Schneespuren Part 2.2

Teil 2: Die kaputte Menschmaschine

2. Blanke Nerven

Es war ein klarer, milder Morgen. Die Luft war erfüllt von jenem gewissen Duft, der den nahenden Sommer ankündigte. Als ich in meinen Wagen stieg, um mich auf dem Weg zur Agentur zu machen, vernahm ich heiteres Vogelgezwitscher aus den vielen mit Bedacht angelegten Gärten der Straße, in der ich wohnte.

In der Innenstadt, in der das gläserne Agenturgebäude neben anderen Bürobauten in ein endloses Hellblau aufragte, gab es keine Vögel. Einzig das Rauschen des regen Morgenverkehrs war zu vernehmen, und doch wirkte auch hier alles frisch und heiter, denn die Morgensonne spiegelte sich mit ihrem satten Gelb in der gläsernen Hausfassade.

Als Yuki knapp zwei Stunden später mein sonnengeflutetes Büro betrat, wirkte er an diesem frühsommerlichen Morgen völlig deplatziert, so, als hätte er mit seinem besorgten, blassen Gesicht (bzw. seiner Augenpartie, denn er trug den Mundschutz) ein Vorbote für etwas Kaltes, Dunkles und Unangenehmes sein sollen.

Schlecht geschlafen?“, fragte ich ihn, woraufhin er irritiert blinzelte, als verstehe er nicht, was die Frage bedeutete. Wie um auf Nummer sicher zu gehen, keine falsche Antwort zu geben, hob er lediglich verlegen die Schultern und kam näher, um die sortierte Post auf den Schreibtisch zu legen. Ich wartete, bis er mit dem Hantieren fertig war und sich wieder entfernte.

Ich nehme an, du hast heute noch genug mit den packenden Bedienungsanleitungen für deinen Computer zu tun“, bemerkte ich und sah ihm in die Augen, schnippte ein paar Mal mit dem Finger, bis er bemerkte, dass er meinen Blick erwidern sollte, was er schließlich tat, blinzelnd nickte und etwas sagte, das so schnell und hastig gesprochen wurde, dass ich ihn nicht verstand.

Was?“

Ich werde versuchen, die Grundlagen so schnell wie möglich zu beherrschen, um bald nützlich zu sein“, wiederholte er ebenso hastig, allerdings etwas lauter.

Du bist doch jetzt schon nützlich, Kesshou“, sagte ich, woraufhin er etwas erwiderte, was ich nicht verstand, während er hastig mit der rechten Hand wedelte.

Meine Güte. Was?“, fragte ich, nun genervter.

Ob ich wirklich nützlich bin, werden wir erst morgen feststellen, wenn ich Sie fahre“, wiederholte er, wobei er erneut mit der Hand wedelte, nun jedoch schwächer.

Ach komm, was soll schon schief gehen? Solange du dich nicht wie ein kompletter Idiot benimmst, sollte alles reibungslos ablaufen. Und wie gesagt, ich bin ja da und kann helfen. Also mach dir nicht ins Hemd“, sagte ich. Seine Augenpartie erweckte den Eindruck, als forme seine Mundpartie irgendeine Reaktion, die ich durch den Mundschutz nicht sehen konnte. Hatte er den Mund verzogen oder irgendetwas gesagt? Nichts davon erreichte mich. Vielleicht würde er irgendwann dahinter kommen, dass er schon etwas sagen musste – und zwar klar und deutlich – wenn er wollte, dass seine Gedanken irgendjemanden erreichen.

