Schneespuren Part 1.5

Teil 1: Der Junge vom Mond

5. Richtig falsch

Am nächsten Morgen war Hosokawas Laune bemerkenswert gut. Als ich sein Büro betrat, rief er mir mit kräftiger Stimme ein heiteres Guten Morgen entgegen und erhob sich von seinem Schreibtisch.

Heute wird ein toller Tag“, sagte er und klatschte in die Hände. Ich hatte gar nicht erst die Gelegenheit, meine Jacke auszuziehen, da er mich gleich wieder aus dem Büro lotste und mir befahl, meine Sachen mitzunehmen.

Gemeinsam fuhren wir mit dem Aufzug auf die elfte Etage. Dort angekommen, schlugen wir den Weg in den linken Korridor ein. Hosokawas Schritte waren so groß und zügig, dass ich Probleme hatte, mit ihm Schritt zu halten – und das, obwohl ich größer war als er.

Er platzte in ein Büro, in dem zwei junge Frauen miteinander plauderten. Als sie ihren Chef erblickten, leuchteten ihre Augen auf und sie begrüßten ihn freudig.

Darf ich euch beiden Hübschen den Neuen vorstellen?“ Hosokawa wies mit der linken Hand auf mich und gleich darauf auf die beiden Frauen. „Kesshou, das sind Aki und Kia. Wenn du Fragen hast, frag sie. Komm mit, mir nach.“ Kaum hatte er den Satz beendet, war er bereits wieder auf dem Flur. Eilig verbeugte ich mich vor den beiden Frauen und murmelte eine Begrüßungsfloskel, bevor ich ebenfalls das Büro verließ und meinem Chef hinterherhetzte.

Es war uns eine Ehre, Herr Kesshou! Und gute Besserung!“, riefen sie mir noch nach und setzten mit der Plauderei da ein, wo sie unterbrochen worden waren.

Hosokawa machte schließlich vor der hintersten Tür des Korridors halt. Schwungvoll öffnete er sie und lächelte auf die ihm typische Weise, bei der seine Augen unverändert kühl blieben.

Willkommen in deinem Büro“, sagte er. Vorsichtig folgte ich ihm in den Raum und sah mich um. Es war ein mittelgroßes, komplett eingerichtetes Büro. Und es war Meins. Auf dem Schreibtisch standen der Mac und das Telefon – die Dinge, die ich am Tag zuvor in der Technikabteilung beantragt hatte. Auf einem Sideboard waren Peripheriegeräte wie Fax und Drucker sowie leere Aktenordner.

In der Schreibtischschublade ist Papier und so weiter. Alles, was fehlt, findest du auf der zweiten Etage, aber ich glaube, das hast du mittlerweile kapiert“, sagte Hosokawa, ging zum Schreibtisch und hob den Hörer des Telefons ab, um zu prüfen, ob es einsatzbereit war.

Wie steht’s um deine Computerkenntnisse?“

Äh-“, brachte ich nur hervor, da winkte er schon ab.

Schon gut“, sagte Hosokawa, nahm eine dicke Bedienungsanleitung für den Computer vom Sideboard und wedelte mit übertriebener Geste damit.

So, jetzt hast du den ganzen Tag was zu tun. Ich melde mich, wenn ich dich brauche. Und wenn du weitere Fragen zum Mac hast, fragst du Aki und Kia. Ach ja, gleich kommt noch jemand für die Lampe und ein Türschild mit deinem Namen bekommst du auch noch. Nur, dass du Bescheid weißt.“

Ohne dass ich irgendetwas hätte erwidern können rauschte er daraufhin davon. Und da stand ich also allein. In meinem eigenen Büro. Nicht, dass ich irgendeine Qualifikation hätte, dort zu sein. Aber ich hatte mein eigenes Büro. Zaghaft näherte ich mich dem Schreibtisch, nahm ganz langsam Platz und saß, noch immer in meiner Jacke, einfach nur so da. Mein eigenes Büro. Ich musste Träumen. Das war erst mein zweiter Tag, oder? Ich dachte, ich bekäme vielleicht einen ausrangierten Beistelltisch irgendwo hinter die Tür gestellt, aber so etwas? Unglaublich.

Ich musste einige Minuten einfach schweigend da gesessen haben, bis mich plötzlich das Klingeln des Telefons aus meiner Trance riss. Zaghaft nahm ich den Hörer ab.

