Schneespuren Part 1.4

Teil 1: Der Junge vom Mond

4. Yuichi Hosokawa

 

Aini holte mich vom Flughafen ab. Ihre Augen waren wie immer hinter einer großen Sonnenbrille verborgen, auch wenn es draußen schon dunkel war.

Es ist schrecklich. Kaum ist das eine Problem aus der Welt, folgt ein neues“, sagte sie. „Komm, wir nehmen ein Taxi.“

Ich hastete hinter ihr her, mein gesamtes Gepäck geschultert, sodass ich kaum Schritt halten konnte. Wir traten vor dem Flughafengebäude auf die Straße, wo sich ein Taxistand befand. Der Fahrer des vordersten Wagens stieg hastig aus und öffnete die Hintertür für Aini, die sich schwebend dem Taxi näherte und mit fließender Bewegung einstieg. Nachdem mein Gepäck verladen war, stieg ich dazu. Der Fahrer setzte den Wagen in Bewegung und schaute ein paar mal in den Rückspiegel, um uns zu mustern.

Unsere Bekanntschaft aus dem Krankenhaus ist wieder etwas aufgeweckter, ja?“, fragte ich. Sie nickte.

So ist es. Ich nehme an, er wird bald mit der Reha beginnen, so wie man es uns neulich gesagt hat. Ab hier wird sich die Spur vermutlich wieder im Sand verlaufen.“

Aber das Wichtigste ist doch, dass er wieder wach ist.“

Natürlich, ich freue mich sehr“, sagte sie und wirkte nachdenklich.

Wir schwiegen eine Weile, dann fragte ich sie, was genau eigentlich in der Agentur los sei und warum ausgerechnet ich dorthin bestellt wurde, um einen Job anzunehmen.

Hosokawa hat Krebs“, erklärte sie und ihre Stimme wirkte plötzlich noch müder als zuvor. „Weil er häufiger zu Untersuchungen muss, braucht er jemanden, der seine Unterlagen im Voraus sortiert und schon mal vorbereitet, sodass er darauf nicht so viel Zeit verwenden muss.“

Und er hat niemand besseren für den Job gefunden als mich? Wie viele andere hat er vorher gefragt?“

Was weiß ich? Niemanden, glaube ich.“

Ich habe zwar einen Businesskurs belegt, aber Berufserfahrung habe ich in der Richtung keine.“

Ah ja, einen ‘Businesskurs’?“, fragte sie. Im Auto war es dunkel, aber ich konnte regelrecht sehen, wie sie die Brauen hob. Mir wurde bewusst, dass die Gelegenheiten, in denen wir über mich gesprochen hatten, sich fast an einer Hand abzählen ließen. Meine große Schwester wusste wenig über mich. Bevor ich ihr erklären konnte, was genau der Kurs an der Abendschule beinhaltet hatte, sprach sie weiter: „Na, egal. Ich wusste auch nicht wie man modelt, bevor ich für Hosokawa gearbeitet habe.“ Als ob man das mit meiner Situation hätte vergleichen können.

Wer hat meinen Flug bezahlt?“

Hosokawa.“

Ich muss ihm das Geld zurückzahlen.“

Meine Eltern waren in heller Aufruhr gewesen, als sie erfuhren, wozu man mich gebeten hatte. Zunächst waren wir zugegeben alle ein wenig misstrauisch, sodass mein Vater beim Flughafen anrief, um zu überprüfen, ob auf meinem Namen ein Flugticket für den 20. hinterlegt sei. Als sich dies bestätigte und somit klar war, dass es sich unmöglich um einen eigenartigen Scherz oder ein Missverständnis handelte, unterstützten meine Eltern mich mit vollem Einsatz bei den Vorbereitungen. Ich fühlte mich schuldig ihnen gegenüber. Eigentlich wurde ich daheim gebraucht, da mein Vater sich nicht allein um meine Mutter kümmern konnte. Andererseits brauchte ein anderer Mensch gerade Unterstützung. Und mit einem neuen Job war ich zumindest in der Lage, meinen Vater finanziell zu entlasten, anstatt ihm und meiner Mutter länger auf der Tasche zu liegen.

Die letzten Tage waren von Panik geprägt. Ein neuer Haarschnitt musste her, ich hatte gar keine passende Kleidung – immerhin würde ich in einer Modelagentur arbeiten müssen. Kein Geld, um passende Schuhe zu kaufen und eine Armbanduhr brauchte ich auch noch. Außerdem Gürtel und Krawatten – ich brauchte einfach alles und hatte kein Geld. Mein Vater kam eines Abends nach Hause und legte ein Couvert auf den Tisch. Darin waren rund 250.000 Yen.

Vergiss nicht, das Geld für das Flugticket aufzubewahren, das musst du noch demjenigen zurückgeben, der es bezahlt hat“, sagte er nur.

Woher hast du plötzlich das Geld?“, fragte ich. Meine Mutter stand neben mir und schwieg.

Wir hätten in deiner Vergangenheit öfter für dich da sein müssen, also lass uns dir wenigstens helfen, etwas für deine Zukunft zu tun. Wir werden ein Taxi rufen müssen, um dich zum Flughafen zu bringen, aber das sollte keine große Sache sein, also lass uns nicht darüber reden“, sagte mein Vater. Er hatte sein Auto verkauft, um mir finanziell auszuhelfen.

Ich gebe dir das Geld zurück, sobald ich kann“, sagte ich und mir stiegen Tränen in die Augen.

Komm uns einfach ein paar Mal besuchen und wir sind quitt“, sagte mein Vater und verließ das Zimmer.

