde, besichtigen zu können, da ich kein Geld für Eintrittspreise übrig hatte. Und nun saß sie vor mir und es schien ihr völlig gleichgültig zu sein, mich nach all den Jahren wiederzusehen. Sie war wohl bloß zu höflich gewesen, das Treffen auszuschlagen. Plötzlich kam ich mir wie ein Idiot vor, den Besuch in die Tat umgesetzt zu haben. Wie konnte ich glauben, es sei eine gute Idee, den Frieden ihrer eigenen Welt mit meiner Anwesenheit zu stören? Ich war nie wirklich ein Teil ihres Lebens gewesen. Ich hatte dort in ihrer Welt gar nichts zu suchen.

Angetrieben von dieser Erkenntnis sagte ich ihr, dass ich wieder nach Hause fahren würde, wenn ich ungelegen kam. Ohne auf eine Antwort zu warten, erhob ich mich, bereit, zu gehen. Ich wollte so schnell wie möglich fort. Doch ich hatte noch das Bedürfnis, all das noch loszuwerden, was ich ihr bei unserem Treffen unbedingt hatte sagen wollen, bevor ich ging und sie vielleicht nie wieder sehen würde.

Also entschuldigte ich mich, sie damals im Stich gelassen zu haben. Ich wusste mittlerweile, dass ich sie nicht verstanden hatte und erst die Zeit mich in die Lage versetzt hatte, den Schmerz, den sie empfand, nachzuvollziehen. Auch ich fühlte nun diese Sehnsucht; es war die Sehnsucht nach ihr. Ich sagte ihr, dass ich nun verstand, warum sie Kontakt zu ihrem Sohn aufnehmen wollte. Der Schmerz einer Sehnsucht wurde mit der Zeit nicht schwächer, sondern stärker. Das hatte ich nun am eigenen Leib erfahren.

Ich erinnerte mich wieder daran, was meine Mutter gesagt hatte, als sie vorschlug, Aini einen Brief zu schreiben. Selbst wenn es nicht klappte, würde Aini wenigstens wissen, dass ich sie gerne gesehen hätte. Dieses Treffen unterschied sich gar nicht allzu sehr von einem Treffen, das gar nicht stattgefunden hat.

Als ich gesagt hatte, was mir auf dem Herzen lag und es nichts mehr hinzuzufügen gab, drehte ich mich um, bereit, zu gehen.

Doch ich ging nicht weg.

Aini hielt mich fest.

Sie bat mich, zu bleiben. Plötzlich konnte auch sie es nicht mehr länger an sich halten und weinte. Während sie immer wieder Tränen von ihren Wangen wegwischte, erklärte sie, dass etwas schreckliches passiert sei. Ihr Sohn, ihr Aori, war in einen schweren Autounfall verwickelt. Seine Adoptiveltern waren dabei ums Leben gekommen, er selbst überlebte schwer verletzt und lag seither im Koma. Die Tragödie ereignete sich im vergangenen Herbst. Aini musste davon aus den Lokalnachrichten erfahren haben. Seither hatte sie die Sorge und Angst, die Trauer und das Mitleid zusammen mit der schier erdrückenden Sehnsucht nach ihrem Sohn mit sich herum getragen, ohne dass sie sich jemandem hatte anvertrauen können.

Ich verstand plötzlich, dass wir einander aus dem gleichen Grund distanziert gegenüber veralten hatten. Ich fürchtete, ihr durch meine Aufdringlichkeit lästig zu sein und hielt mich zurück. Und sie fürchtete, sich mir gegenüber zu öffnen, aus Angst, ich würde sie erneut wie früher von mir weisen.

Als sie sich mir anvertraute und ihren Gefühlen freien Lauf ließ, nahm ich sie tröstend in den Arm, drückte sie fest an mich. Und im Herzen ließ ich sie nie wieder los.

Als sie sich beruhigte, gingen wir zusammen in einen nahegelegenen Park und machten einen kleinen Spaziergang. Es war noch erfrischend kalt und am Vormittag hatte es kurz geregnet. Die Kirschblüte würde bald blühen, doch noch gab es kein Anzeichen davon. Die Welt um uns herum sah aus, als warte sie darauf, dass bald alles besser und schöner werden würde.

