Schneespuren Part 2.4

Teil 2: Die kaputte Menschmaschine

4. Der innere Kompass

Der Morgen war grau und nass. Die warme Sonne, die den Sommer ankündigte, war hinter der dicken Wolkendecke, die über der Stadt hing, nicht zu sehen. An Regentagen verspürte ich oft das Verlangen, die Bettdecke einfach wieder über den Kopf zu ziehen und darauf zu warten, dass die Welt dort draußen bald weniger trostlos aussehen würde. So auch an jenem Tag. Für die nächste Zeit standen die letzten Untersuchungen nach Metastasen und nach dem Primärtumor an. Letzteren hatte man bisher nicht gefunden, was wohl manchmal vorkam, aber nicht allzu oft. Sollten die Ärzte bei den Untersuchungen nichts finden, würden sie damit beginnen wollen, die Symptome meiner Krankheit – die Metastasen – zu bekämpfen, ohne zunächst gegen die Ursache vorzugehen, denn diese kannten sie ja nicht genau. Dies wäre so, als schöpfe man fortwährend Wasser aus einem Boot, ohne das Leck zu reparieren, da man nicht wusste, wo es war. Es wäre das Worst-Case-Szenario und mit jeder ergebnislosen Untersuchung wurde es wahrscheinlicher. Am liebsten hätte ich all das ignoriert und wäre einfach dort im Bett geblieben. Dennoch stand ich wie mechanisch auf und machte mich wie jeden Morgen bereit, zur Agentur zu fahren.

 

Erst als ich in mein Auto stieg und irritiert feststellte, dass die Sitzposition sich ungewohnt anfühlte, fiel mir wieder ein, dass Yuki tags zuvor den Wagen gefahren hatte und noch alles nach ihm ausgerichtet war. Bevor ich aufbrechen konnte, musste ich erst alles zurück auf mich einstellen. Im Auto kam mir der Gedanke, dass ich beim Zubettgehen den Entschluss gefasst hatte, mir Zeit zum Frühstücken zu nehmen. Doch nun war ich ohne Frühstück aus dem Haus gegangen und würde wie so häufig in der Agentur bloß einen Snack in der Catering Longue kaufen oder an einem Automaten ziehen.

 

Ich bemerkte, dass meine Gemütslage an diesem Tag generell völlig anders als am vorherigen Abend war. Die Gedanken und Gefühle des letzten Tages schienen weit entfernt. Das Bedürfnis, mich in der aufgewärmten Suppe meiner Erinnerung, die andere als Nostalgie bezeichneten, zu suhlen, war verschwunden. Beinahe kam es mir vor, als wären sie nicht von mir, sondern von jemand anderes gedacht und gefühlt worden. Hatte ich bloß deswegen ein Bedürfnis danach verspürt, die Fotos anzusehen, um mir nach Yukis Worten selbst zu beweisen, dass ich nicht nur an die Agentur dachte? Am darauffolgenden Morgen kam mir dieses Bedürfnis plötzlich sehr armselig und sentimental vor.

 

Am Empfang der Agentur wurde ich von Kiki begrüßt. Sie war eine der wenigen, die noch früher kamen als ich, aber ich blieb hingegen auch abends länger als die meisten anderen.

„Guten Morgen, Häuptling“, sagte sie und stand auf, deutete mit einem leichten Kopfnicken eine Verbeugung an. Wie jeden Morgen begleitete sie mich zu den Aufzügen. „Heute den ganzen Tag im Haus?“, fragte sie. Ich bejahte. Sie lächelte. „War der Termin gestern erfolgreich?“, fragte sie weiter. Ich lächelte nun meinerseits und bejahte erneut, ohne näher auf das Thema einzugehen. „Wirst du bald noch mal die Haarfarbe ändern?“, fragte ich stattdessen, woraufhin ihr Gesicht einen kurzen Moment ernst wurde, sich dann jedoch wieder ihr typisches, verschmitztes Lächeln darauf abzeichnete.

„Gefällt dir das Grün etwa nicht?“, fragte sie, woraufhin wir beide lachten und ich beteuerte, das Grün sehe ganz wunderbar aus.