Das Taxi kam zum Halten. Ich stieg aus und sah zu einem Gebäude empor, dessen Fassade etwas Europäisches an sich hatte. Zwischen den benachbarten Häusern fiel es mit seinen runden Fensterbögen selbst im kargen Schein der Straßenbeleuchtung auf. Efeu wuchs an der Außenmauer empor und einige der reich verzierten Fenster waren einladend erleuchtet.

Wo sind wir?“, fragte ich Aini, die nun in ihrer Handtasche wühlte.

Hier wohnen wir“, gab sie lediglich zurück. Überrascht blieb ich stehen, ließ sogar eines meiner Gepäckstücke fallen.

Wen genau meinst du mit wir? Du und wer noch?“

Sie drehte sich zu mir um und schmunzelte. „Mit wir meine ich natürlich mich und dich. Du kannst doch unmöglich schon wieder im Hotel schlafen, also wohnst du erst mal bei mir.“

Ihre Wohnung lag im vierten Stock. Im Wohnungsflur zog sie ihre High Heels aus. Ich zog ebenfalls meine Schuhe aus, die ich erst neu gekauft hatte, und folgte ihr in ein dunkles Zimmer, das hinter einer Doppelschwingtür lag. Sie schaltete das Licht ein. Das Wohn- und Esszimmer. Man sah Ainis Einrichtungsstil an, dass sie von der Zeit geprägt war, die sie in Europa verbracht hatte. Trotz seiner Größe war der Raum gemütlich und überall standen Topfpflanzen. Der Couchgruppe schloss sich ein Tresen an, hinter dem eine offene Küche lag. Im hinteren Teil des Raumes befand sich, durch eine milchige Glaswand abgetrennt, ein weiterer Essbereich.

Ich habe kein Gästezimmer“, gestand Aini gleich.

Hast du eine Luftmatratze?“, fragte ich, woraufhin sie lachte.

Nein, aber wenn du auf eine bestehst, kaufe ich gleich morgen eine. Ich hoffe, in der Zwischenzeit begnügst du dich mit der Couch.“

Ich möchte dir keine Umstände machen, ich finde sicher auch ein Hotel.“

Wenn du länger in der Stadt bleibst und langsam das Gehalt als Hosokawas Assistent Einzug auf dein Konto erhält, kannst du dir jede Nacht ein Hotelzimmer nehmen, wenn du das einer Wohnung vorziehst, aber zum Einleben bleibst du erst einmal bei mir. Morgen um neun hast du übrigens einen Termin zur Vertragsunterzeichnung und danach sollst du auch schon gleich mit der Arbeit beginnen.“

Ich setzte mich vorsichtig auf die Couch, die mir als Schlafplatz zugewiesen worden war, und sank in mich zusammen.

Ich bin gleichermaßen erstaunt und dankbar, aber all das wird einfach so über meinen Kopf hinweg entschieden.“

Willst du etwa ausschlagen?“, fragte sie.

Natürlich nicht, jetzt bin ich doch schon hier.“

Aini nickte. „Siehst du? So gesehen hast du den Vertrag schon unterzeichnet, als du in das Flugzeug gestiegen bist.“

Warum hat sich dein Chef bloß dafür entschieden, ausgerechnet mir den Job anzubieten?“

Aini kam näher, ließ sich neben mir auf der Couch nieder und sah mich ernst an.

Hosokawa umgibt sich gern mit eigenartigen Menschen. Als er sich eingestanden hat, dass er einen Assistenten braucht, hat er wohl für sich selbst entschieden, dass jemand den Job machen soll, dessen Anblick ihn nicht langweilt. Du musst wissen, er kann gewöhnliche Menschen nicht leiden. Je merkwürdiger man ist, desto länger hält er es mit einem aus.“

Hält er mich in dieser Hinsicht für so eine Art Hauptgewinn?“, fragte ich verärgert.

Aini lachte. „Yuki, du bist in dieser Hinsicht der absolute Jackpot.“

Dann stand sie auf und forderte mich auf, ihr zu folgen, um den Rest der Wohnung anzusehen.

Ich hatte schlecht geschlafen. So schön die Couch auch war, sie war nun mal eine Couch und kein Bett. Aini war ab sieben Uhr auf den Beinen und hielt mich wach. Duschen und Kaffee machen. Ein Löffel war ihr hingefallen und sein Klimpern hallte noch zehn Minuten später in meinen Ohren wider. Ich fragte nach einem Bügeleisen, denn die Hemden, die ich gekauft hatte, waren durch die lange Zeit im Koffer völlig zerknittert. Ich bügelte ein weißes Hemd und eine Hose, die ich noch nie getragen hatte, ging dann ins Bad, duschte und zog mich an. Als ich an der Theke zur Küche Platz nahm und die Kaffeetasse hob, verschüttete ich sie über mein Hemd. Fluchen, ausziehen, ein neues Hemd aus dem Koffer nehmen. Bügeleisen anschalten. Warten. Aini klimpterte mit dem Geschirr. Zehn Minuten, dann fuhren wir in die Agentur. Schnell bügeln, dieses Mal nicht so gründlich wie zuvor. Anziehen. Geht das so? – Ja, nun komm endlich. Und los ging’s.

Aini begleitete mich in Hosokawas Büro, das sich in der obersten Etage der Agentur befand. Sie begrüßte ihn herzlich, sprach mit ihm über einen Termin am Nachmittag und ließ uns dann allein, um ihrerseits an die Arbeit zu gehen.

Yuichi Hosokawa saß in seinem Stuhl hinter einem riesigen Schreibtisch und sah kein bisschen krank aus. Plötzlich kamen mir Zweifel, ob das Jobangebot nicht doch eine obskure Falle war. Vielleicht wollte er mich töten und mein Auge als Artefakt behalten? Ich hatte davon gelesen, dass man in einigen Ethnien ähnliches mit Körperteilen von Albinos anstellte. So etwas könnte auch mir passieren, oder?