Hallo?“

Hallo?“, äffte mich Hosokawas Stimme übertrieben leise und piepsig nach. „Bin ich da verbunden mit Yamadas Pizzaservice?“

Ah! Hier ist die Model Agency Japan, Sie sprechen mit Yuki Kesshou. Ich fürchte, Sie haben sich verwählt.“

Na, schon besser. Das wird noch. Hausinterne Nummern sind die, die ohne vorangestellte Null angezeigt werden, also wäre es richtig gewesen, nicht zu förmlich zu sein, hättest du das gewusst.“

Vielleicht habe ich es ja gewusst?“

Hosokawa schnaubte belustigt. „Nein, hast du nicht. Ach ja, Kesshou: Auch wenn du jetzt super cool bist mit deinem eigenen Büro und so und dich die spannende Bedienungsanleitung für den Mac sicher noch mindestens drei Tage beschäftigt, vergiss gefälligst nicht, mir meine Post zu bringen.“

Natürlich! Kommt sofort.“

Lass gut sein. Komm so in etwa einer Stunde rauf. Sortier die Post vorher in deinem Büro oder im Aufzug, wenn du kannst. Nicht, dass ich dich ungern sehe, aber es lenkt mich ab, wenn jemand hier um mich herumwuselt, wenn ich selbst beschäftigt bin. Also: Post in einer Stunde. Und wenn du dann schon unterwegs bist, bring Kaffee mit.“

Mit Keks?“

Frag nicht so bescheuert. Natürlich mit Keks. Also dann: Bis später, Chef!“

Bis später, Chef.“

Ich legte auf und konnte nicht aufhören zu lächeln. Heute war kein Vergleich zu gestern Vormittag. Und Hosokawa war längst nicht so kompliziert, wie ich zuerst befürchtet hatte. Vielleicht hatte Aini recht und er war bloß hin und wieder gereizt, weil er sich mit seiner Krankheit herumschlagen musste. Vielleicht war das heute Morgen die Person, die meine Schwester meinte, wenn sie sagte, Yuichi Hosokawa sei eigentlich ein netter Mensch.

Den ganzen Vormittag setzte ich mich mit den Funktionen meines Macs auseinander. Zwischendurch ging ich nach oben und brachte Hosokawa seine Post und den Kaffee (mit Keks). Er kündigte an, dass ich am Nachmittag ein paar Sachen für ihn tippen müsste. Also machte ich mich auf den Weg in die Technik und besorgte mir ein Handbuch für das Textverarbeitungsprogramm. Zwischendurch kam jemand und tauschte die Lampe über meinem Schreibtisch aus. Ich fragte Kia, ob es eine Norm für die Dokumente bei uns gab. Sie kam mit einer Archiv-CD in mein Büro und zeigte mir existierende Briefe. Gemeinsam legten wir darauf basierende Dokumente mit meinem Briefkopf an. Mit Blick auf die Uhr ging Kia anschließend von meinem Büro aus direkt in die Mittagspause. Auch ich verließ die Agentur, weil ich noch etwas besorgen wollte. Kia hatte mich darauf hingewiesen, dass ich jederzeit die Getränkemaschinen für mich selbst nutzen konnte, also suchte ich nach einer Tasse, die ich dazu im Büro verwenden konnte. Außerdem war ich noch auf der Suche nach auffälligen Notizzetteln, um meine Unterlagen für Hosokawas Poststapel zu markieren. Leider brauchte ich mit meiner Suche länger als ich geglaubt hatte, sodass ich zum Ende meiner Pause in die Verlegenheit kam, noch nichts passendes gekauft zu haben. In meiner Not sprang ich noch schnell in einen kleinen Merchandise-Laden, in dem es allerlei Dinge mit einem kleinen Comichasen als Motiv zu kaufen gab. Ich kaufte einfach eine Tasse mit diesem Hasen drauf und als ich an der Kasse noch kleine, grüne Klebezettel sah, auf denen der Hase nicht allzu auffällig den unteren Zettelrand zierte, nahm ich auch davon zwei mit.