An diesem Tag stand eine ausführliche Besprechung mit Kayama auf dem Plan. Nach der Mittagspause kam er in mein Büro und wirkte noch zerstreuter als sonst. Er schien meistens mit seinen Gedanken woanders zu sein oder – schlimmer noch – etwas neben sich zu stehen. Das waren zugegeben keine Attribute, die man sich bei demjenigen herbeiwünschte, der für die Finanzen verantwortlich war. Und trotzdem war Kayama ein zuverlässiger Kerl, ein super Typ. Nur leider war er stinklangweilig und wirkte immer, als sei er von seinen eigenen Fähigkeiten kaum überzeugt. Dieses mangelnde Selbstbewusstsein spiegelte sich in seiner unmodischen Erscheinung mit den etwas zu langen, zu allen Seiten abstehenden Haaren und seinen Hemden und Hosen, die er mindestens eine Nummer zu groß trug, sodass sie tiefe Falten schlugen und wie Säcke an ihm herunterhingen. Nun, wie gesagt, er war eigentlich ein super Typ, sonst hätte ich ihn schon längst zum Teufel gejagt, dass er es wagte, mit so scheußlichen, unpassenden Klamotten in meine Agentur zu kommen. Und hinsichtlich der pessimistischen Selbsteinschätzung, die er an den Tag legte, hatte er ja gerade deshalb das Zeug dazu, sich von mir noch ein wenig optimieren und verbiegen zu lassen.

Während der Besprechung stellte Kayama viele Fragen bezüglich der neuen Aufgabenbereiche. Ich verwies ihn in den meisten Fällen an andere Manager und Teamleiter, um detailliertere Auskünfte zu erhalten. Je länger das Meeting dauerte, desto stärker schien die von ihm ausgehende lethargische Energie auf mich überzugehen und meine Antworten wurden knapper, meine Gedanken drifteten immer häufiger ab. Ich musterte ihn, ohne dem, was er sagte, genauere Beachtung zu schenken. Um jegliche Missverständnisse zu vermeiden, betone ich gerne noch einmal, dass ich Kayama gut leiden konnte. Jedoch – und es war mein Recht, dieser persönlichen Meinung zu sein – fand ich ihn ausgesprochen unattraktiv. Alles daran, wie er aussah, nervte mich und ich hätte ihm mehr als ein Mal am liebsten ins Gesicht geschrien, wie sehr mir sein langweiliges, hageres Gesicht auf die Eier ging. Meine Güte. So wenig aus sich selbst herauszuholen, wie Kayama es tat, grenzte an Dummheit. Er vergeudete so viel Potenzial mit seinem ungepflegten Äußeren, bis man nach den Jahren und Jahrzehnten, in denen er sich mit seinem Aussehen abgefunden und arrangiert hatte, das ursprüngliche Potenzial gar nicht mehr wirklich ausmachen konnte, denn es war verschwunden. Verschwendet. Dummkopf. Hätte er irgendwann angefangen, besser auf sich zu achten, hätte er relativ attraktiv sein können oder zumindest charismatisch – jeder Idiot konnte charismatisch sein, wenn er wollte. Ich war zugegeben nicht besonders wählerisch, wenn es um Bettgefährten ging, die lange Liste derer, mit denen ich mindestens ein Mal was hatte, bestätigte das, aber nie, niemals hätte ich es mit jemandem treiben können, der wie Kayama aussah.

Nachdem ich mich innerlich kurz geschüttelt hatte, kam mir ein anderer Gedanke. Vielleicht lag es gar nicht an dem armen Kayama, der, meinen beiläufigen Gedanken gegenüber ahnungslos, unbeirrt weitersprach, dass ich zunehmend erschöpft war. Möglicherweise schwächte mich auch bloß die Tatsache, dass ich noch nichts gegessen hatte. Wegen der Untersuchung am nächsten Tag durfte ich den ganzen Tag keine Nahrung zu mir nehmen. Nicht, dass mich dieser Umstand besonders bekümmerte, denn ich hatte keine emotionale Beziehung zu Nahrungsmitteln, aber üblicherweise hätte ich jetzt längst ein paar Kekse mit meinem Kaffee und einen Snack aus dem Cafébereich der Agentur zu mir genommen. Ich hing meinen Gedanken nach und nahm Kayamas Worte kaum deutlicher wahr als das diffuse Verkehrsrauschen, das ich am Morgen bei meiner Ankunft in der Agentur unten auf der Straße vernommen hatte, da erklang eine Lautfolge aus seinem Mund, die mich plötzlich wieder ins Hier und Jetzt zurückholte.