Schön, dass Sie hier sind, Herr Kesshou“, sagte Hosokawa und faltete die Hände, stützte sein Kinn darauf ab. „Ihre Schwester wird Ihnen ja schon gesagt haben, was ich mit Ihnen vorhabe.“

Hören Sie, nur dass Sie Bescheid wissen: Ich habe keine Berufserfahrung in diesem Gebiet. Ich habe zwar einen Abschluss in-“

Hosokawa schnaubte amüsiert und unterbrach mich. „Sie sehen auch nicht wie ein besonders kenntnisreicher Mensch aus und für Ihren Abschluss interessiere ich mich nicht. Der Job, den Sie für mich übernehmen sollen, ist ja eigentlich primitiv. Sie schaffen das schon, dafür werde ich sorgen.“

Wenn es so eine simple Tätigkeit war, für die er jemanden suchte, warum hatte er dann ausgerechnet mich einfliegen lassen statt jemand anderes zu fragen?

Mir kam wieder in den Sinn, was Aini gesagt hatte. War mein Äußeres tatsächlich das, was mich für den Job qualifizierte? Ich musste es wissen.

Sie wollten mich für den Job, weil ich entstellt bin, richtig?“, fragte ich also zaghaft, „Sie dachten wohl, wenn Sie schon einen Assistent brauchen, dann nehmen Sie wenigstens jemanden, dessen Anblick unterhaltsam ist.“

Ist das schlimm?“, erwiderte er.

Ich schwieg. Es stimmte also. Er wollte mich bloß als seinen Persönlichen Assistenten einstellen, weil ich seltsam aussehe. Und er beschönigte seine Absicht nicht einmal. Erinnerungen an die Zeit in der Clique von Musikfans kamen in mir hoch. Dieser Typ war also auch bloß jemand, der mich wie einen Dekorationsgegenstand benutzen wollte. Mit seinem schicken Hemd und seiner teuren Uhr konnte er elegant aussehen, wie er wollte. Am Ende war er auch bloß primitiv wie ein unsicherer Teenager, der sich vor anderen profilieren will.

Hosokawa sah mich weiterhin an, als erwartete er eine Antwort. Eine pfeifende Taubheit befiel mein linkes Ohr. Durch das Pfeifen hindurch versuchte ich, das Schweigen zu brechen.

Ich möchte eigentlich nicht angesehen werden. Ich mag es nicht, wenn man mein Auge anstarrt, immerhin bin ich kein Tier im Zoo. Oder bin ich das für Sie?“

Er schmunzelte. „Wollen wir die Diskussion fortführen, nachdem Sie den Vertrag unterzeichnet haben? Lesen Sie ihn gründlich durch. Ihr Gehalt wird dafür, dass Sie so gesehen kaum etwas tun, angenehm hoch sein.“

Ich prüfte ihn. Ein ganz normaler Arbeitsvertrag, wie ich schon viele unterzeichnet hatte, bloß dass die Vergütung für diesen Job in der Tat angenehm hoch war. Dennoch widerstrebte etwas in mir, den Vertrag zu unterzeichnen. Doch dann kam mir wieder in den Sinn, was Aini gesagt hatte. Eigentlich hatte ich schon unterschrieben, als ich in das Flugzeug gestiegen war. Ich dachte auch wieder an meinen Vater, der sein eigenes Auto verkauft hatte, nur um mir alles kaufen zu können, was ich in diesem Leben, weit entfernt von ihm und meiner Mutter, benötigen würde. Er hatte mich darum gebeten, zumindest ab und zu nach Hause zu kommen, um ihn für den Aufwand zu entschädigen. Als würde er glauben, dass ich mich völlig von ihnen abwenden könnte, so wie Aini, nur weil ich nun ein Leben in ihrem Umfeld führen würde. Ich hoffte, meinen Eltern in meiner Abwesenheit wenigstens finanziell helfen zu können und endlich eine engere Bindung zu Aini aufzubauen. Aber war dieser Job wirklich der richtige Weg zu alldem?

Ich muss Ihnen noch das Geld für das Flugticket zurückgeben“, sagte ich, als ich dann doch zum Stift griff und meinen Namen, den Hosokawa bei der letzten Begegnung belächelt hatte, unter den Vertrag setzte.

Das waren Betriebskosten, machen Sie sich keine Gedanken deswegen. Darf ich eigentlich Du sagen?“ Ohne eine Antwort abzuwarten duzte er mich ab sofort. „Ach ja, um deine Frage von vorhin zu beantworten: Es stimmt, du bist kein Tier im Zoo. Denn dies hier ist ein Zirkus. Du wirst ab sofort also ein brav dressierter Affe sein.“

Ein Affe?“, hakte ich ungläubig nach. Hatte er das gerade wirklich gesagt?

Von mir aus auch ein weißes Kaninchen, das ich in meinem Hut verschwinden lasse, ist mir scheißegal“, sagte er. Die Art, wie sich sein Ton verändert hatte, bereitete mir Unbehagen.

Er klatschte in die Hände und grinste. „Gut, dann mal ran an die Arbeit. Ich werde ein paar Telefonate tätigen und du gehst runter in Etage zwei und fragst irgendjemanden danach, wie unsere Kopierer und Kaffeemaschinen funktionieren. Das werden zwei deiner Hauptbeschäftigungsfelder sein. Wenn du kapiert hast, wie man Kopien und guten Kaffee macht, nimmst du ein wenig Geld, gehst in die nächste Apotheke, kaufst einen Mundschutz und kommst damit wieder hier her. Hast du kapiert?“

Ich ging in die zweite Etage und die Leute dort kannten meinen Namen. Durch sämtliche Bürotüren wurden Köpfe auf den Flur gesteckt, um einen Blick auf mich zu werfen. Mein ganzer Körper juckte, als wären all die Blicke Flöhe, die mich befielen. Der Kopierer und der Kaffeeautomat waren nicht so schwer zu bedienen. Der Mundschutz war ein größeres Problem. Ich hatte kein Geld dabei. Also ging ich zu Aini, die gerade die Mappe einer Bewerberin durchsah, und bat sie, mir etwas zu leihen.