Die morgendliche Begrüßung von Kiki war zu einem festen Bestandteil meines Tages geworden und wann immer sie krank war oder Urlaub hatte, fehlte sie mir. An jedem Tag, an dem ich in die Agentur kam und sie mich mit ihrem verschmitzten Lächeln ebenfalls zum Lächeln brachte, war ich froh, dass ihres das erste Gesicht war, das jeder, der die Agentur betrat, sah.

 

Zwischen halb Neun und Neun füllten sich langsam die Flure und Büros und die Agentur schien zum Leben zu erwachen. Es war meine Lieblingszeit des Tages und brachte mein Herz erwartungsvoll zum Klopfen. Kayama kam in mein Büro und fragte, ob ich den ganzen Tag im Hause sein würde. Offenbar hatte er kurz zuvor die Agentur betreten, denn er trug noch seinen Mantel. Aini und Tomoko Tanaka, die Leiterin der HR-Abteilung, kamen ebenfalls im Laufe des Morgens vorbei und erkundigten sich in ähnlicher Weise nach meiner Verfügbarkeit für diesen Tag.

Tanaka war eine Zeit lang etwas angefressen gewesen, weil ich sie und ihre Abteilung bei der Einstellung eines persönlichen Assistenten übergangen hatte. Scheinbar hatte Yuki sich an seinem ersten Arbeitstag in den meisten Teams vorgestellt und hatte so auch kurz mit Tanaka gesprochen. Als ich ihr am nächsten Tag auf dem Flur begegnete, erwähnte sie die Begegnung und schob schmunzelnd hinterher, dass sie jemanden wie ihn niemals für den Posten ausgewählt hätte.

„Wenn du aber mit ihm zufrieden bist, werde auch ich mich mit ihm zufriedengeben. Es wäre ja auch verwunderlich, wenn dich deine ausgezeichnete Intuition ausgerechnet bei der Auswahl deines eigenen Assistenten verlassen hätte“, sagte sie und nickte kurz, sodass ihre kinnlangen, schwarzen Haare ihrer ruckartigen Kopfbewegung folgten.

„Wenn er sich als Niete entpuppt, wirst du die Erste sein, der ich mein Leid klage. Dann darfst du mir zu jeder Gelegenheit vorhalten, dass ich ohne dich versagt habe“, entgegnete ich und wir beide lachten.

 

„War gestern alles in Ordnung?“, erkundigte sich Aini während ihres kurzen Besuchs. Ich war von der Tatsache, dass sie danach fragte, etwas erstaunt.

„Hat dein Bruder dir nichts erzählt?“, fragte ich mit beiläufigem Tonfall, woraufhin sie die Schultern hob.

„Nein, der hat gar nichts erzählt.“

Yuki war jung, (zumindest in meiner Anwesenheit) ständig nervös und hatte den halben letzten Tag etwas von der Wichtigkeit von Bezugspersonen gefaselt. Als ob so jemand seiner eigenen Schwester nichts davon erzählte, dass ihr gemeinsamer Arbeitgeber in Ohnmacht und er daraufhin mit seinem unangebrachten Verhalten möglicherweise in dessen Ungnade gefallen war. „Was hat er stattdessen gemacht? Irgendetwas auffälliges?“, hakte ich nach.

Aini schien kurz nachzudenken, was Yuki daheim eigentlich so trieb. „Das gleiche wie jeden Abend, schätze ich: Fernsehen und den Kühlschrank plündern“, sagte sie, schob dann jedoch hinterher: „Ach, jetzt fällt es mir ein. Er hat doch etwas gesagt. Ich fragte ihn, wie der Tag gelaufen ist und er meinte, er sei sich nicht sicher. Und dann hat er plötzlich gesagt: Ich glaube, ich werde bald wieder entlassen. Gibt es irgendeinen Grund, dass er zu der Annahme kommt?“

Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte. Gab es einen Grund? Oder war Yukis Sorge unberechtigt? Hatte ich mir überhaupt Gedanken gemacht, ob die Tatsache, dass er meine Anweisungen missachtet und mir dann mit seiner Einschätzung meinerseits zu nahegetreten war, irgendeine Konsequenz haben würde?

