Schneespuren – Zwischenspiel 1

Ich dachte erst, ich hätte mich verhört.

„Wie bitte?“, hakte ich nach.

„Ich werde deinem Bruder die Stelle als mein Assistent anbieten“, wiederholte Yuichi für seine Verhältnisse überraschend geduldig.

Ich hatte also doch richtig gehört.

Betont gleichmütig schlug er die Beine übereinander, lehnte sich zurück und sah mich aus dem Augenwinkel an, auf meine Reaktion wartend. Er verhielt sich gelassen, aber ich kannte ihn schon viel zu lang und viel zu gut, um es ihm nicht doch ansehen zu können: Er war Feuer und Flamme für diese Idee. Und er freute sich auf ihre Umsetzung wie ein kleines Kind.

„Ich dachte, du könntest mit ihm in Kontakt treten und ihm das Jobangebot übermitteln.“

„Als Verifizierung, dass es sich um ein echtes Angebot handelt?“, fragte ich. Er nickte; ich lag mit meiner Annahme goldrichtig.

„Mach deutlich, dass er keinen Rückzieher machen muss wegen anfallender Kosten für Flug und Unterkunft – den ganzen finanziellen Scheiß übernehme ich“, sagte er und machte eine Handbewegung, als vertreibe er eine Fliege.

„Wie wirst du ihn denn unterbringen?“

„Was weiß ich, irgendwie. Hotel, Wohnung – scheißegal. Hauptsache, nicht zu weit von der Agentur entfernt.“

„Das klingt nicht gut durchdacht“, sagte ich, woraufhin er verächtlich schnaubte. Ich begab mich auf dünnes Eis. Ab sofort musste ich etwas vorsichtiger sein, Yuichis Nerven waren seit er erkrankt war nicht mehr so strapazierfähig. „Das heißt nicht, dass deine Idee schlecht ist, sondern bloß, dass ich eine noch bessere habe“, lenkte ich ein. „Wie wäre es, wenn ich ihn für den Anfang erst mal bei mir aufnehme? So kann er sich schneller in der Stadt einleben.“

Er lehnte sich vor und hob die Augenbrauen.

„Das würdest du tun? Das wäre wunderbar!“

„Klar, sehr gern“, sagte ich. Es stimmte nicht, dass ich sehr gern Teil dieser unüberlegten Idee wäre und Yuki unbedingt bei mir einziehen lassen wollte. Allerdings hatte mein Bruder mir bei seinem Besuch vor einigen Wochen meinen sehnlichsten Wunsch erfüllt: Er hatte mir ermöglicht, meinen Sohn Aori zu sehen. Ich glaubte, ich schuldete ihm im Anbetracht dessen etwas. Und bevor ich diese Manipulationsmaschine in Menschengestalt ungebremst auf ihn losließ, nahm ich ihn lieber unter meine Fittische und verhalf ihm zu einem guten Start.

Ein weiterer Grund für mein Engagement war, dass ich vor Yuichi meine Reputation hinsichtlich des Verhältnisses zu Yuki wiederherstellen wollte. Nach seinem Besuch in der Agentur hatte Yuichi tagelang reges Interesse an ihm gezeigt. Er löcherte mich mit vielen Fragen, die ich als große Schwester hätte beantworten können sollen. Doch ich konnte es nicht. Wenn dieser Mensch, der für den Verlauf meines Lebens eine so wichtige Rolle gespielt hat, durch meine Ahnungslosigkeit in Bezug auf Yuki nun in irgendeiner Weise schlecht von mir dachte, wollte ich diesen Eindruck nur zu gern revidieren.

 

Als ich Yuichi kennenlernte, war ich mit meinen sechszehn Jahren ein wütender, frustrierter Teenager. Doch er sah Schönheit da, wo ich in meiner Andersartigkeit lediglich ein Stigma sehen konnte und ebnete mir meinen Weg in die Modebranche. Ich war ihm dankbar und entwickelte schnell ein großes Vertrauen in seine Fähigkeiten. Allerdings verwechselte ich seine Kompetenz, sein Charisma und sein oft freundschaftliches, lockeres Verhalten damals in meiner jugendlichen Naivität mit Vertrauenswürdigkeit. Ich begann, ihm mein Herz zu öffnen. Ich erzählte ihm von Dingen, die mich bewegten und legte ihm gegenüber auch familieninterne Probleme offen. Er hatte nie etwas getan, was dieses Vertrauen zerstört hätte, doch je länger ich ihn kannte, desto mehr begriff ich, dass er sich von Informationen dieser Art regelrecht ernährte. Er behielt sie bei sich und lauerte darauf, eine der Informationen, über die er verfügte, mal zu seinem Vorteil auszuspielen, indem er den, der ihm sein Vertrauen schenkte, wie eine Marionette mal in diese, mal in jene Richtung lenkte. Hatte ich das erstmal erkannt, war ich immun gegen die Illusion, dass er sich über ein professionelles Maß hinweg für andere Leute interessieren oder sich um sie sorgen könnte.