Aini musterte mich von der Seite und sagte, ich hätte mich seit damals gar nicht verändert. „Du bist nur gewachsen. Und wie ein Muttersöhnchen siehst du nicht mehr aus“, sagte sie.

Dabei ist mein Verhältnis zu Mama besser denn je.“

Wie ich sie einschätze, hat sie dich mit der Zeit richtig liebgewonnen, nicht wahr?“, fragte Aini. „Du hast das gleiche Gemüt wie sie. Ich hingegen war immer wie unser Vater, deswegen gerieten er und ich ständig aneinander. Gleiche Pole stoßen sich nun einmal manchmal auch ab“, sagte sie und legte plötzlich die Stirn in Falten. „Ich frage mich, wem Aori wohl ähnelt. Ich hoffe, er ist weder mir noch seinem leiblichen Vater allzu ähnlich.“ Sie ließ einen Moment den Blick schweifen, wirkte nachdenklich. Dann sah sie mich wieder an. „Ich halte die Ungewissheit über seinen Zustand nicht mehr aus“, sagte sie. Aus ihrer Handtasche nahm sie eine Packung Zigaretten und ein Feuerzeug hervor.

Es gibt bestimmt einen Hinterbliebenen, der sich um ihn kümmert“, versuchte ich sie zu besänftigen.

Ich weiß es nicht.“ Sie steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen und versuchte sie anzuzünden, allerdings versagte ihr das Feuerzeug den Dienst.

Er wacht bestimmt bald wieder aus dem Koma auf.“

Ich weiß es nicht!“, rief sie plötzlich und warf das Feuerzeug samt Zigarette vor sich auf den Gehweg. Kleine, rote Punkte bildeten sich auf ihren Wangen; ein Phänomen, das sich auch früher schon an ihr zeigte, wenn sie aufgebracht war. Erneut begann sie zu weinen. Ich nahm sie in den Arm.

Ich denke, du solltest ins Krankenhaus gehen und ihn besuchen“, sagte ich. „Du hast das Recht, dich zu vergewissern, wie es um das Leben steht, das du in die Welt gesetzt hast. Er liegt im Koma und seine Adoptiveltern sind tot, ein kurzer Besuch würde von niemandem bemerkt werden und keinen Einfluss auf ihn nehmen, oder?“

Aini wimmerte gegen meine Brust. „Ich kann das nicht, Yuki. Ich weiß nicht, was mit mir passiert, wenn ich ihn sehe.“

Ich komme mit, wie wäre das? Wir gehen nur ganz kurz hin. Und du kannst dich davon überzeugen, wie es um ihn steht. Niemand wird erfahren, dass wir dort waren, aber du kommst danach vielleicht endlich wieder zur Ruhe.“

Wir taten es, wie ich gesagt hatte. Am Abend trafen wir uns wieder, Treffpunkt war das Krankenhaus, in dem Ainis Sohn lag. Sie konnte kaum sprechen vor Aufregung, also übernahm ich das Reden an der Information, auch wenn ich selbst etwas stotterte.

Otonashii Aori. Genau, Autounfall, eine furchtbare Tragödie. Wie bitte, keine Besucher? Wir sind entfernte Verwandte und sind von weit her gekommen, um ihn zu besuchen und sind nur noch bis morgen früh in der Stadt. Unsere Namen? Kesshou. Yuki. Ihr Name ist Kesshou Akemi. Ja, wir warten.

Wir nahmen kurz bei einer beistehenden Sitzreihe Platz, während die Frau an der Information telefonierte. Mein Herz schlug viel zu schnell. Kaum vorzustellen, wie es Aini gehen musste. Die Frau nickte ein paar Mal und sprach, sah dabei auf den Monitor ihres Computers. Dann legte sie auf und wir wurden heran gewunken.

Wir durften ihn besuchen. Wir hätten gleich erwähnen sollen, dass Aoris vollständiger Nachname Otonashii-Kesshou lautete, dann hätte sie sich die genauere Überprüfung sparen können.

Wir waren allein im Aufzug.

Er hat also einen Doppelnamen“, stellte ich fest. Das bedeutete wohl, dass er in dem Bewusstsein erzogen worden war, dass er ein Adoptivkind war und dass der Name Kesshou einen Teil seiner Identität ausmachte.