Kesshou? Was soll mit dem sein?“, fragte ich unwirsch, als ich realisierte, dass Kayama Yukis Namen gesagt hatte.

Kayama sah mich verdutzt an, hob dann kurz die Schultern und lächelte. „Ich wollte bloß wissen, ob er dir eine Hilfe ist? Nicht, dass ich ein Recht hätte, zu fragen.“

Es geht so“, antwortete ich knapp und dann, als mir wieder einfiel, dass es Kayamas Vorschlag war, einen Assistenten zu meiner Entlastung einzustellen, ergänzte ich etwas freundlicher: „Es war jedenfalls eine gute Idee, jemanden anzuheuern. Vielen Dank für den Vorschlag.“ Kayamas Lächeln lockerte daraufhin etwas auf und wuchs sogar zu einem flüchtigen Lachen, bevor es erlosch und er wieder zum Geschäftlichen überging.

Am Nachmittag, als ich nach der Besprechung wieder in meinem Büro war, kam Yuki mit der Post. Er (beziehungsweise seine Augenpartie) wirkte noch immer etwas blass und seine Bewegungen waren stockend und unkoordiniert. Kurz vor meinem Schreibtisch stolperte er über seine eigenen Füße und der gesamte Poststapel, den er bei sich trug, wirbelte durch die Luft und verteilte sich kreuz und quer über den Boden.

Er entschuldigte sich leise und machte sich daran, die Blätter aufzulesen. Das Rascheln des Papiers, von dem die Aufsammelaktion begleitet war, reizte meine durch die fehlende Nahrungsaufnahme angespannten Nerven.

Wird das heute noch was?“, fragte ich, als ich das Papierrascheln eine Weile über mich ergehen gelassen hatte, woraufhin er zusammenzuckte und erneut ein paar Blätter fallen ließ.

Hättest du die Güte, einen Gang zuzulegen, um endlich dieses Chaos zu beseitigen?“, ergänzte ich daraufhin mit Nachdruck.

Natürlich. Tut mir leid, Chef.“

Dieses unerträgliche Rascheln des Papiers, während er vor meinem Schreibtisch auf dem Boden hin und her rutschte, dort kauerte wie ein Köter.

Mir kam es fast vor, als wäre er nah genug, dass ich ihn atmen hören konnte.

Werd’ endlich fertig, verdammt!“, schnauzte ich ihn an und schlug mit den Händen auf die Tischplatte. Davon plötzlich aufgeschreckt, zuckte Yuki zusammen und zog die Schultern fast hoch zu seinen Ohren.

Es tut mir leid“, sagte er hastig und hantierte umso eiliger mit den Papieren, „ich bin jetzt fertig.“ Er erhob sich und sah zu Boden. „Ich werde vor die Tür gehen, um die Unterlagen zu sortieren, dann haben Sie etwas Ruhe. Ich bringe sie gleich zurück.“ Mit diesen Worten machte er auf dem Absatz kehrt und verließ mit zügigen Schritten das Büro.

Ich blieb allein zurück und sah auf die Stelle, an der er zuletzt gestanden hatte. Bei dem, was er gesagt hatte, fühlte ich mich seltsam. Einerseits war ich froh, dass er gegangen war. Andererseits war es mir unangenehm, dass er gespürt hatte, dass ich mich gestört fühlte; dass er vor mir geflüchtet war. Ich wollte es mir nicht anmerken lassen, wie reizbar ich war, aber ich war trotzdem aus der Fassung geraten. Vermutlich lag es wirklich nur daran, dass ich den ganzen Tag nichts gegessen hatte. Und doch hätte ich mich zusammenreißen müssen, das wusste ich. Als mein Blick durch mein Büro wanderte und an der Couchecke halt machte, war ich kurz versucht, zur Tür zu gehen und Yuki wieder herein zu bitten, um ihm zu sagen, dass er die Post auf der Couch sortieren könnte anstatt im Flur stehend oder vor der Tür kauernd. Doch ich ließ es aus irgendeinem Grund bleiben. Als er nach kurzer Zeit wieder das Büro betrat und die Post sicher an den Schreibtisch brachte, schwieg ich und wartete, bis er mit dem Hantieren fertig war.