Zurück in meinem Büro fand ich einen Stapel Unterlagen auf dem Schreibtisch vor. Auf dem obersten Blatt war ein Post-it festgeklebt, auf dem mit großen, fest in das Papier gedrückten, Platz-da-hier-komme-ich-Lettern stand: Als Briefe abtippen!! Ich nahm direkt Platz, ohne die Tasse, die ich gekauft hatte, zu spülen und mit Kaffee oder Tee zu füllen, und versuchte, die Aufgabe in die Tat umzusetzen. Einmal holte ich Aki dazu, als ich eine Erklärung in meinem Handbuch nicht nachvollziehen konnte. Sie notierte die Telefonnummer von Kias und ihrem Büro, sodass ich bei Fragen nicht ständig meinen Arbeitsplatz verlassen müsste, sondern anrufen könnte. Gegen halb drei holte ich die Post aus Hosokawas Postfach, ging in mein Büro, sortierte sie, nahm außerdem die Unterlagen mit, die ich abgetippt hatte, und fuhr dann weiter nach oben in die 13. Etage. Ich klopfte so fest an die Tür zu seinem Büro, dass ich glaubte, sie fast einzuschlagen. Doch wusste ich, dass es für mich nur so laut klang, weil ich sonst so leise war. In Wirklichkeit hörte man mein Klopfen gerade so. Hosokawa telefonierte, als ich eintrat. Also schlich ich nur zum Schreibtisch herüber, versuchte mit Gesten klar zu machen, dass ich die Post brachte, sortierte eben diese unter den schon vorhandenen To-Do-Stapel, so wie Hosokawa es mir gezeigt hatte, und ging dann wieder. Zugegeben war ich ein bisschen enttäuscht, dass er sich keine Zeit für mich nehmen konnte, so wie am Vormittag. Ich mochte das Gefühl, welches ich dabei empfunden hatte. Dieses Gefühl, dass in meiner Abwesenheit mein Büro für mich eingerichtet worden war. Dass man Dinge dort hingebracht hatte, die ich brauchen würde. Wie Hosokawa den Hörer meines Telefons abgehoben hatte, um sicher zu gehen, dass es für mich einsatzbereit war. Dass Kia die Archiv-CD rausgesucht hatte, bevor sie in mein Büro kam, um mir zu helfen. Vielleicht war es lächerlich, zu glauben, all das sei besonders. Doch es fühlte sich gut an – ein bisschen zu gut vielleicht, um für mein mit Einsamkeit und Ausgrenzung vertrautes Herz wirklich real sein zu können.

Als ich zurück zu meinem Büro ging, begrüßte mich ein Mann, der vor meiner Tür stand und ein Namensschild anbrachte.

Ihr Telefon klingelt schon die ganze Zeit“, sagte er. Ich bedankte mich für die Information und eilte in das Büro, sah schnell auf der Anzeige nach, ob es sich um eine hausinterne Nummer handelte. Als ich sicherstellte, dass es eine solche war, nahm ich den Hörer ab.

Kesshou“, meldete ich mich.

Komm auf der Stelle wieder her“, sagte Hosokawa nur und legte auf.

Noch einen Moment lang hielt ich verwirrt den Hörer in der Hand, dann eilte ich wieder aus dem Büro, sprang noch in den Aufzug, dessen Türen sich soeben schlossen, und fuhr wieder zurück auf die 13. Etage.

Hosokawa sah zornig aus, als ich rein kam. Ich zog die Schultern hoch und schlich an den Schreibtisch, wie ein Hund, der eine Prügelstrafe erwartete. Mit großen Augen sah ich auf das, was er in den Händen hielt.

Was zur Hölle ist das?“, fragte er.

Das sind die Sachen, die ich für Sie tippen sollte. Es tut mir leid, dass-“

Ich rede hiervon.“ Er zog einen kleinen, grünen Klebezettel von dem obersten Blatt und hielt ihn demonstrativ hoch. Der kleine Hase auf dem unteren Zettelrand sah mich mit seinen ausdruckslosen Augen an.

Ich habe gedacht, dass ich vielleicht meine Sachen markieren sollte. Also habe ich Zettel arrangiert.“

Mit einem Karnickel drauf“, spottete er.