Aini knetete in ihren Händen nervös ein Taschentuch und schwieg. Sie war viel zu aufgeregt, um mir auch nur zuzuhören. Dann endlich unsere Etage. Mit dem jungen Pfleger an der Anmeldung hatte die Frau von der Information offenbar zuvor telefoniert, denn dieser war bereits über unser Kommen informiert.

Eigentlich ist es schon zu spät“, sagte er, „die Besuchszeit ist vorbei. Aber wenn sie von weit herkommen, drücken wir ein Auge zu. Wir alle hier nehmen großen Anteil an Aoris Schicksal und sind immer froh, wenn er Besuch bekommt. Zwei seiner Freunde kommen nach all den Monaten immer noch mehrmals die Woche, um nach ihm zu sehen. Das rührt uns alle sehr.“

Ich war erleichtert zu hören, dass er gute Freunde hatte, denen er am Herzen lag. Und gleichzeitig erfasste mich eine dumpfe Trauer, wenn ich mir vorstellte, wie sich zwei Mittelschüler mehrmals pro Woche dort einfanden – durch diese kargen, trostlosen Flure schritten – um einem Jungen Gesellschaft zu leisten, der seit Monaten nicht ansprechbar war.

Dass er in den vielen Wochen und Monaten nicht vergessen wird, macht uns Mut, dass er sein Schicksal besser verkraften kann, sobald wir ihn aufwecken können“, sprach der Pfleger weiter. „Wenn er wach wird, steht ihm eine langwierige Rehabilitation bevor; wegen seines Beines. Aber wir alle hier werden versuchen, ihn so gut es geht zu unterstützen. Frau Hayashi, eine Kollegin der Fachabteilung für Physiotherapie, arbeitet besonders erfolgreich mit traumatisierten und minderjährigen Patienten zusammen, sodass sie hoffentlich auch mit Aori schnell gute Fortschritte erzielen kann.“ Der Pfleger sah sich zu uns um und lächelte, als fürchte er, uns zu langweilen. „Verzeihen Sie“, fragte er, „wie genau ist noch gleich ihr verwandtschaftliches Verhältnis zu ihm?“

Ich sah zu Aini, die jedoch nur auf den Boden starrte und ihr Taschentuch knetete.

Seine Mutter war die jüngste Cousine unseres Vaters“, sagte ich. Es war fast unheimlich, wie leicht mir die Lüge von den Lippen ging im Angesicht dieses Mannes, der so viel aufrichtige Empathie für meinen kleinen Neffen zu empfinden schien.

Der Pfleger begleitete uns zu Aoris Krankenzimmer und bat uns, nicht länger als fünf Minuten zu bleiben. Als er sich entfernt hatte, sah ich zu Aini, die mit ausdruckslosen Augen und zusammengepressten Lippen weiterhin bloß zu Boden starrte. Ich wandte mich der Tür zu und betrat das Zimmer, in dem sich mein kleiner Neffe befand.

Ich hielt Aini an der Hand, so hatte ich sie besser unter Kontrolle, sollte sie sich ihm plötzlich nähern. Langsam traten wir an das Bett, in dem ein Junge mit weißblondem, leuchtendem Haar lag und durch einen Schlauch atmete. Aini fing sofort an zu weinen und wollte ihre Hand aus der meinen lösen, doch ich hielt sie nur umso fester, zerquetschte ihr fast das Handgelenk.

Überall waren Kanülen an dem kleinen Körper und unter der Bettdecke zeichnete sich nur ein Bein ab, das andere war unterhalb des Knies amputiert worden. Er hatte bei dem Unfall nicht sein Leben verloren, aber er hatte seine Gesundheit und körperliche Normalität eingebüßt. Ich wünschte ihm Stolz und Stärke und einen Antrieb, sich nicht in Trauer zu verlieren, wenn er aufwachte und man ihm sagte, dass er seine Eltern verloren hatte und einen Teil dieser körperlichen Normalität. Ich wusste wie schrecklich man behandelt werden konnte, wenn man nicht der Norm entsprach.