Entschuldigen Sie noch mal. Ich bin heute wohl keine große Hilfe und das tut mir leid. Ich werde jetzt wieder in mein Büro gehen“, sagte er, „hoffentlich bin ich Ihnen morgen eine größere Hilfe.“

Klar, das wird schon“, erwiderte ich mit einem Seufzen und da ich sonst nichts sagte, verabschiedete sich Yuki nach kurzem Zögern für diesen Tag.

Am nächsten Morgen, als er die Post in mein Büro brachte, war er immer noch ein einziges Nervenbündel, mehr noch, als am Tag zuvor. Ich hingegen war wieder etwas entspannter und hatte mir fest vorgenommen, mich zusammen zu reißen, komme, was wolle. Um mich von meinem Hunger und der bevorstehenden Untersuchung abzulenken, hatte ich mir vorgenommen, Yuki an diesem Tag ein wenig auf den Zahn zu fühlen. Mir war wieder klar geworden, dass ich ihn bisher immer noch gar nicht wirklich kannte. Um ihn nach meinen Vorstellungen zu verbiegen, musste ich aber wissen, mit wem ich es zu tun hatte, also galt es, mehr über ihn in Erfahrung zu bringen.

Ich teilte ihm mit, dass wir um halb elf losfahren würden und er damit rechnen könnte, dass wir erst am Nachmittag zurückkämen. Er fragte mich, ob ich einen Kaffee wollte und ich lehnte ab, immerhin musste ich nüchtern und inhaltslos zur Untersuchung antreten. Als ich ihm sagte, dass ich an diesem Tag eine Darmspiegelung hatte, schien er weniger nervös zu sein. So als glaubte er, unter diesen Umständen kein Recht darauf zu haben, wegen einer Autofahrt nervös zu sein, wo mir etwas Unangenehmeres bevor stand.

Pünktlich um halb elf trafen wir in der Tiefgarage ein. Bei dem Anblick meines Wagens blieb er ehrfürchtig stehen und ich hatte einen kurzen Augenblick das Gefühl, als wollte er kehrt machen.

Sei nicht eingeschüchtert wegen eines Autos. Die meisten Männer mit dicken Schlitten wollen damit nur ihr überschaubares Gemächt kompensieren.“

Oh.

Jetzt hatte ich etwas gesagt, was den Eindruck erweckte, als gehörte auch ich zu dieser Gattung. Jeder Versuch, sich da raus zu winden, würde noch bescheuerter klingen, also musste ich es wohl oder übel bei dem Spruch belassen und in Kauf nehmen, dass Yuki nun glaubte, ich hätte einen winzigen Schwanz. Hoffentlich ergab sich in naher Zukunft einmal die Gelegenheit, neben ihm zu pissen, um mich und mein bestes Stück wieder in ein besseres Licht zu rücken.

Als er einstieg, machte er große, runde Augen, als hätte er die Grabkammer von Tutanchamun betreten. Vorsichtig schnallte er sich an, als könnte er etwas kaputt machen und blieb dann unbeweglich sitzen, mit den Händen auf den Oberschenkeln, aus Angst, den Wagen unnötig zu berühren.

Mit was für einem Wagen hast du fahren gelernt?“, fragte ich ihn.

Mit dem meines Vaters“, sagte er und verstummte.

Schalten kannst du aber, oder hast du Automatik gelernt?“

Nein, eigentlich kann ich schalten.“

Warum eigentlich? Denkst du, mein Auto reagiert nicht, sobald du es bedienst?“ Ich schmunzelte und er schwieg betreten. Ich fuhr aus der Tiefgarage und schlug den Weg zur Klinik ein. Zwischendurch kommentierte ich die Strecke ein wenig, sodass er sie sich besser merken konnte.