Dies zu verstehen und zu akzeptieren, war für mich zunächst schwierig, denn es hatte eine Phase in meiner Jugend als aufstrebendes Model gegeben, in der ich die Dankbarkeit, die ich ihm entgegenbrachte, als Liebe missinterpretiert hatte. Die Tatsache, dass er schwul war, nahm ich somit damals schlecht auf –mein Herz war gebrochen. Doch im Laufe der Zeit wandelten sich meine Gefühle für ihn. Nun konnte ich tatsächlich einen Freund in ihm sehen, wenn auch einen, dessen Freundlichkeit sich exklusiv auf eine professionelle Ebene beschränkte, denn was außerhalb dieser Ebene in seinem Leben vor sich ging, war und blieb stets seine wohlbehütete Privatangelegenheit. Doch das war in Ordnung, denn so gelang es auch mir, nachdem ich gelernt hatte, mit ihm umzugehen, mein Privatleben vor ihm zu verschleiern. Auf diese Fähigkeit war ich letztendlich sogar angewiesen, da die Schwangerschaft und Geburt meines Kindes während meiner Zeit im Ausland unter allen Umständen geheim bleiben sollte. Um dies zu gewährleisten, musste ich ein Stück meiner hart erarbeiteten Aura der Stärke opfern, um den Rest meines gesellschaftlichen Ansehens bewahren zu können: Ich gab vor, eine schwere Burnoutphase zu durchlaufen. Dies war die plausibelste Ausrede für meinen Rückzug während der Schwangerschaft, denn immerhin hatte ich mich zuvor auf dem Höhepunkt meiner Karriere befunden und jettete als Model für große Jobs für namenhafte Designer und Marken rund um den Globus. Yuichi zeigte sich von meiner Burnout-Lüge zu meinem Erstaunen sehr betroffen, sodass ich fast doch noch glaubte, mein Wohlbefinden bedeute ihm nicht bloß als Geschäftsmann etwas, sondern auch als Mensch. Er gestand mir alle Zeit der Welt zu, diese Phase zu überstehen, bevor ich nach Japan zurückkehrte und somit zurück in die Dienste seiner Agentur trat.

 

Wenn Yuki nun käme, um für ihn zu arbeiten, lag es in meinem Interesse, dass er Yuichis Manipulationsversuchen nicht unvorbereitet begegnete. Schlimmstenfalls gelang es meinem Chef, ihn mit gezielten Aufmerksamkeiten und Ermutigungen hörig zu machen, auf dass er sich wie ich einst – jung und naiv – weiter öffnete als nötig war. In Yukis Herzen lagen nicht nur seine Gefühle, sondern auch eines meiner dunkelsten Geheimnisse verborgen. Ich wollte, dass es so blieb. Und indem ich ihn bei mir aufnahm, konnte ich hoffentlich einen gewissen Einfluss auf ihn ausüben, um dies sicherzustellen.

 

Zu meiner Verwunderung trat Yuki den Job als Yuichis persönlicher Assistent tatsächlich an. Er zog somit auf meine Couch und wir beide gaben einen Teil unserer Privatsphäre auf. Als Kind war mein Bruder immer laut und aufgedreht gewesen, was mich in meinen frühen Teenagerjahren genervt hat. Ich fragte mich stets, wie er sich bloß so aufführen konnte, obwohl er doch hätte wissen müssen, dass er alle und jeden störte.

Als junger Mann hatte Yuki mit dem Kind von früher nichts mehr gemeinsam. An seinem ersten Abend in meiner Wohnung bestätigte sich der Eindruck, den ich zuvor bei seinem Besuch in der Stadt bereits von ihm erhalten hatte. Er war auffallend leise und ich musste ihn zu allem, was er in der Wohnung tun durfte, extra auffordern. Er fragte, ob er das Badezimmer benutzen oder etwas aus dem Kühlschrank essen durfte. Dann fragte er, wie hoch sein Anteil an der Miete sein sollte. Ich sagte ihm, dass er sich deswegen keine Gedanken machen sollte.

Auch wenn ich nicht viel Platz für ihn hatte, versuchte ich, ihm den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Da er im Wohnzimmer schlafen würde, verzichtete ich fortan darauf, in dem Zimmer zu rauchen. Stattdessen ging ich dazu häufiger vor die Tür und kündigte an, wie lange ich fort sein würde, sodass er ein wenig Zeit allein für sich hatte. Auch er verließ an seinem ersten Abend noch einmal die Wohnung, um an einem Verkaufsautomaten in der Nähe ein paar Snacks zu besorgen. Er brauchte etwas länger, was, so sagte er, daran lag, dass er den Weg zurück nicht auf Anhieb gefunden hatte. Ich glaubte hingegen, dass er einfach noch ein bisschen länger allein sein wollte. Wenn er auch nur ein kleines Bisschen wie ich war, dann fand auch er in der Einsamkeit Entspannung und einen Weg, wieder aufzutanken. Als er zurückkam, klärte ich kurz mit ihm, wie der nächste Morgen ablaufen würde und wann er am besten aufstehen sollte. Nachdem alles geklärt war, verabschiedete ich mich, um mich schon mal ins Schlafzimmer zurückzuziehen. Eigentlich las ich vor dem Schlafengehen noch eine Weile in meinem Lesesessel im Wohnzimmer, doch nun, da Yuki da war, nahm ich mein Buch mit ins Bett.

 

An seinem ersten Arbeitstag war Yuki sehr nervös und durch seine Aufregung etwas ungeschickt. Er kleckerte mit seinen Kaffee auf sein Hemd und musste es wechseln. Mit seinen zittrigen Händen verzweifelte er an seinem Krawattenknoten, sodass ich ihm das Binden abnahm. Im Auto auf dem Weg zur Agentur war er ruhig und schien in sich gekehrt, als bereite er sich mental auf den Tag vor. Eigentlich hörte ich auf dem Weg zur Agentur üblicherweise die Nachrichten im Radio, doch ich entschied, darauf zu verzichten, um ihn nicht aus der Ruhe zu bringen.