Kleiner Aori, wach bald wieder auf und fang ein neues Leben an, so gut es geht. Lass dir von niemandem weiß machen, dass du keine Daseinsberechtigung in dieser Welt hast. Denk bei der Erinnerung an deine Adoptiveltern nicht an den Verlust ihrer Liebe, sondern mach die Erinnerung an sie zu deinem Ort der Zuflucht und Sicherheit, wenn sich das Leben mal wieder in seinem hässlichsten Gewand zeigt. Und hab bitte irgendwann das Verlangen, deine leibliche Mutter kennen zu lernen. Sie sehnt sich immerzu nach dir.

Komm, wir gehen“, sagte ich zu Aini, die noch immer an meiner Seite weinte.

Darf ich ihn zum Abschied berühren? Nur einmal ganz kurz“, wisperte sie durch ihr Schluchzen hindurch.

Ich ließ ihre Hand los und sie schwankte näher an sein Bett, hielt einen Moment inne und strich ihm dann, ganz vorsichtig, mit dem Handrücken über seine kleine, honigfarbende Wange. Als sie sich danach nicht vom Fleck rührte, griff ich wieder nach ihrem Handgelenk, wollte, dass sie sich von ihrem Sohn entfernte. Sie weinte und wehrte sich, sie wollte ihn nicht gleich wieder verlieren. Schließlich gelang es mir, sie aus dem Zimmer zu zerren.

Aini war viel ruhiger und wirkte befreit. Und auch wenn es schmerzhaft war, ihren Sohn in seiner derzeitigen Verfassung zu sehen, zumindest hatte sie ihn gesehen.

Danke, dass du mir das ermöglicht hast“, sagte sie. Ich ging neben ihr her durch die städtische Nacht und hob die Schultern.

Ich habe gar nichts getan, außer deine Hand zu zerdrücken.“ Beim Versuch, sie aus dem Krankenzimmer zu schaffen, hatte ich ihrem Handgelenk hässliche blaue Flecken zugefügt. Bei ihrem Anblick empfand ich Reue, so grob gewesen zu sein.

Aini hingegen wirkte unbeschwert. Sie nahm nun wiederum meine Hand und drückte sie sanft, schwenkte sie hin und her als wären wir Kinder.

Ich bin froh, dass du da bist. Du hättest keinen günstigeren Moment wählen können, zu kommen“, sagte sie. „Wann fährst du eigentlich zurück?“

Morgen Abend.“

Sie schwieg eine Weile. Sie hatte wohl nicht damit gerechnet, dass wir so bald wieder Abschied nehmen würden. Und auch ich wäre gerne länger geblieben, wo wir uns einander doch gerade erst langsam annäherten, aber einen längeren Aufenthalt konnte ich mir nicht leisten. Außerdem warteten Mama und Papa darauf, dass ich zurückkommen würde.

Dann sehen wir uns aber morgen auf jeden Fall wieder“, sagte sie entschlossen.

Wenn du keine Zeit hast, möchte ich dir nicht zur Last fallen.“

Für dich nehme ich mir Zeit. Kannst du so um drei in mein Büro kommen, um mich abzuholen? Wir könnten wieder einen Spaziergang machen.“

Ich willigte ein und sie schmiegte sich den Rest unseres Weges an mich, dann verabschiedete ich sie, als sie in ein Taxi stieg und schlenderte selbst zurück zum Hotel.

Wie verabredet fand ich mich am nächsten Nachmittag wieder in der Agentur ein, in der Aini arbeitete. Als ich an den Empfangstresen trat, lächelte mir Kiki, die Empfangsdame mit den grünen Haaren, bereits freundlich zu.

Hallo Herr Kesshou, kleiner Bruder von Frau Glass“, begrüßte sie mich. „Fahren Sie einfach hoch, ich melde Sie an.“

Perplex davon, dass sie nun ganz genau wusste, wer ich war, stammelte ich einen kurzen Dank und tat wie aufgefordert.

Als ich die Tür zu Ainis Büro erreichte, war mir, als hörte ich Stimmen. Also zögerte ich, bevor ich klopfte; horchte. Die Stimmen ertönten hinter Ainis Tür. Ihre eigene raue Stimme klang leiser, eine andere, männliche, etwas lauter. War diese Person gleich hinter der Tür? Um wen handelte es sich wohl? Ich war verunsichert. Sollte ich klopfen? Ich wollte nicht stören. Grübelnd und hadernd stand ich da und wusste nicht, was ich tun sollte, als plötzlich schwungvoll die Tür geöffnet wurde. Vor mir stand ein dynamischer, älterer Herr. Mit seinem dunklen Anzug, der eleganten Brille und dem gepflegten Bart schien er soeben einer Werbeanzeige für teure Uhren entsprungen. Einzig die Tatsache, dass er mindestens einen ganzen Kopf kleiner war als ich und die Vierzig bereits hinter sich gelassen hatte, disqualifizierte ihn als mögliches Model.