Warst du eigentlich sehr erstaunt, dass ich dir den Job als Assistent angeboten habe?“

Erstaunt?“, wiederholte er ungläubig und schnaubte daraufhin plötzlich spöttisch, „Nein, überhaupt nicht.“ Ungläubig schüttelte er den Kopf. Das Adrenalin, das sein Körper bei der Angst, die Strecke später zurück fahren zu müssen, ausschüttete, machte ihn scheinbar sarkastisch. Er hatte derweil bemerkt, was er getan hatte, und entschuldigte sich stammelnd.

Kein Grund, sich zu entschuldigen“, sagte ich und grinste. „Ich hoffe es ist dir nicht allzu schwer gefallen, deine Heimat zu verlassen und her zu kommen?“

Nein, kein Problem.“

Keine Freundin zurück gelassen?“

Er verneinte und verfiel in Schweigen.

Und deine Eltern, vermisst du sie?“

Ich bin erst seit ein paar Tagen weg.“

Das war kein Nein.“

Er schwieg und sah aus dem Beifahrerfenster. „Stimmt, es war kein Nein“, sagte er dann doch noch leise. Ich spürte, wie seine Gedanken immer weiter abdrifteten, also holte ich ihn wieder zurück zu mir, indem ich die Strecke weiter kommentierte und ihm einige Besonderheiten der Funktion meines Wagens erläuterte.

In der Tiefgarage der Klinik parkte ich rückwärts ein, sodass er es später beim Ausparken leichter hätte. Er fragte mich, ob er solange im Wagen warten oder mit reinkommen solle.

Sei nicht albern“, sagte ich bloß und nahm ihn mit.

Gemeinsam fuhren wir mit dem Aufzug hoch in das Klinikgebäude und während ich mich anmeldete, nahm er auf dem letzten freien Platz einer Sitzreihe im Wartebereich Platz. Die Angestellte hinter der Plexiglas-Scheibe, wo sich die Anmeldung befand, überprüfte meine Daten. Derweil sah ich mich um und beobachtete Yuki, der wiederum auf den Boden starrte. Wie ich einen Moment später bemerkte, sah ausnahmslos jeder, der mit ihm dort wartete, ihn unverblümt und mit entsetzter Miene an.

Hallo, hören Sie mich? Dritte Etage, linker Flur“, sagte die Frau hinter der Plexiglas-Scheibe. Ich wandte mich wieder um und bedankte mich, ging dann mit einer Akte, die man mir in die Hand gedrückt hatte, zu den Aufzügen und rief dabei Yukis Namen, woraufhin er aufstand und mit gesenktem Kopf zu mir kam, während ihm die entsetzten Blicke der anderen Wartenden folgten.

Komm mit, wir müssen auf die dritte Etage“, sagte ich.

Wenn Sie möchten, kann ich auch hier unten warten“, entgegnete er so leise, dass ich ihn kaum verstand.

Lass das lieber, wer weiß, was die Leute hier unten alles für Krankheiten reinschleppen. Oben ist es sicher ruhiger.“

Wie Sie möchten.“

Der Aufzug setzte sich in Bewegung. Einen Moment kam es mir vor, als hörte ich Yuki atmen. Ich versuchte, zu ignorieren, wie eng der Aufzug und wie nah mir Yuki war, bevor es dazu kam, dass mich dieser Umstand erneut reizte. Ich durchbrach die Stille mit der Frage danach, ob er schon einmal im Krankenhaus gelegen hatte.

Ja, als Jugendlicher“, antwortete er.

Mandeln oder Blinddarm?“

Weder noch. Ich hatte im Sommer mal eine Art Schwächeanfall.“

Schwacher Kreislauf?“

Er schwieg einen Augenblick, als müsse er überlegen, was damals noch mal vorgefallen war. Bevor er antworten konnte, hatten wir die dritte Etage erreicht und die Unterhaltung war beendet. Auf der Etage gab es eine weitere Anmeldung, wo ich meine Akte abgab und wartete. Yuki nahm derweil auf einem der im Flur stehenden Stühle Platz. Als ich das Anmeldezimmer verließ, setzte ich mich auf den Stuhl neben ihn.