 

Ich erwartete, Yuki erst am Feierabend oder frühestens zur Mittagspause wiederzusehen, doch da hatte ich die Rechnung ohne Yuichi gemacht. Yuki kam bereits am Morgen in mein Büro, um sich Geld zu leihen, weil er einen Mundschutz besorgen sollte. Ich wunderte mich, dass er das Haus ohne Bargeld bei sich zu haben verließ und war einen Moment genervt von dieser Tatsache. Ich hatte generell wenig Verständnis für Unselbstständigkeit, immerhin stand ich selbst schon früh auf eigenen Beinen. Doch dann fiel mir wieder ein, dass Yuki als Teenager nach dem Schulabbruch jahrelang kaum das Haus verlassen und somit vielleicht etwas unbeholfen außerhalb der eigenen vier Wände war. Ich nahm mir vor, ihm später etwas zum Mittagessen zu spendieren, dass er nicht ein weiteres Mal darum bitten musste, dass ich ihm etwas lieh.

 

Während der Mittagspause beschwerte Yuki sich über Yuichi und die ersten Stunden als sein Assistent. Ich wusste, dass unser Chef am Nachmittag eine Untersuchung hatte und klärte ihn darüber auf. Der Perspektivenwechsel würde ihm hoffentlich die Zusammenarbeit mit Yuichi erleichtern. Welches Recht hatte er denn auch, von einem kranken Mann mehr Rücksicht zu verlangen? Yuki sah es nach meinem Hinweis wohl genauso, denn er wurde kleinlaut und verfiel schließlich in nachdenkliches Schweigen.

 

Als wir uns am späten Nachmittag in der Tiefgarage der Agentur wiedertrafen, um gemeinsam nach Hause zu fahren, trug er noch immer den Mundschutz, den Yuichi ihn zu kaufen beordert hatte und den er wohl als Teil einer Manipulationsaktion im Büro tragen sollte. Ich fragte ihn, wie der restliche Tag gelaufen war.

„Gut“, sagte er und balancierte das, was er in den Händen hielt, Richtung Wagen: In der einen Hand hielt er einen kleinen Karton, in der anderen lauter lose Blätter. Manche waren bedruckt, manche handbeschrieben.

„Du solltest dir eine Mappe für deine Papiere zulegen“, sagte ich.

„Danke, das werde ich“, erwiderte er und hob nun den kleinen Karton, als sollte ich meine Aufmerksamkeit darauf richten. „Hosokawa hat mir ein Handy geschenkt“, sagte er dann und an der Art wie er es sagte, konnte ich erkennen, dass er stolz darauf war.

„Dir wurde ein Firmenhandy zugeteilt“, präzisierte ich, um ihm die Illusion zu nehmen, Yuichi hätte ihm einen Gefallen getan. „Gib ihm bloß nicht deine Privatnummer, sonst musst du vielleicht schneller Überstunden machen als dir lieb ist. Yuichi arbeitet von früh bis spät wie eine Maschine – du solltest ihm nur zu Bürozeiten dabei assistieren müssen, mach das so früh wie möglich deutlich, sonst nimmt er dich gnadenlos aus.“

„Privatnummer?“, hakte Yuki statt auf meinen Rat einzugehen nach, „aber ich habe nur dieses Handy hier.“

„Auch gut. In diesem Fall: Willkommen in der Gegenwart.“

„Ich freue mich so über das Handy. Jetzt kann ich jederzeit mit Mama und Papa telefonieren“, sagte er und schien unter dem Mundschutz zu lächeln. Ich hätte darauf verzichten können, dass er das Gespräch auf unsere Eltern lenkte, mit denen ich im Gegensatz zu ihm kein gutes Verhältnis hatte. Ich wollte ebenso wenig von ihnen wissen wie sie von mir.

„Lass uns später auch Nummern tauschen, aber jetzt fahren wir erst mal zurück zu mir“, sagte ich also nur und entriegelte die Türen meines Wagens.

 

Zuhause beschäftigte sich Yuki mit der Bedienungsanleitung seines neuen Handys, während er den Fernseher nebenbei unbeachtet vor sich hin flimmern ließ. Im Verlauf des Abends verließ er zweimal die Wohnung, um an den nächstbesten Verkaufsautomaten Snacks zu ziehen, da ihm wohl das Abendessen nicht reichte.

„Es ist nicht gut, abends zu viel zu essen. Das kann deinen erholsamen Schlaf stören“, machte ich meinen Standpunkt klar. Er lenkte ein, hungrig zu sein. Ich befand, seine Ernährung nicht noch weiter kommentieren zu wollen und ließ ihn mit seinen Snacks in Frieden. Den Rest des Abends saß er auf dem Boden zwischen Couch und Couchtisch, starrte auf den Fernseher und schaufelte die Snacks in sich hinein. Das Handy schien er mittlerweile vergessen zu haben, was mich wunderte, da er doch so froh darüber schien, damit mit unseren Eltern sprechen zu können. Und nun hatte er sie gar nicht angerufen.

„Gib mir mal dein Handy, dann gebe ich meine Nummer ein“, sagte ich. Er krabbelte auf allen Vieren zur Ecke der Couch, wo sein Handy lag, und reichte es mir. Ich gab meine Nummer ein, speicherte sie unter meinem Namen und rief sie an, sodass ich auf meinem Handy mit dem eingegangenen Anruf auch seine Nummer erhielt. Das Beenden des Wahlvorgangs führte mich in das Menü der von dem Handy aus getätigten Anrufe. Scheinbar hatte Yuichi zuvor auf die gleiche Weise Yukis Nummer in sein Handy befördert, denn am Nachmittag wurde ein Anruf an den Kontakt Hosokawa Yuichi getätigt. Was mich überraschte, waren zwei weitere Anrufe, die in den vergangenen beiden Stunden von dem Handy ausgegangen waren – und zwar an einen Kontakt namens Familie.

„Ich habe gar nicht mitbekommen, dass du eben telefoniert hast“, bemerkte ich, als ich ihm das Handy zurückgab.