Aini und ich kannten uns seit vielen Jahren, in denen sich eine professionelle Vertrautheit zwischen uns entwickelt hatte. Manchmal verstand sie, was ich sagen wollte, bevor ich es sagte. „Ist schon gut“, sprach sie schließlich weiter, als wäre ihr klargeworden, dass ich ihr ohnehin keine richtige Antwort geben würde, „das geht mich nichts an. Er ist dein persönlicher Assistent. Bloß, weil er auch mein Bruder ist, steht es mir nicht zu, genaueres über eure Zusammenarbeit zu erfahren.“

 

Etwa eine Stunde, nachdem Aini da war, kam ihr Bruder in mein Büro, um die Post zu bringen. Sein Teint sah frischer aus als zur Begrüßung am vorherigen Morgen und er wirkte insgesamt etwas lebhafter und gefasster. Er begrüßte mich zaghaft, doch dieses Mal schien er ganz bewusst leise zu sein. Ich erwiderte den Gruß und beobachtete ihn, wie er sich dem Schreibtisch näherte und die Post behutsam darauf ablegte. Als er sich wieder entfernt und vor dem Tisch positioniert hatte, verknotete er einen Moment die Finger in einander, dann verbeugte er sich. Die Bewegungsabfolge hatte etwas Fließendes – wie ein Gebet – so, als wäre die Geste nicht spontan, sondern wohlüberlegt.

„Ich möchte mich noch einmal in aller Form für das, was ich gestern gesagt habe, entschuldigen“, sagte er. „Es tut mir leid, dass ich mich unangemessen verhalten habe. Ich hoffe, Sie sehen darüber hinweg und sind mir weiterhin wohlgesonnen.“ Er richtete sich wieder auf und sah hin und her.

„Schon gut, piss dir nicht ins Hemd“, sagte ich und wollte es dabei belassen. Zwischen den Besuchen der Geschwister hatte ich über das nachgedacht, was Yuki zu Aini gesagt hatte und wie ich in dieser Sache weiter vorgehen würde. Obwohl ich nie ein Geheimnis daraus machte, meine Energie fast ausschließlich in die Agentur zu stecken, fühlte ich mich durch die Tatsache, dass er es am Vortag ausgesprochen hatte, exponiert. Die Wahrheit zu kennen war kein Vergehen und doch: Wenn ich mich in den nächsten Tagen nicht um die Untersuchungen kümmern müsste, hätte ich vielleicht erwägt, mich nach einem Ersatz für ihn umzusehen. Immerhin hatte er während der Fahrt meine Anweisungen missachtet und mir später vorlaut meine eigenen Unzulänglichkeiten an den Kopf geworfen. Andererseits war es für ihn eine Ausnahmesituation gewesen. Er hatte wohl Erfahrungen mit einer Ohnmacht gemacht, die auf irgendeine Weise traumatisierend für ihn waren, und er war deswegen in Panik geraten, als ich das Bewusstsein verloren hatte. Der Rest von dem, was er tat und sagte, war dem Stress, den die Situation in ihm auslöste, zuzuschreiben. Ich ging davon aus, dass ihm in nächster Zeit nicht noch einmal ein ähnlicher Fehler unterlaufen würde und er mehr Vorsicht an den Tag legte. Also würde ich weiter mit ihm arbeiten und selbst wenn er nicht so biegsam war, wie ich glaubte, würde ich versuchen, ihn biegsam zu machen. Meine Intuition hatte mich dazu gebracht, ihn überhaupt einzustellen und eigentlich konnte ich mich immer darauf verlassen – sonst wäre ich beruflich nie dort hingekommen, wo ich nun war. Ich nahm mir also vor, meinem inneren Kompass zu folgen und zu hoffen, dass ich es nicht früher oder später doch bereuen würde, Yuki zu meinem persönlichen Assistenten gemacht zu haben.

 

Ganz so leicht sollte er jedoch nicht davonkommen: An diesem Tag ließ ich ihn als Konsequenz seines Fehltritts nur das Nötigste erledigen. Das war meine Idee davon, ihn ein bisschen schmoren zu lassen, auf dass er in Zukunft weniger geneigt war, meinen Anweisungen zu widersprechen oder anmaßend zu sein. Durch die somit geschaffene Distanz zwischen uns sollte seine Befürchtung, möglicherweise bald entlassen zu werden, sich verstärken, bis er durch die anscheinende Unsicherheit seiner Situation am Ende doch noch biegsam werden würde. Wenn mir dies gelang, konnte ich aus der Not eine Tugend machen und seinen Fehler am Ende zu meinem Vorteil nutzen.