Ich habe Hunger“, sagte ich, bloß, um irgendetwas zu sagen.

Soll ich Ihnen etwas zum Essen bringen? Hier gibt es doch sicher eine Cafeteria.“

Kesshou“, sagte ich „ich darf nichts essen.“

Ach ja, tut mir leid.“ Der Teil seines Gesichts, der nicht von seinem Mundschutz verhüllt wurde, nahm eine leichte Röte an. Er betrachtete das Bild an der Wand gegenüber. Eine Gruppe Pinguine auf einer Eisscholle.

Ich bin froh, dass ich kein Taxi genommen habe. Der Taxifahrer hätte mir beim Warten sicher keine Gesellschaft geleistet, zumindest nicht umsonst“, sagte ich.

Ich mache es auch nicht umsonst“, entgegnete er prompt. Ich schmunzelte überrascht. Stimmt, er machte hier ja seine Arbeit. Als ihm klar wurde, was er gesagt hatte, versuchte er, die Aussage stammelnd abzuschwächen.

Wirst du eigentlich überall so angestarrt wie eben unten in der Halle?“, fragte ich, um das Thema zu wechseln und wieder meinem ursprünglichen Plan zu folgen, mehr über Yuki herauszufinden. Auf meine Frage hin zog er den Kopf ein.

Daheim nicht mehr so sehr, da ist das mit dem Teufelsauge mittlerweile ein alter Hut.“

In deiner Heimat nennen sie es Teufelsauge?“

Ja, weil es rot ist.“

Dabei ist es eigentlich gar nicht rot, sondern grau, nicht wahr?“

Er sah mich an und runzelte die Stirn.

Es sieht nur rot aus, weil man dein Blut dahinter sieht, aber es ist nicht rot“, ergänzte ich.

Es hat die Farbe, die man sieht, oder?“, gab er zurück und seufzte dann. „Nein, tut mir leid. Ich wollte nicht widersprechen. Sie haben Recht, eigentlich ist es grau; oder vielmehr farblos.“

Hat es so etwas vorher schon mal in deiner Familie gegeben?“

Er schüttelte den Kopf. Ich fragte ihn, ob nur sein Gesicht betroffen sei.

Nein, einer meiner Unterschenkel ist ebenfalls farblos.“

Teufelsauge… und Elfenbein“, murmelte ich vor mich hin. Dann wurde ich allerdings aus meinen Gedanken gerissen, als sich eine Tür öffnete und ein Pfleger mich aufrief.

Ich schätze, jetzt habe ich die Arschkarte gezogen“, sagte ich.

Bis später, Chef und alles Gute für die Untersuchung. Ich rühre mich nicht von der Stelle.“

Als ich Stunden später im Aufwachraum die Augen öffnete, war es unglaublich ruhig um mich herum. Schmerzen hatte ich keine, immerhin hatte man mir schon dehnendere Objekte in den Allerwertesten geschoben. Allerdings hatte ich Hunger und Durst und wollte am liebsten gleich wieder einschlafen.

Der Arzt, der die Untersuchung durchgeführt hatte, sagte, dass man nichts verdächtiges hatte finden können, man aber noch die Ergebnisse der Biopsien abwarten müsse. Zur Besprechung der Resultate sollte ich Anfang nächster Woche wieder kommen. Doch es sah ganz danach aus, als gäbe es keine Metastasen im Darm und das würde die erste und letzte Untersuchung dieser Art gewesen sein. Wenigstens das. Als ich mich anzog, wurde ich noch einmal gebeten, nicht selbstständig Auto zu fahren, und wurde dann entlassen.

Yuki stand auf, als er mich sah und legte das Klatschmagazin weg, durch das er geblättert hatte.

Ist alles in Ordnung?“, war das erste, was er fragte. Ich erwiderte wahrheitsgemäß, dass mir schlecht sei. Daraufhin bot er mir an, mich zu stützen und ich fühlte mich noch etwas schwach und benommen, sodass ich das Angebot annahm und mich mit dem Arm bei ihm einhakte. Ich kam mir vor wie ein Opa, der mit seinem Enkel durchs Krankenhaus schlurfte. Ein ätzendes Gefühl – das merkte ich sogar trotz aller Benommenheit.