„Ach ja“, erwiderte er leise, „das habe ich schnell erledigt, als ich draußen unterwegs war.“

„Verstehe.“ Vielleicht waren die Snacks, die er gekauft hatte, nur ein Vorwand, die Wohnung zu verlassen, um ein wenig Privatsphäre zum Telefonieren zu haben. Trotz meiner Bemühungen, ihm Raum für sich zu gewähren, hätte er wohl gerne öfter seine Ruhe. Wie am Abend zuvor verabschiedete ich mich etwas eher und ging ins Bett, um noch zu lesen, ohne Yuki zu stören.

 

Am nächsten Morgen goss Yuki sich zwar beim Frühstück nichts über sein Hemd, aber er hatte sich beim Rasieren geschnitten, sodass ich ihn mit einem Pflaster für sein Kinn versorgen musste.

„Mach dir nichts draus, du ziehst doch vermutlich eh gleich wieder den Mundschutz an, sonst hättest du doch auch das Lippenpiercing rausgenommen“, bemerkte ich, woraufhin er nickte. Er scheiterte erneut daran, seine Krawatte zu binden, also half ich ihm auch an diesem Morgen dabei. Während der Fahrt in die Agentur saß er wieder schweigend neben mir und starrte vor sich durch die Windschutzscheibe. Anders als am letzten Morgen hielt er dabei nun das Handy fest mit den Händen umschlossen, als handle es sich dabei um einen kostbaren Schatz.

 

In der Agentur meldete sich gleich am Morgen Yuichi telefonisch bei mir. Er war bester Laune und energetisch wie eh und je.

„Ich habe deinen Bruder gerade in sein eigenes Büro gesetzt“, verkündete er stolz und klang, als esse er nebenbei einen dieser kleinen Kekse, die in den Küchenbereichen der Agentur auslagen.

„Wunderbar, wo finde ich ihn denn ab sofort?“, fragte ich, ohne mir anmerken zu lassen, dass ich begriff, dass Yuki wegen der augenscheinlich großzügigen Geste, ein eigenes Büro zugewiesen zu bekommen, Yuichi gewiss innerhalb kürzester Zeit verfallen und somit hörig werden sollte.

„Ein Stockwerk über dir, hab eines der Büros für ihn geopfert, in denen wir immer die Wirtschaftsprüfer einquartieren.“

„Bei Kayamas Team“, bemerkte ich und dachte daran, dass er dann sicher häufiger diesem Fukada über den Weg laufen würde. Ich schätzte meinen Bruder als ziemlich naiven Menschen ein. Die Begegnung mit berechnenden Menschen wie Shinichi Fukada wäre da womöglich nicht vorteilhaft für ihn – andererseits arbeitete er eng mit Yuichi zusammen – und der war an Durchtriebenheit kaum zu überbieten, dagegen war auch Fukada bloß ein kleiner Fisch.

„Ja, genau“, sagte er, „ich habe die Mädels aus der Buchhaltung auf ihn angesetzt, meinst du, die sind nach seinem Geschmack?“

„Frag ihn selbst“, sagte ich, woraufhin er belustigt schnaubte und das Gespräch bald darauf beendete.

 

Zum Feierabend kam Yuki kurz in mein Büro, um Bescheid zu geben, dass er noch etwas in der Stadt erledigen und später eigenständig nach Hause kommen wollte. In der einen Hand hielt er sein Handy, in der anderen einen Karton, scheinbar die Umverpackung einer Tasse.

„Wenn du die Tasse mit zu mir nehmen willst, kann ich sie mit dem Auto transportieren. Dann musst du sie nicht tragen“, bot ich an.

„Nein, danke. Ich will sie umtauschen, deswegen gehe ich noch mal los“, erklärte er und wurde dabei immer leiser, bis seine ohnehin leise Stimme zu einem Murmeln verklungen war.

„Na schön“, erwiderte ich bloß, da er wegen des Themas verlegen zu sein schien.

Er bat mich, ihm noch einmal die Adresse meiner Wohnung zu geben, sodass er später den Weg zurückfinden würde. Ich nannte sie ihm und sagte, er sollte anrufen, wenn er sich verlaufen hätte, woraufhin er bloß leise zur Antwort lachte.

 

Als er zurück in meine Wohnung kam, hielt er sein Handy in der einen Hand, im anderen Arm trug er einige Lebensmittel, als wäre er noch in dem kleinen Supermarkt in der Nähe der nächsten U-Bahnstation gewesen. Ich war gerade dabei, die Blumen im Wohnzimmer zu gießen, als er einige Einkäufe im Kühlschrank verstaute, den Rest seiner Beute zum Fernseher trug und sich auf dem Boden davor niederließ. Gerade als er sich gesetzt hatte, klingelte plötzlich sein Handy. Er fuhr vor Schreck darüber zusammen und sah flüchtig zu mir herüber, als hätte er sich gewünscht, der Anruf wäre fünf Minuten eher gekommen, sodass er ihn noch draußen in Ruhe hätte beantworten können.

„Ist es in Ordnung, wenn ich den Anruf entgegennehme?“, fragte er.

„Ist das ein Witz? Du wohnst jetzt hier, mach doch, was du willst“, sprach ich das Offensichtliche für ihn aus, da er noch immer damit haderte, sich frei in der Wohnung zu bewegen.

Er nahm den Anruf entgegen und sprach leise und dieses Mal tat er es offenbar mit Absicht. Ich fuhr weiter damit fort, die Blumen zu gießen und versuchte, dem Gespräch nicht zu lauschen.

„Oh nein, war das heute? Dankeschön für eure Glückwünsche, das ist so lieb. Irgendwie ist das für mich völlig untergegangen bei dem Trubel der letzten Zeit.“

Ich nahm an, dass er mit unseren Eltern sprach. Ich linste zu ihm herüber, beobachtete, wie er dort auf dem Boden saß, umgeben von Snacks, und stetig mit dem Kopf nickte, wie um eine Verbeugung zum Dank anzudeuten, während er mit der einen Hand das Handy hielt und sich mit der anderen unentwegt über den Nacken rieb.