Du musst ab morgen dein eigenes Geld mitbringen. Sonst kannst du dir doch gar nichts in der Mittagspause kaufen“, sagte sie und blätterte wieder durch die Fotomappe der bildschönen, jungen Frau, die ihr gegenüber saß und mich anstarrte wie eine Attraktion im Zirkus.

Nachdem ich endlich eine Apotheke gefunden und einen Mundschutz besorgt hatte, ging ich um etwa halb elf zurück zur Agentur und fuhr mit dem Aufzug hoch zu Hosokawas Büro. Ich klopfte mehrmals an und als niemand antwortete, öffnete ich vorsichtig die Tür. Plötzlich flog ein Aktenordner in meine Richtung, dem ich gerade noch ausweichen konnte, indem ich mich duckte.

Wenn du noch einmal einfach hier reinplatzt, wirst du sofort entlassen!“, rief Hosokawa zornig.

Ich habe doch geklopft.“

Red keinen Scheiß!“

Aber ich habe geklopft.“

Wenn dem so ist, dann klopf doch beim nächsten Mal so an, dass man es auch hört, wie wäre das? Muss ich dir das als Hausaufgabe zum Üben aufgeben?“, fragte Hosokawa gereizt.

Ich presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Kopf.

Hast du einen Mundschutz gekauft?“

Ja.“ Ich nahm ihn hervor und wollte ihn ihm überreichen, als er Einhalt gebietend seine Hand hob.

Worauf wartest du dann noch? Zieh ihn an.“

Perplex sah ich von dem Mundschutz zu Hosokawa und zurück und versuchte zu verstehen, was er genau von mir verlangte.

Denkst du der ist für mich? Ich bin hier nicht der Fremdkörper mit Bazillen, ich bin in diesem Büro, seit es dieses Büro überhaupt gibt. Du bist der Eindringling, also zieh gefälligst den Mundschutz an, um deine nach Provinz stinkenden Keimen von mir fernzuhalten.“

Ich hätte ihm das Ding am liebsten ins Gesicht geschleudert, aber stattdessen zog ich den Mundschutz gehorsam an. Braver Affe.

Und jetzt gehst du runter zu Kiki an den Empfang und lässt dir die Postfächer zeigen. Alles, was in meinem Postfach liegt, bringst du her. Hey, hey, hallo.“ Plötzlich schnippte er mit den Fingern und klopfte auf die Tischplatte. Ich hob den Blick und sah ihn an. „Ich rede mit dir, wo siehst du hin?“

Ich höre zu. An den Empfang gehen, dann zu den Postfächern und alles herbringen.“

Warum siehst du mich dann nicht an, wenn ich mit dir rede, sodass ich auch weiß, dass du mir zuhörst? Hallo, mein Gesicht sind hier oben.“ Er wies auf seine Nase. „Wo siehst du denn die ganze Zeit hin?“ Mir fiel erst jetzt auf, dass ich seinem Blick wieder ausgewichen war.

Sag mal, hattest du eigentlich schon mal Sex mit einem Mann?“, fragte er mich plötzlich.

Was sollte das nun schon wieder? Ich schüttelte den Kopf.

Warum siehst du mich dann nicht an, wenn du es sagst? Menschen werden immer denken, dass du lügst, wenn du sie nicht ansiehst und den Blick so entschieden abwendest. Wurdest du in der Schule gemieden? Ich möchte Gift drauf nehmen, dass es so war. Weißt du, wenn du niemanden ansiehst, kann auch niemand eine emotionale Bindung zu dir aufbauen. Alle denken, dass du seltsam bist und dass du lügst. So, jetzt weißt du, warum dich jeder hasst.“

Was war auf einmal los? Wie konnte er einfach so mit mir reden? Immerhin kannte er mich gar nicht.

Für die indiskrete Frage möchte ich mich entschuldigen“, sagte er dann. „Ob du meinem Blick dabei wirklich ausgewichen bist, weil du niemandem in die Augen blicken kannst, oder weil es vielleicht doch eine Lüge war, geht mich überhaupt nichts an.“

Gut, dass ich den Mundschutz trug, sodass er nicht sehen konnte, wie mir die Kinnlade herunter klappte. Jetzt deutete er meine Reaktion auch noch als eine Art Coming-out. Wo war ich nur hineingeraten?

So, dann geh mal los und hol meine Post“, sagte Hosokawa.

Ich drehte mich schweigend um und wollte soeben die Tür öffnen, da hielt er mich noch einmal zurück.

Wegen des Mundschutzes: Du hasst es, wenn man dich ansieht, weil du entstellt bist. Deswegen wirst du diesen Mundschutz tragen, sodass von deinem Gesicht einzig und allein deine Entstellung übrig bleibt. Ich will, dass du dich an die Blicke anderer Menschen gewöhnst und die Blicke, die man dir schenkt, erwiderst. Ich verlange, dass du immer während der Arbeit diesen Mundschutz trägst. Auch wenn du dieses Büro verlässt. Zieh ihn also auch morgen an und an den kommenden Tagen. Und wenn du endlich in der Lage bist, Blicke zu ertragen, dann – aber erst dann – gestatte ich dir in meiner Agentur unvermummt herumzulaufen.“ Alles in seinem Gesicht lächelte bis auf seine Augen. Ich glaubte allmählich, dass dieser Mann kein allzu netter Mensch sein könnte.