 

Die von mir geschaffene Distanz hielt in den nächsten Tagen an. Wann auch immer er mein Büro betrat, war er kaum mehr als ein Schatten, der durch den Raum huschte, mit zunehmender Geschwindigkeit die Post in den vorhandenen Poststapel sortierte und sich dann wieder zurückzog. Anstatt ihn damit zu beauftragen, ging ich selbst immer häufiger zum Küchenbereich, um mir ein Heißgetränk zu holen. Dabei versuchte ich überwiegend Tee statt Kaffee zu wählen, wie um mir selbst zu beweisen, dass ich auf mich achtgab und meine Gesundheit stärkte. Spätestens nach der Mittagspause hatte ich durch den Koffeinentzug heftige Kopfschmerzen, sodass ich doch wieder auf Kaffee umsattelte. Am Abend kochte ich mir manchmal etwas oder aß zumindest eine Instant-Nudelsuppe, um meinem Körper gegenüber etwas guten Willen zu zeigen. Morgens nahm ich mir vor, mir Zeit zum Frühstücken zu nehmen, doch es gelang mir nicht. Zu oft war mir einfach danach, im Bett liegen zu bleiben und zu warten, bis der Tag sich dem Ende neigte, und dennoch stand ich immer wieder auf und machte mich bereit, in die Agentur zu fahren. Im Hinterkopf behielt ich die bevorstehenden letzten Untersuchungstermine, um den Primärtumor aufzuspüren. Was, wenn diese ergebnislos bleiben würden? Nicht daran denken, bloß weg mit diesen Gedanken. Am Nachmittag stand ein Meeting mit Kayama an. Was musste ich dafür noch vorbereiten? Yuki müsste einige Unterlagen kopieren. Ich durfte nicht vergessen, ihm das zu sagen, wenn er am Vormittag die Post brachte. Ich wollte ihn nicht unnötigerweise erneut ins Büro rufen müssen. Die Vorbereitungen für die bevorstehende Fashion Week waren auch in vollem Gange. Ich würde mich darauf vorbereiten müssen, rund um das Spektakel zu vielen kleineren Partys und Events zu gehen. So viel zu tun, so viel vorzubereiten – ich hatte keine Zeit, zwischendurch auch noch über Leben und Tod nachzudenken.

 

Weitere Tage vergingen. Zwei Untersuchungen gingen ergebnislos vorüber. Zwei weitere standen noch aus, bis dass die Ärzte damit beginnen würden müssten, Wasser aus dem Boot zu schöpfen, ohne das Leck zu reparieren. Das Worst-Case-Szenario war zum Greifen nah. Ich trank wieder überwiegend Kaffee, aß Kekse und ernährte mich mehrheitlich von Snacks aus der Café Lounge und den Snackautomaten in der Agentur. Morgens kam ich kaum aus dem Bett. Jeden Tag entstieg ich ihm wie einem Sarg, um mich bereit zu machen, zu MAJ zu fahren. Das Herzklopfen, während die Flure der Agentur sich langsam mit Leben füllten. Yuki brachte die Post und blieb dabei bis auf die üblichen Grußfloskeln schweigsam. Mit der Post brachte er immer neue Einladungen zu Events rund um die Fashion Week. Ich markierte sie in meinem Kalender und versuchte die eingetragenen Untersuchungstermine darin nicht zu beachten.

 

Nachts versuchte ich neben einem Mindestmaß an Schlaf häufig auch ein wenig Zerstreuung zu finden. Ich wusste, wo ich Ausschau halten musste und war geübt und geschickt darin, Partner für die Nacht zu finden. Meist blieb es bei einer einmaligen Begegnung, denn ich langweilte mich schnell und es war nicht so, als würde man jeden Tag Superman über den Weg laufen. Stattdessen schleppte ich meist jemanden ab, der bis auf einen für meine Zwecke funktionstüchtigen Körper nichts Interessantes zu bieten hatte.