Heute.

Glückwünsche.

War es möglich, dass sein Geburtstag war? Ich hatte das Datum längst vergessen, obwohl sein Zustoßen zu unserer Familie so einen Wendepunkt für uns alle bedeutet hatte. Ich konnte mich einzig noch genau an den Moment erinnern, als mir mein Vater nach Yukis Geburt zum ersten Mal gegenübertrat. Sein Gesicht war ganz blass. Ich hatte ihn damals gefragt, ob mein kleiner Bruder wie wir beide aussah oder eher wie meine Mutter. Er sieht ganz anders aus als alles, was ich jemals gesehen habe, hatte Vater gesagt, er sieht aus, als hätte ein Teufel von ihm Besitz ergriffen und versucht, sich aus ihm zu befreien. Er sieht aus wie ein Monster. Meine Mutter hatte sich in den nächsten Tagen und Wochen immer wieder bei Vater und mir entschuldigt, dass sie ein Kind geboren hatte, das so entsetzlich aussah. Die ersten Jahre hatten wir Yukis Geburtstag gar nicht gefeiert und als unsere Eltern sich langsam bemühten, ihn als normal anzusehen und sein Geburtstag doch noch eine positive Bedeutung für sie bekam, hatte ich mich aus dem familiären Zusammenleben bereits ausgeklinkt und wohnte bloß einigen wenigen Geburtstagsfeiern für Yuki bei, die zufällig mit Besuchen zuhause zusammenfielen.

Ich lauschte weiter dem Gespräch, ob ich mehr Indizien heraushören konnte, doch Yuki berichtete nun von der Arbeit und erzählte von seinem Büro. Er hatte aufgehört, sich den Nacken zu reiben und saß etwas aufrechter.

Ich ließ mir mit dem Gießen der Blumen noch mehr Zeit, falls er noch einmal zum vorherigen Thema umschwenken würde. Vage Erinnerungen an Mutter, wie sie zur Kirschblüte hochschwanger war, kamen in mein Bewusstsein und gaben mir Hinweise darauf, dass Yuki im Frühling geboren sein musste. Gut möglich also, dass heute wirklich sein Geburtstag war. Und er selbst hatte ihn vergessen.

Yuki lachte kurz auf. „Ja, wenn man es so sieht, ist das Büro wohl wirklich wie ein Geschenk“, sagte er und rieb sich wieder den Nacken.

Geschenk.

Verdammt. Es war definitiv sein Geburtstag. Nun, da ich die Gewissheit hatte, musste ich eine Entscheidung treffen, was ich tun sollte. Sollte ich mit ihm feiern? Sollte ich noch schnell zusehen, dass ich ihm ein Geschenk besorgte? Ich brach schließlich das Blumengießen ab und ging noch mal vor die Tür. Ein paar Straßen weiter gab es eine Bäckerei, die noch geöffnet haben musste. Ein Geschenk würde ich wohl nicht mehr auftreiben können, aber vielleicht fand ich dort ja irgendetwas, das Ähnlichkeit mit einem Geburtstagskuchen hatte.

Ich hatte Glück, sie hatten noch ein Stück Sahnetorte, das ganz hübsch aussah. Ich nahm es mit und ließ mir eine Verpackung mit Geburtstagsmotiv für den Transport geben, sodass das kleine Törtchen am Ende tatsächlich etwas festlich aussah.

Als ich mit der kleinen Zuckerbombe bewaffnet in die Wohnung zurückkehrte, hörte ich das Murmeln des Fernsehers. Das Geburtstagskind hatte den Anruf also bereits beendet. Ich kehrte ins Wohnzimmer zurück und hob die Packung etwas an, um Yukis Aufmerksamkeit darauf zu lenken.

„Du hast also deinen eigenen Geburtstag vergessen? Ich hoffe unter diesen Umständen akzeptierst du auch von mir etwas verspätete Glückwünsche“, sagte ich. Er machte große Augen und ließ von der Snackpackung, in die er soeben greifen wollte, ab; stand sogar auf.

„Das ist doch nicht nötig. Vielen Dank“, sagte er und wirkte gerührt. Ich stellte die Packung auf dem Couchtisch ab, vor dem er sich wieder auf dem Boden niederließ und strahlte.

„Es ist nur ein kleines Stück, kein ganzer Kuchen. Ich hoffe, es ist okay, dass ich nicht mitesse.“

Er nickte. „Ich freue mich so“, seufzte er dann. Als ich das Törtchen ausgepackt und vor ihm platziert hatte, stützte er das Kinn in die Hände und betrachtete es einen Moment lächelnd. „Ich liebe Kuchen“, sagte er. Ich erinnerte mich plötzlich an die zwei, drei Mal, die ich einer Geburtstagsfeier für meinen kleinen Bruder beigewohnt hatte. Die schemenhafte Erinnerung an einen sechsjährigen Yuki mit großen, runden, ungleichen Augen und einem Zahnlückenlächeln kam in mein Bewusstsein. Mein Vater hatte soeben begonnen, sich seinem Sohn gegenüber zu verhalten, als hätte er nie gesagt, dass er aussehe wie ein Monster. Mutter fremdelte hingegen noch immer mit dem Kind, das sie monatelang unter ihrem Herzen getragen hatte. Dennoch hatte sie einen Kuchen zu seinem ersten Ehrentag, den wir feierten, gebacken. Sie hatte eine einzelne Kerze auf dem Kuchen platziert, als sei es in der Tat auch Yukis erster Geburtstag und nicht bereits der sechste. Der kleine Yuki sang lauthals mit, als Vater ihm ein Gebutstagsständchen sang, in das niemand von uns einstimmte, und pustete dann die zuvor entfachte Kerze auf dem Kuchen aus. Als meine Mutter diesen anschnitt, betrachtete Yuki sein Stück Kucken eine Weile mit einem gedankenverlorenen Lächeln, dann begann er, das Stück mit großen Happen zu vertilgen.