Ha! Das ist dein kleiner Bruder? Er sieht ja gar nicht aus wie du!“, rief er, während er mich von oben bis unten mit seinen aufmerksamen Augen musterte, um die sich kleine Fältchen bildeten, als er verschmitzt lächelte.

Aini saß hinter ihrem Schreibtisch und lachte. „Er kommt ja auch eher nach unserer Mutter, also zumindest des schwarzen Haares wegen. Hallo Yuki, steh da nicht einfach so rum, tritt ein!“

Meine Schwester und der Uhrenwerbungmann schienen einander sehr gut zu verstehen. In der Gegenwart der beiden kam ich mir vor wie ein Eindringling. Dennoch trat ich zaghaft ein. Der unbekannte Mann stand nun ganz dicht neben mir und rührte sich keinen Millimeter zur Seite. Er versperrte mir den Weg, sodass ich die Tür hinter mir nicht schließen konnte. Also stand ich einfach so neben ihm und hielt die Türklinke der noch immer offenen Tür in der Hand, ohne dass ich wusste, was ich tun sollte.

Ist das Ding da echt oder ist es eine Kontaktlinse?“, fragte der Uhrenwerbungmann plötzlich und sah mir prüfend in die Augen. Schnell senkte ich den Blick zum Fußboden.

Es ist eine Pigmentstörung“, stammelte ich.

Er ist der einzige in unserer Familie, dessen Gesicht anstelle der Haare davon betroffen ist“, ergänzte Aini.

Das Gesicht des Mannes kam dem meinen daraufhin noch näher, sodass ich nicht anders konnte, als den Blick wieder zu heben und ihn anzusehen. Trotz der vielen kleinen Fältchen in den Augenwinkeln, die darauf schließen ließen, dass er häufig lachte, waren seine Augen überraschend kalt. Ihre Farbe ähnelte eher einem kühlen Anthrazit als einem warmen, dunklen Braun.

Er wirkte einen Moment sehr ernst, dann schmunzelte er. „Ich kann sehen, wie das Blut in deinem Auge pulsiert. Das ist unheimlich.“

Reflexartig wandte ich den Blick ab, hielt den Atem an. Mir hatte noch nie jemand so direkt in die Augen gesehen. Es fühlte sich an, als hätte der Uhrenwerbungmann damit eine unsichtbare Grenze überschritten. Ich wollte, dass er sich entfernte, endlich einen Schritt beiseite machte und ich die immer noch offen stehende Tür irgendwann in diesem Leben noch schließen konnte.

Darf ich dir meinen Chef vorstellen?“, holte mich Ainis Stimme wieder in die Realität zurück. „Das ist Yuichi Hosokawa, der Leiter von MAJ. Er war es auch, der mich damals als Model entdeckt hat.“

Yuichi Hosokawa nickte kurz und entfernte sich endlich von mir, ging zu Ainis Schreibtisch und lehnte sich daran an. Ich nutzte den Moment und schloss endlich die Tür.

Das war eine der klügsten Entscheidungen meines Lebens. Ihre Schwester ist ein wahrer Goldesel; früher als Model – und jetzt als Scout“, sagte Hosokawa.

Aini lachte und knuffte ihren Chef freundschaftlich gegen die Schulter.

Es freut mich, Sie kennen zu lernen“, stammelte ich dazwischen aus Angst, den Moment, Höflichkeiten auszutauschen, möglicherweise zu verpassen.

Die Freude ist auf meiner Seite, Herr Kesshou. Das ist doch Ihr Name, nicht wahr?“

Ja. Yuki Kesshou. Schnee Kristall.“

Schnee Kristall – ach, das ist ja süß“, kommentierte Hosokawa und verzog den Mund zu einem merkwürdigen Lächeln. Der Ausdruck seiner Augen blieb dabei kalt.