Ach, übrigens“, sagte er dann, „Wenn du dabei bist, das Büro zu verlassen, dreh dich gefälligst nicht einfach schweigend um. Wenn ich also sage Geh los und hol die Post, dann sagst du was?“

Ich stand da, die Klinke schon in der Hand, und grübelte. Was wollte er jetzt schon wieder? Wollte er etwa ein Jawohl oder Ja, Sir hören? Als ich nicht auf die Lösung kam, lehnte er sich grinsend vor und stütze den Kopf auf die Hände.

Bis gleich, Chef“, sagte er mit verstellt-hoher Stimme.

Bis gleich, Chef“, wiederholte ich träge und verließ schließlich das Büro.

Ich brachte die Post, dann schickte er mich Kaffee machen. Da ich nur die Kaffeemaschine im zweiten Stock kannte, ging ich dorthin. Die Mitarbeiterin, die mir die Funktionen zuvor erklärt hatte, fragte mich ein wenig belustigt, warum ich den Kaffee nicht im 13. Stock machte. Beschämt trottete ich zurück nach oben und machte dort Kaffee. In Eile geriet ich versehentlich an einige andere Knöpfe, bevor ich schließlich den korrekten Button betätigte. Der Kaffee sah ein wenig dünn aus, aber ich wunderte mich nicht zu sehr darüber und eilte zurück zu Hosokawa. Wieder in seinem Büro wurde ich prompt gefragt, warum ich so lange weg war.

Na egal. Komm her, ich zeige dir, wie ich gern meine Post sortiert hätte“, sagte er und winkte mich heran. Er erklärte mir wer die Hauptkunden waren. Wenn ich die Post sortierte, kamen deren Unterlagen immer nach ganz oben, gleich darunter die des Managements. Farbige Post-its markierten, welcher Kategorie welches Dokument angehörte. Hosokawa bläute mir ein, die hierarchische Ordnung der Dokumente, die sich an den unterschiedlich farbigen Post-its zeigte, strikt einzuhalten.

Ich will, dass du dreimal täglich das Postfach entleerst und auf diese Weise sortierst, außerdem erneut eine Stunde vor Schluss, falls es noch etwas eiliges gibt. Die sortierten Unterlagen legst du hier hin.“ Er wies auf eine Ecke seines Schreibtischs, wo bereits ein kleiner Stapel Unterlagen lag. „Und wenn da schon etwas liegt, legst du alles darunter, es sei denn, es sind die Sachen der Hauptkunden oder solche mit hoher Priorität. Hast du das verstanden?“

Ja.“

Hättest du dann die Güte, mich anzusehen und das noch einmal sagen?“, fragte er gereizt.

Ich sah von dem Poststapel auf und sagte es noch einmal. Er tat ja so, als wäre ich der einzige Japaner, der andere nicht permanent mit weit aufgerissenen Augen anstarren würde. Vielleicht war ich in der Hinsicht nicht seltsam, sondern er. Und dennoch musste ich tun, was er verlangte. Mit herabgesenkten Schultern und mit meinem von dem Mundschutz halb verhüllten Gesicht stand ich vor seinem Schreibtisch und sah verlegen hin und her, unsicher, wo ich überhaupt unbeschadet hinsehen konnte. Ich versuchte, ruhig zu bleiben. Auch wenn dieser Mann mich schroff behandelte, war er Ainis Entdecker und die beiden hatten allen Anschein nach ein freundschaftliches Verhältnis. Wenn meine Schwester ihn mochte, konnte er kein so schlechter Mensch sein, oder? Andererseits wusste ich selbst kaum etwas über Aini, wie verlässlich konnte ich mir da ihre Menschenkenntnisse zum Maßstab nehmen?

Hosokawa nahm die Tasse mit dem Kaffee, den ich gemacht hatte. Er nippte kurz daran. Machte ein eigenartiges Gesicht. Dann warf er die Tasse plötzlich scheppernd auf den Boden, verfehlte mich dabei nur knapp, und der Kaffee und die Scherben spritzten und sprangen quer über den Boden.

Willst du mich vergiften?“, brüllte er, „Was fällt dir ein, mir so eine Scheiße zum trinken zu geben?“

Ich stand da und zog die Schultern hoch. Das Klirren der Scherben und das Dröhnen seiner Stimme brachten mich zum Zittern. Mein Herz schlug rasend schnell.

Es tut mir leid, ich-“

Es tut mir leid, ich-“, äffte er mich nach. „Geh sofort los und hol irgendetwas, um diesen Dreck hier aufzuwischen.“

Ich nickte und verbeugte mich und huschte geduckt zur Tür.

Kesshou!“, rief er mahnend. Ich drehte mich um und er sah mich wartend an.

Bis … bis gleich“, stammelte ich und ging.

Es war gerade mal Mittag und schon saß ich auf einem Toilettendeckel und weinte wie ein kleines Kind. Was hatte ich mir nur dabei gedacht, diesen Job anzunehmen? Hosokawa war unberechenbar und hatte eine eigenwillig-sadistische Art, mich in meinen Job einzuarbeiten. Es war, als hätte ich ihm etwas getan. Hatte ich? Vielleicht. Vielleicht war er enttäuscht, weil ich anders war, als er erhofft hatte. Dann könnte ich ihn sogar verstehen. Wenn er mir den Job gegeben hatte, weil er hohe Erwartungen hatte, konnte ich ihn ja nur enttäuschen.

Ich beruhigte mich langsam wieder und trocknete meine Tränen, sah in den Spiegel.

Es war gerade einmal Mittag. Ich war gerade mal drei Stunden dort und es kam mir vor wie eine quälende Ewigkeit. Ich wünschte Hosokawa eine schnelle Genesung von seiner Erkrankung, dass er mich schon bald nicht mehr benötigen würde.