Vielleicht hatte der erwachsene Yuki doch noch etwas mit dem Kind von damals gemein, denn auch er betrachtete das Törtchen noch eine Weile zufrieden lächelnd, bevor er sich daranmachte, es zu essen.

„Ich habe noch ein Geschenk für dich. Auch wenn es etwas Immaterielles ist.“

„Was ist es?“, fragte Yuki kauend und verlor einige Krümel in seinem Schoß.

„Wenn du mit dem Törtchen fertig bist, bringe ich dir bei, wie man einen vernünftigen Krawattenknoten bindet, dann kannst du das demnächst selbst machen.“

 

Er brauchte noch ein wenig Hilfestellung, aber am nächsten Tag band er seinen Krawattenknoten tatsächlich selbst. Auf der Hinfahrt in die Agentur war er wie sonst auch schweigsam, doch dieses Mal beobachtete er aufmerksam, wie ich das Auto bediente, sodass ich ihn fragte, ob etwas nicht stimme.

„Morgen muss ich Autofahren und versuche mich nur zu erinnern, wie das alles noch mal geht“, erklärte er.

„Du hast einen Führerschein?“, fragte ich, „dann könnten wir uns in Zukunft ja mit dem Fahren abwechseln.“ Er schwieg, was ich als Zeichen dafür deutete, dass es vieles gab, was er lieber täte. „Fährst du Hosokawa morgen durch die Gegend?“, fragte ich dann weiter.

„Ja, er hat einen Termin.“

„Eine weitere Untersuchung?“

„Ja, genau.“

„Wenn du üben willst, übernimm von mir aus heute Abend die Fahrt nach Hause. Dann bist du morgen, wenn es ernst wird, bestimmt entspannter.“

„Klingt plausibel“, sagte er leise und somit war es beschlossene Sache.

 

Als Yuki am nächsten Abend zurück in meine Wohnung kam, sah er erschöpft aus. Ich erkundigte mich, wie die Untersuchung gelaufen war.

„Das weiß ich nicht genau, ich war ja nicht dabei“, erwiderte er und legte die Lebensmittel, die er aus der Küche mit ins Wohnzimmer gebracht hatte, auf dem Boden vor dem Fernseher ab.

„Und wie war die Fahrt? Hat alles geklappt?“, fragte ich.

„Ich bin mir nicht sicher“, antwortete er zu meiner Überraschung.

Am Abend zuvor war er die Strecke von der Agentur zu meiner Wohnung zurückgefahren. Zwar war er in der Lage, zu fahren und er war sogar ein recht passabler Fahrer, doch konnte er seine Nervosität auf der ganzen Strecke nicht abschütteln. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass er nach der Übung mit meinem Auto wegen der Fahrt mit Yuichis Wagen weniger besorgt schien.

„Willst du zur Entspannung ein Bad nehmen?“, fragte ich, doch er lehnte freundlich ab. Er öffnete eine Packung Reisbällchen und zappte scheinbar wahllos durch das Fernsehprogramm. Ich entschied, ihn in Ruhe zu lassen und wandte mich soeben ab, um für eine Zigarette die Wohnung zu verlassen, da sprach er plötzlich doch noch einmal.

„Ich glaube, ich werde bald wieder entlassen“, sagte er.

„Wie kommst du darauf?“, fragte ich. Doch ich erhielt keine Antwort mehr, er sah bloß weiter auf den Fernseher und biss wie mechanisch in eines der Reisbällchen.

 

Auch Yuichi schien nicht allzu erzählfreudig, was die Zusammenarbeit mit meinem Bruder betraf. In den nächsten Wochen waren beide in dieser Hinsicht recht verschwiegen. Doch wann auch immer ich Yuki nach der Arbeit in der Tiefgarage begegnete, um gemeinsam nach Hause zu fahren, wirkte er abgespannt, als läge ein schlechter Tag hinter ihm. Wir wechselten uns mit der Fahrt zur Agentur und zurück ab, doch ich übernahm meistens die Fahrt am Feierabend, weil ich es nicht über mich bringen konnte, ihm das bei dem Bild, das er abgab, auch noch aufzuhalsen. Ich hatte wieder begonnen, in der Wohnung Yoga zu machen und versuchte ihn zu animieren, sich mir dabei versuchsweise anzuschließen.

„Das hilft nämlich ganz wunderbar gegen Stress“, erklärte ich.

Als Model war es jahrelang Teil meines Jobs, mich gut um meinen Körper zu kümmern und nachdem ich von der Arbeit vor der Kamera als Scout hinter die Kulissen wechselte, pflegte ich weiterhin viele meiner positiven Gewohnheiten von damals. Yuki schien in den letzten Jahren genau das Gegenteil getan zu haben, denn er hatte eine für sein zartes Alter bemerkenswert schlechte Körperhaltung, Kraft und Ausdauer. Außerdem stopfte er abends ständig Fast Food oder Snacks in sich hinein. Wenn er abgespannt und gestresst war durch den Job bei Yuichi, sollte er anfangen, sich um sich selbst zu kümmern, um nicht langfristig einen Schaden von dem Stress davonzutragen.