Also, dann werde ich Ihnen jetzt Ihre Schwester überlassen. Ich hoffe Sie genießen den Aufenthalt in der Stadt?“

Leider nur noch heute.“

Dann wünsche ich eine gute Heimreise.“

Danke. Auf Wiedersehen.“

Hosokawa lächelte verschmitzt und nickte kurz, dann verließ er summend das Büro und schloss mit einem lauten Poltern die Tür hinter sich.

Er war gerade da, als Kiki vom Empfang dich angemeldet hat. Er war so neugierig, wie du wohl aussiehst, dass ich ihn nicht daran hindern konnte, hier zu bleiben, um dich kennen zu lernen“, entschuldigte sich Aini für den unerwarteten Umstand, der mich scheinbar sichtlich in Verlegenheit gebracht hatte.

Dein Chef ist eigenartig“, war das einzige, was ich sagte, da ich mir selbst nicht darüber klar war, was ich von diesem Mann mit der freundlichen, erhaben-eleganten Fassade und den kalten Augen halten sollte.

Wir gingen im Park spazieren und Aini wirkte gelöst. Ihren Sohn gesehen zu haben, hatte ihre Sehnsucht wohl vorerst in Luft aufgelöst. Sie schlug vor, zusammen etwas trinken zu gehen. Nach einigem Bitten konnte ich nicht länger ablehnen und investierte das Geld, das ich für die Fahrt zum Bahnhof beiseite gelegt hatte, in Tee und Gebäck für uns beide in einem traditionell eingerichteten Teehaus am Rande des Parks.

Nachdem wir ein wenig beisammen saßen, war die Zeit des Abschiedes gekommen. Vor dem Teehaus sagten wir Lebewohl. Sie drückte mich fest an sich und dankte mir für meinen Besuch. Ich versprach, das nächste Wiedersehen nicht so lange auf sich warten zu lassen.

Meine Eltern erwarteten mich am Bahnhof und empfingen mich freudig. Die Fahrt nach Hause aufs Land war voll von ihren Fragen über Aini und die Stadt, in der sie lebte. Ich erzählte davon, wie Aini aussah und wo sie arbeitete. Ich erzählte nichts von dem kleinen Enkelkind, das im Koma lag. Stattdessen sprach ich davon, wie schön der S-Tempel war und dass der Tee in dem Teehaus hervorragend gewesen sei.

Die Atmosphäre meines Elternhauses umarmte mich wohltuend warm. Meine Abwesenheit und das Wiedersehen mit Aini hatten scheinbar ermöglicht, dass das Haus sich wieder in meinen Ort der Zuflucht zurückverwandelte.

In meinem eigenen Bett schlief ich so gut wie noch nie zuvor. Ich wusste nicht genau, was es war, aber irgendetwas in meinem Leben änderte sich zum Guten. Ich suchte wieder einen Job, hatte aber Schwierigkeiten, etwas zu finden. Mir war nicht mehr danach, jede noch so schlechte Stelle anzunehmen und war etwas wählerisch.

Dann jedoch war die Jobsuche schlagartig beendet, denn ich war es, der von einem Job gefunden wurde, nicht umgekehrt.

Wenige Wochen nach meinem Besuch kam ein Brief für mich. Er war von Aini.

Hallo Yuki,

Danke nochmal für deinen Besuch, es hat mir viel bedeutet, dass du hier warst. Erinnerst du dich noch an unser Treffen am ersten Abend? Ich habe erfahren, dass unsere Bekanntschaft von jenem Abend wieder etwas aufgeweckter ist, was mich sehr freut.

Ich verstand. Ainis Sohn war wohl aus dem Koma aufgewacht.

Der Rest des Briefs war nicht verschlüsselt, allerdings fiel es mir umso schwerer, den Inhalt zu verstehen.

In der Agentur sind gerade alle in großer Sorge, weil Herr Hosokawa schwer erkrankt ist. Er braucht jemanden, der ihn ein wenig entlastet und hat mich gebeten, dich zu fragen, ob du Interesse an einem Job als sein Assistent hast. Für den 20. um 18.00 Uhr wurde ein Flugticket für dich hinterlegt. Ich hole dich am Flughafen ab, mach dir keine Gedanken wegen einer Unterkunft.

Liebe Grüße,

Aini

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