Ich hatte das Gefühl, dass ich in der zweiten Etage Putzzeug finden würde und irrte mich nicht. Eine freundliche Frau mittleren Alters gab mir einen Eimer und einen Wischer und ein bisschen Spülmittel. Als ich soeben gehen wollte, sagte sie: „Gute Besserung.“

Fragend sah ich sie an.

Oh, entschuldigen Sie. Ich dachte, Sie sind erkältet, weil Sie einen Mundschutz tragen“, erklärte sie verlegen.

Ach ja. Danke. Ich hoffe auch, dass es bald besser wird“, sagte ich und fuhr wieder nach oben in die 13. Etage, wo ich, aus dem Aufzug kommend, beinahe jemanden anrempelte und ihm das Putzwasser über die Schuhe zu kippen drohte.

Huch, nicht so eilig!“, sagte der Mann. Er war etwa in Hosokawas Alter, vielleicht ein bisschen älter oder sah nur so aus, weil er etwas beleibter war und weniger Körperspannung hatte als mein neuer Chef. Seine Schläfen waren bereits ergraut, sein Gesicht füllig und freundlich, seine Augen hinter der kleinen, eckigen Brille waren ganz schmal. Es lag ein neugieriges Funkeln darin.

Atemlos stotterte ich eine Entschuldigung und verbeugte mich wieder und wieder.

Ist doch nichts passiert“, sagte der Mann und verbeugte sich ebenfalls leicht. „Mein Name ist Shinichi Fukada, ich bin der Business Analyst. Mit wem habe ich die Ehre?“

Yuki Kesshou, es freut mich Sie kennen zu lernen, Herr Fukada. Entschuldigen Sie mich bitte, aber ich muss weiter. Herr Hosokawa wartet auf mich.“

Ach, Sie sind also die neue Deko? Ich meine sein Persönlicher Assistent, Verzeihung.“ Fukada lächelte entschuldigend. „Nehmen Sie es nicht persönlich, es ist bloß so, dass Hosokawa so großen Wert auf Äußerlichkeiten legt, was vielleicht nicht ungewöhnlich ist für den Chef einer Modelagentur.“ Es gab nettere Wege, einen neuen Kollegen zu begrüßen, das war sicher. Aber zugleich konnte ich Fukada seine erste Aussage nicht übel nehmen, immerhin handelte es sich dabei um die Wahrheit. „Passen Sie gut auf sich auf“, fuhr Fukada fort, „in einer Sekunde ist Hosokawa Ihr Freund und im nächsten Moment macht er Ihnen das Leben zur Hölle.“ Bei dem, was ich bisher von Hosokawa wusste, war das keine Überraschung für mich.

Ich wusste nichts zu erwidern. Also verbeugte mich lediglich noch einmal. „Verzeihen Sie bitte. Ich muss weiter“, sagte ich dann, „es war mir eine große Ehre, Sie kennen zu lernen, auf Wiedersehen.“ Ich entfernte mich und eilte fort.

Ach, und gute Besserung, Herr Kesshou!“, rief Fukada und sah mir nach.

Während Hosokawa einige Unterlagen durchsah, kehrte ich Porzellan zusammen und wischte die Kaffeespritzer von Boden und Möbel. Zumindest war ich, was das betraf, mehr oder weniger professionell, schließlich hatte ich mal in einer Putzkolonne gearbeitet. Bevor ich das Büro verließ, sagte ich Bis gleich, Chef, so wie Hosokawa es von mir verlangte, dann fuhr ich zurück in die zweite Etage, in der man mich schon lächelnd empfing. Ich gab die Putzutensilien zurück und fragte nach einer Liste der Abteilungen und war stolz, nicht vergessen zu haben, dass ich mir so eine besorgen sollte. Wieder oben in der 13. Etage kam mir Hosokawa in einem dunklen Mantel entgegen und sah mich erstaunt an.

Was hast du hier zu suchen? Es ist Mittagspause, scher dich weg. Ich habe jetzt einen Termin außer Haus. Du siehst zu, dass du nach der Pause herausfindest, wer wo sein Büro hat und wofür zuständig ist. Und lern Kaffee machen! Ich bin so gegen vier Uhr zurück, bis dahin leerst du das Postfach und sortierst die Unterlagen so, wie ich es dir gezeigt habe.“

Ich konnte gerade noch bestätigen, da schlossen sich die Türen des Aufzugs, aus dem ich gekommen war und den Hosokawa an meiner Stelle betreten hatte und weg war er.

Aini gab mir einen Kaffee und ein Sandwich aus, da ich selbst kein Geld dabei hatte, um mir in der Cafeteria etwas zum Mittagessen zu besorgen. Ihr eigenes Essen lag unberührt vor ihr, als sie die Tageszeitung aufschlug und zu lesen begann. Ich saß ihr gegenüber und starrte in die tiefe Finsternis meiner Tasse. Schnell nahm ich die kleine Milchkanne, die man mir mit dem Kaffee serviert hatte, und goss so viel Milch dazu, dass sich das Schwarz in ein warmes Braun verwandelte.

Hast du dich schon ein bisschen eingearbeitet?“, fragte Aini und las dabei die Kurznachrichten.

Wie denn? Ständig schickt dieser Typ mich runter auf die zweite Etage.“

Unser Office- und Facility-Management“, ergänzte Aini.

Wie auch immer, jedenfalls bin ich nur unterwegs und wenn ich es nicht bin, dann kommandiert er mich herum.“

Hat ein Chef so an sich.“

Dass ein Chef seinen Assistent zwingt, einen Mundschutz zu tragen, ist aber nicht normal.“

Aini sah auf, als wollte sie noch einmal sehen, wie mir das Ding stand, hob dann jedoch, als sie bemerkte, dass ich es in der Mittagspause natürlich ausgezogen hatte, die Schultern und nahm einen Schluck Kaffee. Sie meinte, dass Hosokawa sich schon etwas dabei denken würde und ich einfach darauf vertrauen müsse, dass er es gut meint.