 

Nachdem ich mich eines Abends vor dem Lovehotel, in das ich zuvor mit einem Liebhaber verschwunden war, von eben diesem verabschiedete, befand ich, dass es noch immer zu früh sei, um wieder nach Hause zu fahren. Ich fürchtete, ohnehin bloß stundenlang wach zu liegen, bevor das nach dem Stelldichein wieder in Gang setzende Gedankenkarussel in meinem Kopf endlich die Energie ausging und ich ein wenig Schlaf fand. Also machte ich einen großzügigen Umweg zu meinem Wagen und spazierte ein wenig durch das nächtliche Viertel. Es war mitten in der Woche und so waren nur vereinzelte Menschen unterwegs. Die frische Luft und der Blick auf die Skyline der Stadt, die ich von der Uferpromenade aus betrachtete, halfen, den Kopf etwas frei zu bekommen. Kurz vor Ein Uhr beendete ich meinen Spaziergang und ging zurück zu meinem Wagen, den ich einige Straßen weiter vom Lovehotel entfernt geparkt hatte. Ich hatte den Wagen fast erreicht, da hörte ich etwas hinter mir rascheln und drehte mich um. Es waren ein paar Jugendliche, die sich näherten. Einige trugen Kapuzen, zwei von ihnen rauchten.

„Wo soll’s denn hingehen, Alter?“, fragte einer. Die Gruppe näherte sich langsam. Ich blieb stehen und steckte die Hände in die Manteltaschen, ließ den Autoschlüssel geräuschlos darin zurückgleiten. Was wollten sie von mir? Geld? Ich wusste, dass man mir ansah, dass ich reich war, also wollten sie vermutlich das.

„Ich vertrete mir nur die Beine.“

Die Jungs glucksten daraufhin und grinsten. „Die Beine vertreten – ja, das tun wir auch.“

Das war auch schon alles. Keine Drohung, keine Aufforderung, mein Geld heraus zu rücken oder meine Uhr. Dass ich ein reicher, erfolgreicher Mann war, zählte nicht. Es war egal, wer ich war. Wichtig war nur: Ich war allein.

Einer von ihnen kam auf mich zu. Bevor ich realisierte, was geschah, stieß er mich zu Boden, sodass mein Kopf auf den Asphalt aufschlug. Einen Moment lang war ich benommen. Dann waren sie über mir, schlugen und traten mich. Ich hob die Hand und flehte, dass sie aufhören mögen. Doch sie hörten nicht auf. Als ich glaubte, ich könnte es nicht länger aushalten, beendeten sie den Angriff so plötzlich wie sie ihn begonnen hatten und zogen weiter – einfach so. Sie nahmen nichts mit; sie hatten mich bloß zusammengeschlagen. Ein Zeitvertreib, nichts weiter.

Ich blieb liegen und hörte, wie sich ihre Stimmen allmählich entfernten, bis es still um mich herum war – einzig das Schnarren der Straßenlaterne über mir und mein Atem gegen den anthrazitfarbenen Asphalt waren zu vernehmen. Auf dem Boden vor mir waren kleine Blutspritzer, die wie rote Regentropfen aussahen. Nachdem ich einen Moment so liegen geblieben war, tastete ich mit der Hand langsam, nahezu mechanisch nach meinem Gesicht. Wo genau blutete ich? Hatten sie mir etwas gebrochen? Ich konnte die Blutquelle nicht ausmachen, es war also vermutlich bloß eine kleinere Wunde. Schließlich setzte ich mich auf. Mein Körper schmerzte, doch ich konnte mich bewegen. Kein Grund also, in Panik zu geraten. Einzig mein linkes Bein schien ernsteren Schaden erlitten zu haben. Ich versuchte, es vorsichtig zu belasten, doch brachte mich der stechende Schmerz, der meinen Körper daraufhin durchzog, dazu, diesen Versuch wieder abzubrechen.

 

Komm schon, Yuichi. Reiß dich zusammen. Schmerz ist nur ein Gefühl. Und bei Gefühlen hat man die Wahl, ob man sie zulässt oder nicht.