Es ging eigentlich um die Farbe. Grüne Zettel haben Sie noch nicht in der Post. Ich hätte welche ohne Häschen gekauft, aber die Mittagspause war fast um und ich wollte nicht mit leeren Händen wieder kommen. Ich besorge welche ohne Motiv, sobald ich kann.“

Hosokawa sagte nichts mehr dazu und wechselte stattdessen das Thema. „Du hast die Post falsch sortiert.“

Ich fiel aus allen Wolken. Wie konnte das nur passieren? Ich war doch sogar noch in meinem Büro und hatte sie sortiert, anstatt es eilig während der Fahrt mit dem Aufzug zu erledigen. Mein Herz schlug schneller und mein Ohr befiel plötzlich eine pfeifende Taubheit. Mit unsicherer Stimme sprach ich dagegen an, als ich mich entschuldigte.

Er klebte den grünen Zettel wieder an das oberste Blatt der Unterlagen, die ich bearbeitet hatte. „Wenn dir dieser Fehler noch einmal unterläuft, hast du mächtigen Ärger am Hals, also merk dir das, was ich jetzt sage: Gleich unter den Unterlagen des Managements und der Hauptkunden kommen die Sachen mit den grünen Zetteln von meinem persönlichen Assistenten. Du hast die Sachen nach ganz unten sortiert. Wenn mein Assistent wüsste, dass seine Unterlagen deiner Meinung nach die niedrigste Priorität haben, wäre er sicher sauer auf dich. Ach nein, warte: Du bist ja mein verdammter Assistent. Sieh mich an, wenn ich mit dir rede.“

Langsam hob ich den Blick vom Schreibtisch und sah in seine kalten Augen.

Es tut mir leid“, sagte ich und versuchte, mir nicht anmerken zu lassen, dass mich seine Art frustrierte. Das war der Grund, warum er mich zu sich zitierte? Weil ich meine Akten einfach irgendwohin gelegt hatte?

Ich konnte kein Muster darin erkennen, was er für richtig hielt und was nicht. Die Post hatte ich nicht falsch sortiert, denn es gab zuvor noch keine Entscheidung seinerseits darüber, wo ich meine Unterlagen in dem Aktenstapel ablegen sollte. Wann hätte ich ihn fragen sollen, wo er sie gerne hätte? Er hatte telefoniert, als ich kam. Zum einen tadelte er mich zwar, weil ich nicht selbst bestimmt hatte, wohin meine Unterlagen gehörten und somit darauf verzichtet hatte, sein Ordnungssystem durcheinander zu bringen, andererseits meckerte er aber, dass ich mich selbst um Markierungen für die Unterlagen gekümmert hatte. Klar, war das Motiv des kleinen, ausdruckslosen Hasen auf den Zetteln überflüssig, aber als Übergangslösung war es doch okay. Ich hätte nie vermutet, dass das so eine große Sache sein könnte. Ich war der Meinung, Yuichi Hosokawa sollte wichtigere Probleme haben, als ein Drama wegen einer Kleinigkeit wie dieser zu machen. Oder war sein Tadel berechnet? War er nur ein Vorwand? Mir kam es fast vor, als suche er nur eine Möglichkeit, um eine neue Dressurnummer mit mir einzustudieren.

Bei diesem Gedanken wurde mir plötzlich wieder bewusst, dass ich die ganze Zeit den Mundschutz trug, den er mir aufgezwungen hatte. Beinahe hatte ich ihn vergessen; er fing an, sich natürlich anzufühlen. Nun spürte ich ihn überdeutlich auf meiner Haut, bis ich ihn wie einen brennenden Ausschlag wahrnahm.

Ich bin nicht derjenige, bei dem du dich entschuldigen musst“, sagte Hosokawa mit bedeutungsschweren, schulmeisterlichen Tonfall.

Ich verstehe. Wenn das alles war, gehe ich wieder in mein Büro. Bis später, Chef“, sagte ich um Neutralität bemüht und versuchte, mir den aufkommenden Ärger nicht anmerken zu lassen.

Ja, hau ab. Bis später, Kesshou.“

One Comment

  1. mjeera

    Ab diesem Kapitel gibt es einen kleinen Autorenkommentar von mir 🙂

    Im Vergleich zu den anderen Kapiteln, vor allem zu 1.4, war dieses Kapitel recht kurz. Eigentlich hatte ich vor, es noch zu verlängern, aber am Ende habe ich dann doch nicht mehr viel an der Urversion herumeditiert und es bei der Länge belassen.
    Das hier war das letzte Kapitel des ersten Teils, der somit also abgeschlossen ist. Ich hoffe, das erste Kapitel von Teil 2 bald schon präsentieren zu können – dann gehts aus Yuichis Perspektive weiter!

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *