Schneespuren Part 2.1

Teil 2: Die kaputte Menschmaschine

1. Hohe Erwartungen

Als Yuki mein Büro verlassen hatte, sah ich noch eine Weile auf die Stelle, an der er gestanden hatte. Seine ungleichen Augen hatten zuletzt einen Anflug von Ärger erkennen lassen. Hatte ich es mit meiner Standpauke übertrieben? Möglich. Aber vielleicht war der Grund für seinen Ärger auch bloß die Tatsache, dass er so sensibel war.

Die meisten Menschen, die für meine Agentur arbeiteten, waren sehr empfindsame Persönlichkeiten, schließlich gab ich ihnen den Vorzug vor den sogenannten Normalos. Nicht nur, dass ihre Existenz für meine Agentur gewinnbringend war, nein, ich schätzte es auch, jemanden anzustellen, von dem ich sicher sein konnte, dass er mir und der Agentur gegenüber loyal war. Und wer waren solche Menschen? Solche, die von allen akzeptiert und toleriert wurden, denen jeder vertraute, die offen waren, neue Menschen kennen zu lernen, die dich immer wie ihren besten Freund behandelten?

Falsch.

Vielleicht war es eine Perversion meinerseits, aber ich sah diese Präferenz eher als Chance – eine Hoffnung – für all die anderen, für die Freaks. Natürlich will ich nicht verallgemeinern, es ist nicht so, dass ich einen bestimmten Menschenschlag verachte und mich lediglich mit Freaks umgebe. Doch aus der Erfahrung heraus sind sie die Gesellschaft, die ich bevorzuge.

Angenommen, mein bester Freund ist mit jedem so gut befreundet wie mit mir, weil er ein beliebter und charismatischer Mensch ist, dann habe ich sicher viel Spaß mit ihm. Und wenn mich ein Schicksalsschlag ereilt – angenommen, meine Mutter stirbt – dann ist dieser Freund für mich da. Er macht mir Mut und baut mich auf, findet genau die richtigen Worte, um den inneren Schmerz zu lindern; ist nicht verlegen, mich in den Arm zu nehmen, wenn ich es brauche. Er akzeptiert, wenn ich allein sein will, wenn ich mal nicht mit auf die Piste gehe, weil ich mich nicht gut fühle.

Und dann?

Irgendwann entfremde ich mich von seinem Umfeld, ich gehöre nicht mehr zu der Gruppe geselliger Menschen, die er so schätzt und die ihn so schätzen. Nach einer Weile bin ich aus seiner Welt verschwunden. Und mein Freund bemerkt es nicht einmal, weil er ja mit all den anderen Spaß hat, die mich so austauschbar machen. Wie sollte er da merken, dass ich fort bin? Und wenn ich mich dann nach einer Weile melde, weil ich an der Freundschaft hänge – immerhin ist er mein beste Freund und er war für mich da, als es mir schlecht ging – da bin ich nur noch der eine, der sich zurückgezogen hat, und werde durch die Blume abgewimmelt. Immerhin will er nichts mit einer verschlossenen, depressiven Spaßbremse zu tun haben.

Ich bin nicht kreativ genug, mir solche Szenarien auszudenken; die soeben beschriebene Sequenz hat sich also eben so zugetragen. Auf diese Weise zerbrach also die Freundschaft zu meinem besten Freund, als meine Mutter gestorben ist. Hideyoshi hieß er. Für mich war diese Freundschaft zu ihm eine ganz besondere – und viel mehr als bloß das: Ohne, dass ich es ihm je gesagt hätte, war ich außerdem in ihn verliebt gewesen (bevor sich irgendwem überflüssigerweise die Frage stellt: Jaaa, ich bin schwul).

Ich hatte alles an ihm gemocht, alles an ihm geliebt. Die Erkenntnis, dass ich ihm am Ende egal, ja lästig war, stürzte mich umso tiefer in die haltlose Dunkelheit, die mich nach dem Tod meiner Mutter gefangen nahm. Es folgten schwarze Tage, schwarze, eiskalte Monate. Und irgendwann hatte ich mich aus der Finsternis herausgewunden. Danach war mein Herz um unzählige Erfahrungen reicher, mein Charakter gefestigt und meine Augen konnten Dinge sehen, für die ich zuvor blind war. Mir kam es fast vor, als wäre ich aus einer sehr oberflächlichen Gesellschaft von der unbeschwerten Sonnenseite des Lebens in einen Schatten getreten und erst nach einiger Zeit, als die Augen sich langsam an die Dunkelheit gewöhnten, konnte ich mehr und mehr erstaunliche Details erkennen.

Ich erkannte, dass in den Augen vieler Menschen unglaubliche Geschichten geschrieben standen. Menschen, deren Eigenschaften in der normalen Welt keinen Wert hatten, und die daher glaubten, überhaupt keinen Wert zu haben, die keine Ahnung hatten, was sie wunderbares bewirken könnten, weil niemand sie ermutigte, es zuzulassen. Weil niemand sie wertschätzte. Es war das großartigste, was passieren konnte, wenn ein Mensch, der seine ganz eigene Magie fest im Herzen eingeschlossen hatte, sich plötzlich traute, seinen Zauber frei fliegen zu lassen wie einen Schmetterling. Und wenn ich meinen Beitrag zu diesem Wunder leisten konnte, so wusste ich, dass mir diese Menschen meine Ermutigungen mit ihrer Treue und unerschütterlichen Loyalität dankten.

Mit der Gründung der Agentur begann ich, meinen Blick für diese besondere Schönheit – diesen Zauber – zu Geld zu machen. Ich war damals noch jung, doch es stellte sich bald heraus, dass ich ein gutes Händchen bewies; die Agentur fing klein an und wurde schnell groß, mittlerweile ist sie eine der größten und bedeutendsten des Landes.

Eines der ersten Models, das ich unter Vertrag nahm, war Aini. Ich war wie besessen von dem Zauber, der von ihr ausging. Neben der überwiegenden Zahl der doch eher einfachen Schönheiten, die ich unter Vertrag hatte, war ich immer wieder auf der Suche nach Amazonen wie Aini. Wenn ich mich je in eine Frau verliebt hätte, wäre es vermutlich sie gewesen.

Als Aini vor einigen Wochen sagte, dass ihr Bruder zu Besuch kam, weckte das meine Neugier. Sie hatte mir erzählt, was sie aus der Provinz in die große Stadt geführt hatte und dass es mitunter den Grund hatte, dass sie nicht länger in ihrer Familie leben konnte, da diese so sehr durch die Gestalt ihres Bruders geächtet wurde. Wenn sie inmitten dieser Umstände bereits zu einer so interessanten, außergewöhnlichen Persönlichkeit gereift war, wie wäre dann wohl der Mensch, gegen den sich das Gerede direkt richtete? Ich rechnete mit einer extremeren, männlichen Version Ainis, doch als ich ihrem Bruder dann gegenüberstand, war alles ganz anders.

Ich war zunächst einmal erstaunt, dass Yuki so jung war. Aini und ihn trennten zwölf lange Jahre. Der Mann, den ich unbedingt hatte kennen lernen wollen und von dem ich wohl insgeheim erwartet hatte, ich könnte mich womöglich in ihn verlieben, war also gar kein Mann, sondern vielmehr noch ein Junge. Somit war er zu seinem Glück und meinem Unglück gleich durch das Raster meines Beuteschemas gefallen und ich war zugegeben enttäuscht. Dennoch war er, auch wenn er ganz und gar nicht meinen Erwartungen entsprach, interessant. Er war ein Mensch, über den wohl niemand einfach so sagte, er sei schön. Herauszufinden, ob das stimmte, könnte durchaus interessant sein, doch hatte ich dazu keine Zeit, da Yuki schon an jenem Tag wieder zurück in die Heimat fahren würde. Mir sein rotes Auge einmal genauer anzusehen, konnte ich mir dann aber doch nicht entgehen lassen. Tatsächlich war es gar kein rotes Auge, sondern ein grau schimmerndes ohne Farbpigmente, durch das man sein Blut pulsieren sah. Sein Anblick war gruselig und gleichzeitig mitleiderregend. Ich fragte mich, wer er wohl war. Wenn man mit ihm sprach, sah er einen nicht an. Außerdem stockte und stotterte er hin und wieder und seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Er hatte ein bisschen etwas von einem kranken Vogel im Käfig, der sein Leben vom Rest der Welt isoliert verbrachte. Zugleich aber hatte er Piercings und trug Kleidung im Grunge-Stil, sodass es vielmehr aussah, als hätten äußere Einflüsse ihn geprägt. Wer also war Yuki Kesshou? Ich würde es nicht erfahren. Am Abend saß er bereits im Zug zurück in seine Welt und war aus der meinen verschwunden.

Aini war nicht besonders erzählfreudig, was ihren Bruder betraf, denn, so stellte sich heraus, sie selbst wusste nur wenig über ihn. War er Student? Arbeitete er? Wofür interessiert er sich? Keine Ahnung. Sie hatte sogar vergessen, wann sein Geburtstag war. Nur, dass er auf seinem roten Auge keinesfalls blind war und dass er irgendwann in seiner Jugend die Schule verlassen hatte, um Privatunterricht zu nehmen, konnte sie mit Sicherheit sagen. Ich fragte mich, ob damals irgendetwas vorgefallen war, fragte Aini allerdings nicht danach, sodass sie nicht noch länger offenbaren musste, wie wenig sie wirklich über ihren eigenen Bruder wusste. Ich beschäftigte mich in meinen Gedanken noch ein bisschen mit Yuki, versuchte ihn mir aufrecht stehend vorzustellen, um abzuschätzen, ob sein Körperbau zum Modeln geeignet war, doch irgendwie fehlte mir die Energie, um es vor meinem inneren Auge zu visualisieren, sodass ich die Gedanken an ihn schließlich aufgab.

Die fehlende Energie wurde in den nächsten Tagen immer auffälliger. Ich vergaß Dinge oder machte Fehler bei der Arbeit. Einmal bückte ich mich, um meinen Schnürsenkel zu binden, und als ich mich wieder aufrichtete, wurde mir schwarz vor Augen, sodass ich gegen eine Kommode strauchelte und eine Vase zu Boden riss. Ich wusste nicht, was los war. Ob ich krank war, konnte ich nicht sagen, da ich nie krank war und schwer abschätzen konnte, wie sich so etwas wohl anfühlte. Sicherheitshalber ging ich zum Arzt und ließ mich untersuchen.

Keine Diagnose. Dafür wollte man plötzlich Bluttests durchführen. Dann wollte man wissen, wie ich von innen aussah und schickten mich zum Röntgen und Ultraschall und man wollte noch mehr Blut haben und außerdem noch meine Pisse und Scheiße. Ich war nicht stolz drauf, weiß Gott nicht, aber ich war hin und wieder unerträglich, zum Beispiel, wenn ich ungeduldig wurde. Und so explodierte ich schließlich mitten in einer Untersuchung, meckerte und zeterte lauthals, bis man mir endlich sagte, dass man glaubte, ich hätte Krebs. Die Annahme bestätigte sich schließlich. Die Ärzte sagten, dass ich künftig einige Untersuchungen über mich ergehen lassen müsste, um die geeignetste Behandlungsmethode zu finden. Ich sagte ihnen, dass ich einen vollen Terminplan hätte, nicht ständig zu Untersuchungen antanzen und sie mich somit mal kreuzweise könnten, woraufhin man mir riet, mir vielleicht eine Vertretung für die Arbeit zu suchen.

Eine Vertretung für die Arbeit – undenkbar! Ich war der Chef dieser Agentur, für mich gab es keine Vertretung. Als er herausfand, dass ich häufiger zu Arztterminen das Haus verließ, schlich Shinichi Fukada, seines Zeichens Business Analyst, immer öfter in mein Büro und pries die Arbeit, die er in vergangener Zeit geleistet hatte, in die Höhe. Ich wusste, dass er einen guten Job machte, deswegen arbeitete er ja auch für mich, obwohl ich ihn eigentlich nicht ausstehen konnte. Eine Vertretung käme für mich gar nicht in Frage, erst recht nicht, wenn dieser Fukada danach gierte, bei der ganzen Sache irgendeinen Vorteil für sich herauszuschlagen.

Also was tun?

Kentaki Kayama, Leiter der Finanzabteilung, schlug vor, dass ich einen Assistenten einstellen könnte, um mich zu entlasten. So wäre ich zumindest weiterhin in der Lage, selbst den Laden schmeißen. Doch wer wäre als Assistent geeignet? Ich vertraute meinen Mitarbeitern, doch alles sollte genau nach meinen Vorstellungen laufen und in der Zeit, in der sie bei mir beschäftigt waren, hatten sich die meisten von ihnen glücklicherweise zu wunderbar selbstständigen, autonom agierenden Menschen entwickelt. Ich konnte niemanden von ihnen in die gewünschte Form biegen, die ich brauchte, um ruhigen Gewissens einen Assistenten für mich arbeiten zu lassen, von dem ich wissen konnte, dass alles – und ich meine verdammt nochmal alles – genau nach meinen Vorstellungen lief.

Ich musste also jemand neues einstellen. Doch wen? Wer wäre geeignet, um für mich zu arbeiten? Ich brauchte einen Menschen, der vollkommen ungewöhnlich war, denn ich würde ihn ungewöhnlich stark zu meinem Nutzen verbiegen müssen. Ich brauchte also einen Freak, den ich mit ein wenig gezielter Wertschätzung und Ermutigung vollkommen hörig machen konnte, sodass er ohne Wiederworte tat, was ich von ihm verlangte. Auf wen passte so ein Profil? Es müsste ein absonderlicher Mensch sein, der bisher kaum Wertschätzung erfahren hat, sie womöglich bloß aus der Ferne kannte, sodass ich ihn mit wenigen gezielten Worten schnell und unkompliziert für mich gewinnen und somit nach meinen Wünschen formen könnte. Ein junger Mensch. Ein unerfahrener Mensch. Ein unerfahrener, naiver Freak. Ja, so jemanden brauchte ich. Wo würde ich ihn finden?

Während ich so an meinem Schreibtisch saß und nachdachte, war es plötzlich, als schicke mir jemand ein Zeichen. Ohne zu bremsen oder auszuweichen, flog eine Fliege auf mich zu und direkt in mein Auge. Ich fluchte und rieb daran, doch ging das Gefühl nicht weg, dass sich ein Fremdkörper in meinem Auge befand. Schließlich suchte ich die Toilettenräume auf, um mich bei einem Blick in den Spiegel zu vergewissern, dass nichts mehr in meinem Auge war. Doch als ich mein Gesicht im Spiegel erblickte, war das Gefühl plötzlich weg, denn mir kam ein anderer Gedanke, als ich mein durch die Reibung stark gerötetes Auge sah.

Ohne zu überprüfen, ob mit meinem Auge alles in Ordnung war, verließ ich die Toilette also wieder in Richtung Büro, wo ich mich gleich hinsetzte und Aini zu mir bestellte, um sie zu bitten, ihrem Bruder die Stelle als mein persönlicher Assistent anzubieten.

Warum war ich nicht gleich auf ihn gekommen? Er war die perfekte Besetzung für den Posten. Er war jung und unerfahren und ich konnte ihm die Dinge genau so beibringen, wie ich wünschte, dass sie erledigt wurden. Er war schüchtern und weltfremd, vermutlich, weil er viel Zeit in Einsamkeit verbrachte. Wenn man so einem Menschen vertraut und er schließlich seine Ängste überwindet und das Vertrauen erwidert, dann wäre dies genau die Basis, die ich brauchte, um sicher zu gehen, dass man für mich und zwar nur für mich, für mich, für mich arbeitete. Ja, Yuki war der perfekte Assistent. Er musste es machen. Also kaufte ich ein Flugticket für ihn. Aini erklärte sich bereit, ihren Bruder zunächst bei sich aufzunehmen. Hätte sie es nicht getan, hätte ich ihm auch ein Hotelzimmer finanziert oder sogar eine Wohnung. Egal, Geld spielte keine Rolle, wenn er denn nur kam.

Und er kam. Als ich die Nachricht erhielt, glaubte ich fast, vollkommen von der Krankheit genesen zu sein, so euphorisch stimmte sie mich. An dem Tag, an dem er in meine Agentur kommen würde, um dort zu arbeiten, ging ich mit Herzklopfen ins Büro. Ich empfand Vorfreude, doch zugleich hatte ich Zweifel. Was, wenn er gar nicht so war, wie ich ihn mir vorstellte? Was, wenn er nicht nach meinen Erwartungen arbeitete, sondern seinen eigenen Kopf hatte? Wenn er lauter Fehler machte oder irgendwelchen Unsinn trieb? Von seiner Schwester konnte ich nicht auf ihn schließen, immerhin sind sie nicht zusammen aufgewachsen und waren sich somit vielleicht gar nicht allzu ähnlich.

Als er dann da war, waren meine Bedenken passé. Er war definitiv nicht der Typ, der gegen Autoritäten rebellierte. Brav tat er, was man ihm sagte.

Im Verlauf des Vormittags merkte ich allerdings, dass meine Freude auf Yuki naiv gewesen war. Ihn einzuarbeiten bedeutete, dass ständig jemand bei mir war und ich hasste dieses Gefühl. Ich wurde ganz angespannt deswegen. Zwar hatte ich immer schon meine schwierigen Phasen, in denen mich kleinste Dinge zum aufbrausen brachten, doch seit ich krank war, war es schlimmer und geschah häufiger. Am Nachmittag hatte ich einen Termin zum CT und die Nervosität deswegen machte mich vollends sprunghaft und aggressiv.

Ich hatte wirklich nicht vor, ihm einen Aktenordner entgegen zu schleudern und eine Tasse heißen Kaffee vor die Füße zu schmeißen. Doch ich hatte es getan. Ich hatte mich an ihm entladen. Armer Kerl. Ich hätte mich entschuldigen sollen, doch irgendwie tat ich es nicht, vielleicht bloß aus dem Grund, das ganze dadurch nicht noch größer machen zu wollen, was vermutlich ziemlich feige und sehr unschön von mir war.

Bei der Untersuchung sprachen meine Ärzte ganz behutsam über leichte Chemotherapien und davon, dass man die Metastase in der Lunge entfernen wollte.

Entsprechend beschissen war meine Laune, als ich wieder in die Agentur zurück fuhr. Ich hatte keine Lust auf diese ganze Krebs-Scheiße. Immerhin war ich der Chef einer der renommiertesten Modelagenturen des Landes, ich konnte doch nicht einfach krank sein! Was wäre, wenn sie mich operierten und ich dabei starb? Oder wenn ich einfach so verreckte? Ich wollte nicht krank sein, wollte mir nicht vorstellen, wie meine Konkurrenten in der Branche sagen würden:

Ha, sieh nur, der selbstüberzeugte Hosokawa ist nur noch ein mit Medikamenten vollgepumpter Schatten seiner selbst. Seine Agentur wird wohl genau wie er die besten Zeiten hinter sich haben.

Ich musste weiterleben, denn wenn es keinen würdigeren Nachfolger für mich gab, dann hatte meine Agentur wirklich keine Zukunft. Bevor ich verrecken konnte, musste ich also zuerst einen würdigen Nachfolger bestimmen, eher konnte ich nicht gehen. Ich musste jemanden so formen, dass ich sicher sein konnte, dass meine Agentur nach meinem Tod die gleichen Ideale vertrat wie zu meiner Zeit. Kayama war zwar energetisch wie eine trockene Scheibe Brot, aber im Gegenzug wenigstens sehr besonnen und immer fair. Er schien mir am ehesten dazu geeignet, die richtige Intuition zu entwickeln und in der Hinsicht ließ er sich möglicherweise noch ein wenig nach meinen Vorstellungen verbiegen. Ganz im Gegensatz zu Fukada. Er war zwar ein guter strategischer Denker, aber er dachte zu kommerziell, da seine ausgeprägte Rationalität ihn immer den größtmöglichen Erfolg durchsetzen lassen wollte. Doch das war nicht die Art, wie MAJ funktionierte.

Ich dachte noch darüber nach, was nach meinem Tod mit der Agentur passieren würde, die ich aufgebaut hatte, als ich mein Büro betrat und Yukis Notizen auf dem Couchtisch vorfand. Zu sehen, wie er sich bemüht hatte, mit der Arbeit schnellstmöglich vertraut zu werden, stimmte mich nachdenklich. So zufrieden ich plötzlich mit seiner Arbeit am ersten Tag bei mir war, so unzufrieden war ich mit der meinen. Irgendwie war alles ganz komisch gelaufen. Als ich um halb acht in die Agentur gekommen war, hatte ich noch Herzklopfen gehabt, weil ich seiner Ankunft entgegen fieberte. Und dann hatte ich ihm Dinge an den Kopf geworfen und ihn zusammengestaucht; ihn gleich am ersten Tag gezwungen, einen Mundschutz anzuziehen und sich zu verhüllen, bevor die anderen Mitarbeiter auch nur ein Mal sein Gesicht gesehen hätten. Nun lagen seine Unterlagen dort auf einem Couchtisch in der Ecke meines Büros, seine Jacke über eine Couchlehne gelegt. Mir wurde bewusst, dass ich ihm gar nicht gesagt hatte, dass er sie ruhig an der Garderobe in meinem Büro hätte aufhängen dürfen. Ich hatte ihm den ganzen Vormittag lang nicht ein einziges Mal angeboten, sich hinzusetzen oder ihm gesagt, dass er die Kaffee- und Teemaschinen natürlich auch für sich benutzen durfte, wenn er etwas trinken wollte. Und überhaupt, ich hatte mir gar keine Gedanken darüber gemacht, wo er eigentlich arbeiten sollte. Nur wie ich ihn schnellstmöglich für meine Zwecke verbiegen konnte, darüber hatte ich nachgedacht, aber dass er einen eigenen Arbeitsplatz brauchte, kam mir bisher gar nicht in den Sinn.

Komm schon, Yuichi, das ist sein aller erster Tag. Wie hast du ihn denn bisher behandelt? Er fühlt sich hier bestimmt unwohl. Und wenn er morgen keine Lust hat, wieder zu kommen, dann kannst du ihm das nicht einmal übel nehmen.

Plötzlich war die Sorge um die Zukunft der Agentur ganz weit weg und es gab nur noch Gedanken daran, wie und wo er am besten arbeiten könnte. Der Nachmittag endete somit also doch noch ein wenig harmonisch und ich bedankte mich wenigstens bei ihm, dass er in meiner Abwesenheit selbstständig gearbeitet hatte und mir mit dieser Einstellung den Tag gerettet hatte, wenn ich ihm den seinen schon zum größten Teil ruiniert hatte. Der nächste Tag würde besser laufen, ganz sicher.

Und so war es auch. Als ich kam, kümmerte ich mich gleich darum, dass sein Büro frei wurde, sodass er es beziehen konnte, wenn er um neun Uhr kam. Ich freute mich wie ein kleines Kind darauf, ihm sein Büro präsentieren zu können. Als es dann endlich so weit war, zersprang ich fast vor Freude, als ich ihn dorthin führte. Er wirkte irritiert und schien das ganze für einen Traum zu halten. Während er sich mit seinem neuen Mac vertraut machte, ging ich zurück in mein Büro, um mit Kayama zu sprechen und ihn darauf vorzubereiten, dass er ein paar neue Bereiche verwalten sollte, um mehr Facetten des Managements in sein Tätigkeitsfeld einzubeziehen. Anschließend verfasste ich einige Schreiben, die ich während der Mittagspause in Yukis Büro brachte mit dem Auftrag, dass er sie für mich digital abfassen sollte. Mit der Post brachte er mir jene Schreiben am frühen Nachmittag zurück und ich war erstaunt, seine Unterlagen mit kleinen Zetteln versehen vorzufinden. Auf jenen grünen Zetteln waren kleine Comichasen und ich rollte innerlich die Augen. Okay, er war wirklich noch jung. Ich hatte nicht erwartet, dass jemand wie er niedlichen Merchandise mochte und ihn sogar im Büro benutzte. Noch bemerkenswerter als das blöde Häschen war allerdings, dass er seine Unterlagen nach ganz unten sortierte. Na gut. Für mich persönlich war es eigentlich nicht schlimm, es kam mir sogar gelegen. So konnte ich in Sachen Beeinflussung und Manipulation einen neuen Anlauf starten.

Und so zitierte ich ihn in mein Büro und stellte ihn wegen der Kaninchen-Zettel und der falsch sortierten Post zur Rede. Ich machte ihm klar, dass er seine Arbeit nicht herabwürdigen brauchte, denn er arbeitete ja zu meiner vollen Zufriedenheit.

Yuki hörte sich die Standpauke an, entschuldigte sich und verließ dann mein Büro, während ein unterdrückte Ärger in seinen leicht verengten Augen erkennbar war.

Am späten Nachmittag, als er mir zum letzten Mal für diesen Tag meine Post brachte, schien er sich wieder gefasst zu haben. Er blieb nicht lange in meinem Büro. Er fragte nur, ob er etwas Bestimmtes für mich erledigen sollte. Als ich verneinte, fragte er mich, ob ich einen Kaffee wünschte. Ich bejahte und er brachte mir einen, so wie vereinbart war, sogar mit einem Keks.

Wenn es sonst nichts mehr gibt, gehe ich wieder“, sagte er mit hastiger, leiser Stimme, sodass ich ihn kaum verstand. „Ich versuche, die Programme so schnell wie möglich zu beherrschen, um Ihnen morgen vielleicht etwas nützlicher zu sein. Bis morgen, Chef.“ Und dann ging er und sofern ich ihn nicht mehr rief, wäre es das für diesen Tag gewesen.

Als er fort war, arbeitete ich die Sachen durch, die er gebracht hatte. Von den Hauptkunden war nichts dabei, allerdings einige Formulare von Kayama, die die neuen Arbeitsbereiche betrafen. Als ich auch diese Dinge abhaken konnte, kamen noch zwei weitere Schreiben, die Yuki für mich getippt hatte. Dieses Mal hatte er seine Unterlagen an die richtige Stelle sortiert, sehr gut! Und scheinbar hatte er die Kritik an den Zetteln beherzigt, denn er hatte neutrale Zettel aus der Verwaltung organisiert und lediglich P.A. darauf notiert, sodass ich sie trotz ihrer Farblosigkeit meinem persönlichen Assistenten zuordnen konnte. Gut. Er tat genau das, was ich von ihm verlangte.

Doch anstatt zufrieden zu sein, lehnte ich mich mit einem komischen, flauen Gefühl im Magen zurück und starrte vor mich hin. Was war los? Was genau betrübte mich plötzlich so? Ich sah mir nochmal seine beiden Schreiben an. Er hatte alles korrekt abgetippt, kein Problem. Was war es dann?

Ich drehte mich mit meinem Schreibtischsessel hin und her und ließ den Blick schweifen. An meinem Papierkorb verweilten meine Augen schließlich einen Moment lang und ich starrte gedankenverloren auf den Inhalt. Da waren, neben zerknitterten Papieren und gelben, blauen und roten Notizzetteln auch Yukis grüne Zettel mit dem Hasen drauf. Ich sah wieder zurück auf meinem Schreibtisch, wo noch immer die neutralen Zettel lagen.

Irgendwie tat es mir leid, ihn wegen des Comichasen aufgezogen zu haben. Mir war erst jetzt bewusst geworden, dass die Zettel etwas Liebenswürdiges an sich hatten. Die Unterlagen, die er zuletzt gebracht hatte waren wie alle anderen Papiere, die auf meinem Schreibtisch landeten. War es denn so schlimm, wenn die Unterlagen meines persönlichen Assistenten im Gegensatz dazu ein wenig persönlicher wirkten?

Plötzlich verstand ich auch, warum er so frustriert ausgesehen hatte. Er kam sich deswegen wohl auf einmal blöd vor, dabei brauchte er das doch gar nicht. Und doch: Ihn wegen der Sortierung der Unterlagen einerseits zu mehr Selbstwertgefühl ermutigen und ihn auf der anderen Seite herabwürdigen, weil er außergewöhnliche Zettel benutzt hatte, war zugegeben ziemlich grotesk. Wie sollte ich ihn unterstützen, seine eigene Art wertzuschätzen und hervor zu heben, wenn ich sie in dieser Hinsicht selbst im Keim erstickte? Wie war das wohl bei ihm angekommen?

Sei außergewöhnlich, trau dir was zu, hab keine Angst du selbst zu sein und deine eigenen Entscheidungen zu treffen. Oh, aber bitte verzichte auf kindische Zettel und jeglichen anderen individuellen Kram, denn eigentlich interessiert hier niemanden, wer du wirklich bist.

Okay, schuldig im Sinne der Anklage; ich war ein Vollidiot und ein Arschloch vereint in einer Person. Und ich hatte die Zusammenarbeit mit Yuki unterschätzt. Ich ging gar nicht wirklich auf ihn ein, ging zu schematisch vor. In meinem Kopf hatte ich eine Vorstellung davon, wie er wohl war, doch war er wirklich so? Hatte ich mir bisher die Mühe gemacht, es zu überprüfen? Die einzige persönliche Frage, die ich ihm gestellt hatte war die danach, ob er schon mal Sex mit einem Mann hatte, was er selbstverständlich verneinte. Ich hatte ihn nicht einmal gefragt, wie es ihm geht oder ob ihm die Entscheidung, seine Eltern und seine Heimat zurück zu lassen und herzukommen, um für mich zu arbeiten, leicht gefallen war. Hatte ich ihn nicht eingestellt, gerade weil er mit niemandem vergleichbar war? Warum behandelte ich ihn dann nicht auch wie etwas Besonderes?

Mein schlechtes Gewissen führte mich schließlich in die elfte Etage zu seinem Büro, in dem ihm Aki gerade etwas erklärte. Ich bat sie, sich nicht stören zu lassen, doch klopfte Aki Yuki auf die Schulter und meinte, dass sie später wieder käme, wenn er noch Fragen hätte.

Ich hoffe Sie halten ihm nicht irgendeine Standpauke, er steht doch unter Welpenschutz“, sagte sie beim Verlassen des Raumes und sah sich noch einmal nach Yuki um. Ach so war das: Sie stand auf ihn. Vielleicht hatte er sie gar nicht gerufen, sondern sie war von selbst gekommen, um sich zu vergewissern, dass er keine offenen Fragen hätte. Und das, wo der Feierabend immer näher rückte und Aki sich sonst stets sehr früh darauf vorbereitete.

Du kommst scheinbar gut mit den Mädels klar“, sagte ich also, woraufhin er meinem Blick auswich und sagte, dass er sich nicht sicher sei.

Was führt Sie denn her, Chef?“, fragte er dann und zog den Kopf ein, als erwarte er einen Fangschlag.

Ich wollte nur loswerden, dass du die Zettel mit dem kleinen Häschen drauf ruhig benutzen kannst. Irgendwie sind sie ja doch ganz niedlich. Ich wollte dir da nicht reinreden, nimm die Zettel die du bevorzugst.“

Okay, ist gut Chef.“

Wirst du also in Zukunft die Zettel benutzen, die dir am liebsten sind?“

Ja.“ Dann hob er ohne meine Aufforderung den Blick und sagte es noch einmal, während er mir in die Augen sah. „Ja, das werde ich.“

Und wenn der Eindruck entstanden sein sollte, dass ich dich mit der Bitte, einen Mundschutz zu tragen, irgendwie demütige oder dir zu nahe trete, dann tut mir das leid. Nur weißt du, eines unserer Models konnte auch keinen Blickkontakt halten und mit dieser Methode konnten wir das bei ihr korrigieren. Aber du arbeitest nicht als Model und es ist nicht wichtig, ob du mir in die Augen siehst oder nicht. Ich wollte nicht den Eindruck erwecken, dich erziehen zu wollen. Auch wenn du sehr jung bist, du bist erwachsen und ich kenne dich gar nicht, also sollte ich mir nicht das Recht heraus nehmen und entscheiden, was gut für dich ist und was nicht. Daher brauchst du natürlich keinen Mundschutz tragen, es tut mir leid, dir den gleich zu Beginn aufgedrückt zu haben.“

Nein, bitte. Das ist okay“, sagte er jedoch und richtete sich etwas auf. „Ich verstehe ja, was er bezwecken soll und weiß selbst, dass es blöd ist, wenn ich niemanden ansehe. Ich versuche es mir abzugewöhnen, danke dass sie mich darauf hingewiesen haben.“

Aber du brauchst keinen Mundschutz tragen, um dir das abzugewöhnen.“

Bei Ihrem Model hat es doch so funktioniert, oder? Die Idee mit dem Mundschutz ist wirklich gut.“

Kesshou“, sagte ich dann etwas entschiedener „wenn du dich damit nicht wohl fühlst, dann solltest du ihn aber nicht tragen.“

Herr Hosokawa, bitte. Es ist eine gute Idee und das Tragen geht wirklich in Ordnung. Ich fühle mich damit sogar wohl, weil somit niemand sieht, dass ich heute Morgen etwas schusselig war und mich beim rasieren geschnitten habe.“ Seine Augen formten sich zu zwei Halbmonden, als würde er lächeln.

Na gut, dann bin ich erleichtert. Aber wenn du ihn nicht tragen willst, zieh ihn aus, hörst du?“

Verstanden, Chef. Gibt es sonst etwas, was ich tun kann?“

Ich schüttelte den Kopf und wandte mich schon zum gehen um, doch dann fiel mir doch noch etwas ein.

Ach sag mal, hast du eigentlich einen Führerschein?“

Er nickte und sagte, dass er ihn jedoch bisher nur in Mihara benutzt hatte.

Die Straßenverkehrsordnung ist überall die selbe.“, sagte ich daraufhin. „Übermorgen habe ich eine Untersuchung, bei der ich eine Narkose bekomme. Also brauche ich jemanden, der mich begleitet und in die Agentur zurück bringt. Interesse?“

Wenn Sie das möchten, würde ich es gern tun, nur leider habe ich keinen eigenen Wagen.“

Du würdest ja dann meinen Fahren.“

Die gesunde Hälfte seines Teints nahm die bleiche Farbe der pigmentgestörten Gesichtshälfte an.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich das kann.“

Ich könnte auch ein Taxi nehmen.“

Yuki schien nicht zu wissen, was er sagen sollte. Dann zog er sicherheitshalber wieder den Kopf ein und fragte kaum hörbar, warum ich denn dann kein Taxi nähme.

Mir ist es lieber, wenn du mich fährst. Und mach dir keine Sorgen darüber, dass du dich verfahren könntest oder den Großstadtverkehr nicht gewohnt bist. Hin fahre ich selbst und du kannst dir die Strecke schon einmal ansehen. Und auf der Rückfahrt bin ich ja auch noch da, und kann dich durch die Stadt lotsen.“

In Ordnung. Wenn Ihnen das lieber ist als mit dem Taxi zu fahren, dann fahre ich Sie zurück“, sagte er.

Eigentlich wäre es dir aber lieber, wenn ich ein Taxi nehme.“

Er weitete die Augen und beteuerte, dass er es machen würde und dass er es gern tat, doch überzeugend klang er nicht.

Hör zu, Kesshou.“, sagte ich nun und kam näher, stützte mich mit einer Hand an seinem Schreibtisch ab. „Ich kann mir vorstellen, dass du unsicher bist, weil du die Strecke nicht kennst und noch nie in einer Großstadt Auto gefahren bist und vielleicht zum ersten Mal einen Mercedes fährst-“

Mercedes“, wimmerte er unweigerlich voller Ehrfurcht. Ich ignorierte es und fuhr fort.

Aber all das ist nichts, wovor du Angst haben musst. Wenn übermorgen alles gut läuft, kann ich dich künftig vielleicht noch einmal darum bitten, mich zu fahren, wenn es mir nicht gut geht oder du Erledigungen für mich machen musst. Ich weiß immerhin nicht, ob sich mein Zustand in den nächsten Wochen nicht möglicherweise stark verändert. Wenn ich dann weiß, dass da jemand ist, der mich sicher von A nach B bringt, dann ist das viel wert.“

Wenn ich an Ihrem Auto einen Kratzer verursache oder eine Beule, dann-“

Dann lass ich es wieder ausbessern. Mach dir keine Gedanken über den Wert des Wagens, letztendlich ist es auch nur Blech.“

Er war nicht beruhigt, aber wenigstens sah er ein, dass es eine gute Chance war, zu sehen, ob er in Zukunft als mein Fahrer geeignet wäre oder ich ihn besser in anderen Bereichen einsetzen sollte. Ich wollte mich gerade von seinem Schreibtisch entfernen und bewegte den linken Fuß, der plötzlich gegen einen harten Widerstand stieß und ein Klirren auf dem Boden auslöste. Yuki sah mich mit riesigen Augen an und die Blässe seines Gesichts wich einer tiefen Röte.

Habe ich etwas umgestoßen? Tut mir leid“, sagte ich und bückte mich, um zu sehen, um was genau es sich handelte. Eine Tasse. Was hatte die denn auf dem Boden zu suchen? Ich griff danach und hob sie auf und als ich mich wieder aufrichtete und sie näher betrachtete, verbarg Yuki beschämt die Augen hinter vorgehaltener Hand.

Von der Tasse starrte mir das kleine Comichäschen mit den ausdruckslosen Knopfaugen entgegen.

Scheinst das Vieh ja echt zu mögen“, sagte ich und stellte die Tasse auf den Schreibtisch.

Die wollte ich gleich nach der Arbeit umtauschen“, sagte er und verbarg noch immer seine Augen, dann griff er schließlich eilig nach der Tasse und stellte sie wieder unter den Tisch.

Bist du im Jahr des Hasen geboren?“

Nein, in dem des Pferdes.“

Siebenundsiebziger Jahrgang?“

Achtundsiebzig.“

Hm.“ Achtundsiebziger Jahrgang. Fast noch ein Kind. Hätte ich je einen Sohn gezeugt, hätte er so alt sein können wie er. „Sie ist süß, die Tasse.“

Ich werde sie trotzdem umtauschen“, sagte er und sah nicht mehr auf.

Du hast zwar gleich Feierabend, aber kannst du mir die Unterlagen, die du abgetippt hast, noch einmal schnell drucken und hochbringen? Die Exemplare von vorhin sind schon als Briefe raus und ich würde sie gern noch bei mir abheften.“

In Ordnung.“

Gut, dann bis gleich.“

Bis gleich, Chef.“

Ich brauchte keine Kopien, ich wollte nur wissen, ob er wieder die Zettel mit dem Häschen verwenden würde oder nicht.

Er benutzte die neutralen Zettel.

Ich hatte es also geschafft, diesen kleinen Anflug von Entfaltung sofort abzutöten, sodass es ihm lieber war, überhaupt nichts mehr von sich Preis zu geben aus Angst, sich noch einmal Blöße zu geben.

Nachdem er und die meisten der Mitarbeiter Feierabend gemacht hatten, schlenderte ich nach unten in die elfte Etage, betrat sein leeres Büro und sah nach, ob er die Tasse mitgenommen hatte. Tatsächlich, sie war nicht mehr da und vermutlich genau in diesem Moment längst umgetauscht.

Es tat mir wirklich leid, nicht aufgepasst zu haben. Ich hatte nicht beachtet, dass Menschen, die üblicherweise nicht viel Kontakt mit anderen hatten, manchmal jedes Wort in die Waagschale legten, weil so wenig Kommunikation stattfand, dass das, was man sagte, plötzlich gewichtiger war als es sein sollte.

Kaum vorstellbar, dass etwas so belangloses zu einer so großen Sache werden konnte. Jeder Mensch mit einem gesunden Selbstbewusstsein hätte irgendetwas gekontert oder sie zumindest trotzig weiter benutzt. Aber Yuki hatte dieses gesunde Selbstbewusstsein nicht. Die Zettel, na schön. Da konnte ich noch verstehen, dass man sich etwas komisch vorkommen könnte, wenn man sie erst nicht benutzen sollte und man es dann doch wieder durfte. Doch wenn ihm die Tasse mit dem kleinen Hasen drauf gefallen hatte, dann hätte er sie behalten sollen. Das hatte ja nichts damit zu tun, ob sie mir gefiel oder nicht, ich meine, was ging mich denn seine beschissene Tasse an?

One Comment

  1. mjeera

    Das war also das erste Kapitel aus Yuichis Sicht. Mann, er ist so schwer zu schreiben D: Was habe ich mir da nur angetan?
    Ich hatte einen kurzen Augenblick überlegt, das Kapitel in der Mitte zu teilen, weil es relativ lang ist, aber habe mich dann doch dagegen entschieden, weil es somit kompletter wirkt.
    Ich habe, wie in dem Post “2017-02-01 Schreibereinmaleins: Analyse alter Geschichten” schon geschrieben, in den letzten Tagen, wo ich krank daheim war, noch mal meine alten Fanfiction gelesen und dabei einige sehr hilfreiche Erkenntnisse über meine Schreibstil und ein paar wiederkehrende Fallstricke gesammelt, die ich hier schon ein wenig versucht habe, umzusetzen. Allerdings war das alte Manuskript des Kapitels dann in sich doch zu schlüssig, als dass ich da zu viel dran habe ändern wollen. Ich hoffe also, mich mit kommenden Kapitel noch weiter steigern zu können (auch wenn noch mindestens zwei Kapitel zu ca. 80 % fertig sind und ich auch da vermutlich nicht zuuu viel ändere).

    Habt ihr eine Meinung zum Kapitel? Dann lasst mir doch einen Kommentar da, ich würde mich sehr freuen <3

    mjeera

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