Nachdem er sich beim ersten Mal nicht aus der Yoga-Sache herausreden konnte und sich einspannen ließ, verließ er an den folgenden Abenden länger die Wohnung, um mit unseren Eltern zu telefonieren. Vermutlich war das Timing dafür von ihm bewusst so gewählt worden, dass er meine Yoga-Stunde umging. Ich spannte ihn zum abendlichen Blumengießen ein, was er im Gegensatz zu meinen anderen Vorschlägen wenigstens annahm. Das gemeinsame Blumengießen wurde schon nach wenigen Tagen zu einem Ritual, bei dem er sich scheinbar etwas entspannte.

Eines Abends wirkte er dabei noch tiefer in Gedanken als sonst und sah ständig mit ernstem Gesichtsausdruck vor sich hin.

„Worüber denkst du nach?“, fragte ich.

„Ich weiß nicht genau, über alles irgendwie“, sagte er.

„Du wirkst nach der Arbeit immer abgespannt. Ich kann mir vorstellen, dass der Job sehr anstrengend ist.“

„Anstrengend ist das falsche Wort. Es ist eher frustrierend“, sagte er. Ich hakte nach, was er damit meinte, doch er blieb mir die Antwort zunächst schuldig.

„Für Hosokawa sind die letzten Wochen sicher auch frustrierend gewesen. Er hat viele Untersuchungen. Mach dir nichts daraus, wenn er mal schwierig ist, er ist sicher dankbar für deine Hilfe.“ Nachdem ich das gesagt hatte sah er mich schweigend an.

„Hosokawa ist mir wegen gar nichts dankbar, denn ich bin ihm überhaupt keine Hilfe“, erwiderte er schließlich. Und dann senkte er das Haupt und fing aus heiterem Himmel an zu weinen. Ich stand einen Moment bloß perplex daneben und wusste gar nicht, was ich tun sollte. Dann stellte ich die Gießkanne ab und legte meine Hand auf seine Schulter, rieb sie etwas unbeholfen.

„Ich habe den Job angenommen, weil ich dachte, Hosokawa bräuchte Hilfe und dass er glaubte, ich könnte ihm irgendwie behilflich sein. Aber ich sitze den ganzen Tag nur rum und bin mir selbst überlassen, ohne viel zu tun. Ich bin keine Hilfe – ich bin nicht mehr als ein Dekorationsgegenstand, der zufällig auch Kaffeemachen und Post sortieren kann. Und dafür habe ich Mama und Papa allein gelassen.“

„Nun wein doch nicht, du siehst all das zu negativ. Vielleicht hast du im Moment nicht viel zu tun, na schön. Aber das heißt doch nur, dass es Hosokawa noch gut genug geht, dass er das meiste lieber selbst erledigt“, sagte ich. Ich selbst zweifelte an meinen Worten. Wahrscheinlicher war, dass Yuichi meinen Bruder im Rahmen irgendeiner Manipulationsmaßnahme absichtlich frustrierte. Ich wusste, wie er sein konnte. Yuki weinte noch immer, doch nickte nun, nicht, als würde er mir rechtgeben, sondern als würde er das lediglich nicht mit mir ausdiskutieren wollen. „Er wird schon bald jemanden brauchen, so tragisch das auch ist“, ergänzte ich.

„Jemanden, ja. Aber ich bin ein Niemand“, sagte Yuki wieder etwas gefasster und sah auf die Gießkanne in seiner Hand. Es war ein Gedanke wie von einem unzufriedenen Teenager und mich verwunderte, dass Yuki selbst als Erwachsener noch so unreife, negative Gedanken hatte. Als ich in seinem Alter war, lebte ich als Model in London und wurde wenig später Mutter, auch wenn ich keine Familie gründete und das Kind abgab. In dem Alter, in dem ich lernte, auf eigenen Beinen zu stehen, hockte Yuki daheim und bekam Privatunterricht. Warum hatte er noch mal die Schule abgebrochen? Ich erinnerte mich plötzlich wieder, dass unsere Eltern mich damals aufgeklärt hatten, dass er in der Schule verspottet und misshandelt wurde. Plötzlich empfand ich Mitleid für meinen Bruder. In meiner Jugend lernte ich Yuichi Hosokawa kennen, der mich zu einem berühmten Model machte – und dem jugendlichen Yuki drückten seine Klassenkameraden Zigaretten ins Fleisch, wovon noch heute langsam verblassende Narben auf seinem Körper erzählten. Vielleicht kümmert man sich mit einer Vergangenheit wie meiner um sich selbst, bis man irgendwann nur noch dazu in der Lage ist und auf die Bedürfnisse der anderen um sich herum nicht mehr angemessen reagieren kann – und mit einer wie der seinen glaubt man selbst als Erwachsener noch, wertlos zu sein und sehnt sich nach irgendeinem Anzeichen dafür, auch nur irgendwie bedeutend zu sein – irgendetwas anderes zu sein als ausgeschlossen und allein.

Ich hatte ihm seit seiner Ankunft in meiner Wohnung so viel Freiraum wie möglich gewährt, weil ich glaubte, es würde ihm guttun, weil es mir guttat und mir den Raum gab, mich um mich selbst zu kümmern und zu meiner inneren Mitte zurückzukehren. Doch mir war nicht klar gewesen, dass er nicht bloß äußerlich völlig anders war als ich. Bei dem was er über die Zusammenarbeit mit Yuichi gesagt hatte, fürchtete ich, dass er alles sein wollte, außer sich selbst überlassen. Und er schien ein inneres Bedürfnis in sich zu tragen, auch anderen seinerseits beizustehen. Andere Menschen allein zu lassen schien in seiner Welt zu bedeuten, sie im Stich zu lassen. Vielleicht war das der einzige Grund, warum er den Job bei Yuichi überhaupt angenommen hatte: Er konnte es nicht mit sich selbst vereinbaren, einen Kranken, der seine Hilfe forderte, allein zu lassen. Und er glaubte, Mutter und Vater im Stich gelassen zu haben, da sein neuer Chef letzten Endes gar nicht den Eindruck erweckte, seine Hilfe tatsächlich zu benötigen.