Ich hoffe, er hat nicht noch mehr solcher Ideen. Und etwas netter könnte er auch sein. Was der mir heute Vormittag schon alles an den Kopf geworfen hat – Aktenordner und Porzellan inklusive“, sagte ich, „Jetzt ist er zum Glück erst mal den ganzen Nachmittag weg und ich bleibe von seinem Terror verschont. Am besten entlädt er sich bei seinem Termin an einer anderen armen Seele und behandelt mich etwas weniger unsensibel, wenn er wiederkommt.“

Aini blätterte um. „Vielleicht solltest du ihm gegenüber dann besser etwas sensibler sein? Gut möglich, dass er mit richtig übler Laune zurück kommt, je nachdem, wie die Untersuchungen heute Nachmittag laufen. Und mach dir wegen seiner Art nicht gleich ein schlechtes Bild von ihm. Er ist eigentlich ein netter Mensch, aber in den letzten Wochen ist er manchmal sehr gereizt. Doch wer könnte ihm das schon verübeln? In seinem Körper wuchert der Krebs. Wer wäre da nicht ähnlich ungeduldig und angespannt? Und jetzt muss er sich auch noch die Zeit nehmen, dich einzuarbeiten, dabei hat er dazu eigentlich keinen Platz in seinem Terminkalender. Aber wenn in den nächsten Wochen die Behandlungen anstehen, braucht er jemanden im Büro, auf den er sich verlassen kann. Ihm läuft die Zeit davon. Wenn er also manchmal nach dem Hauruck-Verfahren vorgeht oder dich etwas schroffer mit seinen Regeln konfrontiert, ist das bestimmt nicht böse gemeint.“

Ich sah sie mit großen Augen an, doch sie blätterte erneut um und las weiter, sodass sie meinen Blick nicht bemerkte.

Das, was sie gesagt hatte, klang einleuchtend. Und ich hatte gedacht, nach nur drei Stunden Arbeit bei Hosokawa könnte ich mir ein Bild von ihm machen. Erst jetzt wusste ich, dass ich gar nichts wusste. Als ob es bei dem Job um mich gegangen wäre. Ich war dazu da, ihm die ganzen kleinen Aufgaben in seinem Büro abzunehmen, sodass er sich auf die wesentlichen Dinge konzentrieren konnte. Und obwohl man es ihm nicht anmerkte, war er krank, sehr krank sogar. Er war derjenige, der mit Samthandschuhen angefasst werden sollte, nicht ich. Plötzlich schämte ich mich, dass ich mir in den letzten Stunden so schikaniert vorgekommen war.

Langsam senkte ich wieder den Blick und nahm die Kaffeetasse in die Hand, ohne einen Schluck daraus zu trinken.

Ich habe nicht gewusst, dass es sich bei seinem Termin heute um eine Untersuchung handelt“, sagte ich kleinlaut.

Ich glaube, dieses Mal ist es nichts allzu unangenehmes. Letzte Woche hatte er eine Untersuchung, nach der er sich wohl nicht so gut gefühlt hat, aber noch ein Meeting hatte. Da muss er dann wohl ziemlich explodiert sein. Der arme Fukada hatte danach einen ganz roten Kopf.“ Aini schmunzelte bei der Erinnerung daran. Ich fand das gar nicht zum Lachen.

Ich muss herausfinden, was beim Kaffeemachen schiefgelaufen ist, um den Fehler nicht noch mal zu machen“, sagte ich stattdessen mit gedankenverlorenen Blick in meine Tasse und verfiel in ein langes Schweigen.

Nach der Pause ging ich mit neuem Eifer zurück an die Arbeit. Wie aufgetragen, versuchte ich mich darüber kundig zu machen, wer wo in welcher Abteilung arbeitete. Dafür nahm ich meine Abteilungsübersicht und machte einen ausgiebigen Spaziergang durchs Haus.

Ich stellte mich in den unterschiedlichen Abteilungen persönlich vor und gab mir Mühe, meinem jeweiligen Gegenüber anzusehen. Auf die Frage, ob ich erkältet sei, zupfte ich stets an meinem Mundschutz und erklärte, dass der für einen guten Zweck da sei und sich niemand wundern sollte, dass ich ihn auch in nächster Zeit trug.

In der zweiten Etage besorgte ich Schreibmaterial und notierte, wie Hosokawa sich die Sortierung der Post wünschte, bevor ich es über Nacht vergaß. Dann ließ ich mir noch einmal zeigen, wie man Kaffee machte und stellte fest, dass der augenscheinliche Kaffee in der Tasse vom Vormittag das Beiprodukt eines Reinigungsprogramms war, das jemand wohl soeben vorbereitete, als ich den Kaffee machen wollte.

Wieder in Hosokawas Büro richtete ich mich provisorisch auf der Couch ein, die in der Ecke stand. Da es keinen anderen Schreibtisch, geschweige denn einen anderen Stuhl gab, überbrückte ich die Zeit, bis ich Hosokawa nach einer Lösung fragen könnte, indem ich meine Sachen auf dem Couchtisch ablegte. Das Telefon klingelte am laufenden Band und ich wusste nicht, ob ich die Anrufe entgegen nehmen sollte, entschied mich dann jedoch dagegen, weil ich hoffte, dass Hosokawa ein Handy bei sich hatte, bei dem es die Anrufer in dringenden Fällen versuchen könnten. Im weiteren Verlauf des Nachmittags besorgte ich mir eine Kopie der Hausordnung und las sie durch, um mögliche Fauxpas zu vermeiden. Außerdem konnte Kiki vom Empfang mir Hosokawas Termine für die nächsten Tage nennen. Ich dachte, vielleicht war es nicht schlecht, in etwa zu wissen, wann ich mit ihm rechnen konnte und wann ich auf mich allein gestellt sein würde. Nachdem ich anschließend nochmal kurz bei Aini vorbei geschaut hatte, wusste ich nicht, was ich sonst noch hätte tun können, und begab ich mich zurück ins Büro.