 

Ich versuchte es noch mal, hielt den Schmerz dieses Mal aus, knipste ihn weg, doch mein Bein gab nach und ich sackte wieder zu Boden. Mist. So konnte ich nicht selbst zurückfahren.

 

Und jetzt?

 

Ich saß da in dem Dämmerlicht der Laterne, sah zu meinem Wagen, der etwa zwanzig Meter entfernt stand.

 

Was soll ich tun?

 

Hätte ich mich bloß nicht von diesen Kindern überwältigen lassen. Ich war nicht schwach, aber der Angriff kam so plötzlich, dass ich sogleich wehrlos zu Boden ging.

Langsam setzte ich mich in Bewegung, zog mich mit Kraft meiner Arme langsam über den Asphalt in Richtung meines Wagens.

Hätte ich das Auto doch an einem anderen Ort geparkt, vielleicht wäre dann nichts passiert.

Der Schmerz in meinem Körper dauerte an und die Reibung des verletzten Beins auf dem kalten Boden brachte umso stärkere Schmerzwellen über mich, die ich zu ignorieren versuchte.

Wenn ich doch bloß einmal meine Libido unterdrückt hätte und einfach daheim geblieben wäre. Warum war mir das Gebumse überhaupt so wichtig? Bloß, weil es die einzige Art von Nähe war, die ich mir zugestand? Alle anderen Bedürfnisse konnte ich doch auch kontrollieren. Und irgendwie hätte ich mich doch auch anders ablenken können. Wenn ich doch nur nicht krank geworden wäre, dann könnte ich meine Gedanken voll und ganz auf die Arbeit konzentrieren und ich wäre nie so aus dem Gleichgewicht geraten. Doch nun musste ich diese ganzen Untersuchungen über mich ergehen lassen und permanent meine Energie dafür verschwenden, dieses bescheuerte Gefühl wegzuknipsen, dass ich möglicherweise gesundheitlich metertief in der Scheiße steckte. Wenn diese dämlichen Ärzte doch nur den verdammten Primärtumor finden würden! Was für ein inkompetenter Haufen! Konnte das denn so schwer sein? Eigentlich sollte ich sie verklagen, dass sie mir auf diese Weise meine Zeit und meine innere Ruhe raubten. Wussten sie denn nicht, dass ich keine Zeit für diesen Blödsinn hatte? Immerhin musste ich eine Agentur leiten. Die Fashion Week rückte immer näher. Hatten die überhaupt eine Ahnung, was das für einen Berg an Aufgaben und Verantwortlichkeiten bedeutete? Und als wäre das nicht schon genug, musste ich mich auch noch damit auseinandersetzen, was möglicherweise nach meiner Zeit mit MAJ passieren würde und nebenbei auch noch diesen uncharismatischen Finanznerd zu etwas aufbauen, das größer war als er selbst. Außerdem war da noch dieser merkwürdige Junge, den ich aus einer Laune heraus zu meinem Assistenten gemacht hatte, bloß weil er gleichermaßen anziehend und abstoßend aussah. Auch ihn musste ich schnellstmöglich einarbeiten, dass er mir irgendwie nützlich sein könnte – irgendwann, wenn die Krankheit ihren Lauf nahm und ich auf Hilfe angewiesen wäre, was schneller passieren konnte, als mir lieb war.

Ich hielt bei dem Versuch, mich zu meinem Auto zu robben, inne und ließ die Stirn auf den Asphalt sinken, versuchte, mich zu sammeln und die Schmerzen zu beherrschen. Und zugleich dämmerte mir langsam, dass es zwecklos war, mich zu meinem Wagen zu bewegen, da ich ohnehin nicht in der Lage sein würde, ihn zu fahren. Die Sinnlosigkeit meines Bewegungsversuchs machte es immer schwieriger, die Schmerzen zu unterdrücken. Längst liefen mir Tränen über die Wangen, wie um dieser Anspannung und Konzentration in mir ein Ventil zu bieten. Da ich nicht selbst fahren konnte, brauchte ich schleunigst einen Plan, was ich stattdessen tun sollte. Ich konnte die Ambulanz rufen oder selbst die Polizei, wenn ich es drauf anlegte. Doch diese Optionen kamen mir sehr dramatisch vor. Dann also ein Taxi. Ich richtete mich wieder etwas auf, wischte die Tränen weg und nahm mein Mobiltelefon zur Hand. Gerade war ich im Inbegriff, die Nummer eines Taxiunternehmens im Nummernspeicher zu suchen, da stieß ich auf den Eintrag, den ich für Yuki erstellt hatte, als ich seine Nummer in die Kontaktliste aufgenommen hatte. Ich hatte ihn unter PA für personal Assistant gespeichert. Soeben wollte ich die Suche nach einem eingetragenen Taxidienst fortsetzen, da hallten plötzlich Yukis Worte von neulich in meinem Kopf wider.

 

Können Sie niemanden zuhause anrufen, der Sie abholt?

Man hat doch irgendjemanden, den man anrufen kann, wenn etwas passiert.

 

Nein, verdammt. Ich hatte niemanden, den ich anrufen konnte. Ich hatte niemanden, denn ich war allein und einsam und traurig und voller Sorge und verzweifelt und todkrank.

Todkrank. Scheiße.

Ich ließ meine Hand mit dem Mobiltelefon sinken und wurde von einem weiteren Tränenausbruch geschüttelt. Meine innere Stimme sprach unentwegt auf dieses Häufchen Elend ein, das ich war, sprach gegen seine Verzweiflung an, auch wenn sie nahezu machtlos dagegen war.

 

Reiß dich zusammen, verdammt noch mal. Sei nicht hysterisch. Ruf ein Taxi und dann versuch, dich wieder zu sammeln. Hör auf, dich in dieser sentimentalen Scheiße zu suhlen, du bist kein Schwein. Was hat der Angriff eben überhaupt mit deiner Scheiß-Krankheit zu tun? Sei vernünftig, sei stark. Sei ein Mann, meine Güte.

 

Erneut zückte ich das Handy, suchte die Kontaktliste nach der Nummer einer Taxizentrale ab. Ich wusste, ich hatte einige abgespeichert, doch ich konnte mich nicht erinnern, unter welchem Stichwort oder Kürzel. Es fiel mir schwer, mich zu konzentrieren, und so suchte ich einige Minuten orientierungslos meine Kontaktliste nach oben und unten ab. Zwei weitere Male stieß ich bei meiner Suche auf den Eintrag PA und immer, wenn ich dort angelangte, hielt ich kurz inne, als sei ich versucht, Yuki anzurufen.

 

Sei nicht albern, Yuichi. Dieser Junge ist nur während der Geschäftszeiten dein Assistent und du hast dich dazu entschlossen, ihn eine Weile so wenig wie möglich zu benutzen, weil du ihn mit ein paar perfiden Tricks zu manipulieren versuchst. Kein Grund, ihn aus dem Bett zu klingeln, bloß weil du es nicht schaffst, ein Taxi zu rufen. Die ganze bisherige Verbiegung wäre umsonst gewesen und du müsstest ganz von vorn anfangen, wenn du dich jetzt nicht zusammenreißt.

 

Ich versuchte, den Impuls zu ignorieren, und doch kam er immer wieder zurück in mein Bewusstsein. Wäre es nicht sogar besser, direkt Yuki anzurufen? Immerhin müsste irgendjemand ohnehin herkommen, um meinen Wagen abzuholen. Wenn ich ihn rief, könnte er mich mit meinem Wagen nach Hause fahren. Das würde mir viel Aufwand ersparen. Und da er ja ziemlich verschwiegen zu sein schien, müsste ich nicht einmal fürchten, dass morgen die halbe Welt wüsste, dass ich mich heute Nacht wie ein erbärmliches, bedürftiges Stück Fleisch aufführte.

Ich entschied, es auf den Versuch ankommen zu lassen. Irgendetwas in mir hatte mich überhaupt erst dazu gebracht, Yuki einzustellen, und nun sagte etwas in mir, dass ich ihn anrufen sollte. Ich hatte mir vorgenommen, meinem inneren Kompass zu folgen. Wenn dieser mich zu Yuki führte, dann würde ich ihm folgen. Umkehren konnte ich immer noch.

Mit diesem Gedanken wählte ich den Eintrag PA aus meiner Kontaktliste aus und rief die darunter abgespeicherte Handynummer an.

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