„Denk das nicht“, sagte ich schließlich und rieb weiter stoisch seine Schulter, „sonst trägst du deine innere Haltung nach außen und es wird am Ende wahr. Achte gut auf dich, dann können auch andere einen Wert in dir sehen. Vielleicht solltest du dich auch erst etwas besser um dich selbst kümmern, bevor du versuchst, dich um andere zu kümmern. Sonst passiert wieder das gleiche wie damals, als ich zu Weihnachten Reißaus aus unserem Elternhaus nehmen wollte. Du wolltest mir helfen, ohne darauf vorbereitet zu sein, was ich dir zu sagen hatte. Wenn man nur helfen will, aber nicht in der Lage ist, dann auch tatsächlich zu helfen, ist die Hilfe eher eine Bürde als eine Erleichterung.“ Kaum hatte ich es ausgesprochen, bereute ich es auch schon wieder. Yuki sah mich mit großen Augen an, ohne etwas zu sagen. Ich versuchte, mich aus der Situation herauszuwinden, versuchte, zu präzisieren, dass ich nicht meinte, dass es einzig seine Schuld war, dass damals unser Gespräch so unglücklich verlaufen war. Ich hätte ihm die Sache mit Aori und der Adoption eigentlich nie anvertrauen dürfen. Ich wusste, dass es deswegen so unglücklich verlaufen ist, weil ich ihm mehr zugemutet hatte, als er damals ertragen konnte. Er hatte keine Schuld daran, dass das Gespräch damals in eine jahrelange Distanz zwischen uns resultierte. Doch es war zu spät, ich konnte meine Worte nicht mehr ungeschehen machen.

„Schon gut, ich habe verstanden, was du eigentlich sagen wolltest“, sagte Yuki und lächelte, doch der Ausdruck seiner ungleichen Augen hatte sich bereits verändert. Er wandte sich ab und fuhr damit fort, die Blumen zu gießen. Unschlüssig, was ich sonst hätte tun sollen, tat ich es ihm gleich. Schweigend versorgten wir nebeneinander die Blumen und Pflanzen in meinem Wohnzimmer.

Immer wieder sah ich zu ihm rüber, um abzuschätzen, wie viel Schaden meine Worte angerichtet hatten, doch er wirkte äußerlich ruhig, eher nachdenklich, als wäre er eben nicht vor Frust in Tränen ausgebrochen und als hätte ich es nicht scheinbar für die beste Idee gehalten, ihm in dieser Situation Vorwürfe zu machen und ihn belehren zu wollen. Ich hätte irgendetwas sagen sollen, um sicherzustellen, dass ich ihn nicht zu sehr verärgert hatte. Doch was? Ich dachte nach, doch es war nicht leicht, die richtigen Worte zu finden und so blieb ich schweigsam. Als ich ein weiteres Mal verstohlen zu ihm sah, trafen sich plötzlich unsere Blicke. Schnell wandte ich den Blick wieder ab und ich widmete mich ausgiebig der weißen Anthurie vor mir.

„Ich bin nicht sauer oder so wegen dem, was du gesagt hast, falls du das glaubst“, sagte Yuki in die Stille hinein. „Ich habe es bisher noch nicht so gesehen, dass zum Helfen mehr gehört als ein guter Wille und ich glaube, du könntest mit dieser Annahme recht haben.“ Ich sah erneut auf, sah meinen Bruder an. Der Ausdruck seiner Augen hatte sich schon wieder geändert. Yuki schien nun plötzlich ganz ruhig und entspannt zu sein. „Danke für den Denkanstoß und verzeih mir, dass ich eben die Fassung verloren habe“, sagte er.

„Entschuldige dich nicht deswegen. Mir tut es leid, dass ich den falschen Ton getroffen habe“, sagte ich. Nun, da er eine Entschuldigung ausgesprochen hatte, fiel es auch mir leichter, ihn wegen meiner Anschuldigung um Verzeihung zu bitten. Ich war ihm dankbar, dass er mal wieder den ersten Schritt auf mich zugemacht hatte, denn ich war mir nicht sicher, ob ich es gekonnt hätte.

„Lass uns das Blumengießen beenden und dann entspannen wir ein bisschen, wir könnten zum Beispiel zusammen einen Spaziergang machen“, sagte ich und hoffte, mit diesem Vorschlag endgültig klarzumachen, dass ich ihm mit meinem unüberlegten Vorwurf nichts Böses gewollt hatte.

 

Wir machten einen kleinen Spaziergang durch das Viertel und ich zeigte ihm noch einige Läden und Imbissbuden, die er sich für seine abendliche Nahrungsbeschaffung vormerken konnte. Als wir zurück in meine Wohnung kamen, verweilte ich zum ersten Mal seit seiner Ankunft in der Stadt zum Lesen wieder im Wohnzimmer in meinem Lesesessel statt im Bett. Yuki ließ den Fernseher ausnahmsweise ausgeschaltet und nahm sich seinerseits eines meiner Bücher. Er lag auf dem Boden vor dem Bücherregal und las. Die Beine hatte er übereinandergeschlagen und je länger er langsam durch das Buch blätterte, desto weniger wippte er mit den Füßen, als vertiefe er sich immer weiter in das Buch. Als ich mich verabschiedete, um ins Bett zu gehen, hatte ich das Gefühl, als wäre zwischen uns wieder alles in Ordnung. Doch als ich am Morgen aufstand und ins Wohnzimmer kam, um ihn zum Aufstehen zu bringen, musste ich feststellen, dass mein Bruder verschwunden war.

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