Jetzt hast du deinen großen Auftritt“, sagte ich, als wir mit dem Aufzug nach unten in die Tiefgarage fuhren.

Für mögliche Beulen und Kratzer möchte ich mich schon mal im Voraus entschuldigen.“

Du schaffst das schon und falls nicht bin ich noch etwas zu geschafft, um auszurasten“, sagte ich.

Wir erreichten die Tiefgarage und stiegen aus dem Fahrstuhl. Als wir meinen Wagen erreicht hatten, griff ich in meine Hosentasche und überreichte ihm mit übertriebener Geste meinen Schlüsselbund.

Gute Fahrt“, sagte ich und er sah hoch zur Decke, als erhoffe er sich Beistand von den Göttern.

Es ist nur Blech, denk daran“, sagte ich, als wir einstiegen und uns anschnallten. Seine Hände zitterten, als er den Schlüssel umdrehte und den Wagen startete.

Spiegel und Sitz einstellen, wie wäre es damit?“

Oh, natürlich.“ Er stellte alles auf sich ein, setzte den Blinker und ließ die Kupplung kommen. Er würgte den armen Motor vier Mal ab, bevor der Wagen sich auch nur einen Zentimeter bewegte. Als er die Tiefgarage verlassen hatte, applaudierte ich.

Das hat doch wunderbar geklappt! Wenn du das Ausparken hinter dir hast, ist der Rest der Fahrt ein Klacks, glaub mir.“

Das war etwas zu optimistisch, denn Yuki schien vor Nervosität die Hälfte der Verkehrsregeln und Funktionen eines Autos vergessen zu haben. Ich dachte, mit der Zeit würde es sich bessern, doch blieb seine Nervosität hartnäckig an ihm haften. Jedes Mal, wenn er an einer roten Ampel hielt, atmete er hörbar aus, als hätte er bis dahin die Luft angehalten.

Und, ist der Großstadtverkehr so schlimm?“, fragte ich, woraufhin er zu einer sarkastischen Antwort ansetzte, sich dann jedoch besann und es vorzog, nichts zu sagen.

Ich mochte es, wenn er sarkastische Anwandlungen zeigte! Es war, als wäre seine wahre Persönlichkeit ein Unwesen, das sich in der Tiefe eines Sees oder gar eines Ozeans versteckte, und man nur an dem sporadischen Wellenschlagen überhaupt ausmachen konnte, dass sich dort unten in der Tiefe etwas gewaltiges verbarg. Ich freute mich schon darauf, ihn näher kennen zu lernen. Dazu war es eine gute Idee gewesen, ihn um den Fahrdienst zu bitten. Wenn er die Sache überstand, ohne meinen Wagen oder uns beide zu Schrott zu fahren, traute er sich in meiner Gegenwart vielleicht etwas mehr zu und legte bald diese Nervosität ab, die mich manchmal in den Wahnsinn trieb.

Plötzlich wurden meine Gedanken davon unterbrochen, dass ich glaubte, es würde dämmern. Ich versuchte mich zu konzentrieren, die Straße oder die Häuser draußen zu fixieren, doch tanzten plötzlich weiße und schwarze Punkte vor meinen Augen. Ich wollte mich noch umdrehen und etwas sagen, doch ich kam nicht mehr dazu, bevor sich alles um mich herum mit einem Mal verdunkelte.

One Comment

  1. mjeera

    So, das war das zweite Kapitel aus Yuichis Sicht. Ihn zu Schreiben macht mich ein bisschen verlegen .__.
    Auch das nächste Kapitel ist quasi fertig (danke an mein schreibwütiges ich von 2011, dem ich die raschen Updates zu verdanken habe) und sollte folgen, sobald mich wieder eine wochenendliche Editierwelle erwischt.

    Habt ihr Gedanken zu dem Kapitel? Dann lasst mir doch einen Kommentar da, würde mich riesig freuen <3

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