Hosokawa stand, noch immer in seinem eleganten Mantel, bei der Couch und sah sich meine Unterlagen an. Als ich das Büro betrat, blickte er nicht auf.

Willkommen zurück, Chef“, sagte ich. Er gab nur ein nachdenkliches Brummen zurück. Dann, da nichts weiter passierte und er noch immer meine Notizen ansah, erklärte ich ihm, was ich in seiner Abwesenheit getan hatte. Endlich legte er die Unterlagen wieder auf den Couchtisch zurück. Er zog den Mantel aus und hängte ihn an der Garderobe auf, ließ sich dann hinter seinem Schreibtisch nieder.

Das Telefon hat häufiger geklingelt, aber ich habe es nicht bedient, weil Sie davon nichts gesagt haben.“

Ach ja, hätte ich zur Zentrale umschalten müssen. Na, egal. Wenn ich nicht da bin und es mal wieder nicht umgeschaltet haben sollte, kannst du abheben, wenn du im Büro bist. Schreib nur auf, wer angerufen hat und warum.“

Hosokawa wirkte müde. Vielleicht war es doch eine unangenehme Untersuchung gewesen. Außerdem war sie sicherlich langwierig, schließlich ist er stundenlang weg gewesen.

Kannst du mittlerweile Kaffee machen?“, fragte er schließlich und ich war erleichtert, dass seine Mundwinkel sich zu einem kleinen Lächeln herauf zogen. Ich bestätigte und wurde prompt losgeschickt, um mein Können unter Beweis zu stellen.

Dieses Mal überprüfte ich vorab, ob jemand einen Reinigungstab eingelegt hatte und kontrollierte zweimal, ob ich das korrekte Programm ausgewählt hatte. Das Ergebnis ließ sich dieses Mal endlich trinken.

Da liegen doch immer Plätzchen bei den Kaffeemaschinen. Von denen hätte ich für gewöhnlich gern eins zu meinem Kaffee. Warum bloß Koffein in sich reinkippen, wenn man sich obendrein noch mit Zucker pushen kann?“, sagte er und lächelte. Seine Augen blieben dabei wie immer kalt. Als ich los wollte, um einen der Kekse zu besorgen, winkte er ab und meinte, dass das nun nicht nötig sei. „Viel wichtiger ist jetzt die Frage, wo wir dich einquartieren“, sagte er. „Im Moment hast du noch kaum etwas zu tun, aber sobald ich dir erst mal alles gezeigt habe, kannst du mehr Arbeit übernehmen.“ Er blickte einen Moment lang an mir vorbei, fokussierte dann wieder meine Augen. „Als ich eben die Agentur betreten habe, war ich sehr schlecht gelaunt, weil mein Termin ziemlich beschissen verlaufen ist. Als ich dann gesehen habe, dass du in meiner Abwesenheit nicht faul warst, sondern dich selbst bemüht hast, schnellstmöglich dein Arbeitsumfeld kennen zu lernen, hat das meine Laune verbessert. Danke dafür.“

Er lächelte und sah tatsächlich dankbar aus, was mich wiederum irritierte und ich nur stammelnd meine Verlegenheit über den Dank ausdrücken konnte.

Weißt du, Kesshou, ich denke, wir werden gut miteinander zurecht kommen. Es ist nicht schlimm, wenn du mal etwas falsch machst, solange du aufmerksam bist – und das bist du. Das ist der Grund, warum ich keine gewöhnlichen Menschen beschäftigen will. Sie sind nicht aufmerksam. Sie sehen die Arbeit nicht. Für sie ist immer alles normal und selbstverständlich, weil ihr Leben immer bequem ist. Und wenn mal etwas nicht läuft wie sie es wollen, dann suchen sie sich etwas neues, etwas bequemeres. Als ich gesehen habe, dass du die freie Zeit, in der du streng genommen nichts zu tun hattest, sinnvoll genutzt hast, hatte ich das Gefühl, dass es eine gute Entscheidung war, dich einzustellen. Denn natürlich habe ich dich nicht nur eingestellt, weil du ungewöhnlich aussiehst, sondern weil ich hoffe, dass du auch ungewöhnlich bist.“

Nicht doch, ich-“, doch er schüttelte den Kopf zum Zeichen, dass er nichts hören wollte.

Hast du ein Mobiltelefon?“, fragte er stattdessen. Als ich verneinte zog er die Brauen hoch und machte große Augen. „Na schön, du bist wirklich nicht normal. Dann geh mal runter auf die erste Etage und lass dir ein Handy geben – aber ein gutes. Außerdem sagst du den Jungs dort, dass wir morgen früh einen Mac mit Drum und Dran und ein Festnetztelefon brauchen. Wenn du das erledigt hast, geh nochmal schauen, ob was neues im Postfach ist und komm mit Handy und Post wieder her. Ich werde dir meine Nummern und ein paar andere wichtige hausinterne Nummern aufschreiben und du gibst mir die von deinem Mobiltelefon. Dann kannst du dich ja noch ein bisschen mit der Bedienungsanleitung von dem Ding vertraut machen, mir noch einen Kaffee bringen – den aber gefälligst mit Keks – und dann Feierabend machen.“

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